Donnerstag, 28. Januar 2016

PhiloJune
Ich habe so viel Stress
Die Mathematik der Burnoutgeneration

Nicht mal im Zirkus klappts mit 6 Bällen


"Heute ist alles viel leichter, als früher".
Ich weiß nicht, was dieser Satz soll - aber er ist keine große Hilfe. Ja, man kann sich sagen, dass man keinen Grund zu klagen hat. Dass heute alles leichter ist. Waschmaschine statt Waschtrog und so. Aber das heißt nicht, dass alles leichter ist. Das wäre so, wie zu sagen "Die Medizin ist heute viel besser, als früher,deshalb ist heute keiner mehr krank". Es stimmt nicht, wir sind trotzdem nicht gesünder. Wir sind nur anders krank. Obwohl ich im Abitur bewiesen habe, dass ich Mathematik so gut beherrsche, wie Russisch (ich kann kein Russisch), mangelt es mir nicht an Logik. Das passt übrigens wunderbar ins Bild: Ich kann zwar nicht rechnen, das heißt aber nicht, dass ich nicht rechnen kann.

Passt mal auf!

Wir nennen mein fiktives Pärchen mal Anne und Sven.
Anne hat eine Ausbildung. Oder studiert gerade. Oder macht beides. Wir fassen das mal unter "Anne ist beschäftigt" zusammen. Weil ich Bälle mag, darf Anne den "Anne ist beschäftigt Ball" tragen.
Einen Ball tragen ist leicht!
Dann lernt Anne Sven kennen. Anne ist verliebt. Dann ist sie mit Sven zusammen. Dann beginnt das, was ich Beziehungsarbeit nennen würde. Diesen Ball werfe ich ihr auch zu. Kann man beides tragen. Dann wollen Anne und Sven leben. Also gut. Reisen, Wohnen, Essen, Verabredungen, Social Life, Ausgehen. Nennen wir das mal Luxus. Luxus ist so ne schön runde Sache, wie Bälle. Den werfe ich Anne jetzt auch zu. Drei Bälle balancieren? Na, dann eher jonglieren.
Macht Anne ganz passabel.
Nun kommen aber noch die anderen Lebensaspekte dazu. Zum Beispiel die Wohnungsgröße, - lage, - ausstattungskosten. Die Versicherungs - und Lebenshaltungskosten. Die Mobilitäts-, Kommunikations- und Medizinkosten. Um ehrlich zu sein, muss man diesen Kosten auch ein bisschen Gravitation geben. Weil die ja irgendwie unfreiwillig sind. So ein bisschen. Und außerdem Sorgen machen. Also wird der nächste Ball entsprechend schwerer. Ich tendiere zu Medizinballgröße - und schwere. Fang, Anne! Ha, fast hätte sie einen anderen Ball fallen lassen. Weil, den Medizinball MUSS sie tragen. Und oben halten. Wie geht das mit den anderen drei Bällen? Hm...zum Beispiel, indem sie den Medizinball einfach auf den Kopf legt und dort balanciert. Anne ist ja noch jung, das macht so ein junger Körper und Hals noch mit. Hoffentlich wird dat Ding nich schwerer mit den Jahren, was, Anne? Dann wird Anne schwanger. Gott sei Dank von Sven, sonst hätten wir gleich zwei Bälle draus machen können. Wir bleiben der Einfachheit halber beim Sven-Modell. Kinder sind irgendwie anstrengend, aber eigentlich auch total schön. Wenn man Glück hat, sind sie sogar so richtig richtig schön. Also finde ich, sollten die von Luftballons repräsentiert werden. Aber, um der Aufgabe gerecht zu werden, von Heliumluftballons. Nur, weil alle Eltern wissen, dass man die ständig im Auge haben muss - sonst fliegen sie einem aus der Hand. Gut, Anne hat von mir aus zwei Heliumluftballons, drei Bälle und einen Medizinball. Das ist ihr Leben. Die Heliumbälle, die drückt sie mal mit den Füßen runter, mal klemmt sie sich die unter die Achseln, mal lässt sie sie ein bisschen im Abseits rumsegeln, sie hat ja die Rückholleine. Mit denen ist sie gut beschäftigt, aber sie kriegt das hin, irgendwie, das Jonglieren mit den drei Bällen, das Tragen des Medizinballs, und das Spiel und die Arbeit mit den Heliumbällen. Alles gut? 6 Bälle = 1 Leben. Faire Mathematik?
Na ja, fast.
Weil: Sven teilt sein Leben zwar mit Anne. Aber er trägt auch seine 6 Bälle. Ja: Heute arbeiten beide und verdienen gemeinsam für einen Haushalt. Aber es bleibt trotzdem "jedem sich sein Ball". Nur die Heliumkids - um die müssen sich beide kümmern. So in echt. Real. Weil die Heliumbälle das so brauchen. Und weil es alleine eigentlich nicht wirklich gut geht. Und wenn man so eine Beziehung hat, dann muss man sich gut überlegen: Wirft man sich die Bälle nun eigentlich auch noch gegenseitig zu? So "Hej, ich hab grad Helium-Benni, hast du Helium-Ida? Mein Medizinball ist übrigens irgendwie ganz schön schwer, ich krieg von dem Hals - und Kopfschmerzen. Wie siehts bei dir aus? Du kannst auch nicht so gut jonglieren?" Hm...was macht man da?
Viele legen erstmal den Luxusball weg. Weil: Auf Luxus kann man verzichten. Anne und Sven einigen sich darauf, den Luxusball flach zu spielen. Die kicken den so ein bisschen unaufmerksamer und ein bisschen lustloser als sonst hin und her. Aber dafür sind die Hände nun frei, nun kann man den "Beschäftigt Ball" und den "Beziehungsarbeit" Ball bequem in einer Hand tragen, der Medizinball wird vom Nichtjonglieren auch weniger zum Gewicht und die Heliumkids teilt man sich weiterhin auf. Aber, das Leben ist ja wie es ist, nech?
Aufgaben können schwerer werden. Bälle können, trotz guter Führung, zu Boden fallen. Wegkullern! Oder sich in Einzelteile auflösen...aus je mehr Bestandteilen die Bälle bestehen, desto mehr Nähte, desto mehr Risikostellen. Nehmen wir an, es rieselt Beziehungssand aus dem "Beziehungsball", nehmen wir an, der Stress beginnt seinen Tribut zu zollen und der Medizinball wird noch schwerer , nehmen wir an, es läuft grad nicht so mit dem "Beschäftigt Ball"; was direkte Auswirkungen auf den noch schwerer werdenden Medizinball hat, nehmen wir an, all dies sorgt dafür, dass der Luxusball plötzlich gar nicht mehr gekickt wird, sogar droht wegzurollen, nehmen wir an, das führt dazu, dass noch mehr Sand aus dem Beziehungsball rieselt und die Heliumballons gefährlich oft aus den Augen verloren werden: Dann hat man modernen Stress!

Manche Menschen finden 6 Bälle irgendwie nicht spannend genug. Die brauchen noch den "Weltschmerz" - Ball. Und den "Selbstverwirklichungsball". Und die haben auch so eine "Perfektionismusballpumpe", mit der sie auch noch regelmäßig den Luftdruck von jedem einzelnen Ball in ihrem System erhöhen. Und weil das Leben immer mal mit fiesen Manövern aufwartet, passieren irgendwann Ballwechsel, die schier unmöglich zu bewältigen sind:
Plötzlich rollen einem alle Bälle einer verstorbenen Person entgegen. Dann muss man sich um die kümmern, jeden einzelnen aufheben und schauen: Wie und wann kann ich den so entsorgen, dass ich meinen Seelenfrieden finde? Oder Anne oder Sven können beim besten Willen den Medizinball einfach nicht mehr tragen, nach 10 - 15 Jahren. Steifer Nacken, Halswirbelverrenkung, chronische Kopfschmerzen. Das kommt vor.

Was dann?

Ich sags euch: Wenn Anne und Sven nicht früh lernen, zu teilen - ist es unter Umständen irgendwann zu spät. Dann rattert und fliegt einem alles um die Ohren. Dann kriegt man Burnout oder irgendwas anderes. Einfach, weil allein alles zu viel ist! Das merkwürdige an unserer Gesellschaft ist, dass wir uns alles zutrauen und uns gegenseitig den Rücken stärken, im Sinne "Du kommst da durch", "Du schaffst das!", "Ich glaube an dich" - aber jemandem Last vom Rücken abnehmen, jemandem helfen einzusehen "Vielleicht schaffst du das doch nicht", "Vielleicht solltest du mal ruhiger treten", "Vielleicht ist das jetzt nicht so wichtig" - das können wir nicht.
Ich finde das nicht rücksichtsvoll. Ja, wir leben unglaublich vernetzt. Aber so wie ich das sehe, sind hier echt unglaublich viele Einzelkämpfer unterwegs. Selbst in langen Beziehungen sehe ich immer wieder diese "Anne jongliert ihr Leben - Sven seins" - Tendenzen. Obwohl wir uns mit so vielen Menschen, Freunden, mit Kollegen und Partnern umgeben: Bleiben wir oft allein.
Wir sind es nicht - wir tun einfach Dinge, die dazu führen, dass wir sie alle allein regeln müssen.
Wir glauben, es ist partnerschaftlich alles gemeinsam zu entscheiden: In Wirklichkeit sorgen wir nur dafür, dass jeder alles mittragen muss. Jeder hat für alles "seinen Ball". Es ist nicht mehr so, dass Anne ihr und Svens A macht, weil sie das weniger stresst und Sven dafür Annes B mitorganisiert, weil er das schneller und besser kann, als sie. Nein, heute macht jeder gemeinsam Seins.

Wenn ich merke, dass es meinem Sven schlecht geht - dass er irgendwie mit dem Tragen seines Medizinballs nicht mehr zurecht kommt, dann bin ich nicht genervt. Dann bin ich nicht ungeduldig mit ihm. Dann erwarte ich nicht, dass er mal schnell wieder klarkommt. Selbst wenn ich ihn mit Ratschlägen bombardiere und er sie nicht befolgt: Ich kümmere mich um ihn. Ich nehme ihm Lasten ab. Ich helfe ihm. Ich erwarte von Sven nicht, dass er sein ganzes Leben lang perfekt ist. Dass er immer ein souveräner, erwachsener, alles schnell lösender Sven ist. Weil ich weiß, dass das nicht geht. Sven hat mir vielleicht auch schon mal geholfen, schon Lasten abgenommen, schonmal beide Heliumbälle und den Medizinball allein geschultert, damit ich eine Woche mit dem Luxusball verbringen und zu mir kommen kann. Hat er bestimmt. Weil er auch von mir nicht erwartet immer perfekt und souverän zu sein. Das geht nämlich nicht.

Und deshalb ist heute unter Umständen gar nichts viel leichter als früher. Im Gegenteil. Wir können uns viel ungehemmter und viel schneller Stress machen, als früher. Die Wäsche ist nach einer Stunde getan: "Früher war alles schwerer" - das heißt, man hat jetzt 6 Stunden Zeit mehr zu tun! Früher war man bis zu 7 Stunden mit Wäsche beschäftigt. Da wusste man aber, was man getan hat. Heute ist man jede Stunde mit etwas anderem beschäftigt. Und alles ist gleichwichtig. Und alles muss gut balanciert, perfekt jongliert und ohne Schwäche durchgetragen werden. Und wehe, man lässt mal ein wenig locker. 6 Bälle, oder 10, oder 12 - egal wie viele: Das geht nur für eine Zirkusnummer dauerhaft gut!

