Dienstag, 27. Januar 2015

PhiloJune
Exkurs über das Ältern - Werden

Wenn uns zwischen Die-fünfte-Kerze-Ausblasen, scharfkantigen Legosteinen und zu vielen bunt - gestreiften Kleidungsstücken bewusst wird: Ich bin Älter


Der Geschenketsunami von Weihnachten ist endlich Schnee von gestern, die Wunschliste besteht wieder aus "Länger-Aufbleiben-Dürfen" und "Noch-eine-Geschichte-Vorlesen-Bitte"und der Alltag fließt elegant um uns herum, erodiert hier und dort ein bisschen von unserer Substanz, spült hier und da ein paar Ufer weg, schmirgelt unsere Kanten glatt und macht aus uns einen Handschmeichler im Fluss der Zeit. Wir fügen uns ein in das, was ist.

Kuchen backen, dekorieren, wirklich hässliche Kuscheltiere, bunteste Feen und Prinzessinnen, laute Spielzeugautos, furchteinflößende Dinosaurier und Geschichten am Abend gehören zu unserem Leben dazu, wie Atmen. Zwischen dem, was Kindheit ausmacht, wird organisiert und verabredet. Und dann steht man manchmal neben sich, beobachtet sich aus den Augenwinkeln und fragt sich: Wer ist diese Person, die da einen komplett durch - choreographierten Tanz um das Leben der Bedürfnisse und Notwendigkeit anderer herum veranstaltet? Und was hat sie mit der Person gemacht, die ständig aus dem Takt kam und nie eine Schrittfolge behalten konnte? Wo sind die Fehler hin, die Dummheiten, die Wildheit, die Neugier? In den Hunger nach Mehr ist eine Teilsättigung hineingewachsen, die sich auszubreiten droht. Da ist eine Ruhe, eine Sicherheit, ein Gleichtakt - das ist das Leben. Ist das das Leben? Ist das wonach man vor dem positiven Schwangerschaftstest ewig gesucht hat?
Dann: Debatten um "doofe" Regeln, Hetzereien gegen Sitzblockaden am Morgen und Abgabeschluss in Kita und Schule, Diskussionen um Computerzeiten und den Begriff Eigentum, Verhandlungen über den Unterschied zwischen "ungefragt Nehmen" und "höflich Ausleihen" und Scheiß-Wetter, das jeder aus der Familie inklusive Hund bis in jede Ritze des häuslichen Fußbodens trägt.
Nein: Das war nicht wonach wir damals gesucht haben. Das ist nicht das Leben, das ist etwas darunter (und darüber): Das ist der Alltag mit Kindern!
Das alte Ich existiert in den Momenten zwischen dem "darunter und darüber", zwischen den Zeilen des Alltags, die ein normales (gutes) Leben schreiben.

Der Unterschied ist einfach nur: Man ist Älter(n) geworden - man hat etwas dazu gelernt, man ist an Ängsten, Sorgen und Erfolgen gewachsen, man ist klüger, gelassener, man hat mehr Durchblick, klarere Ziele: Alles Dank der schönen Aufgabe, einen anderen Menschen an unserer Stelle auf die Spur zu schicken. Was wir von uns erwartet haben, aber nicht umsetzen konnten, weil wir so sehr mit jung und ungebunden-sein beschäftigt waren, müssen wir nun als Maßstab für die Erziehung eines Anderen nehmen: Und richten uns damit selbst auf, dorthin, wo wir stehen wollten, als wir uns "angekommen" sahen. Der Weg ist das Ziel - eine Lektion, die einem fast Nichts auf der Welt so sehr lehrt, wie das Leben ("darüber und darunter") mit Kindern.
Ich bin ganz nah bei mir angekommen: Zeit, die Mitte in der ich mich befinde zu nutzen, um dort meinen eigenen Leuchtturm zu bauen. Von da oben kann ich dann ein bisschen die Fenster zu meinem Oberstübchen öffnen und ein paar Leuchtsignale in die Welt da draußen senden. Schön...

