Donnerstag, 12. November 2015

PhiloJune
Die Ex und die Neue: Zwei ungleiche Freundinnen

Kann das gutgehen? Wenn Ex und Next aufeinander treffen....


Kann man mit jemandem befreundet sein, der das Ende einer früheren Beziehung manifestiert? Kann man mit jemandem befreundet sein, der am Ende dieser Beziehung allein geblieben ist? Können Ex und die Neue sich anfreunden, obwohl ihre Perspektiven so unterschiedlich sind?
Ja.

Meine beste Freundin und ich, wir sind so ein Paar. Ich bin aus ihrer Perspektive "die Neue", sie ist die Ex. Gut, wir haben uns nie den gleichen Mann geteilt - aber das heißt nicht, dass wir nicht in die Kontroverse gehen. Und manchmal heftig. Denn der Ex meiner Ex hat eine Neue. Und mit ihr ein neues Leben. Ein neues Kind. Sogar eine Ehe. Meine beste Freundin hat: Ihre gemeinsame Tochter und sich. Ihr Leben ist seit bald 10 Jahren ziemlich gleich. Zumindest in puncto Beziehungen - denn da war bislang einfach noch kein Mr. Right dabei. (Und nur einen Mr. Right hat sie verdient ;-))

Wenn wir beide uns auf dem Parkett "Ex&Neue" bewegen, müssen wir beide vorsichtig sein, die andere nicht zu verletzen. Oder zu vergessen.
Wenn "seine Neue" sich etwa mit um ihr Kind kümmert, dann geht das ja sowas von gar nicht. Oder sich "Stiefmutter" nennt. Hallo - ich lebe noch! - protestierte letztens meine Freundin. Und überhaupt: Eigentlich wäre ihre Tochter viel besser dran, wenn sie nicht mehr zu den beiden und ihrer oberflächlich heilen, sortierten Familienwelt ginge. Besser, sie würden das Wechselmodell endlich mal aufgeben und die Große bliebe dann dauerhaft bei ihr.

Meine beste Freundin blickt manchmal auf "die Neue" herab. Sie hat manchmal einfach kein Verständnis für sie, außer vielleicht Mitleid. Weil "die Neue" natürlich mit so einem Kaliber, wie ihrem Ex eigentlich völlig überfordert sein muss. Und überhaupt, diese Beziehung ist ohnehin zum Scheitern verurteilt....

Weil wir beste Freundinnen sind, verzeihe ich ihr gern und von Herzen, dass sie meine Gefühle sobald es um "die Neue" geht, so oft vergisst. Dass es viele Situationen gibt, in denen sie 1 zu 1 meinen Lebensalltag, meine Lebenswirklichkeit runterputzt. Das vergisst sie eben - wenn es ihr auffällt, sagt sie schnell "Bei dir ist das was anderes". Ich weiß auch warum: Von mir hält sie was - und ich hab nicht ihren Mann!

Aber fairer Weise sei gesagt: Ich musste ja auch dazu lernen. Und das habe ich gern! Es war augenöffnend! Und meine Freundin wächst auch immer wieder über sich hinaus: Und zeigt eine Größe, die ich bei vielen anderen Single-Müttern vermisse.

