Mittwoch, 17. Juni 2015

Mama Gedanken
Morgen regnet´s: Was Erziehung und Wettervorhersagen gemeinsam haben

Kinder soll man nicht schlagen.
Ohne UV- Schutz bekommt man leichter einen Sonnenbrand und später Hautkrebs.

So viel zu den Grundregeln in puncto Umgang mit Kindern und Wetter. Das sind die einfachen Weisheiten des Lebens. Darüber muss man nicht streiten. Alles klar.

Aber was ist mit dem ganzen Rest? Warum ist es so unendlich schwer zu entscheiden, was für den eigenen Nachwuchs das Beste ist? Für Freunde und Fremde haben wir allerlei Tipps parat. Wir sehen die Abgründe, auf die der kiffende Sohn unserer Freundin zusteuert, wir beneiden die Karriere, die der 1er Tochter unseres Kollegen bevorsteht. Wir verurteilen die Klassenkameraden unseres Kindes, die einen schlechten Einfluss auf seine Zukunft haben könnten, wir loben auch langweilige junge Menschen über den Klee, wenn sie ihr Leben ordentlich auf die Reihe kriegen. Wir lächeln über die Katzenphase unserer Tochter, bis sie scheinbar doch nicht enden will, wir runzeln besorgt die Stirn über die begeisterte Schießwütigkeit unserer Legosoldaten, wir beobachten skeptisch die Partnerwahl unserer Schützlinge und ordnen und lenken im Leben unserer Kinder, wo wir können und meinen zu müssen. Trotzdem: Diese Biester schlagen immer einen Haken. Morgen so, heute so. Planmäßige Zugeinfahrten auf Gleis 9? Nicht mit Harry Potter - und auch nicht all den anderen neun-drei-viertel Traumtänzern und - tänzerinnen da draußen.

Kein Wunder, dass der Mensch im Alter ergraut: Es sind die schlecht zu treffenden Prognosen, die einen von Kopf bis Fuß ausbleichen. Aber woran liegt das nur? Warum wissen wir so gut über die Anderen Bescheid, und so schlecht über die Eigenen?

Ich weiß es: Datenoverkill!
Wir wissen einfach zu viel. Und jede Information, die wir abgespeichert haben, könnte das eine bedeuten. Oder das andere. Oder etwas ganz anderes. Oder beides. In kurz: Alles!

Sie war früher Läufer. Aber später Sprecher. Er war schnell frustriert, aber ein hartnäckiger Lerner. Er teilt nicht gern, aber er hilft gern. Sie ist seit Jahren auf eine einzige Freundin fixiert, aber das macht sie loyal und treu. Er wollte nie in die Grundschule, sie hasst das Gymnasium. Sie hatte als Teenie dauernd Schulden, er hatte als Teenie dauernd Schuld. Sie lügt ohne mit der Wimper zu zucken, er lügt woanders. Er weint oft vor Verzweiflung oder Wut, sie schließt sich ein und isst tagelang nichts. Sie wird im Streit ungerecht und neigt zu Kurzschlussentscheidungen, er ist jähzornig. Sie liebt Puppen, er auch. Er spielt Fußball, sie Computer. Sie ist ein Papakind, er hängt an seiner Mutter.
Und so weiter. Wir Eltern waren bei den ersten Machtkämpfen, Frustrationen, Krankheiten dabei. Wir haben unser Kind hundert oder tausend Mal fallen sehen. Wir wissen, wie oft es aufgestanden oder liegen geblieben ist. Wir haben all die Schmerzen und Tränen der frühen Jahre mitgemacht. Wir haben mitgelitten und mitgefiebert. Wir haben das erste Mobbing gegen und von unserem Kind ertragen, die Lügen verziehen, aus seinem Verhalten gelernt. Wir sind Beifahrer in einem Auto, das auf Autopilot gestellt ist - solange das Auto weiterfährt, bleiben wir an Board. Egal wie oft das Auto von der Straße, gegen einen Baum, in ein Loch oder auf einen Baumstumpf fährt. Wir sind immer da. Von Anfang an. Wir haben mindestens 100 GB Speicherplatz. Mehr noch. So viele Fotos und Tonspuren sind in unserem Kopf, in unser Netzwerk eingespeist - wie sollten wir je entscheiden, welche Information relevant und welche irrelevant ist? Ab wann ändert sich das Thema Relevanz und wenn, für welche Information? Für welche Speicherkategorie? Für welches Bild, welche Tonspur?

Es geht uns so, wie den fleißigen Männern und Frauen von der Wettervorhersage. Ich traue ihnen nicht über den Weg. Nicht, weil ich sie für inkompetent halte. Sondern weil ich sie für überkompetent halte. Sie sammeln alle Daten, jeden Tag tausende von verschiedenen Messstationen, dann nehmen sie die Vergleichsdaten aus dem letzten Jahr, aus dem Jahr davor und dann von den letzten zehn Jahren dazu. Heute orientiert man sich nicht mehr nur daran, wie es draußen aussieht, wenn man wissen will, wie man sich anziehen muss. Nein - heute berechnet man jede Information, die man kriegt. Und weil die Männer und Frauen von der Wettervorhersage darin noch nicht so gut sind, wird Regen vorhergesagt und wir bekommen Sonnenschein.