Stellvertreter-Anne, Stellvertreter-Sven: Ihr habt mein ganzes Mitgefühl.
Nichts ist leichter. Alles ist nur anders schwer. Ich weiß das!

P.S. Teilen, Abgeben, Delegieren, Aufhören, Neinsagen und dem anderen auch mal was Abnehmen: Könnte heilsam sein!

Donnerstag, 21. Januar 2016

Mein Trivial Pursuit
Affront oder Realität: Wir schaffen das

"Wir schaffen das!" - das ist Merkels Appell an Deutschland und an Europa in der derzeitigen Migrationskrise, der sich der ganze Kontinent ausgesetzt sieht. "Wir schaffen das", sagt unsere Kanzlerin eindringlich, und dabei schwingen zum ersten Mal ihre Christlichkeit und ihre Emotionalität mit. Doch in Krisenzeiten sorgen sich die Menschen nicht um gute Vorsätze, hohe Moral oder Nächstenliebe: Sondern um ihre Haut. Um ihr Leben. Um ihre Zukunft. Wie kann man diese Krise schaffen, wenn wir nicht Härte und klare Grenzen zeigen? "Wir schaffen das!" - ein Affront, oder doch Realität?

Ich denke da....

an die hunderttausenden jungen Männer, die einen Krieg erlebt haben. Die jahrelang Schreie, Elend, Armut, Blutvergießen und Furcht kennengelernt haben. Entweder aus den Nachrichten über ihre Nachbarstadt, aus dem entfernten Bekanntenkreis, oder ganz nah: In der eigenen Stadt, der eigenen Familie oder gar am eigenen Leib. Hunderttausende junge Männer, die traumatisiert und verstört, unter Umständen verroht und mit einem zerstörten moralischen Kompass in die ziviliserte Gesellschaft drängen. Hunderttausende, die grade mal geschafft haben, erwachsen zu werden, die noch grün hinter den Ohren und dennoch vernarbt und geschunden im Inneren sind. Die sollen wir aufnehmen?
Wie die USA damals, nach Vietnam? Die posttraumatischen Belastungsreaktionen der jungen Männer, teilweise Jungs, die aus einer politisch aufgepeitschten Region (den USA) in einen Vernichtungskrieg entsandt wurden, wo sie Männer, Frauen und Kinder töteten, bis ihnen klar gemacht wurde, dass sie einen falschen, einen schlechten Krieg führen, bis sie von Erlösern zu Tätern gemacht wurden, bis ihnen ihr Idealismus als falsche Schlange ausgelegt und wie ein Strick um den Hals gelegt wurde, die posttraumatischen Belastungsreaktionen dieser Männer hat Amerika vor eine Jahrhundertaufgabe gestellt.
Männer, die Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet, Unschuldige im Minenfeld Spießrutenläufe haben laufen lassen, Männer, die die zersprengten Körper ihrer Freunde und Kameraden in Händen hielten: Diese Männer sollten Teil der Zivilisation werden. Sie kamen in Scharen von Hunderttausenden zurück, mehr als eine halbe Million Männer, die alles verloren hatten - am Ende sogar ihr Ansehen in dem Land, das sie erst in die Hölle Vietnams entsandt hatte.
Es waren schwere Zeiten. Es waren harte Jahre. Die US Regierung hat lange gebraucht, um die Soldaten in Frieden Ruhen zu lassen. Die Gesellschaft noch länger. Sie anzunehmen, sie zu integrieren und ihnen eine Perspektive geben, nachdem das Blut Unschuldiger und ihrer Freunde an ihren Händen klebten: Das war eine unglaubliche Aufgabe. Aber sie musste bewältigt werden! Sie musste, denn es waren amerikanische Männer, Väter, Brüder, Söhne. Und: Amerika hat es geschafft!
Ich sage nicht, dass alles perfekt in Amerika ist - ich sage nur: Vietnam ist heute nicht mehr die Krise, die sie Ende der 60ger Jahre war. Amerika ist nicht mehr das Land, das es 1960 war. Es ist besser. Es ist gewachsen.
"Wir schaffen das" - ja: Eine Gesellschaft muss das schaffen können. Es geht nicht anders. Sie muss!

So, wie eine um ihre Männer betrogene Frauengesellschaft 1945 ein Land in Schutt und Asche aufräumen und wiederaufbauen musste. Gute und schlechte Männer, junge und alte, sie sind gestorben, vernichtet, getötet worden. Oder sie gehörten zu einem System, dass die schlimmsten Greuel unseres jungen historischen Gedächtnisses systematisiert und ermöglicht hat. Sie waren Anführer oder Mörder, Soldaten oder Söldner. Wer sollte diese Männer lieben? Wer sollte ihnen ein Zuhause geben? Einen Schoss, um dort Liebe zu erfahren und eine Zukunft aufzubauen? Wer wollte Bett und Haus und Hof teilen mit Mördern, oder Feiglingen, oder beidem? Ein Strom von Flüchtlingen, nämlich Vertriebenen aus Deutschland, reist zurück. Sie haben unter Umständen Jahrzehnte außerhalb ihrer nun zerbombten Heimat verbracht. Alles ist knapp, von allem ist zu wenig, als zu viel da. Aber es gab da niemanden, der uns so helfen wollte, wie wir es gebraucht hätten. Deutschland in Glanz und Gloria? Das mussten wir machen. Das mussten wir schaffen. Und:
Wir haben es geschafft! Wir haben 5 Millionen Männer im Krieg verloren, wir haben 2 Millionen Zivilisten verloren - und an uns haftete die Schuld den Genozid an einer ganzen Kultur, an einem ganzen Volk verantworten zu müssen. Wir mussten das schaffen, wir mussten da durch. Und wir mussten da raus. Es waren harte Jahre, sie waren unbequem und unehrlich. Individualität war Luxus, was zählte war ein Volk zu sein, Zusammenzufinden und Zusammenzugehören in Zeiten der Not.
"Wir schaffen das" - ja: Unsere Gesellschaft hat größere Krisen überwunden, gemeistert und aus ihnen gelernt. Wir sind nicht nur wieder eine Gesellschaft, die in Glanz und Gloria viele andere Nationen in den Schatten stellt: Wir sind auch eine Gesellschaft, die die Verantwortung für einen Genozid übernimmt - dieses Mal in umgekehrter Sachlage. Dieses Mal helfen wir, ihn zu verhindern!
Schaffen wir das? JA! Wir müssen. Wir können. Wir sollten.

Die Auflösung der DDR, Weltwirtschafts - und Bankenkrisen, geplatzte Immobilienblasen, Flutkatastrophen: Wir haben schon Bedrohliches erlebt. Wir haben unsere Krisen angenommen. Wir haben unsere Krisen akzeptiert. Wir haben unsere Krisen bewältigt.

Deutschland, wie jedes andere starke Land, ist kein Kind von Unschuld. Es ist - schon gar nicht - ein Kind! Wir sind ein erwachsener Staat. Wir sind groß. Wir sind eine Macht. Wir haben uns etwas erarbeitet. Wir haben eine neue Moral und ein neues Gewissen. Wir sind die Gutmenschen! Wir sind nicht Hitlers Nachfolger, wir sind nicht sein Erbe. Wir sind keine Opfer, uns haben weder der 2. Weltkrieg, noch die Bürgerrevolten der 60/70ger Jahre, noch Weltwirtschafts- und Bankenkrisen, noch geplatzte Immobilienträume oder Naturkatastrophen, noch irgendeine rechte oder linke Gewalt, noch die Einwanderung von Migranten oder Kriegsflüchtlingen der letzten 60 Jahre! noch die vielen Zahlungen ans Ausland in Milliardenhöhe, um dort Buße zu tun oder in Krisen zu helfen: Uns hat NICHTS das Rückgrat gebrochen, wir sind an NICHTS kaputt gegangen, uns hat NICHTS in die Knie gezwungen -

und ihr wollt mir sagen, wir schaffen das nicht?!
"Wir schaffen das" - ist die eine große Wahrheit, die wie eine Prophezeiung über unserem Land liegt. Es ist die eine große Gewissheit, die wir haben. Wir wissen nicht, wie, wir wissen nicht, wann. Wir wissen nur "Wir schaffen das!" Und angesichts all dessen, das wir bewältigt und geschafft haben, sollten wir diesen Satz mit Stolz und Mut sagen. Und nicht in Zweifel ziehen.

Wir schaffen das. Weil wir Europäer sind. Weil wir erwachsen sind. Weil wir Deutschland sind!


Mittwoch, 20. Januar 2016

Relaxed&Gut
Freiheit trotz Gefangenschaft (0.5 x ;-))

Innerer Frieden: So geht das

Manchmal braucht man einen Szenenwechsel. Manchmal ist dafür aber einfach kein Geld da.
Was tun?
Was Ghandhi getan hätte: Seinen Peinigern mit äußerster, hochkonzentrierter Ruhe und Gelassenheit gegenüber treten. Wenn in der Erziehung alles durcheinander fliegt, einfach auf den inneren Mönch berufen. Fühl, wie du brennen könntest für eine bessere Welt, in der sich einfach mal benommen wird. Lass die innere Wärme in dir aufsteigen, fühl ihr nach, bis dein negatives Gefühl runtergebrannt ist und als kleine Rauchsäule im Nichts verpufft: Werde frei. Werde frei.
Ah - Entspannung pur, oder nicht?

Gib dieser inneren Einkehr einen Namen, damit das ewige Gefrage "Was hat Mama/Papa denn?" endlich aufhört. Sag einfach: "Ich mach grad inneren Urlaub, ich bin kurz weg". Hat sich das eingeschliffen, weiß deine Familie was dieser nach innen gekehrte, debil~beseelte Blick bedeutet, dann reicht auch ein "Urlaub" und alle kapieren, dass man dich da drin jetzt nicht stören kann. In dir drin bist du unangreifbar. In dir drin bist du frei.

