Sonntag, 15. Februar 2015

Relaxed & Gut! Regel Nummer 2: Perfekt verschreckt

Alles Ton in Ton bei euch? Warum Perfektionismus nicht bedingungslos gut aussieht/ist


Kinder glauben, dass ihre Eltern großartig sind. Solange sie klein sind, ist das eine ziemliche Gesetzmäßigkeit. Da muss man schon ein wirklich schlechter Mensch sein, damit die Kinder von dieser Illusion ablassen. Eltern aus Sicht der Kleinen wissen alles, meistern alles, können alles. Sie helfen und beschützen ihren Nachwuchs und sind die Liebsten und Schönsten und Klügsten.

Und dann kommt die Pubertät. Und alles ändert sich. Das pubertierende Kind rafft, wenn die Eltern etwas nicht raffen. Es sieht, wenn die Eltern etwas übersehen. Es hört, wenn die Eltern nicht zuhören. Es merkt, wenn die Eltern unaufmerksam sind. Es durchschaut, wenn die Eltern unehrlich sind. Kurz: Mit jedem Tag in der Pubertät demontiert das Kind die Illusion um die eigenen Eltern und entkernt den Menschen, der in Wirklichkeit darunter liegt.

Ist das schlimm? Dass der Mensch, der jahrelang ein Vorbild sein wollte, selbst gern mal rumläuft wie der letzte Lump? Dass er nach einem Arbeitstag auch keine Lust mehr hat im Haushalt zu helfen, anfallende Arbeiten gern an die Familie deligiert, den Müll nicht trennt, unfaire Bemerkungen macht, im Streit unlogisch argumentiert, morgens aus dem Mund riecht und selbst schon lange nichts mehr für seine Gesundheit getan hat? Schlimm ist das nicht, sondern ziemlich normal. Und menschlich.
Am Ende ist das für unseren Nachwuchs beruhigend. Weil statistisch gesehen der Anteil von Superhelden in unserer Gesellschaft immer nur 1 pro Gotham City entspricht, sind die meisten von uns eben einfach nur ordinär: Mensch.

Wäre es besser, wenn Eltern Superhelden wären? Nun, gesetzt dem unwahrscheinlichen Fall, dass sich zwei Superhelden in Gotham City finden, die sich auch noch ineinander verlieben und Nachwuchs bekommen: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind auch ein Superheld wird? Nehmen wir an, das Kind wird normal. Im Vergleich zu Super wäre normal dann ja schon "Forrest Gump". Und - wär das schön?

"Lauf doch mal schneller, bis du den Wind unter dir Rauschen fühlst!"
"Ich lauf doch schon so schnell ich kann."
"Lauf Forrest, lauf!"

"Mit meinen Augen kann ich durch Wände sehen."
"Ich brauche eine Brille, Pa."

"Mit meinen superanalytischen Fähigkeiten kann ich alle Informationen innerhalb von Sekunden verarbeiten. Ich habe in den letzten 20 Minuten dreihundert Korruptionsfälle in der Stadt aufgedeckt!"
"Mama, wie geht dieses Puzzle?"
"Das sind nur 35 Teile!"

"Heute habe ich wieder 10 Schurken verprügelt und sie gleichzeitig, eigenhändig ins Gefängnis getragen."
"Ich hab mir in den Finger gepiekst! Buuuuu....!"

Superheldeneltern machen alles besser, können alles besser und sehen auch noch besser aus, als alle anderen Menschen. Menschen hingegen sind nicht perfekt. Sie haben Fehler und Macken. Superhelden geht die Kraft nie aus, sie haben einen unendlichen Energiespeicher, den sie unendlich anzapfen können. Wir Menschen werden müde, unsere Kräfte lassen nach, unsere Fähigkeiten brauchen sich auf. Dass das so ist, entspannt unsere Kinder ungemein. Sie müssen nicht perfekt sein, um in dieser Welt was zu werden.

Erwartungen zu entsprechen, denen man nicht entsprechen kann - das ist ein frustrierendes Joch, unter dem sich niemand glücklich entwickeln kann. Also sollte man als Eltern versuchen, nicht perfekt, sondern authentisch zu sein. Eine der wichtigsten Botschaften überhaupt ist doch: Sei du selbst!


Foto von Ryan McGuire