Donnerstag, 19. November 2015

Mein Trivial Pursuit
Warum dein Kind KEIN Terrorist ist

Immer wieder wird diskutiert, welche Ingredientien notwendig sind, um aus einem Menschen einen Mörder zu machen. Im aktuellen Weltgeschehen interessiert uns nicht schlicht "der Mörder", sondern der Terrorist. Wieso tötet er? Und wieso tötet er am Ende nicht selten sogar sich selbst?

Nehmen wir das Argument "Lebensumstände", meist verkürzt auf die Aspekte Armut und Bildung. Wenn das die einzigen Zutaten wären, um Terror zu rechtfertigen, würde die Flüchtlingswelle aus Syrien keinen Sinn machen. Viele Menschen aus einfachen Verhältnissen kommen zu uns, darunter Männer und Frauen, die keine Ausbildung genossen haben oder deren schulische Laufbahn sehr kurz war. Zuwanderer aus der Türkei, aus dem Senegal, aus Somalia etc. - bei vielen gehören Armut und ein geringer Bildungsgrad zu ihrer Realität.
Warum werden sie dann nicht alle Terroristen? Warum fliehen die jungen Männer, statt zu den "Rebellen" zu gehen, wie die Terroristen fälschlicher Weise aufgewertet werden? Sie könnten doch auch Kämpfen für eine andere Welt, für andere Lebensumstände. Sind sie feige?
Umgekehrt müsste eine Vielzahl von aktiven Terroristen enorm einfach gestrickt sein, ohne eine tiefgreifende Form von Alphabetisierung erfahren zu haben. Tatsächlich sind die Terroristen der Anschläge, die die westliche Welt erreichen, das Gegenteil: Hochgebildet, kommen sie aus der oberen Mittelschicht und kennen Armut und Ungerechtigkeit zum Teil nur von Erzählungen oder Urlauben in ihren Herkunftsländern, nicht aber aus ihrer Heimat (USA, Deutschland, Frankreich, Belgien usw.). Demnach machen Geld und Bildung uns nicht per se zu besseren Menschen.

Was ist es dann?


Ein fester Wertekanon! Wenn ich feste Werte habe, stehen diese über meinen Gefühlen. Egal wie religiös ich fühle und bin, wenn jemand meinen Glauben beleidigt, töte ich ihn nicht. Denn das Leben eines Menschen hat für mich einen noch viel höheren Stellenwert als die Anerkennung und Ehrfurcht gegenüber meiner Religion. Wenn mein moralischer Kompass funktioniert, dann treibt mich Hunger nicht mit Macheten bewaffnet durch die Nachbarschaft. Denn vergewaltige ich niemanden, selbst wenn ich es schwer habe, einen Partner für meine sexuellen Bedürfnisse zu finden. Dann lüge ich nicht, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Dann gehe ich nicht über Leichen.
Nein - denn mein Wertekanon ist ein unfehlbarer Kompass und mich von ihm leiten zu lassen hat mich auf lange Sicht noch nie in die Irre geführt.
Indem wir gelernt haben, dass unsere temporären Gefühle nicht entscheiden dürfen über unsere Handlungen (und deren Konsequenzen), haben wir auch gelernt keine Terroristen zu sein!

Terrorismus erscheint nicht nur auf den ersten Blick sinnlos und egoistisch. Er ist es, egal wie oft man ihn sich anschaut. Er ist das extreme Wutgefühl eines unbändigen Kindes, dem alles egal ist. Junge Menschen sind Terroristen, weil sie keine Werte verinnerlicht haben. Weil sie gelernt haben, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen müssen oder dürfen.
Ein Terrorist hat die Kontrolle über sich selbst verloren. Er ist Opfer seiner Gefühle, die ihn so leiten, wie die Gefühle ein Baby. Er schreit, brüllt, schießt. Er fühlt sich erwachsen, weil er Macht demonstrieren kann, weil er für einen Moment Macht hat, aber in Wirklichkeit ist er ein Kind, das die Werte einer funktionierenden Gemeinschaft nicht verinnerlicht hat.

Wenn dein Kind gelernt hat, dass seine Bedürfnisse keine Priorität haben, sondern nur situativ Vorrang gewährt werden kann, und es trotzdem weiß, dass es deshalb nicht unwichtig oder ungeliebt ist, dann wird es kein Terrorist. Nicht ein solcher, wie wir ihn aus dem Fernsehen und dem Kino kennen, und auch nicht ein solcher, wie ihn Michael Winterhoff in seiner 3er Buchreihe über Kinder als Tyrannen [Buch 1: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden"] beschreibt. Ein kindlicher Tyrann und ein erwachsener Terrorist sind sich in vielen Eigenschaften ähnlich. Was sie vor allem vereint ist, dass sie keine Beziehung zu Menschen (bzw zu ihrer Gemeinschaft) herstellen können, in der ihre Bedürfnisse nicht permanent bzw. "optimal" befriedigt werden. Sie tun Dinge, die einen großen Effekt haben, ohne über Nachhaltigkeit oder Konsequenzen nachzudenken.

Wir sollten im Umgang mit unseren Kindern stets unsere Werte heiligen, tatsächlich nach ihnen leben und auch formulieren, wenn wir sie über unsere Bedürfnisse stellen. Etwa "Ich habe jetzt auch keine Lust zur Arbeit zu gehen, aber das ist nunmal meine Aufgabe - und deine Aufgabe ist es zur Schule zu gehen", oder "Ich will auch nicht immer aufräumen und würde lieber tun, worauf ich Lust habe, aber ich finde es wichtig, dass wir uns zu Hause alle wohl fühlen, und das geht nur, wenn es hier einigermaßen aufgeräumt ist". Ein Kind, das die Werte seiner Eltern und seiner Umwelt verinnerlicht hat, hat gelernt seine Gefühle zurückzustellen, wenn wichtige Werte Priorität haben (zB "Mama hat Kopfschmerzen, ich nehme Rücksicht und lasse sie heute in Ruhe" - oder "Papa ist müde von der Arbeit, ich lasse ihn erstmal ausruhen").

Und DAS ist der Grund, weshalb nicht alle Menschen, die in widrigen Umständen leben, Terroristen werden: Weil ihr Kompass funktioniert! Und DAS ist der Grund, weshalb dein Kind KEIN Terrorist wird: Weil du mit Sicherheit ein paar gute Werte in ihm verankerst, und wenn es "nur" die Achtung vor anderem Leben ist!