Dienstag, 24. März 2015

Mein Trivial Pursuit
Wenn die Schule zum Streichelzoo wird (*ein Revival)

Die Schulreformer haben in Deutschland ja seit Jahren Hochsaison. Es vergeht im Grunde kein Jahr, in dem nicht neue Reformen gemacht und ausprobiert werden. Leidtragende sind auch die Eltern, die sich verunsichert fragen, ob der Chinesisch Kurs in der Vorschule relevant für das Abitur an dem internationalen Elite-Gymnasium mit Baumschule und Delphinpflegerstation ist oder nicht. Diese allgemeine Verwirrung führt landläufig auch zu der bedenkenswerten Entwicklung, aus der eigenen schweren Irritation heraus die Kinder um Orientierung zu bitten, indem diese mitbestimmen und vorgeben sollen, wie ihr schulisches Umfeld auszusehen hat. So gibt es Schulen, wo die Schülerklagen über zu viele Hausaufgaben, zu strenge Lehrer oder echte Noten tatsächlich ernst genommen werden, schlimmer noch, sie führen sogar zu „Verbesserungen“. 

Viele Eltern, deren Orientierung irgendwo zwischen Sorge, falschen Vorstellungen und beängstigender Kurzsichtigkeit verschütt gegangen ist, stimmen in das Klagelied ihrer Sprösslinge ein und bedrängen die Lehrer, es ihren armen Schutzbefohlenen leichter zu machen. Der Trend in der Welt geht zwar nach wie vor in Richtung Leistungsgesellschaft, ABER....es sind doch noch Kinder. Die Kleinen, die Unschuldigen. Sie müssen geschützt werden vor der rauen Welt, am besten in Watte eingepackt und liebevoll im Schutze wogender Brüste hin - und her geschaukelt werden, damit sie wissen "Hier bin ich sicher".

Bezeichnend ist daher auch die Entwicklung, dass immer mehr 18 Jährige bei ihren Eltern bleiben (quasi "Bis dass der Tod sie scheidet"), weil sie sich dort so sicher fühlen, mit all dem Geld das sie einfordern können und all der kostenlosen Versorgung, die sie selbstverständlich nutzen dürfen, dass sie gar keinen Grund sehen, das Elternhaus zu verlassen. Eltern müssen sich dann damit arrangieren, dass zu den eigenen Kindern noch fremde dazu kommen, die täglich im Haus ein und aus marschieren und sich ebenso selbstverständlich in der Küche bedienen, wie die eigenen. Wer seinen Kindern nicht mehr den Wunsch nach Eigenverantwortung und Selbständigkeit mitgibt, darf sich auf eine lange Kindheit des eigenen Nachwuchses freuen - die dauert ungefähr so lange, bis in die Selbständigkeit eingeheiratet wird. 

