Dienstag, 27. Oktober 2015

Kind[Er-]Kenntnis
Was wir von uns selbst lernen können:
Über Geschwisterliebe


"Geschwisterliebe" ...Ich (12) und mein Bruder (6)


Geschwister: Man liebt sie, man hasst sie. Man bewundert sie, man beneidet sie. Man gönnt ihnen alles Glück auf der Welt, man gönnt ihnen "nischts". So ambivalent man für sie empfinden mag, in einem Punkt ist man sich als Geschwister oft einig: Der andere wird von den Eltern gaaaaanz anders behandelt, als man selbst. Und zwar mit Absicht. Und zwar, weil die Eltern favorisieren, Lieblinge haben...richtig?

FALSCH!

Ich habe einen sechs Jahre jüngeren Bruder. Das Thema "Ihr liebt mich gar nicht mehr, ihr liebt ja nur noch ihn" ist seit ungefähr 20 Jahren obsolet, aber konkurrierende Gefühle hat man eben manchmal. Warum machen die so einen tollen Urlaub zusammen und wir nicht? Warum sehen die zusammen alle so glücklich auf den Familienfotos aus, und wir zusammen nicht? Warum unternehmen die das mit ihm und mit mir nicht? Mit mir kann man mindestens genauso viel Spaß haben. Ich bin mindestens genauso lustig. Und so weiter...

Meine Freundinnen, meine Freunde, meine Mutter, die Kids, ja sogar mein Mann - sie alle erzählen mir immer mal wieder Geschichten von Konkurrenz, von Neid, von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung durch ihre Eltern im Vergleich mit ihren Geschwistern.

Gestern hatte ich einen so banalen, wie richtigen Gedanken, dass ich über mich selbst (und über euch, die ihr schon Kinder habt und dennoch genauso fühlt!) nur den Kopf schütteln konnte. Ich persönlich kenne nämlich keine Mutter und keinen Vater, die ein Lieblingskind haben. Ich habe noch nie eine Mutter oder einen Vater sagen gehört "Mein Liebling ist Anton, weil..." oder "Na, die Antonia hab ich schon lieber als den Lukas". Und warum nicht? Weil ich als Mutter weiß: Wir lieben unsere Kinder wirklich beide gleich!
Wir stehen unterschiedlich zu unseren Kindern, wir behandeln sie unterschiedlich, wir erwarten unterschiedliches von ihnen, wir beachten sie unterschiedlich, wir unternehmen unterschiedliches mit ihnen, wir vertrauen ihnen unterschiedliches an, wir verschweigen ihnen unterschiedliches: Aber nicht, weil wir für sie weniger oder mehr empfinden. Sondern weil sie UNTERSCHIEDLICH sind!

Eigentlich ist diese Erkenntnis ein totaler No-Brainer, aber wenn ich bedenke, wie viele Eltern genau darauf nicht kommen, wenn sie selbst wieder in der Geschwisterrolle sind, merke ich, wie wenig wir uns das selbst bewusst machen.
Unsere Eltern LIEBEN UNS GLEICH. Aber mein Bruder und ich sind keine eineiigen Zwillinge.Wir sind sehr unterschiedlich. Und deshalb erleben unsere Eltern uns sehr unterschiedlich, und gehen mit uns sehr unterschiedlich um. Und das ist GUT SO. Ich will gar keine Gleichbehandlung in so vielen Punkten, warum ist sie mir dann bei manchen Punkten so immens wichtig? Eben: Weil ich irgendwie fühle, dass in diesen Punkten eine Ungleichbehandlung bedeutet, dass ich schlechter bin, als mein Bruder. Dass ich weniger "wert" bin - in diesen paar Punkten. Dabei bin ich nur anders. Nicht besser, nicht schlechter. Nur anders. Und umgekehrt gilt das genauso.

Was wir von uns als Eltern lernen können, ist die Gewissheit, dass die allermeisten Eltern auf diesem Planeten vielleicht lieber Zeit mit Anna als mit Hanna verbringen, aber deshalb Anna und Hanna trotzdem beide gleich doll lieben und wichtig finden. Anna hört vielleicht besser zu als Hanna, Hanna kann vielleicht nie länger als eine halbe Stunde sitzen bleiben, ehe sie wieder mit Freunden was unternehmen muss, Anna erzählt vielleicht mehr von sich als von ihren Freunden, während Hanna vor allem von ihren Freunden und was die so machen erzählt. Wir lieben unsere Kinder gleich: Aber wir hören Anna einfach interessierter zu. Sie hat ja auch das Sitzfleisch uns zuzuhören.

Wenn es "Immer nur um Matthias" geht, und fast nie um "Sven", dann vielleicht, weil Sven viel weniger Details aus seinem Leben preisgibt, als Matthias. Weil Sven vielleicht selbst dafür sorgt, dass er nicht so im Mittelpunkt steht. "Matthias ist so ein Angeber, ich fasse gar nicht, dass meine Eltern auf ihn reinfallen" - nein nein, dass Matthias ein Angeber ist, ahnen die Eltern vielleicht: Aber er ist auch einer, der ihnen immer frische Neuigkeiten (und zwar viele) aus seinem Leben präsentiert. Sven ist bescheiden, wenn er mal was erzählt, dann hat es Hand und Fuß. Ja genau....wenn er mal was erzählt. Da sind die Eltern vielleicht auch nicht so begeistert, weil Sven ihren Erwartungen entspricht. Sie wissen, dass alles was Sven macht, Hand und Fuß hat. Und sie wissen, dass Matthias überhaupt nur am Ball bleibt, wenn sie rumwundern und sich begeistert zeigen. Wenn sie einmal kritisch sind, hören sie von Matthias monatelang nichts.

Nochmal in kurz: Geschwisterliebe von Eltern zu Geschwistern ist genauso, wie von Geschwister zu Geschwister. Unterschiedlich, schwankend, bedingt, lebendig: Aber niemals "nicht". Liebe ist immer da - in ihrer dunklen, kühlen Form, wie in ihrer hellen, warmen. Und sie kennt kein "mehr oder weniger". Sie ist immer "ganz".