Mittwoch, 8. Juli 2015

Mein Trivial Pursuit
Wie gut kenn´ich dich eigentlich? Privatsphäre und geteilte Fotos

Immer wieder werden juristische und unjuristische Texte publiziert, in denen es um den Schutz der Privatsphäre von Kindern geht. Bezogen wird sich auf das Teilen von Fotos auf Facebook u.a. Plattformen. Argumentiert wird mit dem Recht auf persönliche Würde, dem Recht auf Selbstbestimmung, dem Recht auf Privatsphäre von Kindern. Solange diese nicht in die Veröffentlichung einwilligen, sollte vom Teilen der Fotos abgesehen werden. Selbst im "Schutzraum" privater Kreise, wie "nur Familie & Freunde".

Bis gestern habe ich solche Meldungen ignoriert. Denn: Meine Familienmitglieder, zu Mal die, die mir am Herzen liegen, leben in Amerika und England und auch dort zerstreut. Ganz zu schweigen von den Familienmitgliedern, die ich erst durch Facebook wiederentdeckt bzw kennengelernt habe. So erstreckt sich meine Familie auch durch Teile von Schweden. Und die sehen so nett aus!
Überhaupt sehen alle immer so nett aus. Und ich freue mich, wenn ich Fotos meiner Neffen und Nichten, Cousins und Cousinen sehen kann - denn anders als per Fotos & Social Media haben wir leider kaum Kontakt. Ce la vie. Wir sind eben getrennt voneinander aufgewachsen - die räumliche hat auch emotionale Distanz geschaffen. Dennoch fand ich immer: Alle nett, alle lieb. Sieht man ja. Zahlreiche Freunde und gute Bekannte aus der Schulzeit dürfen meine Posts ebenfalls sehen, ein paar Kollegen auch. Alles in allem bilde ich mir ein, einen guten Überblick über meine virtuellen Kontakte zu haben.

"Der sieht doch nett aus, und die Kleine hängt ja auch so an ihm" - wenn ich das denke, denke ich nicht auch -"bestimmt ist das eine verhängnisvolle Missbrauchsaffäre. Das arme Kind". Nein. Nett bleibt nett: Auch in den eigenen vier Wänden, wenn keiner hinguckt und hinhört. Oder?

Nun, durch zwei gestern gesehene, grauenhafte Reportagen (grauenhaft, weil sie mir noch immer in Kopf und Ohr rumgeistern und ich Schwierigkeiten habe, das Gesehen zu verdauen - auch wenn es verpixelt war) des NDR (NDR Podcast) und mein stets waches Auge über die dankenswerte Aufklärungsarbeit des Dunkelziffer e.V. bin ich inzwischen skeptisch. Denn: Wie gut kenne ich dich eigentlich wirklich? Wenn "ganz normale" Männer - Familienväter, Nachbarn, Kumpel, Onkels - die Kinder in ihrem Familien - und Bekanntenkreis physisch und psychisch missbrauchen, zu Sexobjekten machen, Nacktfotos (auch vom Urlaub am Strand!) und Missbrauchsbilder von ihnen verkaufen, teilen, vervielfältigen, einfach, weil sie Zugang zu diesen Kindern haben: Woher soll ich dann wissen, wer von meinen vielen Bekannten lauter und solide ist - und wer nicht? Die Zahl dazu schockiert: 200 000 anzunehmende Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Jährlich. Und das war kein reißerischer RTL Bericht, sondern eine Reportage des NDR, um Seriosität bemüht, und die Zahl soll nicht die "Dunkelziffer" benennen, sondern die tatsächliche durch Beweise belastbare Fallmenge. OH MEIN GOTT! Unsere armen Kinder (und all die anderen auf der Welt, die diese Schmerzen, Ängste und seelische Pein durchleben müssen).

Plötzlich, nach diesen Berichten, fiel mir auf, dass ich gar nicht viel über all die befreundeten Männer von mir weiß. Was ist eigentlich mit dem, der jahrelang Single ist? Ist der vielleicht gar nicht normal? Was ist mit dem, der mich wenig kennt, aber Familie ist, und öfter die Fotos meiner Tochter kommentiert. Wie schön sie mal wird...wie schön sie schon ist...Was ist mit denen, die ich glaube zu kennen, einfach, weil sie mir geläufig und nicht unsympathisch sind? Laden sie sich Fotos meiner Kinder, meiner Tochter herunter? Warum? Was machen sie mit diesen Bildern?