Ich probiere das jetzt. Bin ja nicht der Typ für langes Mich-Selbst-Quälen oder Rumrumoren, der Post von gestern ist Gefühl von gestern! Agieren heißt Leben. Also agiere ich gegen die paar Unvermeidbarkeiten und Unabänderlichkeiten aus der Jugend-& Kinderszene an, indem ich mich innerlich stark und frei mache. Erst einmal muss man dafür ja die richtige Wortwahl finden, ihr wisst ja: Man wird, was man denkt. Also ging "Ihr könnt mich alle Mal" nicht - weil das unsympathisch, unerwachsen und fies ist. Will ich alles nicht sein. Also lieber "Ich bin im Urlaub". Ja - ich bin allein im Urlaub! Und das ist nicht die Insel "Wünsch dir was" oder "Es ist nur eine Phase" - nein, das ist Deine Insel. Da geht´s nur um dich. Ein Resort für dein inneres "Me-Time".
Ihr ahnt, wie man aus so einem tollen, eingebildeten, inneren Luxusurlaub zurückkommt?
Entspannt. Glücklich. Mit aufgeladenen Batterien. Bäume-ausreißen-Stimmung ist da angesagt!
Wenn dann wieder ein Kind mit einem unvermeidbaren Umstand kommt, buche ich einfach kurz ein Ticket für eine Reise nach "Umstandslos und Frei".
Umstandskarnickel sind ja die Kinder, weil sie nicht (zu)hören und deshalb ständig irgendwelche Umstände schaffen. Und Freiheit, echte: Die gibts eh nur in der Einbildung!In Wirklichkeit ist das ja so ein "vom Regen in die Traufe" Ding. Erst merkt man nicht, dass man nicht frei ist, weil man ein kleines Kind ist, dann merkt man es und findets richtig, dann findet mans blöd, dann will man da raus, dann darf man da raus, dann packt einen die richtige Welt, dann muss man plötzlich alles Mögliche worauf man keinen Bock hat, dann merkt man plötzlich erst, wie wenig frei man so allein ist, dann findet man vielleicht jemanden, mit dem man sich die Unfreiheit teilt und bildet sich ein, alles sei dadurch leichter (mit Glück, wenn das nicht so eine/r ist, der/die einem die eigene Unfreiheit auch noch aufhäuft) und dann irrt man sichnoch gewaltiger und denkt "Aha, so ist frei und erwachsen sein also" und dann glaubt man, so bleibt das und dann kriegt man Kinder und dann fängt dat janze von vorn an, nur umgekehrt. Am Ende kommt dann die Rente, wer Glück hat, genießt sie, und dann kommt die Gesundheitsfalle (äh...Krankheitsfalle) und dann fühlt man sich gefangen im eigenen Körper und dann kommt der Deckel. Klingt pessimistisch. Aber man darf das eben nicht so sehen. Das ist was Ghandhi konnte. Oder Jesus, als er am Kreuz hing. Man muss wissen, wie das große Ganze gemacht und gedacht ist. Man muss verstehen, was man leistet und warum. Und man muss diese große innere Ruhe finden, damit man am Kreuz nicht zappelt und alles noch schlimmer macht. Damit man im Gefängnis klüger, weiser und zufriedener wird, bescheidener auch auf eine Art.
Und wenn man das kann, dann kann dir eigentlich keiner was.
Also dann...ich packe meinen Koffer und nehme mit: Was zum Schreiben, alle meine Fotos und Familienfilme, eine Tonne Schokolade von Lindt, von mir aus was Gsundes, und einen guten Kaffee. Tschüss!



Dienstag, 19. Januar 2016

Mama Gedanken
Ich will das Reden wieder zurück!


Es gibt Tage, wie diese...und es gibt Jahre, wie diese. Gut, 2016 ist jung. Aber es fängt so an, wie 2015 angefangen, weitergemacht und aufgehört hat. Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiep! - das war eine sehr drastische Immitation der kommunikativen Leere, die sich in unserem Hause auftut, wenn es um unsere Großen geht. Meine Mutter ruft an und fragt mich: "Na, wieder Full House bei euch?" - denn der Lärm, der hier herrscht, wird meistens von Besuchern (& uns) fabriziert. Wir labern und lärmen eben gern. Wir sind Sesselphilosophen und Spaßdiskutanten, bei uns wird jedes Thema durch den Kakao gezogen, jedes "Aber" als Herausforderung verstanden und angenommen und jede, aber auch jede Geschichte, wird bei uns ernst genommen und durchgesprochen. Wir wissen deshalb viel von unseren Freunden, und unsere Freunde wissen vermutlich sogar ein bisschen zu viel von uns. Aber wir sind halt offen. Wozu hat man ein Herz, ein Hirn und eine Zunge, wenn man nichts davon zeigen und nutzen darf? Na also.
Wenn ich an die Pubertät und Jugend denke - und mich an meine zurückerinnere - dann stelle ich mir Konflikte vor, auch mal Ausraster, Stellungskriege - aber auch stundenlanges Besserwissen und Heißdiskutieren am Esstisch oder im Sessel, belehrende Weltverbesserungsmonologe von den Youngsters, vielleicht auch mal kritische Reflexionen über unser Leben.
Wir haben stattdessen: Stille.
Eine so schreckliche Stille, dass mein Mann - der liebste Vaddern auf der ganzen Welt - an seinen Vaterqualitäten zweifelt. Dabei muss er das nicht - sie werden ja gar nicht eingefordert. Von ihm zu verlangen, sich wie eine Mama zu verhalten, wäre ja auch merkwürdig und strange - diese Kinder haben genügend Mutter und Großmütter, und eigentlich auch mich, um mit ihrer mütterlichen Fellpflege rundum zufrieden zu sein. Vaddern ist der klassische "Ich richte euch auf", "Ich helfe euch, eure Probleme zu bewältigen", "Ich lösche die Kacke, die am dampfen ist", "Ich regel das schon irgendwie" - Papa. Einer, der viel weiß und viel erklären kann und viele Sorgen wegdiskutieren könnte. Einer, der unglaublicher Weise schafft seinen Kindern einen riesigen Vertrauenskredit einzuräumen, von dem sie fleißig große Batzen abheben können, ohne dass in ihm irgendwas wankt und wackelt. Eigentlich....denn uneigentlich wollen die so einen Papa wohl nicht. Eher noch eine Mama. Noch jemanden, der sich viele viele Sorgen macht. Noch jemanden, der viel Angst um die beiden hat. Noch jemanden, der ihr Händchen hält und ihre Seele streichelt und sie wie ein Kind behandelt. Dass er, dass wir, uns einen erwachsenen Umgang hier zu Hause wünschen, dass scheint irgendwie als Affront anzukommen. Wenn wir Eigenverantwortung sehen wollen, hauen sie ab. Wenn wir Vorschläge machen, wie sie ihre Probleme selbst lösen können, holen sie sich von woanders anderen Rat. Auf jedenfall befolgen sie nie nicht unseren. Wenn wir ihnen ihre Sorgen ausreden wollen, stellen sie uns in eine "Ihr habt ja gut reden, euch gehts ja auch gut" - Ecke und winken ab. Die wollen irgendwie jemanden haben, der sorgenvoll ist. Der auch viele Sorgen und Ängste hat. Jemanden, der ihre Sorgen nicht zerstreut, und der sie nicht mit ständigem Optimismus und Machbarkeitsglauben in den Wahnsinn treibt.
Tja - und deshalb redet hier keiner mehr. Während wir mit unseren Freunden bis zum Anschlag reden und uns kaum voneinander lösen können, während sich am Wochenende Freunde die Türklinke in die Hand geben oder wir von einer Einladung zur nächsten radeln - herrscht innerhalb der Kernfamilie doch ein ganz trauriges, stilles "Mit dir red ich nicht". Ich bin ganz traurig, dass man so prokeln und popeln muss, um überhaupt irgendwas in Erfahrung zu bringen. SO habe ich mir dieses Jugend - und Erwachsenending nicht vorgestellt. Das Handy ist Schuld, könnte man anfügen. Das ist ja tatsächlich immer an - und so manche begonnene Unterhaltung wird jäh unterbrochen, weil plötzlich aufgestanden und in ein anderes Zimmer gegangen wird, um dort ungestört zu schreiben - oder weil plötzlich nur noch auf den Bildschirm gestarrt wird. Dann bekommt man keine Antwort mehr. Und steht resigniert auf, um irgendetwas Langweiliges weiterzumachen. Auf jedenfall langweiliger, als zu reden.

Reden - das war immer unsere starke Seite. Unser verbindendes Element. Laber by nature.
Ich will das wieder zurück! Ich will dir zuhören, wenn du erzählst, und ich will, dass du dich in den Ring schmeißt. Mit mir, mit uns, mit Vaddern. Es kann doch nicht sein, dass die wichtigsten Menschen in unserem Leben die einzigen sind, die uns nichts zu sagen haben?
Oder ist das so?
Soll das so?
Muss das so?

"Seit wann interessierst du dich dafür, was mir wichtig ist, Papa" war letztens eine merkwürdige und völlig unerwartet kommende Attacke. Aha - ein Konflikt?! Aber nein. Einfach in den Raum gesagt. Da konnte man nicht mal einen kleinen Haken anbringen, glitschig wie´n Stück Seife. Keine Chance. Da bekommt man Vorwürfe - die man natürlich mega unberechtigt findet, wer ist denn hier ein echter Mann und Vaddern?! (eben keine Mama) - und will reden, doch nicht einmal ein Vorwurf führt zu irgendwas.

Während wir beide und unsere Jüngste (oh nein, wird die auch mal so...? Bitte nicht!) vor Energie und Laberrei platzen, sackt das Jungvolk ton- und wortlos um uns herum. Ich fühle mich um zwei Köpfe betrogen, hier hängen immer nur zwei Hautsäcke in Klamotten rum....wo seid ihr nur hin?

Nochmal: Ich will das Reden wieder zurück!
Schnell!

Verflixte Kackpubertät - und blöde Handys - und blödes Nichtweichundheiteiteimuttersein...
Verfluuuuuuuucht!






....ja.....

Montag, 18. Januar 2016

Mein Trivial Pursuit
Andere Eltern, andere Sitten

Zuckersüß & mit messerscharfem Verstand: Amalah

Ach man: Schon wieder wird mir eine meiner vielen verpassten Chancen bewusst, mehr aus meinem früheren Babyalltag mit meiner Jüngsten zu machen. Interviews! Wie großartig ist das bitte?! Ein Baby als Interviewpartner - es gibt immer wieder was Neues! Dieser Vater hats auf jedenfall voll raus: Ich finde seine Shortmovies teilweise nur grandios. Ich urteile auch an dieser Stelle nicht darüber, ob der frühe und unfreiwillige Fame seiner kleinen Tochter positiv oder negativ ist, nein, an dieser Stelle feiere ich seinen Humor und die Zauberhaftigkeit seiner Tochter!

Viel Spaß & einen schönen Start in die Woche!
Liebe virtuelle G´s
June


Samstag, 16. Januar 2016

PhiloJune
Wie Sexualisierung Sexualität ruinieren kann




Angenommen du bist ein normaler Mensch (nach Weststandard). Wirst geboren, hast zwei Eltern, beide sind irgendwie immer anwesend, durchläufst die Kita ohne seelische Schrammen, die erste Schulzeit ohne seelische Schrammen und landest in der Pubertät. Pubertät - das ist bei normalen Menschen auch und insbesondere die Zeit des sexuellen Erwachens. Man muss nichts wachkitzeln oder wecken: Das kommt ganz von alleine. Und mit diesem ziemlich unvorhersagbaren Hereinbrechen sexueller Gefühle wächst die Neugier.

Gespräche über Sex, die man mit "Als deine Mutter und ich..." begonnen hat und die mit "Iiiiii - ihr hattet Sex?!" jäh abgebrochen wurden, gehören schon eine Weile unschuldigen, vergangenen Tagen an. Will man diese jetzt führen, wird es sehr peinlich - entweder für die Eltern "Äh, ich habe schon seit einem Jahr Sex?!" oder für die Kids "Ich habe dir mal diese Broschüre über Safer Sex und eine Packung Kondome gekauft...du weißt doch, wie man Kondome benutzt?" - nein, in der Zeit des sexuellen Erwachens gehört Sex zu einem Experimentierfeld, um das sich Mythen und Sagen ranken und das den Kids allein bestimmt sein sollte.

Leider leider gibt es das Internet - und in ihm Antworten auf viele ungestellte Fragen.
Wie ein Gangbang aussieht lernt man da. Oder Verführung von Minderjährigen (hoffentlich nur rein optisch). Wie Oralverkehr geht. Wie Mangas mit Halbmann - Halbfrau- Körpern Sex hätten, wären sie echt (obwohl: So haben solche Mangas dann wohl Sex). Und auch "Tierdokus" gibt es zu sehen. Da kann man so viel machen, wie man will (sollte man aber trotzdem): Der beste Schutz zu Hause kann nicht verhindern, dass andere Kids andere Eltern haben. Und mit ihren Handys machen und sehen können, was sie wollen.