Freitag, 16. Januar 2015

Kind(Er-)Kenntnis
Ich will mal mit dir reden!
Einladung zum Abschalten

Jugendliche

Sie sind ein ganzes Universum an Unmöglichkeiten. Zumindest aus den Augen ihrer Eltern. Was noch bis kurz vor Einschuss der Pubertätshormone reibungslos und pragmatisch verlief, wird zur dramatischen und hoch emotionalen Angelegenheit. Scheinbar alltägliche und selbstverständliche Themen, Riten, die sich tag ein - tag aus wiederholen, werden zur Prüfung für Jugendliche und ihre Eltern. Wenn dann das Fass mal wieder überläuft, wollen Eltern reden. Leider schalten konsequent an dem Punkt, wo der Dialog ansteht, die Jugendlichen ab. Ihre Mittel zum Zwecke der Zerstreuung sind:

  • Passiver Widerstand -  im Sinne von kurzen und meist wenig hilfreichen Antworten ("Whatever, Mama"). 
  • Allgemeine körperliche und geistige Leblosigkeit, abgesehen von gelegentlichem Augenrollen.
  • Machtvolle Demonstrationen von Desinteresse (Kopfhörer rein, Blick runter, Monolog:  On). 
  • Und Lautstärke gekoppelt an verletzende Aussagen, wie "Ich wünschte, ich wäre ein Scheidungskind". 

Ja, in dem Moment, wo man auf Augenhöhe und in aller Ernsthaftigkeit mit seinem fast erwachsenen Kind reden möchte, findet alles statt. Alles: außer der ersehnte Dialog. Liegt das an der Jugend?
Ich behaupte (neuerdings): Nö!
Es liegt auch und vor allem am elterlichen Unvermögen so auf ihre Jugendlichen einzugehen, dass sie sich überhaupt öffnen wollen. Aus Sicht der Jugend sind Gesprächsanbahnungen der Eltern die Einladung zum Abschalten. Und wir geben ihnen allen Grund dazu.


Einladung 1
"Ich will nur dein Bestes, aber..."


Alle Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder. Über den isolierten Nerd, dass er keine Freunde hat. Über den nie erreichbaren, sich ständig mit Freunden herumtreibenden Socializer, dass er die falschen Freunde hat. Und über den, wo alles ohne Streit und in spießig geordnetem Rahmen verläuft, dass er das Leben verpasst und seine Jugend nicht auskostet. Eltern wollen immer das, was sie grade nicht haben. Wenn Eltern ihrem Jugendlichen sorgenvoll mitteilen, was sie über ihn denken, teilen sie ihm auch mit: Ich halte dich nicht für normal. Ist das eine gesunde Diskussionsgrundlage? Man stelle sich vor, auf Arbeit würde Chef ständig den Vergleich zu anderen Kollegen ziehen, mit dem Ergebnis, dass man sich bittschön ändern soll. Möglichst gänzlich, denn die Performance schadet dem Firmenimage! Das vorgeschobene "Ich will nur dein Bestes" klingt unter dem Aspekt mehr nach Political Correctness, als nach Aufrichtigkeit. Wer ein Gespräch so einleitet, das weiß der Jugendliche, der leitet allzu gern eine (meist sehr unsensible) Demontage der jugendlichen Identität des Sprösslings ein. Da zuhören? Wozu? Vom Zuhören lernt kein Vogel schwimmen! Also:
Flach atmen und labern lassen, Chef.

Einladung 2
"Wir müssen reden. Ich..."



Alle Eltern werden sich vermutlich irgendwann diesen Satz sagen hören. "Wir müssen reden". Wer diese Worte ausspricht hat sich mental auf ganz harte Themen eingestellt. Dann geht es um Dinge, die die Zukunft des Nachwuchses bedrohen, zumindest aber negativ beeinträchtigen. Es geht um die großen, philosophischen Fragen des Lebens, die die meisten Erwachsenen selbst nie beantwortet haben.

  • "Was soll aus dir werden?" 
  • "Wer willst du sein?" 
  • "Wofür lebst du?" 
  • "Wofür setzt du dich ein?" 
  • "Was ist dein Ziel und Lebenszweck?" 