Diese jungen Schutzbefohlenen haben verlernt etwas zu tun, einfach weil es so ist: Sie brauchen unbedingt einen guten Grund und auf jeden Fall regelmäßig ein Erfolgserlebnis, um überhaupt zur Arbeit zu gehen oder am Ball zu bleiben. Sie finden einfach nie das Richtige und landen immer wieder zu Hause, weil die Arbeit zu anstrengend, der Chef zu streng, die Anforderungen zu hoch, die Arbeit zu öde, die Ausbildung zu schlecht bezahlt und die Welt immernoch eine Kugel ist. Dort werden sie von den besorgt - entnervten Eltern wohlwollend wieder aufgenommen und in die Überzeugung hinein gekuschelt, sich doch nächstes Mal besser vorzubereiten. Und dann schicken sie ihre völlig arbeits - und leistungsentwöhnten Kinder zu weiteren Bewerbungsgesprächen, wo diese noch bevor sie einen einzigen Handschlag getan haben, darum verhandeln, wann Feierabend ist und dass sie gern regelmäßig eine Stunde Pause hätten und dass sie eine halbjährliche Lohnerhöhung fordern, für ihre Leistung ( überhaupt zur Arbeit gekommen zu sein). Später kommen sie triumphierend nach Hause, weil sie die Arbeitsgesellschaft als kapitalistisch, unfair, kalt und unsozial entlarvt haben - und für so eine Gesellschaft will man doch gar nicht erst aufstehen, nein nein, die soll schön zahlen und sich mal überlegen, warum! Doch dieses Szenario ist ein Gegenwärtiges, mir graut schon vor dem, welches uns in gut 10 Jahren erwartet. Wenn die heutigen Grundschüler mit ihrer Streichelzoo - Attitüde in die Wirtschaftswelt eintreten und merken, dass kein Kuschelsofa in der Ecke des Arbeitszimmers steht, wo sie eigentlich Akten sortieren sollten, was ihnen aber "voll dumm" vorkommt, weil sie ja schon nach einem älteren System sortiert sind. Viel lieber würden sie ja die Machtstrukturen und das Verhältnis von Arbeitgeber zu Arbeitnehmer verbessern und das Arbeitsklima durch mehr Pausen, Nickerchen während der Arbeitszeit und regelmäßiger finanzieller Zuschüsse für alle anheben. Aber auf sie hört ja keiner. Und dann sehnen sie sich in ihre Kindheit zurück, wo sie nur laut genug schreien, nervtötend genug jammern oder sich widerlich genug benehmen mussten, und schon lag ihnen die Welt zu Füßen. Eine Zeit, wo Lehrer noch gelobt haben, dafür, dass "Ciara ihre Hausaufgaben heute mit nur zehn Fehlern geschafft hat. Prima!"  und dafür, dass "Leon heute einen Streit ohne zu schlagen bewältigt hat. Weiter so!". Wo Alles noch einfach war, wo es nicht um Leistung, sondern um Spaß ging, wo jeder Erwachsene für alles einen guten Grund genannt hat (den zu akzeptieren man ja auch noch lange nicht bereit gewesen sein musste), wo einem alles erklärt wurde und man immer das Recht auf sinnlose Diskussionen hatte.

Ich denke manchmal, dass es hilfreich wäre, wenn wir Schulen in "Streichelzoo" umbenennen würden. Man muss die Dinge beim Namen nennen, wenn man sich vernünftig mit ihnen auseinandersetzen will: Jetzt und in 12 Jahren. Klar, Kinder sind ja auch irgendwie niedlich, mit ihren Hasenzähnen und Zahnlücken, knubbeligen Beinchen und ungelenken Bewegungen. Da hat man schonmal das Bedürfnis zu streicheln und zu striegeln und lässt sich auch erweichen, wenn eine Krokodilsträne über das Lammgesicht kullern. Man kann verstehen, wenn man dann eine Kuschelecke haben möchte, wo man die knuffigen Zweibeiner hegen und pflegen kann. Den weniger kuscheligen Kindern gibt man notfalls auch ein kleines Beruhigungsmittelchen, so ein bisschen Ritalin hier und da, und schon hat man eine kleine, beherrschbare Gruppe freilaufender Lämmer, die immer dann besonders lieb und handzahm sind, wenn sie das bekommen, was sie wollen.

Diese Streichelzoo - Schulen sollten als solche gekennzeichnet werden, damit ein Gegengewicht dazu entstehen kann. Denn irgendjemand muss ja zum Hirten geschult werden, um später für die hilflosen Lämmer, die vorrangig zum Abgrasen und Rumkötteln geschult worden sind, das nötige Geld zu verdienen. An einer Art "BootCamp Schule"  müssten sie lernen, wie man Weiden bestellt, umzäunt, Lämmer in die Richtung führt, wo man sie haben will, wie man Handel mit ihnen treibt und notfalls auch Einzelne zur Schlachtbank führt, um das Überleben der Herde zu sichern. 

Das ist das einzig vorstellbare Szenario, wenn man den Lämmern Tür und Tor zu Faulheit, Egozentrik und totaler Arbeitsunfähigkeit öffnen will. Ohne Hirten bricht unsere Gesellschaft sonst zusammen. Und dann brauchen wir keine Streichelzoos mehr, sondern Sanatorien. Aber das ist eine andere Geschichte....