Und dann beginnt der Holzweg, auf dem sich einige befinden. Der Holzweg, der Jugendliche dazu verleitet, allein Sex zu haben. Allein - vorm PC. Oder vorm Handy. Sie sind derartig fasziniert und extatisiert und sexualisiert von all den gewollten und ungewollten Bild - und Tonangeboten im Internet, dass die echte Sexualität einfach an ihnen vorbeirauscht. Da draußen sind echte Menschen, mit echten Gefühlen - aber die frühe und stundenlange Sexualisierung durch pornographisches Material macht die Kids zu ihren eigenen Pornodarstellern. Sie haben Darstellersex. Sie sind traurige Akteure einer surrealen Sexwelt, die nichts, aber auch gar nichts, mit dem zu tun hat, was sie erleben werden oder erleben könnten, wenn sie in die echte Welt hinausgingen und dort Erfahrungen sammeln würden. Sexualität hat nämlich etwas mit Bindung zu tun. Ich meine das nicht altmodisch, man muss dafür keine Beziehung haben oder gleich heiraten. Aber schon allein der Akt der Partnerwahl, das Kommunizieren über Blicke, Körpersprache und Worte, das Erfahren und Erspüren der Wünsche des anderen und der eigenen Wünsche: Das alles hat eben mit "Bindung" zu tun. Mit Zwischenmenschlichkeit.

Ich erzähle euch das, weil ich weiß, wovon ich rede.
Ich war mindestens so naiv, wie mein damaliger Freund, als ich und er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihn waren und wir dabei zufällig auf eine Anzeige von einer Pornodrehbude aufmerksam wurden. Die boten einen Ausbildungsplatz für Filmbearbeitung an. Ich fand das witzig und kam mir sehr emanzipiert und selbstbewusst vor, meinem Freund das zu erlauben. Es war ein Riesenreinfall - und hat definitiv zum Ende unserer Beziehung beigetragen. Er hat noch emotional ungeschützter, als die Kids vorm PC, ein Bombardement mit Sextainment erlebt. Jeden Tag nackte Frauen und Männer. Jeden Tag dieselben Szenen schneiden und vertonen, vor - und zurückspulen, bis jede Sekunde passt. Jeden Tag beim Dreh helfen, in den Drehpausen Drinks anbieten, künstliche Körperflüssigkeiten anrühren, Öl und Gleitmittel reichen. Jeden Tag sich selbst erniedrigende Frauen und komplett hirnlose Männer bei der Arbeit sehen (ich war 3-4 Mal in dem Laden und habe ihn auf Arbeit besucht, dann hatte ich darauf keinen Bock mehr, aus vielen Gründen!) und das Gefühl nicht loswerden, dass das gar kein Sex ist, den man da sieht, sondern eine traurige Halbwahrheit davon. Da war keine Erotik in der Luft. Die Männer hätten von Maschinen ersetzt werden können, die Frauen waren wie Vieh. Es war irgendwie deprimierend und - obwohl ich das nicht erwartet hatte - oft sehr sehr eklig. Und mein Freund? Sagen wir so: Eine normale Sexualität ist schwer umsetzbar, wenn man nur noch "Fertigsex" im Kopf hat. Wenn man süchtig nach Coca Cola wird, schmeckt einem ein frischer Kräutertee einfach nicht mehr. Coca Cola macht krank, ein Kräutertee kann heilsam sein: Die Metapher ist in diesem Zusammenhang wahrer, als ihr euch vorstellen könnt!

Und während unsere Kids den traurigen Halbwahrheitensex im Internet konsumieren und auf dem Holzweg der einsamen, voll durchautomatisierten, ereignislosen, vorhersagbaren, komplett atmosphärefreien und - ich wiederhole es gern - einsamen! Sexualiät dahinstolpern, vergraben sie tief in sich drin die junge, aufkeimende Sexualität, die voller Aufregung und Freude, voller Steigerungsmöglichkeiten und Zwischenmenschlichkeit auf ein Gegenüber wartet. Sexualisierung ruiniert Sexualität. Hoch sexualisiert, kann normale Sexualität unter Umständen nicht einmal mehr ausreichend stimulieren. Es geistern Bilder durch den Kopf, die einem den Fokus auf den Moment rauben. Wo bist du, wenn du Sex hast? Bist du voll anwesend? Gehst du im Moment auf? Siehst du, spürst du, weißt du, mit wem du da zusammen bist? Bedeutet es dir etwas, dass dieser Mensch für dich da ist, dir Vertrauen und Hingabe schenkt? Merkst du das?
Während die Palmwedler ihren durchchoreographierten, unechten, Halbwahrheitssex in ihrer Einsamkeit herunterlaiern und dabei unrealistische Erwartungen und Bilder in ihren Köpfen und ihren Herzen auftürmen, wie Mädchen im Bezug auf Schönheit mit ihren nahezu surrealistischen Modemagazinen und dem Dauerabo auf GNTM, verpassen sie das Wahre.
Die ganze, vollkommene Schönheit von Sex mit jemandem. Nicht irgendjemandem, sondern jemandem. Kein Oxytocin, das einen sich geliebt und gemocht fühlen lässt, keine Umarmung, kein Kuss, der einem Zuneigung und Wärme schenkt, keine Gesten die Zueinandergehören und einander achten und schätzen bedeuten: nada. Necesse. Niente. Nichts! Unterm Summenstrich der Sexualisierung steht eine große, fette, kahle NULL.
Und das Traurige daran? Dass es Männer gibt, die all diese schönen und besonderen Momente hatten, die freiwillig den Holzweg der Einsamkeit und stupiden Autochoreographie einschlagen und dabei ihre sexuelle Energie dem echten menschlichen Wesen in ihrem Leben entziehen. Statt sich auf das, was sie haben, voll und ganz einzulassen - distanzieren sie sich, um mit sich allein zu sein. Was für ein trauriger Sex ist das? Kein ganzer, kein echter. Ein Laiendarstellersex. Sie sind sich nicht einmal bewusst, wie traurig das ist, so eine Null als Erfüllung ihres Sexlebens zu empfinden. Eben "besser als das Echte".
Wer sich aber auf das Echte nicht mehr einlässt, oder gar nicht erst beginnt darauf einzulassen - der wird von der Sexualisierung zu nichte machen, was das Tüpfelchen auf dem i einer jeden, normalen zwischenmenschlichen Beziehung ist: Die Sexualität!

Ehem.....
Amen ;-)

Freitag, 15. Januar 2016

Mama Gedanken
Über das "Schauspiel" Mobbing

Kurzinterview über Mobbing bei Elternwissen.TV



Nachdem ich in "Ich Opfer - Über Mobbing" einen Ausschnitt aus persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema preisgegeben habe, möchte ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen und quasi laut denken. Die letzten zwei Tage habe ich schonmal leise geübt und meine Denkaussetzer immer wieder mit Lesestoff überbrückt. Meine Ergebnisse teile ich gern mit euch und bin sehr gespannt auf euer Feedback!

Ich nehme kurz vorweg, dass Mobbing aus Rache, verletzter Eitelkeit oder Wut hier nicht zählt. Diese Art der fortdauernden Schmähung und Beleidigung, bis hin zu gewalttätigen Übergriffen, ist irrelevant, da das Motiv eindeutig ist. "Du hast mir das Herz gebrochen, jetzt werde ich dich dafür büßen lassen" - ja, sowas gibts.
Aber was ist mit scheinbar unschuldigen Opfern? Was ist mit Kindern, die für ihre Opferrolle nichts können? Die niemanden provoziert haben, niemandem das Herz gebrochen haben, niemanden beleidigt haben? Warum werden sie zu Opfern? Was fordert die Täter heraus?

Schule als kleine Lebensbühne des Mobbings

Was ist der Unterschied zwischen einem Dorf und einer Großstadt? 
Die gigantische kulturelle Vielfalt in der Stadt verglichen mit dem Dorf! 
Was ist der Unterschied zwischen einem Dorf und einer Schule?
Die gigantische kulturelle Vielfalt im Dorf verglichen mit der Schule!
Wie viel Platz ist in der Schule für "das ist anders"?
Wie viel Platz ist in der Stadt, ja in der Welt für "das ist anders"? 
Richtig! Und damit fängt alles an.

Verglichen mit einem Dorf ist die Schule eine kleine Gemeinde. In dieser kleinen Gemeinde gibt es Vereine. Clubs. Und Mitgliedschaften. Keine davon ist kostenlos, oh nein. Jeder muss seinen Beitrag leisten. Weil von ca. 12 Schuljahren im Schnitt 8 unter erschwerten Bedingungen stattfinden - nämlich während der Vor-/Pubertät - leidet der Zusammenhalt der ganzen Gemeinde enorm unter den emotionalen und geistigen Einbrüchen ihrer Mitglieder. Und somit leiden auch die einzelnen Gruppen darin.

Die erste wichtige Frage eines jeden Schülers ist: Wo will ich dazugehören?
Je jünger der Schüler, desto einfacher die Antwort: Zu allen. Ja, man möchte im Prinzip von allen gemocht werden und Anerkennung erfahren.
Je älter die Schüler werden, desto schwieriger wird es: Dann hat man Lieblinge, Vorbilder, Ideale. Aber man hat auch mitgebrachte Werte, Prinzipien und Interessen. Und natürlich ganz eigene Gefühle und Vorstellungen von Moral, oder Gerechtigkeit. Auch Humor und Loyalität legt jeder ganz individuell aus. Mancher noch individueller, als andere.
Wie ist das also: Wenn man gern zu den It-Girls gehören will, aber leider ihre Gefühle, ihren Humor und ihre Interessen nicht teilt? Wie ist das, wenn man eine bestimmte Person beeindrucken will, die offensichtlich nicht die gleiche Einstellung zu Moral und Gerechtigkeit hat? Wem ordnet man sich unter, wem vertraut man, wem schenkt man sein Herz, wem setzt man klare Grenzen?
Und wie wirkt das insgesamt?

Nehmen wir mich als Analysegrundlage, wo ich mich ja eh schon "nackig" gemacht habe.
Ich war supersportlich. Ein Leistungssportler. Aber ich war auch ein Mädchen. Und ich wollte das auch sein, ein beliebtes. Ein umschwärtmes. Jetzt musste ich entscheiden: Wenn ich hübsch sein wollte und beliebt, musste ich darin Zeit investieren. Und ich musste eben "so sein", wie ein Mädchen. Verletzlicher. Feinfühliger. Empfindsamer. Ich war aber kampflustig. Ich habe mir nie Sorgen um abgebrochene Fingernägel beim Sport gemacht. Mein Körper war groß und schwer - ich sah eh nicht aus, wie das, was mit 14 heiß begehrt ist: Also nahm ich meinen Körper an, wie eine Maschine. Maschine & Mädchen? Kampflustig & verletzlich? Sport oder Shoppen? Verdammt!
Das geht nicht.