Anlass sind wochenlang nicht aufgeräumte, nach Schweiß, Essensresten und alter Luft stinkende Zimmer. Oder nachlassende schulische Leistungen. Oder die Abkehr von allen Interessen, Hobbies, Aktivitäten (außer Zocken, Chatten, Facebooken etc.). Oder wiederholt nicht eingehaltene Vereinbarungen. Aber auch andauernde Vergesslichkeit oder die Neudefinition dessen, was Eigentum und Besitz bedeuten (..."Eure Sachen nehm´ ich mir, wehe ihr fasst meine an.") Wenn die üblichen Erziehungsmittel versagt haben und die "Krise" ins Haus steht, dann muss geredet werden.
Nur: Reden tun dann sehr ausdauernd die Eltern. "Ich will...Ich erwarte...Ich verlange...Ich denke...Ich weiß....Ich sehe...". Ein echter Austausch, Einlenken oder Erklärungen vom Jugendlichen sind gar kein Thema für den Mono-Debattierenden.
Nachdem so richtig Dampf abgelassen wurde, DANN darf sich der Angeklagte auch äußern. Aber nur zu den Fragen "Was soll aus dir werden?" oder "Hast du dazu gar nichts zu sagen?" Der Jugendliche aber weiß: Beide Fragen sind Fangfragen. Antwortet er auf Frage A der Logik seiner soeben vernommenen Anklage folgend, antwortet er - wenn er Humor hat - etwa mit "Dann werd ich halt Obdachloser, leb auf der Straße und verkaufe die MOTZ". Eltern finden das überhaupt nicht lustig. Verteidigt er sich, etwa indem er seinen derzeitigen Lebenswandel erklärt, riskiert er, die ganze Anklage ein zweites Mal zu Ohren zu bekommen. Denn das Einzige, was Eltern dann hören wollen, ist: "Du hast Recht! Ich werde mich bessern. Ich will ein Studium beginnen und erfolgreich werden, ich habe diese Ziele aus den Augen verloren. Danke für deine Warnung."
Auf die Frage B könnte man mit Zustimmung antworten, also "Hast du nichts zu sagen?" - "Nein!"
Was aber in Konsequenz die Wiederholung der Anklage, wie bei Frage A, hat (weil: Lektion noch nicht gelernt) oder aber das Durchsetzen oberflächlicher Anpassung mit autoritären Druckmitteln bedeutet ( ... - verbot). Und antwortet der Jugendliche mit "Ja" - na, dann muss er ja etwas sagen. Jegliche Einwände haben oben beschriebene Konsequenzen zu Folge - und Zustimmung? Na, sähe er das genauso, gäbe es den Konflikt gar nicht erst. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz - auf Fangfragen sollte man nicht antworten, also: Durchzug.

Einladung 3
"Immer...."


Nun ist das Wort immer ja kein böses Wort. Aber im Zusammenhang mit dem, was Eltern einem zu sagen haben, ist es oft ein sehr unfaires. Wenn Eltern ihre Sätze mit immer einleiten, dann folgen gern die Worte nie und muss ich. Der Jugendliche rechnet die immers aus und widerlegt sie mit Fakten: 5 Mal ist eben nicht immer. Aber der Einwand zählt nicht, denn es geht ums Prinzip, und 5 Mal in einem x-beliebigen Zeitraum ist aus Klägerperspektive immer. Dann fällt das Wörtchen nie und der Jugendliche gleicht alle nie-Situationen mit den gespeicherten außer-Situationen ab und liefert dann die Korrektur: Nicht "nie" - es gab mindestens 3 "außer" Situationen. Aber auch hier gilt wieder das Zeitgefühl der Eltern als einzig gültiges Maß, weshalb außer nicht zählt (schon gar nicht, wenn es kein "perfektes außer" war.) Beendet werden "immer - nie" - Klagen gern mit dem sehr vorwurfsvollen "muss ich". Das will nichts anderes ausdrücken, als den Frust darüber, genug Probleme zu haben, um die man sich kümmern muss.
Der Jugendliche erkennt sofort, dass hier gar keine echte Verhandlung stattfindet. Es gibt keine Jury und kein Recht auf Strafverteidigung. Es gibt nur einen Kläger, einen Anwalt und einen Richter und alle drei sprechen mit dem gleichen Mund. Ist das durchschaut, gibt man auf. Rückzug, teilnahmsloses entgegennehmen jedweder Strafmaßnahmen, freudige Annahme von Isolationshaft und der heimliche Schwur sich mit andauernder Freudlosigkeit zu rächen sind die stillen Antworten auf eine von vorneherein unausgewogene Gerichtsverhandlung.