Normaler Weise lästere ich nicht über die Ex von meinem Mann. Diese Gefühle und Gedanken sind privat, und sie gehen eigentlich keinen was an.(Und sie sind manchmal so peinlich, dass ich sie eh für mich behalten will.) Aber meiner besten Freundin habe ich damals, als wir uns kennengelernt haben, einfach alles erzählt. Und bekam von ihr nicht selten eine knallharte Retourkutsche. Es war schon gut, dass ich meine Gefühle und Gedanken sonst für mich behalten habe - ich habe nicht gewusst, einfach nicht verstanden, wie man sich als Ex fühlt. Selbst wenn die Ex ihr altes Beziehungsschicksal selbst und bewusst in die Trennung gelenkt hat. Ich kapierte einfach nichts und war auch nicht selten "von oben herab" eingestellt, natürlich nur vor meiner Freundin. Von ihr habe ich meine Lektionen gelernt.
Denn, wenn Kinder involviert sind - das lerne ich von ihr - dann ist das alles gar nicht so einfach. Auch wenn man die Trennung aktiv oder passiv herbeigefördert hat: Man ist sich so lange und immer wieder unsicher, ob man nicht doch hätte bleiben sollen. Ob man mehr hätte investieren müssen. Oder ob man jetzt, heute, genug investiert. Und selbst wenn man ihn nicht mehr liebt, man mag ihn eben hin und wieder einfach gern. Man will vielleicht von ihm hören, dass die Kinder toll sind oder sich toll machen. Man will vielleicht auch einfach mal hören, dass man eine gute Mutter ist. Oder man will sich freuen über die gemeinsame Zeit von Vater und Kind - aber immer ist da diese "blöde Neue" dabei und macht einem (sometimes....) alles kaputt. Und natürlich hört man "Das machst du gut" gar nicht mehr - denn die Komplimente streicht jetzt eine Fremde ein, die nichts mit den eigenen Kindern zu tun hat.

Nichts? Na ja, das ist genau der Punkt. Meine beste Freundin wünscht sich das, und aus ihrer Perspektive kann ich das emotional total gut verstehen. Sie kann sich das fast nicht vorstellen, wie das aussehen soll - ihr Kind mit dieser Neuen. Unauthentisch. Fake. Aufgesetzt. "Die sind keine echte Familie".

Das weiß ich wiederum besser - ich habe nie ein unaufrichtiges, fakes, aufgesetztes Gefühl den Kindern meines Mannes gegenüber gehabt. Alles, was wir teilen, ist von meiner Seite aus authentisch. Als die Kinder meines Mannes noch echte Kinder waren, habe ich irre intensiv für sie empfunden. Ich wollte sie auch knuddeln, sie waren ja auch total süß und lustig und lieb. Ich konnte gar nicht verstehen, wie eine Mutter nicht wollen kann, dass ich mich nicht mit ihren Kindern verstehe. Wäre es nicht viel schlimmer, wenn ich so ne olle Hexe wäre, die ihre Kinder zweit - oder drittklassig behandelt, oder immer abschiebt? Das wäre doch verletzend, das täte den Kindern doch weh?
"Ja, sorum gesehen hast du ja Recht." Auch meine Freundin sieht das ein. Aber obwohl sie es einsieht, wird sie nicht müde mir haarklein aufzulisten, wo "die Neue" versagt oder Fehler, kleine Macken, hat.  Und wo sie sich einmischt, obwohl die Tochter meiner Freundin ja offensichtlich nicht ihr Kind ist.
Das Verrückte ist, dass meine Freundin von einem neuen Mann in ihrem Leben nichts Geringeres wollen würde: Er hat sich für sie UND ihre Tochter zu entscheiden. Mit allem, was dazugehört. "Alle anderen können gleich wieder gehen". Wenns so nicht läuft - läuft gar nichts! Aus ihrer Perspektive macht das nur Sinn - nur umgekehrt nicht. Wie kommt ein Ex dazu "auf Familie zu machen mit dieser x-y-z- Person an seiner Seite, die er geheiratet hat, nur, damit er jetzt endlich sein Leben in kleine Schubladen sortieren kann?!" Nicht etwa aus Liebe oder so. Das ist O-Ton von der Ex meines Mannes. Es ist boshaft: Aber so oder so ähnlich fühlen alle "Ex-Frauen" manchmal.

Wie können wir befreundet bleiben, wenn dieses Thema immer mal wieder hochkommt?
Weil wir beide gelernt haben. Und wenn es nur für den Moment war. So, wie ich gelernt habe, mehr Respekt vor der Ex meines Mannes zu haben: Ich habe begriffen - einigermaßen - wie schwer alles für sie war. Auch wenn sie immer Männer hatte (auch jetzt hat sie eine langjährige Beziehung) - es ist eben nicht leicht, die eigenen Kinder zu teilen. Und so Vieles allein auf die Reihe zu kriegen. Es ist nicht leicht, seine Kinder "an die olle Neue" abzugeben, schon gar nicht, wenn sie nicht zu 100% tut, was man möchte. Es ist auch nicht leicht, "Allergene" aus dem anderen Haushalt in das eigene Reich getragen zu bekommen - kein Wunder, wenn man da auch "allergisch" reagiert.

