Mittwoch, 14. Januar 2015

Mein Trivial Pursuit
Verstaubte Glaubenssätze und der notwendige Fortschritt

Die Weltreligionen sind uralt. So Originaltexte existieren, sind diese nicht wegen Papiermangels in Stein gemeißelt, sondern weil man in Stein meißelte. Auch die Häute und Papiere, die die verschiedenen Glaubenssätze überliefern, sind derart verstaubt und porös, dass die leichteste Berührung sie zu Pulver zerfallen ließe.

Ungefähr so verstaubt ist es, wenn Christen gegen Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehe sind. Wenn sie mit Höllenfeuer und Unheilsszenarien ihre Kinder erziehen und sie all-sonntäglich für ihre kindlichen Sünden Buße tun lassen.

Als ich Jugendliche war, hatte ich eine polnische Freundin, die beklagte, dass sie jeden Sonntag in der Kirche auf den Beichtstuhl müsse - und sich ständig etwas ausdenken müsse, um ja etwas zu "büßen" zu haben. Ihre Mutter achtete höllisch penibel darauf, dass ihre drei Töchter sich ihrer Sünden entledigten. Ich und meine damalige Freundin waren Anfang 2000 Jugendliche. Also nicht im vorletzten Jahrhundert. Es gab die Bravo, Boy- UND Girlgroups, es gab Alkopops und die Pille. Und für meine Freundin die sonntägliche Buße.

Ist das nicht übertrieben und völlig überholt? Nein - Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, Sexualkundeunterricht usw. sind immernoch heiß diskutierte Themen auf der ganzen christlichen (katholischen) Welt. In Amerika gibt es Gemeinden, die gegen Schwule vorgehen und sie immernoch "von ihrem falschen Glaubensweg" abbringen wollen. Es gibt auch welche, die meinen, Homosexualität sei eine Krankheit, so als wäre man bekloppt. Diese Menschen sind nicht zwangsläufig dümmer als wir - aber sie sind fundamentalistisch(er). Sie lesen in den Texten der Bibel und übersetzen alles darin wortwörtlich. In der Fassung der "King James Bible", die ich z.B. kenne, steht eindeutig:

King James Bible
If a man also lie with mankind, as he lieth with a woman, both of them have committed an abomination: they shall surely be put to death; their blood shall be upon them.

Das heißt übersetzt nichts anderes als: "Wenn ein Mann mit einem Mann Sex hat, haben beide eine Todsünde begangen und sie sollen beide mit dem Tode bestraft werden: ihr Blut soll auf ihnen sein." Klingt theatralisch, düster und sehr vorgestrig - aber es gibt genügend Menschen, die diese Passage (und alle anderen) auch heute noch bitter ernst nehmen. Es sind unsere Mitmenschen, unsere "Mit-Welt-Bürger", die so aussehen wie wir, sich kleiden wie wir und im Großen und Ganzen dieselbe Art zu leben haben, wie wir. Abgesehen davon, dass sie allabendlich beten - Viele von ihnen - nämlich über dem Abendbrot. Und sie gehen sonntags in die Kirche und sie schicken ihre Kinder auf Kirchenfreizeiten. Die Kirche kümmert sich um die Schwachen und sammelt Geld, um sich und ihre Mitglieder am Leben zu halten. Jeden Sonntag geht der Klingelbeutel um. Ich sitze auch jeden Sonntag, wenn ich meine Großeltern (Baptisten) in Amerika besuche mit in der Kirche und lausche andächtig, singe mit, lese Bibelstellen vor. Aus Respekt vor meinen Großeltern und weil ich auch gläubig bin - nur nicht "bibelgläubig".
In Deutschland wird auch gebetet, werden auch Gottesdienste besucht. Wer die "Family" liest, weiß, dass es viele Familien gibt, in denen der christliche Glaube und Gottes Gebote eine große Rolle im Alltag spielen.

Aber zurück zum Thema "Staub". Uralt sind nicht nur viele christliche Glaubenssätze, sondern auch muslimische. Wer sich mit dem Islam auseinandersetzt, bekommt ein widersprüchliches Bild präsentiert - so wie das neue und das alte Testament auch widersprüchlich sind. Es geht um Friede, Harmonie, Toleranz. Und um die Beschneidung der Rechte von Individuen (Frauen und Mädchen).