Das ist mein Lieblingsirrtum. Er stimmt mich im Bezug aufs Elternsein optimistisch.
Wisst ihr noch, wie eure Eltern von euch geredet haben, als ihr Jugendliche gewesen seid? Ich weiß es noch - da war ne Menge Haare raufen angesagt. Und das nicht bei mir! O die Vorhersagen für mein Leben: Schlechtwetter so weit das Auge sieht. Ich hätte theoretisch im Neoprenanzug mit Taucherbrille und Gasflasche ins Leben gehen müssen. Bin ich aber nicht. Im Gegenteil. Ich war fast nackt - bis auf meine rosa rote Sonnenbrille. Und ja: ich hab mich an fast allen Kanten und Ecken gestoßen, bin in eine Menge Schauer geraten, hab mich unterkühlt und mir Seelengrippe weggefangen. 12 Jahre nach meinem Auszug ins Unheil stelle ich fest: Es gibt Sonnenschein. Seit fast 10 Jahren. Und kein Ende in Sicht.

Na bitte.

Mama Gedanken
Simba und Mufasa Momente

Meine kleine Tochter liebt den Film "König der Löwen". Wie sehr weiß ich, seid sie vorgestern aus dem Film zitierte. Ich lag mit einer frisch gefangenen Sommererkältung mit hohlem Hämmern im Schädel in ihrem Bett und ließ mich von ihr verärzteln, was sie gern tat. Als ich für sie ein wenig jammerte und so ins Nichts hinein fragte "Warum bin ich nur krank", ließ sie mich mit einem Lächeln und verstellter Stimme wissen: "Mama, lass mich erklären: Wenn du stirbst, wird dein Körper zu Gras. Und die Antilopen fressen das Gras. Und so sind wir alle eins."
Da biste platt - und ja, die 5 Minuten Lachen taten gut.
Aber das ist nicht der einzige Mufasa - Simba - Moment in meinem Leben. Momentan häufen sich kleine Anfälle von Größenwahn, die mich sehr an den kleinen, vorlauten Löwenprinzen und seine Allüren erinnern. So stellte meine Tochter just letztens fest: "Ich kann alles, Mama." Sie meint das auch genauso. A L L E S. Sie erinnert einen auch gern daran, wie viel sie weiß und kann - etwa wenn sie etwas voraussagt und recht behält: "Siehst du, hab ich doch vorher gewusst." oder "Was hab ich dir gesagt?" Auch sonst ist sich meine kleine Madame sicher, immer Bescheid zu wissen - bin ich mal ratlos, bietet sie mir neuerdings so ihre Hilfe an: "Frag mich doch, Mama."

Woher sie diese Überzeugung nimmt, alles zu können und alles zu wissen?
Nun, ich denke wir Eltern sind nicht ganz unschuldig. Wir bestätigen ihr ja jeden Pups, den sie richtig benannt oder erkannt hat. Ich bin zwar kritisch, aber was sie richtig macht - nun, das macht sie unleugbar richtig. Kann man erwähnen, tut ja nich weh. Außerdem holt sie sich Lob aktiv ab ("Hab ich das richtig gemacht, Mama?"). Und zu Selbständigkeit erziehen wir sie auch. Sie soll uns zum Beispiel aus der Stadtmitte per Fahrrad nach Hause lotsen - Kind fährt vor. Und sie macht das großartig. Hält an jeder Straße, schaut nach rechts und links, weiß nicht nur direkte sondern auch Um-Wege. Wir sind nicht umsonst stolz und sagen ihr das auch. Dass man da irgendwann mit ziemlich viel Oberwasser durch die Gegend läuft und sich für den Oberking hält, ist irgendwie klar.
Der Streit darum, wer hier eigentlich der Chef ist, war demnach unvermeidbar. Wir steuerten gestern schon seit nachmittags drauf zu - das Kräftemessen in den eigenen vier Wänden. Wer hier die Mähne schüttelt, behält den Chefsitz - so sah das meine Tochter jedenfalls. Auf Krawall gebürstet wie ein Maidemonstrant, erhielt ich auf jede Bitte oder Anordnung knappe Widerworte mit einem selbstgefälligen Grinsen a la Sieh mal zu was du da machen willst. Beim Noch-nicht-ich-spiele-noch-sieben-Minuten-zu-Ende-Zähneputzen platzte mir der Kragen - mein innerer Mufasa kam raus. Ich schüttelte meine Mähne, stampfte mit dem Fuß auf (ja wirklich - es war einer dieser Rumpelstilzchenmomente) und erklärte: "Ich bin hier der Chef! Und wenn ich dir was sage, dann meine ich das auch. Und jetzt SCHLUSS. ZÄHNEPUTZEN. Und zwar SCHNELL! Zack Zack!"
Tief Luft holen...und wieder auf Erziehung schalten.Ein klassischer Mamalog und eine weinende Löwenprinzessin später saßen wir Arm in Arm im Badezimmer. Wangen trocknen und die Welt erklären...nochmal gaaaanz langsam. Und ich erklärte: Wie das so ist mit dem stark sein, dem unabhängig sein und auch Teil einer Familie sein... insbesondere der kleinste Teil der Familie. Wie das so ist mit Gruppen, und Freunden, die nicht mit einem spielen wollen, wenn es immer nur einen Bestimmer gibt. Die Wahrheit schmerzte noch ein Weilchen nach - dann wars wieder gut. Wenn man ein starkes und unabhängiges Kind möchte, das gute Entscheidungen für sich fällen kann, muss man es fördern - und hin und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Auf diesem Boden haben mein Töchterchen und ich gestern festgestellt: "Groß werden ist schwer". Und auch: "Stark zu sein heißt nicht, dass man immer seinen Willen durchsetzt. Man muss auch aushalten können, wenn das nicht geht."

Nach so einem Kräftemessen fällt das ins Bett gehen ausnahmsweise leichter...heute glaube ich, Simba und ich sind auf einem guten Weg...