Samstag, 19. Dezember 2015

Mama Gedanken > Erziehung? Warum das denn?!

Penaten: Klebt besser, als sie soll...deshalb NEIN NEIN nicht spielen ;-)

Nachdem ich von einer Leserin auf meinen Eintrag zum Thema Loben hin kritisiert wurde, ich würde mein Kind nicht erziehen, sondern manipulieren, bekam ich Lust über das Thema Erziehung zu schreiben. Ist ja eh heiß, nech?

Zuerst einmal ein paar Fakten zu meinen ´Qualifikationen` (da sie in Zweifel gezogen wurden):

Ich bin eine Mutter von einem 5 jährigen Mädchen. Außerdem seit unglaublichen 8 Jahren und 9 Monaten Stiefmonster..äh...mutter. Wobei wir momentan noch bei einer genauen Begriffsdefinition sind, weil meine Freundin (Ex & Mutter) protestierte, für den Titel müsse die leibliche Mutter tot sein und weil "Mutter" sich seit ein paar Jahren auch irgendwie generell falsch anfühlt. Eher "Mitver-/Sorger" oder - wie hier ausgeführt - "Glutamat".
Außerdem hatte ich eine langjährige Beziehung zu einem Scheidungskind und habe dort die Dynamik einer Scheidung mitbekommen, allerdings aus Kinderperspektive. Und ich selbst war ja auch mal Kind, genau wie mein Bruder. Daher kommt also meine "gelebte" Expertise.
Dann habe ich ziemlich genau 3 Billy-Regal-Boards (oder ein halbes Billy-Regal hoch) Bücher über Kindererziehung, Jugenderziehung, Elterngespräche, Pädagogik, Scheidung etc. gelesen. Rogge, Dolto, Winterhoff und Buebb sind einige bekannte Autoren. Plus ein paar Unibände vom Psychologiestudium zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, Genetik, Epigenetik und Entwicklung über die Lebensetappen (tolles Buch by the way: "Entwicklungspsychologie" von Schneider & Lindberger) gelesen. So ziemlich jedes Buch von Anfang bis Ende, einige davon 2 - 3 Mal.

Ihr dürft also davon ausgehen, dass ich keine Ahnung habe ;-)

Was denke ich mit meiner bescheidenen Meinung zum Thema Erziehung?
Hier ein paar Thesen.

These 1: Erziehung macht keinen Sinn


Ich bin ein naturwissenschaftlich geprägter Mensch. Deshalb glaube ich an Genetik. Und auch an die recht jungen Erkenntnisse aus der Epigenetik. Es gibt da zum einen das großartige Buch "Mein wundervolles Genom" von Lone Frank, die eine dänische Neurobiologin ist und ihre DNA mit allen verfügbaren Tests "ausprobiert", eben mal schaut, was drin ist. Oder dran. An ihr.

Zum anderen hat nicht nur sie, sondern haben viele andere Wissenschaftler, aber auch Pädagogen, erkannt, dass Genetik und Umwelteinflüsse gemeinsam den Cocktail machen, der später aus uns eigenständige Persönlichkeiten macht.
Wie viel Einfluss die häusliche Erziehung hat? Nun - nur so viel, wie die Umstände und unsere Gene zulassen ;-) Wenn ich zum Beispiel mich und meinen Bruder ansehe, eindeutig und unleugbar unter den gleichen Bedingungen groß geworden, würde ich sagen: Unsere Verhaltensmuster, unsere Lösungsstrategien, unsere Art Konflikte anzugehen (und zu überstehen), unsere Art Kontakt zu knüpfen und zu halten, unsere Art Beziehungen zu pflegen und mit Sicherheit auch unsere Art mit Kindern umzugehen sind SEHR unterschiedlich. Wir sind dabei keine Abzugbilder unserer Eltern, auch kein Mix. Wir sind ganz viel die, die wir schon immer waren - bereichert um die Lehr - & Schlüsselerfahrungen, die in uns Muster angelegt haben. Unter Umständen für immer. Unsere Eltern haben einen krassen Beitrag geleistet: Aber er bleibt vor allem im Eltern-Kind-Kontext krass. Wer kennt das nicht? Zu Hause bzw um seine Eltern herum ist man immer ein bisschen so, wie man früher war. Und wir lassen uns von ihnen - egal wie lang wir ihren Flügeln entwachsen sind - auch ein Stückchen weit so behandeln, wie wir es aus Kindheitstagen gewohnt sind. Nicht wahr?
Sicher ist, dass Erziehung im kleinen Rahmen mehr Sinn macht, als im großen Rahmen. Was zu Hause funktioniert, muss in der Kita, in der Schule und später im Erwachsenenleben überhaupt nicht funktionieren. Und umgekehrt. Was zu Hause relevant war, hat vielleicht später keine Bedeutung mehr. Und: Was wir zu Hause nie gezeigt haben, kann sich anderswo zu voller Pracht entwickeln!

