Freitag, 30. Oktober 2015

Ehe mit Vaddern
Warum ein netter Alltag NICHT das non-plus-ultra ist

Momentan steht bei uns ARBEIT ganz groß geschrieben. Praktisch, dass die Lütte grad anfängt "Schule" zu spielen. Da kann man sie manchmal mit ernsten Aufgaben beschäftigen, wie Buchstaben schreiben oder Worte legen (Scrabble - funktioniert auch für 5-Jährige).

R&L beim "Kinderscrabbeln"

Das sind leise Beschäftigungen, bei denen man ungestört weiter in die Tasten hauen kann. Ja - momentan kommt Familie bei uns ein wenig zu kurz. Wenn wir die Wochenenden nicht heilig sprechen würden, wären wir nur noch mit uns beschäftigt. Also mit unserer Arbeit.
Dass das auch für die Beziehung schlecht ist, haben mein Mann und ich letztens gemerkt - da hatten wir einen Tag kinderfrei (Kind schlief bei Omi) und sind mal wieder ganz in Ruhe Essen gegangen. Vorher mussten Regeln definiert werden, nämlich worüber alles nicht geredet wird. Dazu gehörte natürlich ARBEIT. Kein Sterbenswörtchen darüber, welche Knoten du auf welcher Achse programmiert hast, ja Schatz?! Und von mir kein Wörtchen darüber, weshalb dieser Begriff marketingtechnisch mehr Sinn macht als der und welches Design wir für die Anzeige und die Website brauchen...einfach mal PSCHT.
Nach 5 Minuten dahingestotterten Anlaufschwierigkeiten hatten wir den inneren work-dialog abgeschüttelt. 5 Minuten! Ein echtes Trauerspiel für uns Labertaschen. ABER der nächste Schocker kam gleich kurz danach. Wir stritten fast. Wir streiten doch NIE - wie kommt es, dass wir an unserem ersten freien Nachmittag seit Wochen streiten? Die Antwort ist einfach: Weil wir vor lauter Arbeit wirklich die Gefühle des Anderen aus den Augen verloren hatten. Streitthema war: Wut. Mein Mann war über etwas sehr wütend - und ich habe ihm das nicht geglaubt. Nicht nur ich, niemand in der Familie nahm ihm diese Wut ab. Darüber haben wir diskutiert.
"Aber du hast doch gesagt, dass dir Situation XY sogar gelegen kommt. Da bin ich davon ausgegangen, du bist nicht wütend."
"Doch, ich koche. Ich koche innerlich!"
"Wirklich? Das merkt man aber gar nicht!"
"Muss ich erst rumbrüllen, damit man mir glaubt, wenn ich mal wütend bin, oder was?"
Tja - muss mein Mann rumbrüllen, damit ich wahrnehme, wenn er wütend ist? Verrückt:
Nach bald 9 Jahren muss ich mir erklären lassen, wie mein Mann fühlt. Umgekehrt hat er meine Gefühle aber in Situation XY auch nicht richtig eingeordnet. Wie kann das sein, dass wir uns gar nicht wahrnehmen in unseren Gefühlen? Dass wir an einem schönen freien Samstagnachmittag fast 4 Stunden lang in einem Diner sitzen und uns darüber streiten, wie unsere Gefühle zu verstehen sind?
Die Antwort ist: ALLTAG!
Der läuft nämlich und das muss er auch. Reibungslos. Lautlos. Spurlos. Der schmirgelt Zeit weg, ohne ein einziges Geräusch dabei zu machen. Für Streit und Stress haben wir bewusst keine Zeit. Das würde ja den reibungslosen Ablauf im Alltag stören. Also haben wir beide unbewusst Gefühle ausgeklammert. Nicht nur die des anderen, sondern unsere eigenen! Hat uns nicht gestört, so gar nicht wahrgenommen zu werden? Na und wie! Aber zu Gunsten des Alltags, haben wir genauso zurück ignoriert. Die Lösung kann das ja nicht sein. Ein reibungsloser Alltag - dann wohl doch nicht so das Gelbe vom Ei?
Öfter mal Auszeiten nehmen, Gesprächsregeln definieren und wirklich miteinander reden.
Sonst staut sich in ein paar Jahren Streitstoff für Wochen an. Und wer weiß, ob man dann die Kraft hat sich immer wieder hinzusetzen und jeden quersitzenden Pups durchzudiskutieren, bis die alten Gefühle aufgearbeitet und wahrgenommen worden sind? Der Grund weshalb der Alltag reibungslos läuft ist ja genau der, dass Störfaktoren ausgeblendet und eliminiert werden. Und wenn nun der Störfaktor ein unbequemer Partner ist - der keinen Bock mehr auf "Gefühle ignorieren" hat? Was dann? Den auch ausblenden? Auch eliminieren? Jaaa...ich ahne, dass genau so die ein oder andere Ehekrise entsteht. So nach dem Motto "Ey- unser Alltag lief doch, warum brichst du jetzt aus und machst hier so ´nen Aufstand?"
Wir haben unsere Lektion hoffentlich gelernt. HEUTE - obwohl wir beide nicht das Gefühl haben überhaupt zu dürfen - machen wir mal wieder eine Pause. Die Jüngste bleibt bei den Großeltern, wir gehen ins Hotel. Abendessen im Restaurant, in Ruhe einschlafen, ausschlafen und Frühstück im Bett...ach ja, ich freu mich schon: Schön mal wieder zu reden!