Mittwoch, 28. Oktober 2015

Mama Gedanken
Für alle, die auch nicht immer erziehen können (wollen)

"Guck mal wie traurig deine Jacke die Ärmel hängen lässt..."

Emotionale Erpressung beim Anziehen: Funktioniert, wenn Bitte und Hopp ausgedient haben. Ich und mein Mann gehören definitiv zu der Fraktion der Eltern, die mit Einbildung und Fantasiegeschichten arbeiten, wenn wir keine Lust auf Frust und/oder Strenge haben. Das Buch "Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn" von Johannes Hayers - grad frisch ausgelesen - spricht mir diesbezüglich deshalb manchmal richtig aus dem Herzen.





Hier einige unserer Stories, die wir nutzen, weil Erziehung auch nicht (immer) besser funktioniert:
1. Gegen den Anzieh-Blues 
"Guck mal wie traurig deine Jacke die Ärmel hängen lässt...den ganzen Tag (oder Abend, je nachdem) wartet sie schon darauf, wieder von dir mit Wärme und Liebe ausgefüllt zu werden, und du willst sie da einfach so hängen lassen. Arme Jacke...."
2. Angst vor Monstern
"Weißt du, in Wirklichkeit versteckt sich das Monster ja bloß deshalb unter dem Bett, weil es Angst vor DIR hat! Deshalb steht es immer in dunklen Ecken, oder liegt unterm Bett, oder lugt hinter der Gardine vor. Weil es ne Heidenangst hat von DIR entdeckt zu werden! Vermutlich muss es mal auf Klo, oder will aus deinem Zimmer raus - aber es traut sich nicht, wenn du hier die ganze Zeit liegst. Vielleicht wäre es besser, du würdest es nicht dauernd so beobachten. Dann kanns endlich gehen."
3. Medizin nehmen
Wir simulieren dann frei nach Szenen aus "Black Hawk Down", was die "Feinde" im Zentrum unseres Schützlings vor und während der Einnahme von unserer bitteren Medizin denken und fühlen. Das geht dann zum Beispiel so (mit viel Körper und Gesichtsmuskeleinsatz):
"Ohhh nein Leute, die wollen uns vernichten! Da kommt der Löffel des Todes (der Tee des..., die Tablette des..., das eklige Bonbon des..., das Zäpfchen des... etc.), nein nein, rette sich wer kaaaaaaann!!!" Dann beschreiben wir, wie alle "Feinde" in wilder Panik in Mund (Bauch, Kopf...) hin und her rennen, aber ja nicht fliehen können, weil sie sich ja dummer Weise IM Körper verschanzt haben.
Wir: "Ihr habt euch mit den falschen Eltern angelegt" (a la Terminator). "Nehmt das, Bakterien!"
Auftritt: Medizin. Und dann (nach meist erfolgreicher Motivation) folgt das grausame Ende: Die Bakterien stehen unter Beschuss - wir ballern richtig mit dem fiesen, gesunden Zeug rum! "Aaaaaarrrggghhh...äää....öööö....*röchel*hust*röchel*....aaaaa schmeckt das schrecklich....ich schmeeeeelzeeee....ich sterbeeeee....". Meistens ist die Lütte dann aufgekratzt, begeistert und überzeugt, die Krankheit besiegt zu haben (schon bald, die feindlichen Trupps müssen ja noch abziehen). Ich selbst bin inzwischen meisterhaft als sterbende Bakterieninvasion, mein Platz gehört definitiv auf die Laienbühne fürs medizinische Theater ;-)
4. Neues Probieren
Hier bleiben wir ehrlich gesagt einfach (fast) bei der Wahrheit, aber die ist für Kinder ja auch manchmal schon ne ziemlich faszinierende Story. Wir erklären, dass mit jedem Bissen von unbekanntem Essen das Gehirn auf eine Reise geht und gaaaanz viele neue "Aha-Zellen" baut (nennen wir so). Dann kommt der fast wahre Teil...weil "fremde Bissen" ja auch die einzige Art sind, wie das Gehirn auf Reisen gehen kann, weil es ja da oben im Kopf eingesperrt ist. Und ein trauriges Gehirn will ja keiner haben. Deshalb - immer schön probieren und das Gehirn auf Reisen schicken.

Alles in allem schadet Fantasie meiner Meinung nach überhaupt nicht in der Erziehung, auch wenn zugegebener Maßen Johannes Ha.punkt in seinem Buch manchmal ein bissl zu sehr ins Detail geht (oder zu lang) und auch ein paar strange Stories dabei sind. Aber ich nehme mal an, dass nicht alles so ganz ernst gemeint ist. Fällt mir auch nicht immer leicht, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.
Egal: Phantasy is on! Erst recht wenn man bedenkt, dass kleine Kinder eh nicht so gut zwischen "echt" und "unecht" unterscheiden können. Die finden alle ihre Mama und ihren Papa schön, die wollen alle ihre Mama und/oder ihren Papa heiraten und sie glauben uns, wenn wir sagen "Wir haben nicht gestritten, wir haben nur diskutiert" - solange das alles Fakt ist, darf man auch mit toten Einhörnern und traurigen Ärmeln arbeiten. Und wer glaubt, Schauspielerei und Märchen funktionieren nur bei Kleinkindern, der kann ja mal nachlesen, wie gut das auch noch mit Teens funktioniert - nämlich hier!