Donnerstag, 30. April 2015

Relaxed & Gut! Regel Nr. 5: Perspektivwechsel für die Seele

Ich kenne eine ganze Menge Eltern. Am besten meine eigenen. Und natürlich mich und meinen Mann, Papa von zwei so unfassbar großen Kindern (17 und 15). Und uns alle eint eines: Der Zweifel gut genug zu sein. Ich übe mich bei dieser Frage stets im Perspektivwechsel - das tut mir gut, meiner Seele und vor allem meinem Kind. Geht auch ganz einfach - ich gucke mir nämlich einfach meine Eltern und mich an, ganz objektiv, mal weg von dem "Da hast du mir weh getan" und "Da hast du mich nicht unterstützt". Und das sieht dann so aus:

Meine Eltern haben - wie bestimmt alle - gedacht, dass sie irgendwie Teil meines Lebens sind. Dabei ist es in Wahrheit umgekehrt: Ich bin Teil ihres Lebens. Nicht ich habe sie in mein Leben reingucken lassen, nicht ich habe mich komplett nackt gemacht und all meine Fehler und meine Schwächen vor ihnen ausgebreitet: Sie haben das.
Meine Eltern haben sich mir von all ihren Seiten gezeigt, viele davon dürften sie ziemlich unfreiwillig entblößt haben. Ich fand es auch nicht immer so geil, in ihren Gefühlsstriptease einbezogen zu werden. Ich fand es auch nicht so geil da zur Verantwortung gezogen zu werden, so nach dem Motto "Du kannst ändern, wie ich mich fühle - indem du dich änderst. Aber flott." Da haben meine Eltern anscheinend irgendwie angenommen, dass ich so etwas wie ein Arm bin, den man eben steuern kann. "Greif diese Chance!" - "Lass die Hände davon!" - "Finger weg!" - "Nimms an" - "Nimms nicht an" - Gibs auf!" - "Gib nicht auf!" usw. Wir kriegen als Kinder ne Menge greifbare Aufträge mit - sind ja auch ein paar Jahre lang "die Greifer" unserer Eltern. Irgendwann ziehen wir aus und amputieren unsere Eltern damit ein Stück weit - Arme ab. Fühlt sich bestimmt scheiße an. Was macht man ohne Arme? Mit den eigenen versuchen reinzufunken..."Ich würde das nicht machen" - "Wenn ich du wäre, würde ich die Finger davon lassen" - "Das kannst du doch gar nicht, lass mich das lieber machen" usw. Und jetzt kommt die Erkenntnis aller Erkenntnisse: The door is locked! Tür zu - Arme raus - Finger weg: Das gilt umgekehrt. Wir Kinder, wir sind eben Teil des Lebens unserer Eltern - immer dann, wenn wir wollen. Nicht umgekehrt. Für mich als Kind fühlt sich das vollkommen richtig an - ich weiß nämlich, dass ich nie ein Arm war. Auch kein Fuß oder ein Bauchnabel. Ich war immer ich. Und als ich ausgezogen bin, konnte ich mit mir selbst endlich was anfangen. Okay, ohne Stützräder war der Anfang ne holprige Fahrt, bin ein paar Mal auf die Nase gefallen. Aber egal - war ja ich. War ja meins. War ja nicht fremd gesteuert (oder nur ein bisschen...). Als Mutter fühlt sich das im ersten Moment überhaupt nicht vollkommen richtig an. Woher soll ich wissen, ob ich alles gut mache, wenn mein Kind nicht mein Arm, Bein oder wenigstens kleiner Zeh ist? Ich brauche Rückmeldungen ins Nervenzentrum, dass es meinem Körper also Kind gut geht. Wenn mein Kind in der Welt da draußen verschwindet, krieg ich schlimme Phantomschmerzen. Dann juckt der amputierte Arm, oder tut plötzlich ganz doll weh. Dann ruf ich besorgt an, schreibe Whatsapps oder SMS - und manche Eltern müssen dann erstmal ihren Frust runtermeckern.

Am Ende wissen wir Eltern nämlich nicht, ob wir unsere Sache gut gemacht haben, oder? So ohne Arme - wie soll das gehen?

Ich sags euch: Aus der Perspektive meiner Eltern ist mit Sicherheit so einiges schief gelaufen. Erstmal kam die Feststellung, dass ich allerhöchstens ein Paar Füße war und nicht ein Paar Arme. Und die sind schnurstraks dahin gelaufen, wo meine Eltern mich im Leben nicht hingeschickt hätten. Na und - guckt mal euer Kind an:

Verhungert?
Verwahrlost?
Verdurstet?
Unglücklich?
Verheult?

Die allermeisten Eltern können diese Fragen Gott sei Dank mit "NEIN" beantworten. Der Arm ist nicht verkümmert, er stirbt auch nicht, er leidet nicht an Nekrose. Er ist nicht mehr da. Er war nie da. Das Phantom ist flügge, was bleibt ist das Leben mit den eigenen Armen. Fummelt mit denen dann man nicht so viel bei uns rum - auch wenn es schwer fällt. Ich weiß das, ich bin nämlich auch Mutter. So eine, die so tut, als wenn sie cool wäre - aber manchmal dann doch die Krise kriegt. Und nachguckt, ob ihr schlafender Arm im Bett immernoch atmet, oder ob ich schon den Notarzt rufen muss. Meistens schnarcht mein Arm seelig vor sich hin. Alles gut. Ich kann mir weiter umsonst Sorgen machen.

Die allermeisten Eltern wissen, dass eigentlich nichts Schlimmes passieren kann. Die Kinder haben alle Essentials, die sie brauchen, um ein gutes Leben zu leben. Ein Zuhause, sie liebende Bezugspersonen, eine Ausbildung, gleichaltrige Kollegen um sich herum und eine Perspektive. Wir leben immerhin in Europa und noch dazu in Deutschland. Ich finde, das ist doch schon ganz schön viel. Ich hab mir was Gutes aufgebaut, ein schönes Leben. Und da drin wächst schon die nächste Generation - das hab ich meinen Eltern zu verdanken: Sie haben mir das Nötigste auf jedenfall mitgegeben und dann noch ganz viele Features und Add-Ons dazu gepackt, um die Sache so richtig rund zu machen.

Mein Fazit nach so einem Perspektivwechsel ist: Nach allem, was so war und trotz all der radikalen Menschlichkeit, mit der meine Eltern mir gegenüber getreten sind, habe ich ein tolles Leben - alles gut gegangen also. Wieso sollte das bei MEINEM Kind anders sein?

Ich bin ein guter Mensch, mein Kind hat alles, was es braucht - im Prinzip kann gar nichts schief gehen! Durchatmen - und dran glauben ;-)