Donnerstag, 16. Juli 2015

PhiloJune
Schreib (mir) mal wieder...

Altmodisch und schön: Der Brief! Handgeschrieben, mit duftender Tinte auf handgeschöpften Papier. Wem schickt man so einen heute noch?
Zwei Möglichkeiten: Dem eigenen Nachwuchs, für später - siehe hier:


http://diply.com/different-solutions/best-sentimental-gift-open-when-letters/18290

Oder sich selbst. Zum Beispiel seinem "Alter Ego". Ich bin vor einem Monat 30 geworden. Vor 12 Jahren 18. In der Rückschau weiß man alles besser - ich habe Lust, in die Vergangenheit zurück-besserzuwissen. Macht Spaß. Und am Ende: Kriegts vielleicht auch der Nachwuchs. Um zu sehen, wie panne Mama mal war (man darf schon im Präteritum sprechen, oder?).

An mein altes Ich:

"Hej Bonnie,

na, genervt? Kenne ich gar nicht mehr, das Gefühl. Ist aber dein Dauerbegleiter, schon seit Jahren. Stell dir vor, in ein paar Jahren ist das vorbei. Dann nervt dich immer weniger. Mit 30: Eigentlich nichts.
Heute kann ich dir sagen, woher dieses Gefühl kommt: Mangelnde Selbstwirksamkeit. Dauernd willst du alles alleine machen, Sachen selbst entscheiden: Aber dazu musst du an deinen Oldies vorbei, und die finden eigentlich die meisten deiner Ideen kacke.
So nach dem Motto: Kann man machen, ist aber dumm.
Egal - du bist zum Beispiel trotzdem ein Jahr vor deinem Abi ausgezogen. Weißt du was?
Kann man machen, ist aber dumm. Leider weiß ich das jetzt mit ziemlicher Sicherheit. Du bist eine ziemliche Macherin, aber eben immer nur mit kleinem Horizont. Dein Blick reicht leider nur bis zum Tellerrand. Ist auch nicht so schlimm, du bist ja erst 18. Und da ist so eine Beziehung ganz schön wichtig, und der Mensch in der Beziehung nimmt halt auch viel Raum in deiner Gedankenwelt ein. Du hast sicher irgendwann Zeit für dich, erstmal gilt es, ihn und alles auf die Reihe zu kriegen. Ich weiß, dass du ziemlich oft die erste Stunde verpennt hast. Im Abijahr. Nicht aus denselben Gründen, wie deine Klassenkameraden. Alkohol und Parties? Dafür hast du keine Zeit, du musst ein ernstes Leben führen. Du verpennst, weil du noch spät Nachts gearbeitet hast. Und dann zu Hause noch Streit mit deinem Freund hattest. Oder einfach nur müde warst. Weil du nämlich so oft pleite bist, dass du extra früh aufstehen musst, um zu Fuß zur Schule zu kommen. Das dauert 40 Minuten. Du bist stur und denkst nicht im Traum daran, dir irgendwo Hilfe zu holen. Weißt du was?
Kann man machen, ist aber dumm. Andere Menschen sind der Schlüssel um vorwärts zu kommen! Man - was hast du für eine Energie und Power und für einen Willen dieses Ding, das sich Leben nennt, zu meistern? Ich bin heute ziemlich platt, wenn ich mir vorstelle, wie du dich abgerackert hast. Und keiner hats so richtig geglaubt. Weil du nie davon erzählt hast. Du redest immer nur von anderen. Von deren Träumen oder Plänen. Und wenn du überhaupt mal erzählst, dann nicht, was du für Probleme bewältigst, sondern was du irgendwann mal in 100 Jahren erreicht haben willst. Schade - kaum einer nimmt dich ernst. Ist ein Kackgefühl, wo du doch selbst so ernst bist.
Du kriegst dein Abi hin, aber nicht so, wie du es dir gewünscht hast. Zu dumm - du dachtest mit 18 nämlich, du kriegst das alles hin. Aber es ist nicht so einfach von Kindergeld, Jobben und dem Azubigehalt deines Freundes zu leben. Du bist echt oft frustriert, weil einfach nichts so läuft, wie du es gern hättest. Nach dem Abi machst du eine Ausbildung. Zur Friseurin wird dein Vater noch Jahre später sagen - dabei war es zur Kosmetikerin. Du träumst von deiner eigenen Praxis, einer hochwertigen, mit medizinischer Kosmetik und dem Bestreben, die Menschen mit ihrem Aussehen zu versöhnen. Leider findet deine Chefin deine Absichten, dich in einer anderen Stadt selbständig zu machen, einfach nur scheiße. Und deshalb findet sie dich, nachdem du extrem gefördert worden bist, auch einfach nur noch scheiße. Du wirst krank aus dieser Ausbildung gehen. Dein Weihnachtsgeschenk an die mobbende Chefin ist eine Kündigung. Genugtuung? Nein. Denn eigentlich willst du ja so weitermachen.
Du lernst viel über gebrochene Herzen und übers Herzbrechen. Du wirst ziemlich oft auf die Nase fallen. Du wirst ziemlich vielen Menschen in ihrem eigenen Leben weiterhelfen und dabei selbst auf der Strecke bleiben. Und irgendwann wirst du dir ziemlich ausgebrannt und unglücklich vorkommen. Du hast eine lange und sehr gefährliche "Null-Bock-auf-gar-nichts-mehr-Phase".
Und dann: Findest du zufällig den Mann fürs Leben. Mit 18 hast du gedacht, du hättest den schon gefunden. Du wolltest deine erste große Liebe heiraten und Kinder mit ihm kriegen. Weißt du was? Kann man machen, ist aber dumm. Haste aber auch nicht, weil sich die Dummheit dieser Idee im Verlauf eurer 4 Jahre miteinander schon doll zeigte. Nachgeholt hast du diese Pläne dann mit deiner zweiten großen Liebe. Ja, man kann mehrere Männer lieben. Nacheinander. Gleichzeitig. Das weißt du noch nicht, aber ich weiß das. Deshalb kann ich dir das so sagen.
Ich weiß auch, dass du immer Angst hattest, dass dein Leben hinter deinen Erwartungen zurückbleibt. Soll ich dir was sagen? Es ist VIEL BESSER als du es dir je hättest vorstellen können! Und das entspannt dich. Also mich. Genervt und besorgt ist sowas von Vorvorgestern. Ich wünschte, ich hätte das schon früher gewusst. Ich wäre sorgloser ins Leben gestartet. Und optimistischer. Vielleicht hätte ich auch ein paar peinliche Fehler gemacht, so altersgerechte, wie mit nem hässlichen Typen abstürzen, besoffen durch die Nacht tanzen, pleite von Festival zu Festival torkeln, in die falsche Richtung trampen... statt diese ganzen ernsten, erwachsenen Fehlern, wie sich verschulden und Gerichtsvollzieher abwimmeln. Wärst du mal ein bisschen lockerer und blöder gewesen, dann hätte ich heute echt mehr zu lachen. Über dich kann ich nicht lachen - nur den Kopf schütteln und mich wundern, warum du so bierernst warst. Aber egal: Du hast es geschafft! Du hast laufen, schwimmen und fliegen gelernt: Auf dem absolut unwahrscheinlichsten, chaotischsten und anstrengendsten Lebensweg vorstellbar. Jeder Schritt hat sich gelohnt, und deshalb: Gut, dass du weitergegangen bist.
Danke dafür!
Deine June (so wirst du nämlich heute genannt: Und das ist gut so, weil Bonnie 2.0 nämlich dämlich klingt)