Muhammad Ali, ehemals Cassius Clay, entledigte sich seines gebürtigen Namens und seiner Religion und nahm einen afrikanischen Namen und den muslimischen Glauben an. Er deklarierte mehrmals, dass der Islam eine Religion des Friedens sei. Er, wie viele Muslime, betete täglich, ging zu Messen, lebte nach seinem Verständnis des Koran. Weshalb stiftet der Islam dann überhaupt Unfrieden? Die Frage ist: Welche Religion tut und tat das nicht?
Meine Meinungt: Es ist NICHT die Religion - es sind die Fundamentalisten unter den Religiösen, die den Unfrieden stiften. Es sind die, die in Amerika junge homosexuelle Männer verstoßen, angreifen und bedrohen. Es sind die, die selbst als Pastoren den Tod aller Homosexuellen wünschen. Es sind die, die Frauen - selbst wenn sie Opfer eines Verbrechens wurden - nicht über ihre Zukunft und ihren Körper bestimmen lassen. Es sind die, die alle Nichtgläubigen töten wollen. Es gibt auf der ganzen Welt zu Viele, die massiv "rückwärts gewandt" sind. Sie lesen den Koran wie die Bibel wortwörtlich und lassen keine Kritik an den Worten darin zu.

In der Moderne angekommene Menschen, die nicht atheistisch sind, sind "Version 2.0 Gläubige". Sie lesen zwischen den Zeilen ihrer Bibel oder ihres Korans, sie verwerfen Vorgaben, die gegen die Grundgesetze, ja gegen Menschenrechte verstoßen. Sie schaffen es einen modernen Glaubensweg zu finden, der ihnen erlaubt, ihre spirituellen religiösen Werte zu integrieren in einer Welt, in der der offene Dialog, Kritik, Fortschritt und individuelle Rechte einen hohen Stellenwert haben. Sie entpolitisieren ihre Religiosität. Sie unterscheiden zwischen dem, was heute für sie und für ihre Kinder relevant und richtig ist und dem, was in alle Zeit für sie relevant und wichtig sein wird. Sie rechtfertigen sich nicht mit ihrem Glauben und sie verstecken sich auch nicht dahinter. Sie akzeptieren Nicht - und Andersgläubige als Webstoff in einer großen vielstofflichen Weltengemeinschaft und fühlen sich nicht gekränkt oder disrespektiert, wenn auf ihre Glaubens - und Gefühlswelt keine Rücksicht genommen wird, beziehungsweise sie im öffentlichen Alltag keine Rolle spielt. Diese Menschen gibt es sowohl unter den Christen als auch unter den Muslimen.

Version 2.0 Gläubige wissen, dass das, woran sie glauben sollen, ursprünglich in Stein gemeißelt worden ist. Sie wissen, dass damals eine andere Weltordnung herrschte. Dass die Gesellschaft eine andere war, dass das Leben und Überleben strenger, härter, unerbittlicher und fordernder war. Sie wissen: Wir haben es heute gut - wir haben das Glück und die Verantwortung, uns und unseren Glauben weiterzuentwickeln. Es ist unsere Pflicht unsere Religion im Hier & Jetzt zu verankern! Sie wissen: Wenn sie das NICHT schaffen, verlieren sie am Ende das, was ihnen am Herzen liegt: Dass Religiosität überhaupt noch Teil des Lebens ist. Wer es nicht schafft, die Moderne Willkommen zu heißen - der schafft sich irgendwann ab.

Verurteilen wir also nicht die Religionen oder die Anhänger von Religionen. So viel Leid, wie sie weltweit zu verantworten haben, so viel und viel mehr Segen und Hoffnung haben sie in der Welt verbreitet.

Was zu verurteilen ist, ist ein Mangel an Bildung, Offenheit und Dialogfähigkeit. Ein Mangel daran zu erkennen, wer fundamentalistischer Glaubensbildung zu Opfer fällt.
Zu verurteilen ist das schnelle Urteil für und wider denen, die anders sind, anders denken, anders fühlen. In einer Weltengemeinschaft sollten wir schaffen, Offenheit und Toleranz auch mit denen zu üben, die unsere ideellen Glaubenssätze nicht teilen. "Make love not war" ist zu billig, es müsste heißen: Educate how to love and tolerate, not hate and make war.

Der Schlüssel zu "Version 2.0" für ALLES in unserer Gesellschaft ist und bleibt meines Erachtens: Bildung - und daraus resultierend = der Fortschritt!