Freitag, 9. Januar 2015

Mein Trivial Pursuit
PEGIDA, Je Suis Charlie, Berlin, Islam und Ich




http://www.chicagotribune.com/news/nationworld/chi-je-suis-charlie-20150108-story.html

PEGIDA ist ein großes Wort geworden. Es ist das neue Label, mit dem man sich von "den Anderen" unterscheiden kann. Anti PEGIDA heißt: Mein Herz schlägt links, aber nicht radikal. Pro PEGIDA heißt: Mein Herz schlägt rechts, aber nicht radikal. Die radikalen Kräfte gruppieren sich so einsortiert außen rechts und außen links um die PEGIDA und kollidieren tüchtig beim unvermeidbaren Aufeinandertreffen.

Die PEGIDA selbst sieht sich als Fackel der Wahrheit, die sich durch die Kriegsgräben der Linken und Rechten schleppt und dabei überall Bärte versengt. Nicht eindeutig genug für das rechte Lager, zu rechts für das Linke, marschieren die Anhänger gezwungenermaßen auf einem Pfad, auf den sie von ihren Randbegleitern, den Medien und den Politikern gedrängt werden. Doch was will die PEGIDA und was wollen ihre Anhänger? Und warum wütet um sie herum ein fast ideologischer Sturm? Warum teilen sie das Meer unserer politischen Werteordnung in so scharf umrissene Ufer? Wie kommt es, dass PEGIDA mehr Furore macht, als die AFD? Wie kommt es, dass nicht einmal die Weltwirtschaftskrise in 2009 - die unser globales Wirtschaftswesen und die Existenz eines vereinten Europas real bedrohte und auch teilweise zerstörte - einen emotionalen Tsunami diesen Ausmaßes auf die Straßen spült?

Meine bescheidene Meinung: PEGIDA trifft einen besonderen Nerv, nämlich unseren SEHNERV, was PEGIDA Anhänger eine gefühlte Sekunde vor "Je suis Charlie" - Anhängern bewegte, war der SEHNERV. Anders als bei Finanzen, wo es um so "unsichtbares" wie Kredite, Gehälter, Staatsverschuldung usw. geht, geht es bei PEGIDA um Menschen. Menschen, die unter uns sind.
Es geht auch nicht um Religion. Sonst würde sich mit Religion im Allgemeinen mehr auseinandergesetzt. Nein - es geht um eine unserer Kultur fremde Ideologie. Um kulturfremde Werte. Um neue Lebenskonzepte. Und die sieht man. Jeden Tag. Wenn nicht in Dresden, wenn man durch die Stadt schlendert, dann spätestens abends im Fernsehen. Oder am Wochenende im Kino, oder im Kabarett. Oder morgens in der Zeitung. Man ist oder fühlt sich umgeben von einer Welt, in der eine andere Kultur im krassen Kontrast zu der unsrigen steht.Eine, die für sich viel Raum in Anspruch nimmt. Diese Raumeroberung wirkt bedrohlich: einfach, weil man sie sieht.

Für mich sind der Terroranschlag auf die Redaktion des satirischen Hetzblattes "Charlie Hebdo" und die Reaktionen darauf vergleichbar mit der Nuklearkatastrophe in Fukushima. Selbst unsere Bundeskanzlerin schaffte es damals, laufende Verträge mit Atomkraftwerken in Deutschland vorzeitig zu beenden und Deutschland in den Atomausstieg zu buchsieren: Dies geschah innerhalb von weniger als 2 Jahren! Fukushima war ein Erdbeben der Stärke 5 in den Glaubensfesten derer, die noch an Atomkraft glaubten. Paris zeigt: Selbst der ausgleichendste Multikulturalist, fühlt sich nun unter Umständen in seinen ideellen Grundfesten ernsthaft erschüttert und zum ersten Mal bedroht.