Erziehung macht also keinen Sinn, wenn das Ziel sein sollte, einen Menschen zu formen. Das geht nämlich nicht. Weil...Hallohooo...er ist ja schon da! Man kann ihn annehmen, ihn führen, ihn fördern, ihn fordern. Man kann (leider auch) auf ihm herumtrampeln, ihm Steine in den Weg schmeißen, ihm alle Chancen zu Nichte machen: Ganz viel ist von Anfang an da und lässt sich nicht so leicht kleinkriegen.
Ihr wollt eine Beweisführung?
Gewalt. Vergewaltigung. Missbrauch. Vernachlässigung. Scheidungen. Aufwachsen in Pflegefamilien. Adoptionskind sein. Drogen - und Alkoholkranke Eltern haben. Wenn DIESE Faktoren immer Garanten für verkorkste Erwachsene wären, dann wäre die Welt am A....
In Wirklichkeit können sie uns verbiegen - aber sie schaffen eben nicht jeden von uns zu brechen!

These 2: Erziehung macht absolut Sinn


Ja, denn man muss ja nicht nur einen Menschen irgendwie annehmen und anleiten. Sondern man muss auch ein Mitglied formen. Und hier macht der Gedanke der Formbarkeit wirklich Sinn:
Wir sind keine Gesellschaft, in der Egoismus regiert. Wir sind MIT-Menschen. Wir sind eine Gemeinschaft. Wir leben in einer Demokratie.

Und - ganz banal - wir sind keine Supermänner. Wir haben eben nur so viel Kraft. Nur so viele Ressourcen. Ohne Erziehung machen wir schnell platt.
Ganz ehrlich? Wenn Reichtum unendlich und gesichert wäre, ebenso wie Nahrung, Gesundheit, Sicherheit - ja Zufriedenheit im Leben: Wozu sollte man sich dann anstrengen? Sich mit den Bälgern abmühen? Gott ja, dann setzt sie doch auf die Straße, sollen sie doch sehen, wie sie zurecht kommen: In einer Gesellschaft, die wie das Paradies ist, wäre das vermutlich nichts Schlimmes! Aber wir leben nicht im Paradies und wir müssen alle an uns arbeiten. Wir haben Stress, wir haben Krankheiten, wir haben Konflikte, wir haben Sorgen, wir haben Mängel und Macken.
Mama kriegt Hospitalismus, wenn sie sich nicht mindestens einmal am Tag richtig bewegt hat, Papa hört nie zu, wenn er am PC sitzt, Junior will einfach nur seine Ruhe haben, Mini will dauernd bespielt werden, Uni-Junior braucht dauernd Geld. Tja, Antistresspillen sind teuer und Antistressjoggen will zeitlich gemanaged sein. Papa hört am PC nie zu, weil er entweder arbeitet oder einmal abschalten will. Junior will seine Ruhe haben, verdient aber kein eigenes Geld und leistet auch sonst nichts, was ihm das Privileg des eremitären Paschas einräumt. Mini muss lernen sich allein zu beschäftigen, wenn Mama draußen, Papa "innen" und Junior weggeschlossen sind. Und Uni-Junior ist einfach zu alt und bekommt schon monatlich Unterhalt, um sich ständig Geld zu pumpen. Außerdem hat Uni-Junior noch Schulden. OHNE Erziehung, das verspreche ich euch, wäre jede Familie am ENDE. Und jede Gesellschaft auch. Es muss Regeln geben. Angefangen bei der einfachen Regel "Nein heißt Nein". Rücksichtsnahme muss einem beigebracht werden. Kinder sind nicht von Natur aus rücksichtsvoll und schon gar nicht so, wie Familie Müller das braucht. Familie Peters ist da anders, weshalb Herr und Frau Müller auch eine heimliche Krise kriegen, wenn die Kinder von Familie Peters zu Besuch sind ;-)
Benimm und Anstand, Aufrichtigkeit, Konfliktlösung, Geduld, Aufmerksamsein, zwischen einer Regel und einer überlebenswichtigen Regel unterscheiden zu können: Das alles gehört zur Erziehung dazu!
Ob dein Kind sich die Hände wäscht, wenn es ins Haus kommt oder Popel an der Gardine von Omi abwischt - das ist tatsächlich eigentlich egal. Für mich. Und für die Gesellschaft. Und für alle, die es nicht tangiert. Aber ob euer Kind irgendwann versteht, dass jemand der krank ist, seine Ruhe braucht, oder dass Geld nicht unendlich aus Bankautomaten schießt und dass eine Entschuldigung im richtigen Moment ALLES richten kann: Das ist kostbar. Das ist wichtig. Und DAS sind wir unseren Kindern und unserer Gesellschaft schuldig!