Ich habe grade gelernt, als jemand, der zu langen und überaus kreativen Monologen neigt, dass man einen Dialog totreden kann. Das, was ich mir sehnlich gewünscht habe, nämlich eine richtige Auseinandersetzung, eine faire Verhandlung, einen "Blick in mein Gegenüber" habe ich stets vermisst. Bis ich eines Nachts aufwachte und wusste, dass meine Kommunikation vorrangig aus wilden Spekulationen, Druck und einer "keine-Einwände-Policy" besteht. Dabei bin ich ein selbstironischer, sehr humorvoller und lösungsorientierter Mensch. Wo bleibt mein Humor, wenn es um Essensreste geht, die inzwischen ihre ersten Gehversuche machen? Wo bleibt meine Selbstironie, wenn ich argumentativ widerlegt wurde ("immer - nie")? Wo bleiben meine Lösungsansätze bei meinem Talent ein Problem differenziert zu betrachten?
Als mir das alles klar wurde, mochte ich mich selbst nicht besonders gut leiden. Kein Wunder, wenn das umgekehrt den Kids auch so geht. (Dass die einen dann nicht leiden können). Ich machte mir Sorgen, wie viel Beziehungsporzellan ich schon zerschlagen haben könnte und nutzte eine mir günstig erscheinende Gelegenheit, um nachzufragen, wie furchtbar ich bin.
Die Antwort erstaunte UND erleichterte mich: Gar nicht.
Und warum? Weil Eltern (und Stiefeltern), die Einladungen wie die obigen aussprechen, eh nicht ernst genommen werden. Puhh...Glück gehabt! Und: Aha - Mission failed, Erziehungserfolg gleich Null (das hatte ich übrigens auch schon gemerkt).

Ergo: Mal anders an das ran, was ich möchte. Entschieden habe ich mich für die sokratische Methode. Also Fragen stellen, aber nicht mit eigenen, fertigen Meinungen und Antworten bombardieren. Funktionierte heute richtig gut! Demnächst werde ich "aktives Schweigen" als Werkzeug ausprobieren - ich hatte mal einen Kunden, der das gemacht hat. Es hat mich WAHNSINNIG gemacht, weil ich ja nie wusste, was er genau denkt. Was mich dazu verleitet hat, selbst ohne Punkt und Komma zu erzählen, um diese ewige Stille nicht aushalten zu müssen. Sollte aber mal wieder zu Hause ein Thema mit Konfliktpotential anstehen, werde ich es meinem damaligen Kunden gleich tun. Ich werde eine Frage stellen und egal wie die Antwort aussieht, ich werde nicht zeigen oder sagen, was ich über sie denke. Ich werde auch keine weitere Frage stellen, um das Gespräch zu lenken. Ich werde einfach sagen "Ich möchte gern mal mit dir über dich reden" und dann sitzen wir da und ich schweige ganz viel. Warte ab. Gucke, was passiert. Wenn nach einer Stunde immernoch nichts gesagt wurde, musste ich mich wenigstens auch nicht in irgendwas reinsteigern. Und alles andere: Wäre ein Erfolg!

Mittwoch, 14. Januar 2015

Mein Trivial Pursuit
Verstaubte Glaubenssätze und der notwendige Fortschritt

Die Weltreligionen sind uralt. So Originaltexte existieren, sind diese nicht wegen Papiermangels in Stein gemeißelt, sondern weil man in Stein meißelte. Auch die Häute und Papiere, die die verschiedenen Glaubenssätze überliefern, sind derart verstaubt und porös, dass die leichteste Berührung sie zu Pulver zerfallen ließe.