Der Berliner Imam Ferid Heider beschreibt einen schleichenden Prozess der Distanz, den ich als bedrohlich empfinde. Nämlich dass, ohne es verhindern zu können, zwischen ihm und einigen seiner Glaubensbrüder eine ideologische Kluft entsteht. Ein Prozess, der vor Jahren schleichend begann und in immer schnellerem Tempo voranschreitet. Menschen, denen Ferid Heider sein Vertrauen schenkte (und sie ihm), wenden sich plötzlich von ihm ab. Als "Kafir" und "Murtadd" verachtet, lebt er inzwischen in der gleichen Stadt mit den gleichen Menschen in zwei völlig verschiedenen Werte-Welten (mehr Infos: seine Facebook-Seite).

Wir SEHEN, wir ERLEBEN und zwar hautnah.
"Je suis Charlie", unser emotionales Fukushima, steht für eine Tatsache: Unsere Kultur wird angegriffen. Nicht streng genommen von Islamisten, sondern sehr streng genommen von denen, die den Islamismus für ihre Zwecke ausnutzen.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass für Frauen und Kinder! (auch Jungen) im Islam andere Rechte und Regeln gelten, als bei uns. Und ob diese Rechte und Regeln konform gehen können mit unserer Offenheit und unserer Toleranz (mit unserem Grundgesetz), das bezweifle ich.

PEGIDA, Je-Suis-Charlie, AfD und mit Sicherheit andere, weniger bekannte Gruppierungen, beschäftigen sich eben auch mit diesen Themen. Man kann sie verurteilen und diffamieren und sich klar gegen sie positionieren: Aber auch sie berufen sich mitunter auf Fakten, die nicht leugbar sind.
Menschen, wie Dr. Necla Kelek  oder Ferid Heider geben, selbst wenn sie die Gemeinsamkeiten nie betonen würden, einzelnen Argumenten dieser Organisationen recht. Nicht umsonst werden sie vom konservativen Islam kritisiert und zum Feindbild derer, die den Islam ausnutzen und den Namen ihres Gottes verhöhnen, um ihre Macht und vermeindliche Überlegenheit zu demonstrieren, stilisiert.
Ich selbst, als Berlinerin, als Migrantenkind, als Mutter und als Menschin, die die 5 Artikel unseres Grundgesetzes als notwendiges Gut für unsere Gesellschaft sieht, verstehe den Sturm, der da draußen in Medien und auf den Straßen tobt, ich verstehe "Je-Suis-Charlie" und ich verstehe auch den PEGIDA-Anhänger, der auf die Frage "Wovor haben Sie denn Angst?" antwortete: "Na davor, dass die auch hierher kommen und uns die Köpfe abschlagen".
So blöd klingt seine Antwort nach Charlie Hebdo nicht mehr.

Ich bleibe aber optimistisch, dass auch diese Aufgaben und Herausforderungen, vor denen mal wieder nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa stehen, irgendwie bewältigt werden werden. Ich betone "irgendwie", weil ich mir ganz ehrlich keine "richtige" Lösung vorstellen kann. Ich weiß nicht zu sagen, was "gut" ist. Ich weiß nur, was ich nicht möchte:
Dass meine Tochter in einem Land wie Deutschland irgendeiner Gefahr durch Radikale ausgetzt ist, weder von Nazis, noch von Antifaspinnern, noch von Islamisten oder anderen Fundamentalisten.Ich möchte, dass sie und alle unsere Kinder, ja WIR, in einem Land leben, in dem politische Korrektheit NICHT über den 5 ersten Artikeln unseres Grundgesetzbuches steht. Und ich möchte auch nicht erleben, dass Religionsfreiheit ausgenutzt und uminterpretiert wird, um gefährlichen Zweigströmungen egal welcher Religion zu Macht und Etabliertheit in unserem Land verhelfen.

Für alle die, die sich das jetzt fragen: Nein - ich bin kein PEGIDA Fan. Ich bin mein eigener Kopf und kann für mich selbst denken. Und NEIN - ich habe nichts gegen Menschen, deren Religion der Islam ist.

Aber ich möchte nicht, dass ihre Werte und Regeln diejenigen, auf die ich mein Vertrauen baue und auf deren Basis ich meine Familie gegründet habe, unterwandern, torpedieren oder sogar eliminieren.

Hier herrscht nicht die Kirche, sondern das GG. Und die ist meine Bibel!