Mittwoch, 5. November 2014

(Stief-) Eltern sein dagegen sehr...

Es gibt Unterschiede. Die gibt es wirklich. Zwischen dem Leben mit eigenen Kindern und dem Leben mit "fremden" Kindern. Nun sind mir meine Stiefkinder nicht fremd, ich kenne sie seit sie in der 2. und 4. Klasse sind. Nun sind sie in der 10. und 12. Klasse und damit fast aus dem Haus. Fast erwachsen. Fast an dem Punkt, wo man wirklich nur noch zusehen kann. Inzwischen sind das acht Jahre. LANGE Zeit.
Wir haben viel durchgemacht, nicht nur, weil ich vordergründig der sehr klassische Scheidungsgrund der Eltern war (jünger und so...) und die Kinder "meinetwegen" zwei Elternhäuser hatten. Nicht nur, weil als Patchworkfamilie unter den dunklen Wolken eines Rosenkrieges zusammenwachsen einfach nur schwierig ist und viel viel von einem (von allen) abverlangt. Sondern auch, weil wir alle unsere Macken und Eigenheiten haben und unseren Umgang miteinander hinbekommen mussten.

Wenn man sechs Jahre lang "Wochenendheld" ist, dann hat man ein anderes Leben und eine andere gemeinsame Grundlage, als wenn man Jahre lang das Unter-der-Woche-Ekel ist. Klar, unter der Woche muss der Terror gemacht werden:
Hast du schon wieder verschlafen?
Hast du deine Hausaufgaben gemacht?
Wie wars in der Schule?
Was ist mit deiner Schulmappe passiert?
Oh nein, schon wieder eine vier?
Wer hat deine Haare abgeschnitten?
Wo sind deine Schlüssel?
Warum hast du den Bus verpasst? und so weiter.
Bei uns galt meistens "Und was machen wir heute?" - und dann hatten wir Spaß miteinander. Fast zu recht hat sich dann die andere Seite beklagt wir würden es uns leicht machen und würden uns nur die Rosinen rauspicken. Aber Kinder sind am Wochenende nunmal Rosinen - und man muss auch abgeben können, wenn man Hilfe oder Ablösung will. So ist das eben.

Ganz unerwartet schiebt sich das Leben ja immer so zurecht, wie es grade passt: Dem Leben, nicht einem selbst. Und so bekam ich ehrlich überrascht und zutiefst skeptisch (anders mein Mann, klar, den hat das unendlich gefreut) in 2013 plötzlich echten Zuwachs. Von der coolen Stiefmom, die sich Sorgen und Wehwehchen anhört, Geheimnisse mitbekommt, die für eine schöne Zeit sorgt, die die coolen Events und Urlaube plant - werde ich plötzlich zur "Mutter auf Raten". In vielerlei Hinsicht:
1. da kannste lange Raten, was ich von dir will...oder nicht will
2. da kannste lange Raten zahlen, bis ich dich für voll nehme...und dann
3. die echten "auf Raten", weil ich a) nicht die echte Mutter bin und b) nur für einen mini Augenblick lang eine "so called mom" in der Praxis sein werde.

Wir bekommen aber kein Kind, sondern einen Teenager. Das ist so, als wenn man statt einem Blumenstrauß einen Kaktus geschenkt bekommt. Eigentlich freut man sich total, Geschenke und dann noch lebendige - Juhu! -  aber man piekst sich ja auch dauernd an dem Ding...
Wie nimmt man so ein Geschenk an?
Ein Teenager zieht ein. Bricht aus dem Kokon, der ihn 13 Jahre genährt hat aus und schlüpft in einen neuen rein. Hier ist ALLES ANDERS. Vor allem anders, als an Wochenenden. Wusste er das vorher, unser Teenager?