Es geht weiter: Loyalität ist ein hohes Gut in einer Gruppe. "Zu wem stehst du?" Ich hatte nie Bock auf diese Art Loyalität. Verdammt - das funktioniert aber nicht so einfach. Man kann sich nicht mit den "Losern" gut verstehen und gleichzeitig mit den "Siegern". Und wenn, dann muss man den Spagat gut hinbekommen, das habe ich aber nicht geschafft, weil ich ja selbst drohte (und es auch immer wieder tat) in das Losertum abzurutschen. Also war ich mal gut Freund mit ihnen, mal peinlich berührt von den "Losern". War natürlich damit selbst der Oberloser, denn: Hätte ich einfach treuen Herzens gesagt "Wir drei sind jetzt Freunde und dann kann uns der Rest egal sein", wäre ich vielleicht glücklicher gewesen. Hätte ich vielleicht richtig gute, tolle Freunde gehabt. Dauerhaft.

Dann: Typisch pubertäres Verhalten. Was, wenn man das einfach nicht mitmachen will? Wenn man weder Lust hat mit den Mädchen bei jedem Treffen, wirklich jedes Mal, stundenlang, über die immer gleichen Typen oder die immer gleiche Tussi oder das immer gleiche Problem zu reden? Immer und immer wieder? Oder wenn man keine Lust hat, zu rauchen, wenn man Alkohol nicht probieren will, wenn man nicht vom 10er springen und auch nicht in das abgesperrte Fabriksgelände mitgehen möchte: Wie sehr gehört man dann eigentlich überhaupt dazu? Verletzt man damit nicht alle Regeln des Zusammenhalts? Einer für alle, alle für einen? So war ich: Ich wollte auf Parties, aber ich blieb komplett nüchtern. Wenn am nächsten Montag alle von ihren Abstürzen berichteten und sich blamierten, lachte ich nicht nur mit, ich lachte über sie - und das wussten sie, denn ich hatte es live und nüchtern erlebt. Nicht wenige geben mir heute noch, als Erwachsene!, zu verstehen, dass sie mit mir nicht gut ausgehen können, weil sie ja eigentlich trinken wollen, wenn ich aber nichts trinke, dann würden sie sich unwohl fühlen, usw usf. Tja - da will man Spaß haben und macht den ganzen Spaß gar nicht mit. Das ist ja, wie den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlen und sich trotzdem immer am Buffet bedienen. Geht also auch nicht gut.

Und was, wenn man sich doch überwindet? Wenn man entgegen allem (seiner Werte, seiner Gefühle, seiner Prioritäten...) mitmacht? Einen Joint raucht? Gemein zu jemandem ist, den man eigentlich mag? Alkohol zu einer Party mit Minderjährigen bringt, obwohl man das nicht tut? Gut, dann macht man einen Schritt auf die Gruppe zu - aber man geht vielleicht viele Schritte von sich selbst weg. Von seiner Mitte. Auch scheiße. 

Dann gibt es natürlich Menschen, die entsprechen einfach nicht dem angesagten Schönheitsideal. Oder sie sind nicht schlagfertig, oder nicht lustig. Langweilig zu sein ist glaube ich eine todsünde unter Schulkids...selbst ein ehemaliger Lehrer aus unseren Kursen machte sich damals mal über einen unserer langweiligen Mitschüler lustig. Das Problem dieser Kids ist, dass sie auch keine Nische finden. Keine Gruppe. So viele ruhige (also langweilige) Schüler gibts nicht in einer Klasse. Oder Behinderte. Oder chronisch Kranke. Oder zu kurz geratene, oder zu lang geratene. Oder stark verpickelte oder stark müffelnde oder stark behaarte oder stark verhungerte oder start überfütterte...meistens steht man irgendwie allein da.

Das ist der Unterschied. Wenn wir es aus der Schule rausschaffen, dann ist da plötzlich die Welt. Da gibt es so viele große und kleine, dicke und dünne, schöne und nicht so schöne, smarte und schlichte, risikofreudige und sicherheitsliebende Menschen - da braucht man sich nicht mehr einsam und isoliert zu fühlen. Die muss man nur suchen - und wird sie vermutlich finden. 

Sobald man aber wieder in Kreise, wie Büros oder Bürogemeinschaften, eintritt - beginnt unter Umständen der alberne Mobbingcirkel von neuem. Ja, auch Erwachsene mobben sich! Und wie. Mobbing ist keine Frage der Reife, sondern der Positionierung. Sobald Gruppenbildung für uns Menschen relevant wird, wird die Frage relevant: Zu wem stehst du? Bist du Veganer? Willst du Karriere machen und wirst irgendwann unser Vorgesetzter, oder bleibst du einer von uns? Willst du hier nur blau machen oder dich wirklich engagieren? Hast du Interesse an uns, oder verdienst du hier nur deine Brötchen aber dein Leben spielt woanders? usw.

Was kann man da also tun? Und Obacht - das gilt für Schulkinder/kids wie Erwachsene!

1. Darüber reden 
Nur ein benanntes Problem kann auch bewältigt werden

2. Das Ausmaß/ Die Ernsthaftigkeit feststellen
Kann das Opfer unter Umständen allein mit der Situation fertig werden?
Wie sehr leidet das Opfer? Ist es total isoliert oder betrifft das negative Verhalten nur Einzelne?
Können aufmunternde Gespräche helfen, muss die Schule eingreifen oder benötigt das Kind schon professionelle Unterstützung durch eine psychologisch geschulte Person?

3. Am Ball bleiben
Immer wieder einschätzen (gemeinsam), wie die Lage sich verändert hat. Auch Erkundigungen von außen einholen (Lehrer, andere Eltern, Freunde fragen, ob sich die Situation verbessert hat). 

4. Realitätscheck
Ja - den hätte ich immer wieder gut gebrauchen können, damals. Mein Gott, was habe ich mich damals gequält. Und habe nie wahrgenommen, wer wirklich zu mir steht. Wer mich wirklich mag. Ich hatte es einfach nicht drauf, Teil einer Gruppe zu sein - ich war immer Teil von jemandem. Meine Realität bestand so sehr aus der einen Wahrnehmung, den Fokus auf die, die mich nicht mochten oder die mich ausschlossen, dass ich keinen Schwerpunkt dort setzen konnte, wo ich willkommen und gern gesehen war. Merkwürdig...dafür habe ich keine Erklärung, aber vielleicht hilft es, sich dessen bewusst zu werden. Ich glaube, wir haben alle mal diese "das Gras ist auf der anderen Seite grüner" - Momente. Aber - Gras bleibt Gras. Die Frage ist, was du draus machst!

Für weitere Infos habe ich diese Seiten im Web gefunden:

Beratung4Kids


Sehr interessant: Wahre Geschichten & ihre Lösung in Mobbingleaks


Ich hoffe, das hat euch tatsächlich ein wenig die Augen geöffnet. Mir schon, weil ich immer nur die Anderen im Fokus hatte. Die, die mich betteln und all mein Geld für sie ausgeben ließen. Die, die mir das Gefühl gaben, nichts wert zu sein. 

Die letzten 2 Tage habe ich begriffen, dass die Schule auch nur ein Dorf ist. Ein verdammt kleines. Und dass ich darin meine Rolle gespielt habe - und deshalb auch zu eben dieser Rolle beigetragen habe. Mit meinen Entscheidungen, welche Spiele und Regeln ich akzeptiere und welche ich ablehne, mit meiner eingeschränkten Wahrnehmung wer meine Freunde waren und mit meinem Wunsch, Teil von Gruppen zu sein, die weder meine Werte, Ansichten, Interessen oder Gefühle teilten, war ich Teil meines eigenen Problems.

Vielleicht gilt das nicht nur für mich als ehemaliges Mobbingopfer. Nachdenkenswert ists auf jedenfall.


Mittwoch, 13. Januar 2016

Mama Gedanken
"Ich Opfer" - Über Mobbing


Milhouse von "The Simpsons" - ein Vorbildopfer

Über dieses Thema wollte ich schon lange schreiben. Mobbing in der Schulzeit - vermutlich betrifft das fast jeden. Ich bin kein "fertiger" Experte, aber weil ich ein Praktikum in meiner eigenen Pubertät absolviert habe (Praktikum, weil ich die meiste Zeit versucht habe, dieser zu entfliehen) und in diesem beide Seiten eingenommen habe (Opfer und Täter), kann ich mitreden. Durch die beiden Großen kam das Thema auch aktuell wieder auf, und auch meine kleine Tochter erlebt erstes Mobbing.
Hier teile ich mit euch also meine Erfahrungen - und was ich anders machen würde oder gern anders gemacht hätte.

Meine Opferrolle & was ich opferte

Als (kleines) Kind war ich super beliebt. Meine gesamte Kindheit hindurch. Jungs und Mädchen mochten mich gleichermaßen, ich habe mich akzeptiert und angenommen gefühlt. 
Dann kam die Schule und mit ihr die Probleme. In der Grundschule wurde sich über meine Hautfarbe lustig gemacht. Ich glaube, das Schlimmste war damals, dass sich überhaupt jemand über mich lustig machte. Das war in dieser Form ganz neu: nämlich regelmäßig, über einen langen Zeitraum und ohne Rücksicht auf meine zunehmend verletzten Reaktionen. Mein erstes Mobbing also.

Zuerst waren das nur zwei Brüder - ich glaube Zwillinge - aus der Nachbarklasse. Aber bald wurden es mehr. Ich war unglücklich, weinte, erzählte es meinen Eltern. Die setzten sich für mich ein. Eine kleine "Sitzung" wurde veranstaltet, meine Klassenlehrerin erklärte meinen Mitschülern und mir, wie sie mich behandeln sollen - dass wir alle gleich sind. Danach war meiner Erinnerung nach Ruhe. Ich glaubte schnell, dass die beiden Brüder offenbar dumm waren - denn ihnen fiel nichts Neues ein, um mich zu ärgern. Vermutlich reagierten sie sich danach an Mädchen mit Brille ab. Damals stufte ich die Erfahrung als "Ausnahme" ein. Sie schadete mir nicht.

In der  Pubertät änderte sich das. Ausnahmen wurden zur Regel. Ihr denkt jetzt vielleicht "Oh nein, Ausländergejammer". Aber nein - es ging um banale Dinge UND ums Aussehen. Die Vielfalt, einander emotional zu verletzen nahm zu. Und ich wurde leider zum Teil des Systems.

Aber von vorn: Ich war Spätzünder. Das heißt, die anderen Kids waren entwicklungstechnisch in Mach3 an mir vorbeigerast. Während einige Jungs und Mädchen schon erste Grabbeljagten durch die Klassenzimmer veranstalteten, spielte ich noch mit Barbies und las Hanni und Nanni. Nagellack und Makeup wurden ausprobiert, da fand ich noch Faschingsschminke toll.

Im Prinzip wuchs ich einfach nur, aber ich reifte kaum. So war ich bald größer als die meisten Mädchen, aber ich blieb eines, während sie von Mädchen zu Mädel mutierten. Ich weiß noch, wie ich von Freundschaft zu Freundschaft stolperte, keine war mehr von Dauer, immer trat man in irgendwelche Fettnäpfchen, weil alles plötzlich ein strenges Geheimnis war und es herrschte ein unglaublicher Stress zwischen einzelnen Mädchengruppen. Bei den Jungs war es auch nicht besser: Ständig wurde aufeinander rumgekloppt, meistens aus Spaß, manchmal im Ernst, und Mädchen wurden systematisch ausgeschlossen, es sei denn, sie waren begehrt oder willig oder wie ein Junge.
Ich probierte schon allein auf Grund meines Aussehens bald Kategorie C. Mit 184cm und einem stolzen Gewicht von 87kg überragte ich nicht nur an Körpergröße die meisten meiner Mitschüler. Und das mit 15!
Ich wurde Bongolippe geschimpft. Im Bus wurde anonym (oder einfach nur feige) von hinten an meinen Zöpfen gezogen (meine Mutter flocht mir regelmäßig Zöpfe, um den Fro zu bändigen), einmal wurde mein Ranzen und der eines noch schlimmeren Mobbingopfers geöffnet, und meine Bücher und ihre Brotdose wurden entnommen. Während meine Bücher quer durch den Bus flogen, schmierten sie ihr das alte Schulbrot ins Haar. Die Angriffe kamen immer von hinten, wir sahen nie, wer es war. Sie weinte, ich kochte vor Wut. Ein Dauerzustand.

Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich mich oft geprügelt. Da war eine unbändige Wut in mir, und insbesondere die blöden Jungs liebten es, mich aus der Reserve zu locken. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich wie ein Stier von den Matadores solange gereizt wurde, bis ich auf dem Schulhof ausrastete. Manchmal weinte ich aber auch nur. Leise. Ich habe nie geschluchzt. Wenn mein Turnbeutel von Junge zu Junge flog, da weinte ich. Aber manchmal, da schlug ich. Ich glaube, als ich das erste Mal so richtig verknallt war, änderte sich das. Da war mir mein "wie ein Junge" sein peinlich.
Ich begann meinen Körper zu verhüllen und versuchte, cool zu sein. Ich überhörte das krachende Stampfgeräusch, dass die Jungs immer dann machten, wenn ich an ihnen vorbeiging. Der Spitzname Bonzilla (eine Mischung aus meinem Kindheitsspitznamen "Bonnie" & Godzilla) war so verletzend, den habe ich mir bis heute gemerkt. Und dass ich auch nie einen einzigen Liebesbrief oder "Willst-du-mit-mir-gehen?-Ja-Nein-Vielleicht" - Zettel bekam schlug definitiv auch Wunden. Ich fühlte mich hässlich, klobig. Ich wollte auch klein sein. Auch blond und blauäugig. Auch süß. So wie die Mädchen, die immer umworben wurden.
Ich fiel auf diverse Gemeinheiten niederträchtiger Mädchen herein, die es genossen meine Naivität und Unsicherheit im Umgang mit ihnen und den Jungen vorzuführen. Und ich ließ es zu, dass die It-Girls mich als Lakeien benutzten, nur als Buchträger und Geldspender konnte ich überhaupt bei Ihnen ´abhängen´.

War ich ein besserer Mensch, als sie?
Nein.
Hatte ich die Gelegenheit nach unten zu treten, nutzte ich sie. Das war äußerst selten, denn in der Hackordnung lag ich ja quasi schon am Boden und eigentlich wollte ich mich mit der handvoll anderer Opfer solidarisieren. Aber ich landete manchmal gute Witze und Humor galt was bei den Jungs - womit hätte ich auch sonst punkten sollen? Also wurde ich schlimmer, als die anderen: Ich wurde unehrlich. Während ich im einen Moment noch aufmunternd und freundschaftlich mit meinen Leidensgenossen umsprang, verdrehte ich die Augen und kniff mir gekünstelt die Nase zu, wenn ein Junge, den ich mochte, vorbeiging. Natürlich so, dass ich glaubte, meine Mitleidenden sähen mich nicht. Armselig, aber wahr.
Lästerten die It-Girls über andere, machte ich mit - nur um mich später zu den anderen zu gesellen, denn wirklich Zeit mit mir verbringen wollte ja keine. Traurig.
Doch den niedrigsten Punkt der Armseligkeit erreichte ich, als ich mit ungefähr 14 begann auf Menschen herumzuhacken, auf denen man einfach nicht rumhackt. Auf denen nicht einmal die fiesen Typen herumhacken. Ich machte mich über einen Behinderten lustig! Er war in unserer Klasse und eigentlich nicht geistig behindert - obwohl seine Eltern ihm mit der merkwürdigen Spok-Mecke keinen Gefallen taten - sondern körperlich. Ihr könnt euch vorstellen, wie das sein muss: Teenager ohne Schließmuskel zu sein? Mit Windeln im Unterricht sitzen und nicht aufhalten zu können...wenns kommt, dann kommts?

Ich weiß nicht genau, was ich gesagt habe...aber ich erinnere mich, wie ich im Sportunterricht jedes Mal, wenn wir im Turnen über die Böcke sprangen bei diesem Jungen sowas wie "Arschbombe" oder "Stinkbombe" rief. Es war demütigend - mehr für mich, als für ihn. Ich glaube, er hasste mich - und er hat total Recht damit gehabt. Wenn ich ihn heute träfe, würde ich mich sofort bei ihm entschuldigen.

> Falls du das liest, Daniel...ich war so sehr versessen darauf wahrgenommen zu werden, dass ich dabei nach jedem Strohhalm griff. Sorry - und ich hoffe, der medizinische Fortschritt hat auch bei dir Wunder bewirkt!!! <

Jedenfalls damals...damals, als ich im Dreck der Armseligkeit badete, pfiff mich mein Sportlehrer plötzlich zu sich. Ich vergötterte diesen Mann. Er respektierte und achtete mich: ich war das sportlichste Mädchen der Klasse. Vielleicht sogar der Schule. Und immer engagiert und voll dabei. Ich war keine Zicke. Aber das, was ich da abzog...
"Bonnie, was machst du da?" wollte er wissen. Es war eine der peinlichsten Fragen meines ganzen Lebens. Ich hätte instant-losheulen können. Ich riss mich aber zusammen.
"Ich weiß nicht" - ich glaube, so antworten sie alle mit 14.
"Das hast du doch nicht nötig, ich hätte mehr von dir erwartet". Dieser Satz hat sich eingebrannt. Ich schwöre, irgendwo auf meiner Seele ist ein Tattoo, da steht der, weiß auf Schwarz...auf diesem schwarzen Kapitel aus meinem Leben eingebrannt. Die wenigen Worte, die er an mich richtete, veränderten mich für immer.
Ich blieb fortan "draußen", ich gab auf, dazugehören zu wollen. Nie wieder wollte ich so tief sinken. Ich begann trotzig zu werden. Das ging am leichtesten, in dem ich einfach alle anderen für dumm und/oder zickig hielt. Und mich natürlich, also meinen Kopf, für besonders. Meinen Körper nahm ich als Maschine an, da er mir keinerlei andere Vorteile als beim Sport brachte.
Ich begann mich als "die Außenseiterin" zu definieren. Als die, die halt anders ist.
Jahre später im Abitur, nachdem ich die Schule gewechselt hatte (im Prinzip aus genannten Gründen: Ich fühlte mich dort nicht wohl), wurde ich von meinem Jahrgang in einer Umfrage folgendermaßen gevotet (jeweils 1. Platz):

Durchgeknallt
Rebellisch
Fremdwortfetischist

Wohlgemerkt: Wir haben beim Voting nicht gegendert - ich habe also auch meine männlichen Kollegen ausgestochen. Interessant ist, dass ich immerhin mit Platz 3 für "Model" und "berühmt" gevotet wurde. Hätte mir das einer gesagt, als ich noch 14 war, hätte ich mich totgelacht. Vielleicht wirklich.

Traurige Wahrheit ist: An meinem Selbstbewusstsein musste ich noch VIELE Jahre weiterarbeiten.
Obwohl meine Mitschüler mich anscheinend gut fanden (ich war auch unter den Humorvollsten und Stimmungskanonen), hübsch und klug und sogar meinten, ich könne mal berühmt werden, war ich tief in mir drin immernoch ein gebrochenes Seelchen. Ich freute mich, aber mein Selbstbewusstsein war ein Modellbau, der darauf wartete, endlich Wirklichkeit zu werden.

Ein Beweis dafür liefert die erste Seite in meinem Abijahrbuch. Ich glaube, das ist der damals mit 18 Jahren fast armseligste Akt im Bezug auf mein ganzes Leben. Obwohl ich den Beweis in Händen hielt, dass ich sowas nicht nötig habe, fälschte ich Einträge. Alle sammelten damals Unterschriften und letzte Worte bei ihren Lehrern und Mitschülern. Ich weiß nicht, ob ich das irgendwie verpennt habe oder ob mir das zu affig war...aber weil ich nur einen einzigen Gruß drin hatte, fingierte ich die restlichen 5. Ich habe heute noch Mitleid mit meinem damaligen Ich.



DAS macht ständiges Mobbing (u.U.) aus euch. Man zweifelt an sich - egal wie viel Bestätigung man dafür erhält, all das Negative und all die negativen Gedanken als nichtig abzutun. Man ist dünnhäutig und wenig widerstandsfähig. Man fühlt sich dauerhaft ungeliebt und kann überhaupt nicht glauben, wenn man dann doch mal geliebt wird. Warum? Aus welchen Gründen? Das will man immer wieder hören. Das muss man immer wieder hören. Weil man es einfach nicht versteht. Mobbing macht einen krank. Es zermürbt einen. Es verändert einen. Man tut Dinge, die man nie tun würde. Am Ende nimmt man sich vielleicht das Leben.

An alle Eltern da draußen: Wenn ihr wisst, dass euer Kind mobbt - macht es wie mein Sportlehrer! Sagt ihm, dass ihr besseres von ihm erwartet. Ein starker, selbstbewusster Mensch hat nicht nötig, andere herabzusetzen. "Eine Spinne totduschen, wenn du in der Wanne sitzt" - das machen nur Loser.

An alle Eltern da draußen, deren Kinder gemobbt werden: Zeigt ihnen meine Geschichte. Den armseligen Beweis da oben, dass ich mich selber grüßen lasse. Ja, sogar Liebesgrüße von Lukas stehen dort, die er mir nie ausgerichtet hätte, weil nur ich so empfunden habe - für ihn. "(Ja, Lukas, ich war sooo verliebt in dich, du zu kurz geratener Hund, du ;-)) So armselig benahm ich mich, so klein fühlte ich mich. So ungeliebt. Es bleibt nicht für immer so!
Ich musste meinen Weg, meine Nische finden. Und ihr seht ja: Mit einem Schulwechsel und meiner neuen "Selbstinszenierung" reifte ich in nur 4 Jahren zu einer beliebten Mitschülerin heran. Nur, dass ich das erst im Nachhinein begriffen habe. Jahre später.

JETZT mit 30, liebe ich mein Leben. Und noch viel wichtiger: Ich liebe mich. Und ich werde geliebt. Weil ich liebenswert bin. Und weil die Vollpfosten damals Unrecht hatten. ALLE! Außer Daniel...stimmt...Daniel hatte Recht.

In diesem Sinne: Gebt Mobbing keine Chance - weder, euch zu einem schlechteren Menschen zu machen, noch, euch als schlechterer Mensch zu fühlen!




Dienstag, 12. Januar 2016

Mein Trivial Pursuit
"Ich brauch euch heute nicht, Jungs"
Sex mit Spermabremse

Nur 300 Mal sichergehen: Danach tropft garantiert nix mehr!

