Dienstag, 15. Dezember 2015

Relaxed & Gut: Ganz ehrlich?
Es ist (mir) völlig egal was DU fühlst

...says WHO? -
Elterngefühle auf dem Prüfstand


Dieser Satz dürfte jeder noch so guten Beziehung erstmal den Wind aus den Segeln nehmen. Es sei denn, dein Kind (irgendwas zwischen 10 und 50) hat diesen Satz zu dir gesagt. Denn dann - sorry - hat dein Kind absolut recht.
Nicht nur ist es eine rein faktisch richtige Aussage: Ihm ist mit Sicherheit - zumindest in dem Moment - völlig egal was du, Ma/Pa fühlst. Denn es hat eigene Sorgen. Und Probleme. Und die haben schlichtweg Priorität.
Es ist aber auch eine rein pädagogisch gesehen denkwürdige Aussage. Denn sie impliziert, dass du als Eltern deine Aufgabe nicht richtig machst.
Wieso?
Weil dein Kind dich gerade daran erinnern muss, dass es hier nicht um dich geht, Ma/Pa.

Mir fallen einige Situationen ein, in denen "Deine Gefühle sind mir grade egal" eine sehr angebrachte Signalwirkung haben kann. Etwa in einer Scheidung. Als Passivgeschiedene bin ich sprichwörtlich durch die Passivehehölle und den Passivrosenkrieg gegangen. ES.WAR.KACKE.
Interessant war, wie sehr bei allen beteiligten Erwachsenen das Kindeswohl (scheinbar) im Mittelpunkt stand - es aber immer wieder alle Beteiligten schafften, straight am Kindeswohl vorbei zu handeln. Was für uns eine handfeste Krise ist, kann den Kids unter Umständen wirklich ziemlich Jacke wie Hose sein. Was für uns dafür banal ist, kann für die Kids existentiell bedrohlich wirken.
Ein [Hand-aufs-Herz-fiktives] Beispiel: "Na großartig: Dein Vater hat mal wieder seinen Unterhalt nicht pünktlich gezahlt!" Während auf der einen Seite grade die Emotionen überkochen, erhält man auf diese Aussage unter Umständen nur ein müdes Schulterzucken, so nach dem Motto Na und? Eine Minute später: "Mama, kannst du mir Geld leihen?" - "Von was denn?" ...na? Richtig: Katastrophe!
Ja, deine Wut ist nicht meine Wut, Ma/Pa. Und umgekehrt. Oder hat man viel Verständnis für den eben noch völlig teilnahmslosen Teenie, nur weil ihm fünf Minuten später einfällt, dass ihm nun 10€ für ein Eintrittsgeld fehlen (die er sich umständlich von woanders her organisieren muss)? Nein - wir finden vermutlich die 10€ und die verpasste Party inklusive all der verpassten Teenagerbergundtalfahrten ziemlich lächerlich. Was ist schon ein Abend verpasster Chancen gegen einen Monat voll Stress und Rechnungsschieberei?

Nicht fair - aber ce la vie. So ist das eben. Und das ist - ehrlich - auch gut so.

Man stelle sich nur vor, unsere Kinder würden wirklich so fühlen (exakt!) wie wir in unseren Krisen. In unseren Downphasen. In unserer Erschöpfung, Frustration, Müdigkeit, Gestresstheit. Wäre das nicht schrecklich?

Wenn Opa stirbt, ist vielleicht die Frage, ob er auch im Anzug zur Beerdigung kommt, relevanter, als die Tatsache, dass Opa weg ist. Wir haben unseren Vater verloren - unser Kind muss erst einmal begreifen, was eine Beerdigung ist.
Wenn wir heiraten (mit Kind), dann gehen wir Risiken und Nebenwirkungen ein: Hochzeit - das ist ein lebenslanges Versprechen, das wir einer uns völlig fremden und hilflos ausgelieferten Person machen. Unser Kind kann da nüchtern feststellen: "Nach der Hochzeit darf man nicht mehr tauschen."
Und auch eine Scheidung (dieses mal ,Hand-aufs-Herz, ein Zitat) kann für Kinder unterschiedlich schmerzhaft sein. "Ich liebe Mama leider nicht mehr." Tja, das ist manchmal einfach nicht der Knackpunkt. Denn: "Aber was ist mit mir? Liebst du mich denn gar nicht mehr?" Stimmt - verlassen tut man viel viel mehr, als nur den Partner an seiner Seite oder die alte Familienidylle. Man verlässt auch andere Menschen - und manche von ihnen empfinden dieses Verlassenwerden auch genau so.

Ja, als Ma/Pas müssen wir einfach damit leben, dass unsere Gefühle relativ irrelevant sind. Solange wir die Kinder mit unseren Gefühlen nicht echt belästigen, gehören unsere Gefühle in unsere Lebenswirklichkeit. Je älter die Kinder sind, desto mehr. Unsere Aufgabe ist es, auf die Gefühle unserer Kinder auch dann einzugehen, wenn sie echte Gefühle sind und nicht mehr nur reine, leicht zu identifizierende Bedürfnisse. Wenn unsere Kinder einfach keinen Freund abkriegen, obwohl alle einen haben - dann ist es egal, dass wir unser Kind mit 9 sowieso viel zu jung für einen Freund halten und die anderen Kinder für ziemlich überdreht oder frühreif. Das können wir einfach für uns behalten.
Wenn unser Kind Torschlusspanik mit 9 schiebt, müssen wir das ernst nehmen.
Und wenn nur und allein aus dem Grund, damit unser Kind weiß, wie das ist: Ernst genommen werden. Sich in seinen Gefühlen angenommen fühlen. Zu wissen, dass man jemanden hat, der einem wirklich zuhört. Und wirklich für einen da ist.
Das wäre nämlich die ideale Grundlage dafür, dass unser Kind später mal einen Partner findet, der diese Dinge genauso handhabt, wie wir. Denn darauf - das wette ich - legt es bei guter elterlicher Vorarbeit mit Sicherheit viel wert!

Wenn ihr also jemals den Satz "Ist mir doch egal" auf ein "Hast du dir schonmal überlegt, wie ich mich dabei fühle?" zu hören bekommt, entspannt euch kurz. Denn selbst wenn, ja SELBST WENN euer Kind das wüsste - hätte es nach wie vor wenig Relevanz.

Und das ist - im Großen und Ganzen - gut so.

P.S. Das ist keine Aufforderung NICHT über seine Gefühle zu reden - sondern meine Art euch zu sagen, den Kindern nachzusehen und zuzugestehen, dass eure Gefühle ihnen nicht (so) wichtig sind ;-)