Ungefähr so verstaubt ist es, wenn Christen gegen Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehe sind. Wenn sie mit Höllenfeuer und Unheilsszenarien ihre Kinder erziehen und sie all-sonntäglich für ihre kindlichen Sünden Buße tun lassen.

Als ich Jugendliche war, hatte ich eine polnische Freundin, die beklagte, dass sie jeden Sonntag in der Kirche auf den Beichtstuhl müsse - und sich ständig etwas ausdenken müsse, um ja etwas zu "büßen" zu haben. Ihre Mutter achtete höllisch penibel darauf, dass ihre drei Töchter sich ihrer Sünden entledigten. Ich und meine damalige Freundin waren Anfang 2000 Jugendliche. Also nicht im vorletzten Jahrhundert. Es gab die Bravo, Boy- UND Girlgroups, es gab Alkopops und die Pille. Und für meine Freundin die sonntägliche Buße.

Ist das nicht übertrieben und völlig überholt? Nein - Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, Sexualkundeunterricht usw. sind immernoch heiß diskutierte Themen auf der ganzen christlichen (katholischen) Welt. In Amerika gibt es Gemeinden, die gegen Schwule vorgehen und sie immernoch "von ihrem falschen Glaubensweg" abbringen wollen. Es gibt auch welche, die meinen, Homosexualität sei eine Krankheit, so als wäre man bekloppt. Diese Menschen sind nicht zwangsläufig dümmer als wir - aber sie sind fundamentalistisch(er). Sie lesen in den Texten der Bibel und übersetzen alles darin wortwörtlich. In der Fassung der "King James Bible", die ich z.B. kenne, steht eindeutig:

King James Bible
If a man also lie with mankind, as he lieth with a woman, both of them have committed an abomination: they shall surely be put to death; their blood shall be upon them.

Das heißt übersetzt nichts anderes als: "Wenn ein Mann mit einem Mann Sex hat, haben beide eine Todsünde begangen und sie sollen beide mit dem Tode bestraft werden: ihr Blut soll auf ihnen sein." Klingt theatralisch, düster und sehr vorgestrig - aber es gibt genügend Menschen, die diese Passage (und alle anderen) auch heute noch bitter ernst nehmen. Es sind unsere Mitmenschen, unsere "Mit-Welt-Bürger", die so aussehen wie wir, sich kleiden wie wir und im Großen und Ganzen dieselbe Art zu leben haben, wie wir. Abgesehen davon, dass sie allabendlich beten - Viele von ihnen - nämlich über dem Abendbrot. Und sie gehen sonntags in die Kirche und sie schicken ihre Kinder auf Kirchenfreizeiten. Die Kirche kümmert sich um die Schwachen und sammelt Geld, um sich und ihre Mitglieder am Leben zu halten. Jeden Sonntag geht der Klingelbeutel um. Ich sitze auch jeden Sonntag, wenn ich meine Großeltern (Baptisten) in Amerika besuche mit in der Kirche und lausche andächtig, singe mit, lese Bibelstellen vor. Aus Respekt vor meinen Großeltern und weil ich auch gläubig bin - nur nicht "bibelgläubig".
In Deutschland wird auch gebetet, werden auch Gottesdienste besucht. Wer die "Family" liest, weiß, dass es viele Familien gibt, in denen der christliche Glaube und Gottes Gebote eine große Rolle im Alltag spielen.

Aber zurück zum Thema "Staub". Uralt sind nicht nur viele christliche Glaubenssätze, sondern auch muslimische. Wer sich mit dem Islam auseinandersetzt, bekommt ein widersprüchliches Bild präsentiert - so wie das neue und das alte Testament auch widersprüchlich sind. Es geht um Friede, Harmonie, Toleranz. Und um die Beschneidung der Rechte von Individuen (Frauen und Mädchen).