Wenn German Engineering und "Kein Bock auf Kinder" zusammenkommen, entsteht entweder ein erfolgreicher Ingenieur, eine neue Erfindung - oder beides. Im Fall von Clemens Bimek könnte das hinhauen.
Clemens, der ein Berliner Tischler ist, hat vor geraumer Zeit etwas beim Fernsehen gelernt. Soll vorkommen. Er hat gelernt, wie es um die männliche Anatomie bestellt ist. Als es um den wahren Kaiserschnitt ging, nämlich den Schnitt durch die Samenleiter, begann es bei dem Beinehobler zu rattern. Was da so technisch dargestellt wurde, brachte ihn auf eine ziemlich einzigartige Idee:
Die Spermabremse.
Okay, okay - eigentlich Spermaschalter. Sieht aus, wie ein Minilichtschalter für drinnen - und sorgt dafür, dass man beim Sex nicht mehr an Verhütung denken muss. Also dann, wenn man sich nur Krankheiten aber keine Kinder einfangen will. Die sind ja auch nervtötender. Und haben Nebenwirkungen bis ins hohe Alter.
Aber egal.
Zurück zur Spermabremse. Man stelle sich einen Staudamm vor - auf der einen Seite Millionen von Jungs, die in der Klemme stecken - auf der anderen Seite nichts als Spaß. Denn der Spaß ist, was bleibt - damit wirbt auch Bimek auf seiner Website, die so klingt, als hätte sich sein Patent schon millionenfach verkauft. Was Mann tun muss, um zeitweilig beim Sex abzuschalten - also in echt, nicht im Kopf - ist sich ein bisschen Mechanik einbauen lassen. Mann braucht ungefähr so viel Mut, wie für die Vasektomie - die nudeldicken Samenleiter werden durchtrennt und die Enden in den Schalter gesteckt...oder den Staudamm, auch irgendwie passender. Dann kommt der "Off" - Moment. Und solange, wie man kinderlos rumknistern will, bleibts dabei.
Erst, wenn die Biologie (seine oder ihre) "Kommando Go" brüllt, wird der Schalter umgelegt - und mit Glück ein Ei getroffen!
Find ich das gut?
Eher jain. Ich weiß nicht, ob ich eine Androidversion von meinem Mann brauche. Und jeder weiß ja, was erstmal passiert, wenn das Hauptprogramm läuft und ER am Schalter sitzt. Da kannste nix mehr machen. Vielleicht sind solche ausgeschalteten Männer auch ein bisschen zu selbstbewusst, so auf-gefeatured? Wer keine Spuren hinterlässt, wird wunderlich....
Nee, ich bleibe da eher doch bei ritualisiertem Gummisex und hoffe, dass Bill Gates mit seiner Forschung zu lang erwarteten Ergebnissen kommt. Der Typ will nämlich die Entwicklung des Hammer-Kondoms unterstützen: Der Sex der Zukunft soll in dem neuen Lümmelschmeichler nämlich unterstützt länger, reibungsintensiver, glatter, prickelnder und auch noch gesundheitsfördernd sein (vermutlich mit linksdrehenden Lactokulturen oder so). Pfizer soll vom Markt gefegt werden von dem Kondom, das Sex erst so richtig gut macht: Für beide!
Das klingt für mich eher nach 2020, weil besseren Sex niemand vergisst! Da kann ein Lichtschalter nicht mithalten. Sorry, Bimek.


Sonntag, 10. Januar 2016

PhiloJune
Komma klar!


Kürzlich versetzte mich meine beste Freundin. Ich hatte sie und ihre Familie zum Essen eingeladen. Es wäre ein Generationentreff gewesen. Großmutter, Mutter, meine Freundin, ihre Tochter - und ihre Schwester. Sie kam nicht. Vielleicht lag es an ihrer Schwester. Denn die hat Chorea Huntington. Ihr Vater ist vor vielen Jahren an derselben Krankheit gestorben. Wer schonmal von dieser Krankheit gehört hat, weiß, dass sie unheilbar ist und unvermeidlich im Tod endet. Außerdem ist sie genetisch vererbbar. 50 -50. Meine Freundin hat also Glück. Ihre Schwester hat Pech. Wir sind alle Anfang 30. Für meine Freundin und mich sind Psychologie, unsere Kinder, unsere Männer, unsere Karrieren wichtige Gesprächsthemen. Und natürlich führen wir hitzige Debatten über Kriminalität, auch die von Migranten ausgehende.
Ihre Schwester hat andere Themen. Überleben. In jeglicher Form. Für sie ist das soziale Überleben wichtig, denn Chorea Huntington beeinträchtigt ihr Sozialverhalten. Sie hat Schwierigkeiten damit Emotionen richtig zu deuten und entsprechend richtig darauf zu reagieren. Da die Krankheit bereits deutlich Schwierigkeiten macht, kann sie sich manchmal nicht mehr auf ihren Beinen halten. Sie hat einen leichten Torkelgang. Viele, die sie sehen, denken, sie hätte schon früh morgens einen im Kahn. Merkel. Asylpolitik. Migranten. Integration. Für sie sind diese Themen so relevant, wie für uns Chinesische Popkultur. Wie Deutschland in 10 Jahren aussieht? Oder in 5?
Ich weiß, wie Deutschland für meine Freundin aussieht in ein paar Jahren. Traurig.

In diesen Zeiten, in denen Ängste - diffus und real, unsere Gesellschaft jeden Tag aufpeitschen, in denen unsere Zukunft ungewiss scheint, sollten wir nicht vergessen, wie gut wir es haben. Eine ungewisse Zukunft: Ist das nicht was Tolles? Unsere Zukunft ist ungewiss. Das heißt, die Würfel sind noch nicht gefallen. Alles ist möglich. Wir können Pläne schmieden. Vorsorge treffen. Aktiv werden. Wir können etwas tun, in der Hoffnung und dem vielleicht idealistischen Glauben, am Ende könne alles gut werden. Gut - so wie wir wollen.

Die Schwester meiner Freundin kennt ihre Zukunft schon. Und sie weiß auch, dass sie näher rückt. Deutschland in 10 Jahren? Seid froh, dass unsere Zukunft ungewiss ist. Unsere Zukunft hat nämlich etwas, das alle zu vergessen scheinen: Potential.

Seid dankbar dafür. Einfach mal dankbar. Das Leben kann scheiß kurz sein. Freut euch, wenn ihr Zeit dafür habt.

Ich hoffe heute, dass meine Freundin irgendwann die große Überwindung schafft und mit ihrer Familie - auch ihrer Schwester - zu uns zu Besuch kommt. Zum Essen.

What the world needs now....

Samstag, 9. Januar 2016

Mama Gedanken
Was machen wir mit unseren Töchtern?

Barbie isst auch keinen Zucker. Sie lebt von Luft und Liebe.


"Puh bist du schwer geworden" - ein Satz, der meine Tochter seit geraumer Zeit begleitet. Sie ist groß, sie ist stark, sie hat einen sehr athletischen Körper - aber dick ist sie nicht. Deshalb ist sie auch nicht schwer, sondern groß. "Du bist groß geworden" müsste es demnach fairer Weise heißen, denn im Vergleich zu ihren Alterskameraden ist sie locker einen Kopf oder mehr größer als diese. Aber das sagt keiner. Erwachsene, von denen sie gewohnt war getragen zu werden, sagen "Du bist schwer" oder "Du bist zu schwer" und tragen sie nicht oder nur kurz. Ich gebe zu, dass sie auch für mich schwer ist. Ich trage sie trotzdem. Wenn ich sie dann schnaubend absetze, nachdem ich sie z.B. von der Kita bis zur Haustür auf dem Rücken getragen habe (sie ist 5, alle 5-Jährigen werden mal Galopp-getragen), sage ich: "Boah, das war anstrengend." Dann schaut sie zu mir auf und fragt: "Weil ich schwer bin, Mama?" Ich weiß was sie denkt, also schüttel ich den Kopf. "Nein, weil du so groß bist. Das ist ja, als wenn man ein Schulkind trägt." Darüber ist meine Tochter dann stolz. Groß und stark sein, das sind Attribute, die sie gern auf sich bezieht. Dann bin ich froh, dass es mir manchmal gelingt nachzudenken, bevor ich etwas sage.

Es gibt andere Gelegenheiten, da ist das Thema Aussehen & Ernährung für meine Tochter relevant. Etwa, wenn sie sich voll fühlt. Nach dem Essen. Sie sagt dann "Mama, ich habe so einen dicken Bauch". Ich korrigiere sie dann sanft: "Voll, Mäuschen. Dein Bauch ist voll vom Essen." Ich korrigiere sie, weil ich nicht will, dass sich der andere Satz in ihrem Kopf verfestigt. Es gab eine Zeit, da war sie unglücklich, weil die Kinder in der Kita sich über sie lustig machten. Gut, maßgeblich zwei - drei Mädchen. Ich vermute, die Mutter des einen Mädchens hat die Einladung zum töchterlichen Geburtstag veranlasst - als ich mein Kind dort abholte, kam es mir entgegen gesprungen und wollte sofort nach Hause. Sie fand es nicht schön. Und "Die Anderen haben mich dickes Schweinchen genannt". Damit war das Thema offiziell im Raum. Ich habe erst einmal festgestellt, dass das gemein und dumm ist. So etwas sagt man nicht. Dann - Schweigen und Kuscheln. Tränchen im Bett wegwischen. "Du bist schön, meine Süße. Ein schöner Mensch. Du siehst aus, wie ich mir Ronja Räubertochter vorstelle." Das tröstet natürlich, weil Ronja cool ist. Und weil sie stark sein muss, im Mattiswald.
Im Berliner Dschungel muss man aber auch stark sein. Vor allem im Prenzlauer Berg. Hier falle ich als große, athletische Frau ebenso auf, wie mein Kind. Der Durchschnitt ist klein und zierlich. Oder groß und mager. Aber auf jedenfall nicht kräftig. Nicht stark. Vitalität ist hier eine Frage des BMI unter 20. Meine Tochter und ich liegen darüber.
Meine Tochter möchte gern schön sein. Anmutig, wie eine Prinzessin. Anders als ich damals, hat sie Disneyheldinnen und Romanvorlagen, an denen sie sich orientieren kann: Mulan, Ronja, Pocahontas, Madita - alles dunklehaarige, wilde, starke Mädchen/Frauen. Neuerdings gibt es noch Tiana aus Küss den Frosch, aber meine Tochter empfindet sich nicht als farbig. Höchstens im Sommer ;-)

Sie lebt in einer Welt, in der Zucker verteufelt wird. In der Bio das Non-Plus-Ultra ist. Und vegan nicht nur Lifestyle, sondern Gesinnung. Ich finde die Welt da draußen übergriffig, ebenso wie viele Eltern, die wegen ihres Lifestyles mir Vorschriften machen, wie ich mein Leben leben soll. So gibt es zig Regeln, wie mein Kind sich ernähren soll, wenn es dort und dort ist, wegen der anderen anwesenden Kinder. Genauso gibt es Mütter, die ihre Töchter nicht zu mir lassen, wenn ich Videoabende oder Parties veranstalte. Zu laut, zu viel ungesundes Essen, zu spät, zu viele Reize und Eindrücke ... unsere Töchter müssen ihre Freundschaft innerhalb der Kitaräume pflegen.

Ich finde es schlimm, wenn ich manche Mütter hier über ihre Töchter reden höre. Da laufen diese kleinen, zierlichen Wurschteln um einen herum und die Mütter beobachten sie dabei, kritisch und sorgenvoll. "Sie ist schon wieder so kräftig geworden. Guck mal der Bauch. Guck mal, die hat richtig Frauenhüften." ALLE diese Kinder sind schlanker als mein Kind, eben dünn. Zierlich. KEINES unserer Kinder ist dick, oder hat Frauenhüften. Und selbst wenn sie mal kurz speckiger sind - meistens braucht der Körper grad ein Extradepot, und wenns zum Wachsen gedacht ist. So über die Kinder zu reden, finde ich schlimm. Die unausgesprochenen Gedanken sind vermutlich noch schlimmer. Noch unfreundlicher. Noch unfairer. Und alarmierender - denn, wie es im Prenzlauer Berg üblich ist - sie führen dazu, dass diese Mütter/Eltern das erkannte "Problem" mit ihren Töchtern besprechen.