Ich habe sofort begonnen Fotos auszusortieren. Ich hatte vor zwei Jahren meine "Fotos hochladen, der Familie zeigen, Fotos löschen" - Policy aufgehoben, weil einige meiner Familienmitglieder (alles Frauen) immer wieder bedauerten "Och, du hast ja dieses schöne Foto gelöscht...jetzt kann ich mir das gar nicht mehr angucken". Die luden sich die Fotos nicht runter. Die guckten nur und fanden sie irgendwann nicht mehr. Auf Grund dieser Bitte begann ich, die Fotos "stehen zu lassen". Allerlei Bilder, die lustig oder süß oder einfach bezaubernd waren.
Heute habe ich eine Selektion begonnen. Gelöscht wurde alles mit zu viel Haut. Ich bin noch dabei!
Gelöscht wurde alles mit einer Frontalaufnahme vom Gesicht meiner Kinder. Ich bin noch dabei!
Gelöscht wurde alles, was zu viel über unsere "Whereabouts" verrät. Ich bin noch dabei!

Was bleibt dann noch übrig? Am Ende sehr wenig. Aber es ist besser so.

Die Vorstellung, dass meine Tochter irgendwann beleidigt mit mir meckert "Au man, da seh ich voll peinlich drauf aus, warum hast du das geteilt?" hat mich nie geplagt. Hej - mein Vater ist als Sherlock Holmes verkleidet mit mir einkaufen gegangen - nur um zu sehen, wie ich mich schäme. Das war lustig und harmlos. So wie das Teilen von Fotos, die mich zum Schmunzeln bringen. Oder zum Schwärmen.

Die Vorstellung, dass meine Tochter irgendwann auf zahlreichen Foren zu sehen ist, halbnackt oder einfach bezaubernd, vielleicht in ihrem Feenkostüm, oder in ihrem Badeanzug, mit nasser glänzender Haut und diesem unschuldigen, engelsgleichen Lächeln...als Vorlage für weiß-Gott-was...nein, das möchte und kann ich nicht verantworten. Dafür hätte ich nie eine Entschuldigung.
Ich ärgere mich schon jetzt: WARUM um Himmels Willen habe ich darüber nie nachgedacht?
Ich habe mir tatsächlich eingebildet: Wenn du die Leute hier kennst, kann ja nichts passieren. Aber: Kenne ich sie wirklich? Kenne ich sie wirklich?

Dies hier ist schlussendlich ein Appell an ALLE Eltern da draußen, an alle Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins: Wenn ihr schon Bilder eurer Kinder teilt - stellt sicher, dass sie nicht in die Hände Dritter, fremder Personen geraten können. Wenn ihr das nicht könnt: Löscht sie alle bzw. hört auf sie hochzuladen. Es gibt sicherere Wege die Fotos zu teilen. UND: Wenn Omi mehr sehen möchte - gibt es immernoch Emails oder einen netten Besuch zum Fotos Anschauen und Teilen.

Schützt eure Kinder.


Hier noch ein paar Links für Interessierte:


Sexuellen Missbrauch an Kindern erkennen
http://www.baby-und-familie.de/Kinder/Sexuellen-Missbrauch-von-Kindern-erkennen-226341.html

http://www.projekt-kinderaugen.de/erkennen.html

http://www.kindernothilfe.de/

Zahlen und Fakten zum Thema

http://www.hilfeportal-missbrauch.de/informationen/uebersicht-sexueller-missbrauch/zahlen-und-fakten.html


P.S. Ich teile bewusst die Links zu den NDR Reportagen nicht, weil ich mit der Aufbereitung und den Inhalten dieser zum Thema Kinderpornographie und Sexueller Missbrauch an Kindern missbillige. Ich finde ein "fast zeigen" und Geräusche von gequälten Kindern im Hintergrund abspielen ist geschmacklos und überflüssig - die Intention dahinter "Man muss wissen und sehen, was da passiert, man darf nicht wegsehen" ist löblich aber m.E. völlig falsch umgesetzt. Man sollte die Dokumentation eines Missbrauchs nicht sehen müssen, um aufmerksam und wachsam zu sein. Sich uU zu engagieren. Eine gut gemachte Reportage kann auf solches Material verzichten und dennoch ihr Ziel erreichen.