Muhammad Ali, ehemals Cassius Clay, entledigte sich seines gebürtigen Namens und seiner Religion und nahm einen afrikanischen Namen und den muslimischen Glauben an. Er deklarierte mehrmals, dass der Islam eine Religion des Friedens sei. Er, wie viele Muslime, betete täglich, ging zu Messen, lebte nach seinem Verständnis des Koran. Weshalb stiftet der Islam dann überhaupt Unfrieden? Die Frage ist: Welche Religion tut und tat das nicht?
Meine Meinungt: Es ist NICHT die Religion - es sind die Fundamentalisten unter den Religiösen, die den Unfrieden stiften. Es sind die, die in Amerika junge homosexuelle Männer verstoßen, angreifen und bedrohen. Es sind die, die selbst als Pastoren den Tod aller Homosexuellen wünschen. Es sind die, die Frauen - selbst wenn sie Opfer eines Verbrechens wurden - nicht über ihre Zukunft und ihren Körper bestimmen lassen. Es sind die, die alle Nichtgläubigen töten wollen. Es gibt auf der ganzen Welt zu Viele, die massiv "rückwärts gewandt" sind. Sie lesen den Koran wie die Bibel wortwörtlich und lassen keine Kritik an den Worten darin zu.

In der Moderne angekommene Menschen, die nicht atheistisch sind, sind "Version 2.0 Gläubige". Sie lesen zwischen den Zeilen ihrer Bibel oder ihres Korans, sie verwerfen Vorgaben, die gegen die Grundgesetze, ja gegen Menschenrechte verstoßen. Sie schaffen es einen modernen Glaubensweg zu finden, der ihnen erlaubt, ihre spirituellen religiösen Werte zu integrieren in einer Welt, in der der offene Dialog, Kritik, Fortschritt und individuelle Rechte einen hohen Stellenwert haben. Sie entpolitisieren ihre Religiosität. Sie unterscheiden zwischen dem, was heute für sie und für ihre Kinder relevant und richtig ist und dem, was in alle Zeit für sie relevant und wichtig sein wird. Sie rechtfertigen sich nicht mit ihrem Glauben und sie verstecken sich auch nicht dahinter. Sie akzeptieren Nicht - und Andersgläubige als Webstoff in einer großen vielstofflichen Weltengemeinschaft und fühlen sich nicht gekränkt oder disrespektiert, wenn auf ihre Glaubens - und Gefühlswelt keine Rücksicht genommen wird, beziehungsweise sie im öffentlichen Alltag keine Rolle spielt. Diese Menschen gibt es sowohl unter den Christen als auch unter den Muslimen.

Version 2.0 Gläubige wissen, dass das, woran sie glauben sollen, ursprünglich in Stein gemeißelt worden ist. Sie wissen, dass damals eine andere Weltordnung herrschte. Dass die Gesellschaft eine andere war, dass das Leben und Überleben strenger, härter, unerbittlicher und fordernder war. Sie wissen: Wir haben es heute gut - wir haben das Glück und die Verantwortung, uns und unseren Glauben weiterzuentwickeln. Es ist unsere Pflicht unsere Religion im Hier & Jetzt zu verankern! Sie wissen: Wenn sie das NICHT schaffen, verlieren sie am Ende das, was ihnen am Herzen liegt: Dass Religiosität überhaupt noch Teil des Lebens ist. Wer es nicht schafft, die Moderne Willkommen zu heißen - der schafft sich irgendwann ab.

Verurteilen wir also nicht die Religionen oder die Anhänger von Religionen. So viel Leid, wie sie weltweit zu verantworten haben, so viel und viel mehr Segen und Hoffnung haben sie in der Welt verbreitet.

Was zu verurteilen ist, ist ein Mangel an Bildung, Offenheit und Dialogfähigkeit. Ein Mangel daran zu erkennen, wer fundamentalistischer Glaubensbildung zu Opfer fällt.
Zu verurteilen ist das schnelle Urteil für und wider denen, die anders sind, anders denken, anders fühlen. In einer Weltengemeinschaft sollten wir schaffen, Offenheit und Toleranz auch mit denen zu üben, die unsere ideellen Glaubenssätze nicht teilen. "Make love not war" ist zu billig, es müsste heißen: Educate how to love and tolerate, not hate and make war.

Der Schlüssel zu "Version 2.0" für ALLES in unserer Gesellschaft ist und bleibt meines Erachtens: Bildung - und daraus resultierend = der Fortschritt!