Umgekehrt hat meine beste Freundin auch (hin und wieder) mehr Verständnis für die Neue in ihrer Welt. Es ist nämlich ziemlich frustrierend und anstrengend sich im Leben immer wieder nach den Wünschen, Unmutsbekundungen und Forderungen einer Ex zu richten. Es ist furchtbar, dass diese Frau so viel Macht über den Alltag hat (solange Kinder involviert sind). Dass man immer abhängig von ihr ist. Nicht nur finanziell, auch planerisch. Das Leben so gestalten, wie man will? Mit einer Ex und Kindern aus erster Beziehung sehr schwierig. Da heißt es "Kompromisse machen" - und zwar mit ihr. Man stelle sich dieselbe Situation ohne Kinder vor: Wer würde sich das gefallen lassen, als Neue?
Eben! Und so machen beide Frauenkaliber ihren "Gegenüberinnen" das Leben ein bisschen schwer. Dass sie einem das Leben auch leichter machen - trotz allem - ist die Lektion, die wir, meine beste Freundin und ich, vor allem voneinander gelernt haben! Denn wenn die Ex in meinem Leben krank ist, oder schwer verliebt (war) und dann spontan Urlaub machen will: Wer ist zur Stelle, kümmert sich um Schulbrote, Wehwechen, Klamotten und Co.? Richtig: Die Neue (also ich)! Und wem hat man eine große Familie zu verdanken, ohne selbst so oft schwanger geworden zu sein? Richtig: Der Ex! Ich meine, ich habe 3 Kinder! Das sind irgendwas zwischen 3 und 6 Enkelkinder mindestens! Das sind mehrere stolze Momente pro Jahr und pro Leben! Ich darf so viele schöne Momente mit unseren Großen teilen - Momente, die ich ohne die Arbeit und Liebe "der Ex" gar nicht hätte. Und auch nicht, wenn sie die Kinder von uns fernhielte. Was sie nicht (mehr) tut. Und das Beste: Wenn mir dieses unbiologische Familienglück manchmal doch zu viel wird, kann ich mir immer sicher sein, dass die Kids der Ex zu ihr gehen. Die haben ja ein zweites Zuhause. Die brauchen mich nicht. Dann hab ich meine Ruhe, obwohl ich 3 Kinder habe. Und was noch? Ich muss nicht so auf Schule & Co. fixiert sein, wie die Ex. Ich habe also wirklich wesentlich weniger emotionale und echte Arbeit mit meinen 3 Kindern, obwohl ich natürlich genauso in der Pflicht bin, wenn sie ein paar Tage oder auch ein paar Wochen bei uns bleiben. Oder - wie der Große - bei uns wohnen (seit über 2 Jahren). Man ist pflichtbewusst, aber man hat keine Verantwortung. Das haben die anderen beiden. Also: Mehr Familienglück bei weniger Verantwortung und ungleich verteilten Pflichten. Klingt super, oder?
Meine beste Freundin als Ex, und ich als Neue, verstehen uns aber sowieso wunderbar (sonst wären wir ja nicht so dicke miteinander). Und diesbezüglich haben wir gelernt, dass wir für mehr Verständnis füreinander, vor allem über die Konstellationen in unserem Leben, einfach über diese Konstellationen reden müssen. So sind wir schlauer geworden - und entspannter. Auch mit der "Ex" und "der Neuen" in unserem privaten Familienleben.

Unser Leben ist nicht ganz wie in "Sex & The City" - aber manche Dramen und Konflikte sind doch nah an einem Drehbuch dran. Jetzt bleibt nur die Frage, ob es gut wäre, wenn "die Neue und die Ex" aus unserer beiden Leben wüssten, wie wir in Wirklichkeit zu ihnen stehen...viel fairer, als vielleicht angenommen. Aber dann müsste man unter Umständen alle Konstellationen neu machen...und das Leben ist ja schon kompliziert genug ;-)





unsplash-logoCloudVisual