Wir unternehmen ziemlich viel - aber alles auf dem Rad, bei jedem Wetter und meistens abends. UNTER der Woche. Wir sind viel zu Hause, weil mein Mann und ich eben alles am PC machen und nur ab und an Termine außerhalb wahrnehmen müssen. Selbständig eben. Mein Mann arbeitet unter der Woche oft den ganzen Tag, vor allem in den Abend oder die Nacht hinein, dafür machen wir vormittags gern lange Pausen, gehen joggen, spazieren oder mal lecker brunchen. Abends haben wir alle keinen großen Hunger und die Lütte kommt gut gefüttert aus der Kita und hat einen so speziellen Geschmack, dass sich für sie kochen nicht lohnt. Also gibt es Gemüse (gedünstet), Fisch, Salate, Ei, Dips, Suppen. "Ihr esst ja wie Rentner" war ein früher Kommentar vom Teenager, der irgendwie bei uns in Hungerfrust geriet. Wir trinken auch "nichts Richtiges", weil nur Wasser, Tee, Milch, Kaffee. Kakao will er nicht. Nur was "mit Geschmack", weil Tee ja nach nichts schmeckt. Wir fangen an Saft zu kaufen, aber der reicht für Teenie nicht und die Kleine will nur noch Saft und fängt an Aufstände zu fabrizieren. Dann wird lang rumexperimentiert (und gemosert), bis wir - übrigens heute - die hundertachtundfünfzigste Lösung gefunden haben. Trinken ist hier ein heißes Thema.
Ich beginne zu kochen für meinen Leasing-Sprössling. Schmeckt irgendwie alles nicht. Komische Prenzelberger Küche. Meine Freunde lieben es, Süßkartoffeln und Lauch mit Fenchel, dazu Fisch oder auch nur Brot mit Dip...Teenie? Bäh! Ich fange an "richtig" zu kochen (Steak, Burger, Pasta, Klöße, Schnitzel, Gratins, Aufläufe etc.) - na ja, es stillt den ersten Hunger. Aber die Reste rührt Teenie nicht an. Ich muss jeden Tag was Anderes kochen, damit Teenie glücklich ist. Jeden Tag? Ich krieg ne Macke. Ich will gar nicht jeden Tag kochen. Wer soll das alles essen? Niemand will überhaupt Gekochtes, mein Mann klagt schon über seinen wachsenden Bauch - ist ja alles viel zu viel. Und dann ISST TEENIE NICHT MAL ALLES AUF. Essen beginnt in rauen Mengen in den Müll zu wandern. Ich bin frustriert. Ich reduziere meinen Einsatz auf 3 Abende/ Woche. Teenie kommt erst um 16 Uhr nach Hause, da ist 18 Uhr eine gute Zeit zum Essen. Trotzdem wandert viel in den Müll - und zwischen 22 Uhr und 0 Uhr wird auch gern nochmal schnell eine Pizza gemacht. Na ja, ich bin nicht gut im satt machen. War ich noch nie.
Und dann kam da die Sache mit dem Unter-der-Woche-Ekel (UdWE). Zu Hause herrscht Uneinigkeit. Wer spielt diese Rolle? Mein Mann, der oft genug bis in die Nacht am PC sitzt und arbeitet? Oder ich, die ja gar keine echte Mutter ist? Wir wechseln uns ab. Er kann das mit der Enttäuschung und der Genervtheit ganz gut, ich bin ein wunderbarer Gardinenprediger. Mal er, mal ich. Teenie solls gut haben, wir beginnen zu optimieren - wer weiß, wie lang er bleibt. Mehr Taschengeld, mehr Eigenverantwortung, weniger Einmischung. Aber irgendwie läuft nichts. Gut - alles muss besser ausdifferenziert werden. Teenie beklagt sich. Alles wird angeblich schlechter für ihn. Und wir? Irgendjemand muss den Haussegen schief hängen, aber wir haben beide keine Lust. Wir streiten nicht gern, wir haben einfach keine Energie für lange und zähe Auseinandersetzungen. Der Bad Cop ist bei uns eine lustig-finstere Verkleidung, die wir je nach Bedarf für 10 Minuten überziehen, um dann wieder in den Moralprediger oder den Enttäuschten (ich nenne ihn mal "Jesus, der die andere Wange hinhält, obwohl er nicht will") transformieren. Wir sind keine guten Streiter. Und ich könnte nachhaltig stressen - ständig liegt mir ein "Wir hatten doch das und das vereinbart" - "Muss das wieder sein?" - "Ich habe HALLO gesagt" - "Ist diese Zahnbürste jemals benutzt worden?" - "Räum doch endlich mal das und das weg" oder was man so als UdWE sagt, auf der Zunge. Aber ich guck in dieses Gesicht und es ist mir fremd. Im Herzen. Das ist nicht mein Kind. Ich kann den nicht dauernd anpfeifen! Das ist eher - ein Cousin, ein WGler...ich habe Hemmschwellen. Innere Barrieren. Ich kann nicht alles negativ kommentieren - ich kann da nicht erziehen.
