Dienstag, 25. November 2014

PhiloJune
Pöbelle & Co. oder Leben unter Finstressinnen


Pöbelle

Kinder spielen fröhlich auf einem Hof inmitten der Berliner Innenstadt. Ein Amselmännchen hat das grüne Kleinod für sich entdeckt und zwitschert sich eine Liebste herbei. Das Kinderlachen hallt von den hellen Wänden der liebevoll sanierten Gemäuer wider, die Sonne scheint sanft auf das selige Treiben der Kleinen. Plötzlich erhebt sich die Finstressin von dem Küchenstuhl, den sie seit einer ganzen Weile frustriert in den Boden gesessen hatte, und öffnet die Fensterläden. Wie eine Mischung aus krachendem Blech und krächzenden Krähen schallt ihre verrauchte Stimme über den Hof: "Könnt ihr Gören nicht mal ruhig sein da unten?! Es ist 12 Uhr! Mittagsruhe!" Ihre Feindseligkeit vertreibt das friedliche Spiel der Kinder vom Hof in irgendeine Wohnung, die sie nicht sehen kann, deren Bewohner sie aber nicht leiden kann, da sie den Hof für sich haben und ihre plärrenden Bälger dort immer spielen lassen. Sie würde das nicht tun. Sie schließt die Fensterläden und setzt sich wieder auf ihren Stuhl. Die ausgelesenen Magazine seufzen raschelnd, als ein Luftstoß unter den sich niederlassenden Gesäßbacken entweicht. Pöbelle, im Ostflügel ihrer Wohnung gefangen, unterhält sich wieder mit der Kaffeetasse, in die sie mit jedem bitteren Schluck hineinbrummelt, was ihr alles nicht passt. Da erhebt sich ein animalisches Geräusch aus dem Westflügel, sie hört, wie sich eine Tür öffnet. Ein unheilvoller Geruch weht durch die Wohnung. Ihr Biest ist erwacht.

Die anderen Märchenfinstressinnen

http://fora.mtv.ca/2012/04/headlines-anna-sucks

Schneeflittchen, Pöbelle, Blapunzel, Lästerella und wie sie alle heißen könnten, haben eines gemeinsam: Sie sind das Gegenteil von dem, was Walt Disney unter einer vollkommenen Prinzessin versteht. Sie benutzen Worte wie "Gutmensch" oder "Öko" als Schimpfwort, sie rauchen Zigarette, um anderen die Luft zu verschmutzen, sie sind Meisterinnen im Auseinanderdividieren von "Du hast was, das ich nicht hab..." und sie haben die Manieren eines raubeinigen Kutschers, der über Mensch und Tier die Peitsche knallen lässt. Sie nennen ihre eigenen Kinder Arsch oder Glitterflittchen, sie lästern über ihre Freundinnen vor anderen Freundinnen, sie schmeißen ihre Kippen in die perfekten Blumenkästen der Nachbarin und beschäftigen sich am liebsten mit den Verfehlungen anderer, die sie lang auswälzen und sich genüsslich an ihnen weiden. Sie kaufen Liebe mit Sex, reden ohne Sinn und Verstand von allem, was nicht interessiert und heben gute Worte nur für den Moment auf, da sie jemanden für sich gewinnen wollen. Diese Frauen gibt es überall, in jeder Form.
Ihr Lebensmotto bewegt sich irgendwo zwischen "Warum solltest du mehr haben als ich?" und "Ich bleib so scheiße, wie ich bin". Ganze Bücher werden für sie geschrieben ("Ich bleib so scheiße, wie ich bin" oder "Nett ist die kleine Schwester von Scheiße") , sie sind beliebter Teil von Serien - ja manchmal sind sie sogar der ganze Inhalt einer Serie ("Devious Maids"). Warum sind sie in Walt Disneys Welt jedoch stets die Bösen? Cruelle De´Ville, Ursula die Meerhexe, die böse Königin aus Schneewittchen - oder Maleficent: Sie alle stehen für die hässliche Seite in Frauen, für das Böse, das sie bewegt. Neid, Missgunst, Eitelkeit, Egoismus - das sind ihre Triebfedern.

Im Zwiespalt zwischen Ablehnung und Mitgefühl für diese Abarten all dessen, was vollkommene Weiblichkeit ausmacht (laut Disney, Mens Health & Co), schlägt Malificent die Bresche für das "Dazwischen", nämlich den Grund weshalb man boshaft wird und niemandem aufrichtig einen Funken Gutes wünscht. Und so wie in der neuen filmischen Adaption von Dornröschen die "böse" Maleficent das Kind, das sie fortwährend beobachtet und schützt, herablassend "Monsterchen" nennt, beschimpft die ein oder andere vielleicht jemanden, dessen konsequente Haltung zu Umweltschutz sie nervt oder deren andauernde Bemühung um positive Stimmung sie ankotzt "Öko" oder "Gutmensch" - es ist das herausgekotzte Kompliment an all das, was sie - die Finstressin - nicht sein kann oder sein will. Und wenn sich so eine Ursula von Meerhexe aus ihrem Pool aus Frustration erhebt, nur um dir mitzuteilen, dass sie dich für eine dumme, arme Seele in Not hält, dann versuch die Wahrheit dahinter zu sehen: Ursulas Bestimmung ist es im Leben anderer Menschen herumzupfuschen - nur ist es ihr nie gelungen anders Kunden an sich zu binden, als durch Beleidigungen.

Fazit: Manchen Menschen - selbst Frauen  - muss man nachsehen, dass sie in diesem Leben eine negative Rolle besetzen wollen. Ob es nun Kundengewinnung via Beleidigung ist ("Wer hat Ihnen denn die Haare verschnitten?"), Offenheit durch Boshaftigkeit ("Na und, dann hab ich sie halt erpresst - was hätte ich sonst tun sollen?") oder Fellpflege durch Lästerei ("Du kannst sowas wenigstens tragen, hast du Isa in dem Kleid schonmal gesehen?"), die Finstressinnen der Welt haben keine disneyhaften Umgangsformen verinnerlicht, und das muss man akzeptieren können. Als eine Art der Revolution gegen das Diktat des guten Tons und einer ganzen Industrie von Schönheit und Gutmacherei kann man ihnen fast dankbar sein, dass sie das Gleichgewicht zwischen all den Tollen und Guten da draußen wieder herstellen, indem sie einfach nur scheiße sind.
Manchmal macht allein der Kontrast aus uns eine Cinderella - und das ist doch auch irgendwo schön!