Dienstag, 25. November 2014

PhiloJune
Unkenrufe: Macht die Ehe aus uns schlechte Menschen?

Sie waren bezaubernd miteinander. Die besten Freunde. Sie passten aufeinander auf. Achteten sich. Behandelten sich mit viel Rücksichtnahme, Respekt und Geduld. Die Fehler des Anderen waren "klein". Fielen nicht ins Gewicht. Und das Aussehen? Gefiel - genau so. Kinder, Karrieren, Lebensträume - alles wurde zu einem großen JA ICH WILL. In Ewigkeit....

Zehn Jahre später.

Ekel Alfred aus "Ein Herz und eine Seele"
Bild von moviepilot.de


"Stehst du heute noch auf, oder willste wieder den ganzen Tag im Bett rumgammeln?"
versus
"Guten Morgen, Hase. Kaffee und frische Brötchen für meinen Schatz! Ich muss jetzt zur Arbeit, aber du kannst ja noch liegen bleiben - ich ruf dich später an, ja?"

"Sehe ich in dem Kleid dick aus?" - "Nicht dicker, als in den anderen."
versus
"Sehe ich in dem Kleid dick aus?" - "Hallo?! Schau dich mal an! Du bist wunderschön! Hör auf dich immer selbst so fertig zu machen!"

"Schatz, ich komme heute erst spät von der Arbeit!" - "Vergiss die Kondome nicht, Arschloch!"
versus
"Schatz, ich schaffs heut leider nicht früher aus dem Büro, wir haben noch für 20 Uhr ein wichtiges Brainstorming für die Gala am Sonntag. Schlimm?" - "Nein Liebling, das verstehe ich doch. Ich liebe dich!"

"Ich liebe dich!" - "Ha ha ha!"
versus
"Ich liebe dich!" - "Ich liebe dich mehr." - "Ich liebe dich viel mehr und ich habe dich zuerst geliebt!" - "Ich habe dich schon immer geliebt, ich habs nur nicht gewusst. Und ich liebe dich viel mehr als du mich." - "Ich lieb dich mehr" - "Nein ich" - "Nein ich" usw.

"Meine Mutter will, dass wir am Wochenende vorbeikommen." - "Dann geh doch."
versus
"Schatz, wir sind am Wochenende mit meinen Eltern verabredet." - "Oh, wie schön. Das wird bestimmt nett."

Sex?
"Du könntest dich auch mal wieder waschen."
"Ich bin müde."
"Ich hab Kopfschmerzen."
"Ich bin heut länger im Büro."
"Mit wem schreibst du dir da dauernd?" 
versus
Sex! Sex! Sex! Sex! - Leben außerhalb von Sex. Sex! Sex! Sex!

Wer kennt es nicht - vielleicht aus eigener Erfahrung (ertappt?), oder von anderen Paaren. Mit der Zeit werden viele Partner unappetitlich ätzend. Vor allem miteinander. Wenn sie den Punkt erreicht haben, dass sie diese ätzenden Gefühle nicht mal im öffentlichen Raum verstecken können, werden sie zum social - roadkill. Etwas, womit keiner was zu tun haben will...etwas tot gefahrenes, auf das man mitleidig herabsieht, während man selbst vorbeibraust.
Es wird gelogen, betrogen, beleidigt. Statt an die Träume des Partners zu glauben, heißt es "Bei der Post verdient man auch Geld". Die Enttäuschung darüber, dass das Leben nicht so läuft, wie man es gern hätte, verdirbt den hausgemachten Brei, den man mit der Monogamie angesetzt hat. Die Anstrengungen des Alltags verzerren das, wofür man so hart arbeitet, zu einem albtraumhaften Bild voll Pflicht und Frustrationen. Eigentlich will man dann nur noch raus, manchmal aus allem: Partnerschaft, Familie, Job.
Verändert uns die Ehe, verändern wir uns oder verändert uns der Alltag? Klar ist: Probleme mussten viele schon vor einer festen Partnerschaft meistern. Manche Beziehung startete unter dunklen Vorzeichen und das Zusammenbleiben war eine Zerreißprobe. Und wir selbst verändern uns vielleicht, aber nicht so sehr, dass man sagen könnte: Du bist ein anderer Mensch! Meistens vertiefen sich die einen Eigenschaften, verstärken sich die anderen, verblassen die übrigen. Der Cocktail bleibt der Gleiche, die Menge der Zutaten kann sich ändern. Es ist und bleibt Caipi. Oder Molotov. Oder?
Was ist nach Jahren in einer Ehe (oder festen Partnerschaft) anders, als am Anfang? Werden wir zu schlechten Menschen gemacht, oder kehren wir unsere schlechten Seiten raus? So wie Teenager, die zu Hause rumrüpeln und hausen, wie kleine Schweine? Weil sie können? Weil sie sich sicher sind: Ich werde nicht rausgeschmissen.
Ist das derselbe Grund bei Partnerschaften? Verlässt man sich auf die Beharrlichkeit des Status Quo, ist man deshalb nachlässig? Ich glaube: Ja!
Wenn man nämlich in Sorge um die Partnerschaft/Ehe lebte, würde man sich für sie einsetzen. Man würde auf schmerzhaften und hässlichen Pfaden wandeln, um zu retten, was man hat. Man würde sich nicht wie ein Arschloch verhalten, man würde nicht wie ein Hausdrachen sein. Man würde auch keine Diktatur und auch keine Isolationshaft akzeptieren - nein, man würde es besser machen. Ja, die Ehe macht aus uns schlechte Menschen - wenn wir zulassen, dass wir die Ehe bzw. das Versprechen "Mit dir in Ewigkeit" als einen Garantieschein ohne Rückgabemöglichkeit wahrnehmen. Wenn wir uns und den anderen bis in alle Ewigkeit an Worte gebunden sehen, selbst wenn sich das alles schon nach Gefangenschaft oder Sumpf anfühlt.
Was hilft ist jeden Tag so zu leben, als könnte er der letzte sein. Sinnbildlich. Schafft man ja nicht jeden Tag. Aber es sollte so eine Grundeinstellung sein. Dieses "Ein besserer könnte kommen" oder "Ich könnte ihm einfach irgendwann nicht mehr genügen" usw., das sollte man im Hinterkopf behalten. Es gibt KEINE Garantien! Der Mensch an unserer Seite gehört uns nicht! Er gehört sich selbst und er kann gehen und bleiben wie er will. In Wirklichkeit ist selbst die Ehe eine Einigung mit einem hohen Maß an Freiwilligkeit. Ich kenne verheiratete Paare, die seit Jahren in neuen Partnerschaften stecken - sie haben sich nur nie offiziell scheiden lassen. Wenn man sich jeden Tag vor Augen führt, dass in einer Partnerschaft beide freiwillig entscheiden ihre kostbare und unbestimmte Lebenszeit mit dem jeweils anderen zu verbringen, wird man vielleicht ein bisschen dankbarer. Netter. Freundlicher. Und wer weiß: Vielleicht bringt diese "Was wäre, wenn dies unsere letzte Woche wäre" Attitude ja ein paar ganz neue Aspekte in die Ehe/Partnerschaft rein. Denn - WENN dies unser letzter Tag auf Erden wäre: Würde man dann nicht miteinander glücklich sein wollen?