Ich verfluche manchmal die Mutter, die es mir hier hätte leichter machen sollen. Oder kann sie nicht? Ist das so? Es ist immerhin mein erstes Teenie-happening. Ich kann es nicht beurteilen. Manchmal denke ich: Boah, hat die das Teenie nicht beigebracht? Um dann - nachdem ich selbst mit viel Spucke versucht habe, Sense in Teenies Kopf zu klopfen - festzustellen, dass selbst ganz normale Dinge nicht mehr funktionieren. Dass alles, was ich sage nur 1 Minute Halbwertszeit hat. "Denkst du dran den Kühlschrank wieder zuzumachen?" [Daran muss man ERINNERN!] "Ja". Fünf Minuten später.
"Hej - der Kühlschrank steht ja immernoch offen."
Oder man erklärt, wie wichtig es ist, dass Teenie sich an - und abmeldet. Damit wir uns nicht so viele Sorgen machen müssen. Teenie ist empört und genervt - wir nerven! Wer geht abends ohne ein einziges Wort aus der Tür? Teenie! Verschwindet in die Nacht ohne auch nur "Ich bin dann mal weg" zu rufen. Ich kriege Frust. Warum nicht Wut? Weil es nicht MEIN Kind ist. Ich stelle mir vor, dass ich mit meinem Kind in eine Arena steige und dort wütende und emotionale Gefechte austrage. Aber mit Teenie? Ich kenne dich über die Hälfte deines Lebens, aber ich kann dir keine reinwürgen. So siehts aus. Nicht verbal, nicht in echt - gar nicht. Das ginge nur bei Menschen, die ich so liebe, wie mein eigenes Kind. Oder wie Roy, deinen Vater. Die kriegen meine ganze liebevolle Wut mit auf ihren Lebensweg. Du Teenie? Du bekommst alles, was ich gelesen habe. Über Teenies. Ich habe gelesen, dass euer Gehirn nicht funktioniert. Weil es "wegen Umbau geschlossen" hat. Ich versuche also alles auf dem Niveau, das man bei Babys und Kleinkindern hat: Wiederholung bis zum Erbrechen. Vielleicht bleibt was hängen. Und mit Humor arbeiten - hab ich gelesen. Denn Teenies soll man nicht so ernst nehmen. Du bist nicht mein Kind, deshalb geht das. Ich sage dann Dinge, wie: "Du musst den Kühlschrank zumachen, sonst wirds in der Küche kalt". Oder: "Dein Zimmer ist ne Petrischale für interessante Dinge, aber die bleiben leider nicht in deinem Zimmer." Oder: "Leg dich nicht mit Zohan an." (Damit meine ich dann mich, ich drohe damit, ihn zu nerven, bis Teenie tut was ich möchte). Ich habe mich auch schonmal in den Türrahmen gestellt und die ganze Zeit "Lalalalalala" gemacht - das hat funktioniert! Und ich habe mir auch mal mit einer Beauty-Maske ins Gesicht gemalt und mich zu einer Totemmaske umfunktioniert und dann Teenie beschwört: Hat funktioniert! Ich habe auch schonmal einfach den Strom abgeschaltet, als Teenie nicht aus dem Chatroom oder was auch immer "ausloggen" wollte. Und dann habe ich "Ups" gesagt und gelacht. Aber ich glaube, man kann mich nicht ernst nehmen. Ich gebe mir wirklich Mühe - aber ob nun Moralpredigt oder Totemmaske: Irgendwie kommt nichts an.
Liegt das an uns? Oder liegt das am Alter (15)? Oder an den Umständen?

Nachts liege ich im Bett und bete.

"Bitte lass es das Alter sein, bitte lass es das Alter sein, bitte lass es das Alter sein."

Und habe für die nächste Erziehungsmaßnahme schonmal eine Trillerpfeife und ein Stoppschild organisiert. Man weiß ja nie...