Freitag, 9. Januar 2015

Mein Trivial Pursuit
PEGIDA, Je Suis Charlie, Berlin, Islam und Ich




http://www.chicagotribune.com/news/nationworld/chi-je-suis-charlie-20150108-story.html

PEGIDA ist ein großes Wort geworden. Es ist das neue Label, mit dem man sich von "den Anderen" unterscheiden kann. Anti PEGIDA heißt: Mein Herz schlägt links, aber nicht radikal. Pro PEGIDA heißt: Mein Herz schlägt rechts, aber nicht radikal. Die radikalen Kräfte gruppieren sich so einsortiert außen rechts und außen links um die PEGIDA und kollidieren tüchtig beim unvermeidbaren Aufeinandertreffen.

Die PEGIDA selbst sieht sich als Fackel der Wahrheit, die sich durch die Kriegsgräben der Linken und Rechten schleppt und dabei überall Bärte versengt. Nicht eindeutig genug für das rechte Lager, zu rechts für das Linke, marschieren die Anhänger gezwungenermaßen auf einem Pfad, auf den sie von ihren Randbegleitern, den Medien und den Politikern gedrängt werden. Doch was will die PEGIDA und was wollen ihre Anhänger? Und warum wütet um sie herum ein fast ideologischer Sturm? Warum teilen sie das Meer unserer politischen Werteordnung in so scharf umrissene Ufer? Wie kommt es, dass PEGIDA mehr Furore macht, als die AFD? Wie kommt es, dass nicht einmal die Weltwirtschaftskrise in 2009 - die unser globales Wirtschaftswesen und die Existenz eines vereinten Europas real bedrohte und auch teilweise zerstörte - einen emotionalen Tsunami diesen Ausmaßes auf die Straßen spült?

Meine bescheidene Meinung: PEGIDA trifft einen besonderen Nerv, nämlich unseren SEHNERV, was PEGIDA Anhänger eine gefühlte Sekunde vor "Je suis Charlie" - Anhängern bewegte, war der SEHNERV. Anders als bei Finanzen, wo es um so "unsichtbares" wie Kredite, Gehälter, Staatsverschuldung usw. geht, geht es bei PEGIDA um Menschen. Menschen, die unter uns sind.
Es geht auch nicht um Religion. Sonst würde sich mit Religion im Allgemeinen mehr auseinandergesetzt. Nein - es geht um eine unserer Kultur fremde Ideologie. Um kulturfremde Werte. Um neue Lebenskonzepte. Und die sieht man. Jeden Tag. Wenn nicht in Dresden, wenn man durch die Stadt schlendert, dann spätestens abends im Fernsehen. Oder am Wochenende im Kino, oder im Kabarett. Oder morgens in der Zeitung. Man ist oder fühlt sich umgeben von einer Welt, in der eine andere Kultur im krassen Kontrast zu der unsrigen steht.Eine, die für sich viel Raum in Anspruch nimmt. Diese Raumeroberung wirkt bedrohlich: einfach, weil man sie sieht.

Für mich sind der Terroranschlag auf die Redaktion des satirischen Hetzblattes "Charlie Hebdo" und die Reaktionen darauf vergleichbar mit der Nuklearkatastrophe in Fukushima. Selbst unsere Bundeskanzlerin schaffte es damals, laufende Verträge mit Atomkraftwerken in Deutschland vorzeitig zu beenden und Deutschland in den Atomausstieg zu buchsieren: Dies geschah innerhalb von weniger als 2 Jahren! Fukushima war ein Erdbeben der Stärke 5 in den Glaubensfesten derer, die noch an Atomkraft glaubten. Paris zeigt: Selbst der ausgleichendste Multikulturalist, fühlt sich nun unter Umständen in seinen ideellen Grundfesten ernsthaft erschüttert und zum ersten Mal bedroht.

