Montag, 2. November 2015

(Stief-) Eltern sein dagegen sehr...
Wenn ich keine Stiefmutter bin, bin ich dann Glutamat?

Über die Themen Stiefelternschaft, Trennungsfamilien und Singleeltern könnte ich stundenlang schreiben! Wer glaubt, ich sähe mein Patchwork - und Zweitehenleben nur total subjektiv, der irrt sich. Dafür habe ich zu viele Single-Eltern im Freundeskreis, die mit mir ihre Gefühlswelt, ihre Erfahrungen und ihre Gedanken teilen.

Mein Lieblingsgegenüber ist dabei eine meiner besten Freudinnen, die versucht hat mich durchs Studium zu schleifen, bis wir beide einsehen mussten, dass ich einfach nicht rechnen kann. Ihre Tochter ist fast 10 Jahre alt und die Beziehung zum Papa fast genau so lang vorbei. Also auf Papier und in den eigenen vier Wänden, denn auch getrennte Eltern haben eine Beziehung - mitunter für den Rest ihres Lebens. Jedenfalls ist seit er eine Neue hat, eben diese auch ein Thema. Sie - J* - ist irgendwie das Gegenteil von meiner Freundin - was ich gern glaube, denn meine Freundin ist so einmalig, dass "das Gegenteil von" eigentlich immer eine treffende Beschreibung ist. Jedenfalls hat "ihr Gegenteil" ihren Ex nicht nur geheiratet, sie haben sogar einen kleinen Sohn. So klein, dass man sagen kann, "seit neuestem". Und als wir so über Familie, Patchwork und was wem an Einmischung zusteht sprachen, stellte ich ganz nebenbei fest, dass  J* ja jetzt offiziell Stiefmama sei.Das war wieder so ein Moment, in dem man von einem einzigen Blick gepfählt wird. Meine Freundin fragte scharf: "Hä, wieso das denn?! Ich bin doch noch da, ich bin die Mutter!"
Das hat mir zu denken gegeben. Ich fragte leicht in Deckung gegangen mutig:"Wie würdest du sie denn sonst nennen?" - worauf wir beide nach einigem Hin und Her ehrlich keine Antwort wussten. Immerhin ließ sie mich wissen, dass ich eine gute Stief - oder was auch immer - sei. Aber das sei ja eine Ausnahme. Und bei mir sei eh alles ganz anders. Klar, ne?! ;-)
Aber ihr Einwand war berechtigt: Stiefmütter ersetzen doch eigentlich immer die leibliche Mutter. Wenn J* und ich also gar kein Surrogat sind, sondern ein Zusatzstoff: Was kriegt die Suppe dann für einen Geschmack? Und wie nennt man uns dann? Glutamat?

Hmm...ich finde, wir brauchen einen Titel. Zweitfrau sind wir meistens ja auch nicht. "Die Zweite" auch nicht immer. "Die Olle" nur im Auge des Betrachters. Stiefmutter klang mir eh schon immer so böse nach Hexe & Co. In den Club der finsteren Stiefmütter, die ihre Stiefkinder hänseln und greteln, wollte ich nicht. Da hab ich mir immer Mühe gegeben. Aber wie unnötig, oder? Denn ich bin ja nie eine gewesen. Nie ein Ersatz, keine "zweite Mutter". Ich war immer schon einfach - ja was?
Wenn ich heute von "meinen Kindern" rede, ist da ehrlicher Weise ein kleiner Beigeschmack. Die Großen sind 16 und 18 - und irgendwie schmecke ich das Glutamat raus. Ist eben doch nicht echt. Nicht so richtig. Obwohls [mir] schmeckt.

Wenn man jetzt aus der offiziellen Beschreibung des Lebensmittelgesetzbuches liest, was ein Zusatzstoff ist und das 1 zu 1 für Familien übersetzt, dann haben wir ja eigentlich unseren Titel...es lag mir eh auf der Zunge:

Im Sinne des § 2 Abs. 3 des Familiendefinitionsgesetzbuches (FDGB) sind Familienzusatzstoffe alle Stoffe (mit oder ohne Mehrwert), die
  • in der Regel nicht als Familienmitglied gezählt werden sowie auch
  • in der Regel nicht charakteristische Zutat einer Familie sind aber
  • absichtlich
  • Familien nach oder in Trennungen beigefügt werden (wozu unter anderem Auseinanderleben, Tod von Angehörigen, Verlust von Angehörigen, Scheidungen usw.gehören)
  • aus eingebildeten oder ernstzunehmenden Gründen zugesetzt werden und
  • selbst oder durch ihre Aktions- und Reaktionsprodukte mittelbar oder unmittelbar zu einem Teil des Familiengebildes werden oder werden können.

Eben nicht Stiefmama oder Stiefpapa - sondern Zusatzstoff. (*Mein Zusatzstoff wäre dann Kaliumchlorid - ich sehe mich auch als Festigungsmittel und Geschmacksverstärker ;-))