These 3: Erziehung ist ein Leben lang wichtig


Definitiv NEIN. Wenn man aus dem Elternhaus abnabelt, beginnt das Lernen. Das ist autonom. Unabhängig. Eigenständig. Man entscheidet selbst, was man lernen will. Erfahrungen sind wie die zwei Pillen in Matrix: Rot und Blau - man muss sich immer entscheiden, welchen Tripp man einwirft. Und mit den Konsequenzen leben. Dass Mama dich trotz deines Talentes nicht ans Musikgymnasium gelassen hat, oder dass deine Eltern nie bei deinen Vorspielen waren ist vorbei! Ja - diese Erfahrungen und Entscheidungen haben dein Leben in eine bestimmte Richtung gelenkt. Aber irgendwann bist du frei. Und wenn du sogar kinderlos bist, kannst du diese Freiheit egoistisch nutzen. Immernoch talentiert? Super - dann gib jetzt alles und mach das, was dir schon immer (vielleicht) bestimmt war. Deine Eltern stehen dir nicht mehr im Weg. Nur noch du.
Es ist eine Medaille mit zwei Seiten: Die Freiheit zu gehen, bringt eben die Verantwortung zu entscheiden mit sich - Lebensschule: Es heißt nicht umsonst so!


These 4: Erziehung ist Manipulation


Ja. Definitiv. Und wer sich, wie mein Mann, mit Erziehung quält, dem sei gesagt: Du bist kein böser Mensch, nur weil du dein Kind erziehen möchtest bzw. musst. Mein Mann ist ein hundsmiserabler Erzieher, ein kasperle "Bad-Cop". Im liebevollsten Sinne überhaupt nicht zu gebrauchen für Erziehung im eigentlichen Sinne. Aber es gibt ja noch mich...und da muss er dann den Ausgleich schaffen, denn "Nix Spaß" - ditte bin ik. Strenge: Die bleibt an mir kleben. Gott sei Dank komme ich aus einem sehr strengen Elternhaus - ich hab ein ganzes Lexikon an Erziehungsmaßnahmen intus.
Ich habe ganz früh gerafft, dass Erziehung vor allem eines bedeutet: Frieden.
Und den muss man sich erarbeiten. Dafür muss man Opfer bringen. Ja - dafür muss man manipulieren. Aber Frieden ist genau das, was jeder in einer engen Lebensgemeinschaft braucht. Frieden ist das, was alle suchen, wenn sie von der rauhen Außenwelt zurück ins Nest gefallen kommen. Und Frieden erlangt man eben nur mit Erziehung. Mit Manipulation.
Bettzeiten, Ordnung, ein Nein akzeptieren zu können, im Haushalt helfen, seine Aufgaben annehmen und erledigen, möglichst wenig Ärger verbocken: Das sind alles Friedensstifter für den kleinen Kosmos, den sich zwei völlig ahnungslose erwachsene Menschen schaffen, wenn sie ein Kind in die Welt setzen. Und noch eins. Und noch eins. Und ... na ja, in Deutschland ja eher nicht mehr.

zum Schluss....

These 5: Kinder sind die Reise wert

Absolut! Ich habe mit 20,5 zwei fremde Kinder mit Herz und Verstand "adoptiert". Mit 25 habe ich ein eigenes Kind bekommen. Und ich fühle mich bereit ein ganz elternloses zu adoptieren. Eines Tages, wenn die Jüngste im Bunde uns nicht mehr als Eltern, sondern als Rückendeckung braucht.
Warum sollte ich mir das antun, schon mit 20.5, wenn ich Kinder nicht für das aufregendste, interessanteste und schönste auf der Welt halte?
Ich bin 30 und freue mich schon darauf Tante, Stiefoma und richtige Oma zu werden. Ich LIEBE Kinder. Kinder - die schicken dich einfach auf eine Reise zu dir selbst, die sind die echte Prüfung. Und wenn du es gut machst: Hast du im Herzen immer Urlaubsstimmung! Dann ist ´da drin` einfach alles gut!


Wer sich zu Weihnachten noch ein bisschen mit guter Lektüre eindecken will, dem empfehle ich hier:

Lone Frank: Mein wundervolles Genom
Andrea Bischhoff: Lexikon der Erziehungsirrtümer
Jan-Uwe Rogge: Kinder brauchen Grenzen, Eltern setzen Grenzen
Prof. Dr. Erath: Wieviel Mutter braucht ein Kind?
Judith Rich Harris: Ist Erziehung sinnlos?

Na dann, frohes Lesen und einen schönen 4. Advent euch,
Eure June

P.S.
Freue mich wie immer über Feedback & Fragen! Ich gebe mir Mühe, auch ernste pädagogische zu beantworten (viell. mit Buchzitaten).