Der Berliner Imam Ferid Heider beschreibt einen schleichenden Prozess der Distanz, den ich als bedrohlich empfinde. Nämlich dass, ohne es verhindern zu können, zwischen ihm und einigen seiner Glaubensbrüder eine ideologische Kluft entsteht. Ein Prozess, der vor Jahren schleichend begann und in immer schnellerem Tempo voranschreitet. Menschen, denen Ferid Heider sein Vertrauen schenkte (und sie ihm), wenden sich plötzlich von ihm ab. Als "Kafir" und "Murtadd" verachtet, lebt er inzwischen in der gleichen Stadt mit den gleichen Menschen in zwei völlig verschiedenen Werte-Welten (mehr Infos: seine Facebook-Seite).

Wir SEHEN, wir ERLEBEN und zwar hautnah.
"Je suis Charlie", unser emotionales Fukushima, steht für eine Tatsache: Unsere Kultur wird angegriffen. Nicht streng genommen von Islamisten, sondern sehr streng genommen von denen, die den Islamismus für ihre Zwecke ausnutzen.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass für Frauen und Kinder! (auch Jungen) im Islam andere Rechte und Regeln gelten, als bei uns. Und ob diese Rechte und Regeln konform gehen können mit unserer Offenheit und unserer Toleranz (mit unserem Grundgesetz), das bezweifle ich.

PEGIDA, Je-Suis-Charlie, AfD und mit Sicherheit andere, weniger bekannte Gruppierungen, beschäftigen sich eben auch mit diesen Themen. Man kann sie verurteilen und diffamieren und sich klar gegen sie positionieren: Aber auch sie berufen sich mitunter auf Fakten, die nicht leugbar sind.
Menschen, wie Dr. Necla Kelek  oder Ferid Heider geben, selbst wenn sie die Gemeinsamkeiten nie betonen würden, einzelnen Argumenten dieser Organisationen recht. Nicht umsonst werden sie vom konservativen Islam kritisiert und zum Feindbild derer, die den Islam ausnutzen und den Namen ihres Gottes verhöhnen, um ihre Macht und vermeindliche Überlegenheit zu demonstrieren, stilisiert.
Ich selbst, als Berlinerin, als Migrantenkind, als Mutter und als Menschin, die die 5 Artikel unseres Grundgesetzes als notwendiges Gut für unsere Gesellschaft sieht, verstehe den Sturm, der da draußen in Medien und auf den Straßen tobt, ich verstehe "Je-Suis-Charlie" und ich verstehe auch den PEGIDA-Anhänger, der auf die Frage "Wovor haben Sie denn Angst?" antwortete: "Na davor, dass die auch hierher kommen und uns die Köpfe abschlagen".
So blöd klingt seine Antwort nach Charlie Hebdo nicht mehr.

Ich bleibe aber optimistisch, dass auch diese Aufgaben und Herausforderungen, vor denen mal wieder nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa stehen, irgendwie bewältigt werden werden. Ich betone "irgendwie", weil ich mir ganz ehrlich keine "richtige" Lösung vorstellen kann. Ich weiß nicht zu sagen, was "gut" ist. Ich weiß nur, was ich nicht möchte:
Dass meine Tochter in einem Land wie Deutschland irgendeiner Gefahr durch Radikale ausgetzt ist, weder von Nazis, noch von Antifaspinnern, noch von Islamisten oder anderen Fundamentalisten.Ich möchte, dass sie und alle unsere Kinder, ja WIR, in einem Land leben, in dem politische Korrektheit NICHT über den 5 ersten Artikeln unseres Grundgesetzbuches steht. Und ich möchte auch nicht erleben, dass Religionsfreiheit ausgenutzt und uminterpretiert wird, um gefährlichen Zweigströmungen egal welcher Religion zu Macht und Etabliertheit in unserem Land verhelfen.

Für alle die, die sich das jetzt fragen: Nein - ich bin kein PEGIDA Fan. Ich bin mein eigener Kopf und kann für mich selbst denken. Und NEIN - ich habe nichts gegen Menschen, deren Religion der Islam ist.

Aber ich möchte nicht, dass ihre Werte und Regeln diejenigen, auf die ich mein Vertrauen baue und auf deren Basis ich meine Familie gegründet habe, unterwandern, torpedieren oder sogar eliminieren.

Hier herrscht nicht die Kirche, sondern das GG. Und die ist meine Bibel!