Montag, 16. Februar 2015

Relaxed & Gut! Regel Nummer 3: Realistische Erwartungen machen zufriedener

Fast alle Eltern haben Erwartungen an das Leben mit Kind, an ihre Kinder und an das Leben, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Wenn man sich mal den Ursprung der meisten Konflikte zwischen Eltern und Kind anschaut, liegt ihnen doch deutlich die Angst zu Grunde, diese Erwartungen könnten enttäuscht werden. ODER - sie wurden enttäuscht.

Das Beste Gegenmittel gegen Enttäuschungen und den daraus resultierenden Zoff ist: Realismus.

Vorausgesetzt unsere Kinder sind gesund und entwickeln sich normal und bleiben uns ein ganzes, langes Leben lang erhalten: Welche Erwartungen und Hoffnungen darf man sich realistisch machen? Und welche lieber nicht?

Erwartung 1: Ich hoffe mein Kind wird mal...


- hübsch, klug, erfolgreich, unabhängig, selbstbewusst, beliebt, sozial engagiert, Mutter/ Vater, finanziell unabhängig etc.

Wie/so lässt man los?
Am besten man lässt in puncto Nachwuchs die Schablonen gleich in der Bastellschublade, wo sie hingehören. Ein Mensch ist nunmal kein Phantasieprodukt, wo man mit möglichst viel kreativem Einsatz und Bastellzubehör dran arbeiten kann, bis ein Kunstwerk entstanden ist. Ein Mensch ist ein Wesen aus definierten und undefinierten Stellschrauben, über die wir leider noch nicht genug wissen, um guten Gewissens überall dran herumzudrehen. 
Ergo: Alle Schablonen über Bord und das Wesen in jeder Phase seines Lebens (macht mehr Sinn, als "jeden Tag") so nehmen, wie es ist.

Erwartung 2: Mein Kind soll es mal besser haben, als ich...


- mehr Geld, mehr Eigentum, mehr Erfolg, eine vollere Kindheit, eine echte Kindheit, weniger Stress, weniger Leistungsdruck, mehr Freizeit, mehr Spielzeug etc.

Wie/so lässt man los?
Man sollte den Versuch wagen und sein Kind als Individuum betrachten. Individuen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich voneinander unterscheiden. Manchmal in Kategorien, manchmal nur in Nuancen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es Individuen gibt, die einem sehr ähnlich sind, und Individuen, die sich sehr von einem unterscheiden. Es kann sein, dass man ein Kind bekommt, dass einem in vielen Kategorien und in vielen Nuancen sehr ähnlich wird. Oder nur in wenigen. Oder in keinen erkennbaren oder nennenswerten. Dies wiederum bedeutet, dass das, was ICH als erstrebenswert oder schön empfinde nicht zwangsläufig mit dem übereinstimmt, was mein Kind erstrebenswert oder schön findet. Und auch das, was mich stört oder verletzt, muss mein Kind noch lange nicht stören oder verletzen. 
Ergo: Als Eltern sollte man sein, wie man ist, tun was man für richtig hält, sich als Elternteil definieren, das am Ende des Tages zu dem steht, was es tagsüber zu verantworten hatte. Sollte am Ende ein Kind keinen Wert auf das legen, was man ihm mit aller Liebe schenken und angedeihen lassen wollte, oder sich beklagen über das Fehlen von Dingen, die man bewusst ausgeklammert hat, dann IST ES SO. Und Punkt. 

Erwartung 3: Ich freue mich so sehr, wenn ...


- ich Enkelkinder kriege,  mein Kind seinen Schulabschluss macht, es studiert, es sich selbstständig macht, es aus seinem Talent einen Beruf macht, es in Onkel Egmonds Fußstapfen tritt, wir als Erwachsene eine Freundschaft auf Augenhöhe pflegen werden etc.

Wie/so lässt man los?
Wer schon einmal an den Weihnachtsmann geschrieben hat "Ich wünsche mir ein Pony" oder "Ich wünsche mir ein echtes Feuerwehrauto", weiß, wie einem das Herz bricht, wenn aus den Geschenkkartons nur Miniaturausgaben kommen. Oder - noch schlimmer - "wertvollere" Geschenke. Ungefähr so ist das mit diesen Wünschen und Träumen, die man von Anfang an als Eltern hat oder im Lauf der Zeit entwickelt. Solche, die eine "Wunschlaufzeit" von 10, 20 oder mehr Jahren haben und auf deren Erfüllung man sich so vor - freut, wie früher zu Weihnachten. Das Problem ist nur: Das Leben ist kein Ponyhof - diese Lektion aus Kindheitstagen ("...aber ein Pullover ist doch auch was Schönes!") haben die meisten Eltern vergessen oder deutlich verdrängt. Wünschen bringt nichts! Den Weihnachtsmann gibt es nicht. Die Umstände diktieren, was man kriegt - nicht die Rehaugen. Manche Kinder heiraten nicht, manche Kinder vermehren sich nicht, manche Kinder machen keinen Schulabschluss, manche Kinder wollen anders leben, manche Kinder wollen nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben. Ist so. Mal hat man eine Menge dazu beigetragen, mal kann man einfach nichts dafür. Ce la vie sagt der Franzose, und er hat Recht.
Ergo: Nie vergessen, wie es war, als man zu Weihnachten einen braunen, peinlichen Kratzpullover ausgepackt hat und kein lebensgroßes, lebendiges Pony! Wie gut war es irgendwann zu wissen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und dass hinter unerfüllten teuren Wünschen ein Ausgabenplan, und hinter unerfüllten unrealistischen Wünschen die Realität standen. Beide Erfahrungen dringend! auf die Wünsche als Eltern anwenden.


Worauf darf ich mich ganz realistisch freuen?

Auf den Moment - das ist die ehrlichste und zudem spannendste Erwartung und Vorfreude, die wir aufbauen dürfen. Auf den Moment, wo wir spüren, wie unser Herz vor Liebe übergeht. Schier platzt! Auf den Moment, wo wir gebraucht werden. Auf den Moment, wo wir erleichtert sind. Auf den Moment, wo wir stolz sind. Auf den Moment, wo wir gerührt sind. Auf den Moment, wo wir vor Lachen gar nicht mehr atmen können. Auf den Moment, wo wir uns unserem Kind ganz nah und verbunden fühlen. Er kommt ganz bestimmt. Bei manchen Kindern häufiger, bei manchen seltener. Aber er kommt: Und darauf lohnt es sich, zu hoffen! Versprochen. Zelebrieren, wie ein echtes Feuerwehrauto zu Weihnachten - ERLAUBT!