Und am Ende belastet das wieder mein Kind. Mein Kind darf ab und zu Süßigkeiten. Na und, ich esse ja auch welche und bin nicht übergewichtig oder krank. Gleiches Recht für alle. Sie soll ja lernen, vernünftig damit zu sein - und nicht gierig, wenn sie mal Gelegenheit hat welche zu essen. Und so ist meine Tochter wählerisch geworden. Vieles mag sie gar nicht erst probieren, eine Menge Süßigkeiten oder Gebäck lässt sie links liegen. Schmeckt nicht so, wie gewünscht und erwartet. Also isst sie es nicht. Find ich gut. Dennoch muss sie sich anhören, dass sie dick wird. Weil sie Zucker isst.
Das klingt dann so: "Du darfst gar keinen Schokoriegel essen, der macht dich dick". Die sagen das so oberlehrerhaft, dass meine Tochter monatelang verunsichert war und mich in die Schranken wies.
"Mama, das darf ich doch jetzt gar nicht, sonst werd ich dick."
Ich habe dann immer nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass Dicksein nichts mit einem Stück Kuchen oder einem Stück Schokolade zu tun hat. Am überzeugendsten ist natürlich, wenn ich mich hinstelle und frage: "Bin ich dick?" - "Nein" - "Und esse ich gern Schokolade?" - "Ja" - "Viel?" - "Ja" - "Na also, Schokolade macht nicht dick". Es stimmt, ich esse fast jeden Tag Schokolade. Das ist für mich dasselbe, wie für andere ein Glas Wein oder eine Zigarette. Ein Suchtstoff, dem ich gern erliege. Meistens ein Ü-Ei oder ein Schokoriegel oder ein Brot mit Nutella. Irgendwas Schokoladiges halt. Meine Tochter sieht das und es ist normal. Und gut.

Wir haben keine Waage zu Hause. Das finde ich gut, denn inzwischen wissen die 4 und 5 Jährigen ja, wie viel sie wiegen. Meine Tochter weiß das nicht und ich werde es ihr nicht eintrichtern. Sie sagte mal, sie wöge 100. 100 - sie wusste nicht, 100-was. Einfach nur 100. Und sie lachte, weil sie nicht weiß, wie viel 100 ist. Ein paar ihrer Freundinnen wissen aufs Kilo genau, wie viel sie wiegen. Sie wissen auch schon, wenn sie nach einer Erkältung abgenommen haben. Und dass sie nicht so viel Süßes essen dürfen, weil sie sonst dick werden.

"Puh - bist du schwer geworden"....ich kann diesen Satz nicht ausstehen. Und all die anderen Sätze, die meine Tochter zu hören bekommt, mag ich auch nicht. Ich war mal essgestört. Ich will nicht, dass meine Tochter auf der Waage steht und sich vortäuschen lässt, jedes dort abgebildete Kilo hätte etwas mit ihrem Schönsein/Aussehen zu tun. Was ist mit Muskeln? Was ist mit Körperbau? Was ist mit Busen, Po und Hüften? Zählt das alles nichts?

Ich bin froh, dass wir keinen Fernseher haben. Wenn ich bei anderen zu Besuch bin und die Werbung sehe, kriege ich eine Krise. Grade letztens habe ich einen Spot gesehen, da ging eine total dürre Frau auf die Waage und hüpfte jubelnd herum, als diese 54 kg zeigte. 54!
Die Werbung verriet aber nicht, ob die Frau 150cm oder 170cm groß ist. So wie sie aussah, war sie zu groß für so wenig Gewicht. Aber - hej - sie jubelte. Endlich zu dünn. Endlich Idealgewicht.
Ich bin froh, dass meine Tochter diese Werbung und andere nicht sieht.

Mein Bruder liebt eine Frau, die aussieht, wie Sophia Loren. DAS ist mal ne Frau...ich finde sie umwerfend schön (Sophia und seine Freundin)! Ich bin normal schlank. Das mag ich. Früher wollte ich dünn sein. Als meine Mutter mein dünnstes Ich (63 kg bei 180) "Vögelchen" nannte, war ich im 7. Himmel. Scheiß auf die Ohnmachts - und Schwindelanfälle. Scheiß auf die Kraftlosigkeit und das riesige Schlafbedürfnis. Ich war ja dünn. Was wollte ich mehr?
Jetzt bin ich "schwer" - viel schwerer, als die meisten Frauen. Aber, wie meine Tochter, bin ich ja auch groß. Das zählt was.

Schlussendlich bin ich natürlich nicht jeden Tag glücklich mit meinem Aussehen. Und auch das erlebt meine Tochter, leider. Wenn ich über mein Haar schimpfe (den ständig zu bändigen Wuschelbusch da oben) oder momentan über meine Haut, die ja seit Sommer 2015 ohne Pille meine Dauerbaustelle ist (wird aber iiiiimmer besser). Aber oft fühle und finde ich mich schön. Mein Kind sowieso. Ich habe sie in den letzten Jahren nie angeschaut und gefunden, dass sie zu dick ist. Oder Frauenhüften hat. Mal ist sie speckiger, wie alle Kinder. Meistens wächst sie kurz darauf wieder. Mal ist sie einfach nur fest und muskulös. Wie eine Turnerin. Ich finde sie schön. Irre schön!
Das sage ich ihr.

Und wenn sie mal wieder von "draußen" fertig gemacht wird, hoffe ich, dass ich sie mit mir als Frauenvorbild überzeugen kann - davon, dass die da draußen sich irren. Dass wir beide, sie und ich, hier drinnen, schön und gut und genau richtig sind.

Ich hoffe, ihr schafft das auch.


P.S.
Beweisaufnahme...ich, 16...schwere Zeiten ;-)





Freitag, 8. Januar 2016

Späte Rache
Stimmt was nicht?



Alter, ich schlafe! Bitte steh nicht morgens oder nachts plötzlich mitten im Zimmer am Bettende und frag irgendwas. Nichtmal wenns brennt. Danke! Ich kann gut hören, du kannst vom Flur aus "FEUER" schreien. Und ja, wir mögen deine Freunde. Aber das hier ist kein Hostel und wenn wir weg sind ist das kein Freibrief für PJ-parties und andere Orgien. Und abgesehen davon, dass wir hier trotz aller Offenheit sowas wie "Privatsphäre" haben, ist das Zeug, das hier steht und liegt, sowas wie Eigentum. "Sowas", weil es mein Eigentum ist - oder unser. Nicht dein oder euer. Mein Eigentum möchte bei mir bleiben, wir sind einander vertraut, ans Herz gewachsen. Mir fällt zu deinem Verdruss immer auf, wenn mein Eigentum fehlt. Ist so. Einmal gekauft, für immer ins Herz geschlossen.

Ach man....wenn ich erstmal alt bin, dann werd ich mich genauso benehmen und mich zur Verteidigung auf meine beginnende Demenz berufen. Die wird meine Insel.
"Stimmt was nicht?" - du wirst diesen Satz hassen lernen ;-)

Donnerstag, 7. Januar 2016

Relaxed&Gut
Sex me up! Aufklärung im Webzeitalter


Aufklärung. Insbesondere sexuelle Aufklärung. Viele Eltern scheuen sich davor. Ist ihnen irgendwie peinlich. Ich weiß noch, wie das bei mir war. Aus Respekt vor meinem alten Herrn werde ich Details verheimlichen, aber als mein Dad (erstaunlich, oder? Ich dachte immer, meine Mom würde das machen) mit einer heißen Schokolade in der Hand in mein Zimmer kam, um dieses Gespräch zu führen, war ich fast 18, schon fast 2 Jahre mit meinem 2 Jahre älteren Freund zusammen, hatte mir die Pille erstritten und war keine Jungfrau mehr. Ich habe trotzdem zugehört. Sicher ist sicher. Am Ende haben wir uns ein bisschen steif die Hand geschüttelt. Komische Geste, aber was soll man da machen? Fragen "Und wie isses"? Neeeeeiiiiinnnnn - oder doch?

Ich mache mir das leicht, das Thema Aufklärung. Stimmt gar nicht, eigentlich machts mir mein Kind leicht. Sie hat keinerlei Interesse an dem Thema, sie will eigentlich nur wissen, ob sie ein Baby kriegen kann und wo es in ihr "wohnen" wird und wo es rauskommt. Letztens habe ich ihr einen Spiegel zum Gucken gegeben, und da staunte sie. Da soll mal ein Baby rauskommen? Naturwissenschaftler, der ich bin, habe ich nur locker gemeint "Das ist wie bei Schlangen. Kann groß werden, kann wieder zusammenschrumpfen." Sie hatte die Tierdoku noch im Kopf. Ich weiß nicht, ob sie jetzt denkt, wir klinken einen Teil unserer Vagina aus und haken den nach der Geburt wieder ein. Aber egal. Für 5 reicht das.

Dass sie entstanden ist, weil Mama und Papa Sex hatten, weiß sie vielleicht, vielleicht auch nicht. Erzählt habe ich ihr das, es hat sie aber nicht interessiert. Sie wollte wissen, warum man einen Mann und eine Frau braucht. Da hab ich dann gesagt, dass wir Menschen wie ein Puzzle sind, und jeder braucht Puzzlestücke von einem Mann und einer Frau: Sonst wird das Puzzle nie fertig. Ich finde, für DNA ist das schon ein ziemlich gutes Bild. Ob sie in der Kita von sich als fertiges Puzzle redet?
Ich habe ihr auch definitiv oft gesagt, dass alles an ihr schön und gut ist.
Von einer Freundin weiß ich, dass ihre Mutter zu oft über ihren Geruch ("Du musst dich waschen, sonst riechst du da unten") und über ihr Aussehen ("Du solltest dich langsam rasieren") Kommentare gemacht hat, das hat sie bis heute dortbezüglich ein wenig verklemmt und überbesorgt gemacht.
In Srubs - Die Anfänger vererbt ein Vater seinen Cockring.
Sagen wir so: Es gibt gute und es gibt schlechte Ansätze ;-)

Das Beste, was wir tun können, ist offen und ansprechbar sein.
Und fangt früh an, bevor die Kinder tatsächlich sexuell empfinden oder sexuell aktiv sind!
Und redet nicht nur über die Technik (die gibts ja kostenlos im Internet), sondern vor allem über Gefühle. Dass der Körper ein Programm abspielt. Dass Mädchen sich häufig nach dem Sex stark emotional zu dem Sexpartner hingezogen fühlen, vielleicht spontan verliebt sind - und am Boden zerstört, wenn diese Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Dass junge Männer bzw. Jungs gern experimentieren wollen, was im Klartext erstmal "loslegen" heißt. Und dass junge Frauen bzw. Mädels da oft voreilig mitmachen. Man sollte über die Erwartungen sprechen, darüber, wie viel Übung es kostet, bis man das Geschehene tatsächlich genießen lernt. Dass Sex auch langweilig, schmerzhaft oder eklig sein kann. Dass es okay ist, ihn so zu empfinden. Dass man ehrlich mit seinen Gefühlen sein muss, denn schmerzhaften, sinnlosen oder ekligen Sex muss man nicht haben, wenn man nicht will. Dass Sex ein Lernprozess ist - und dass man lernen kann, schnell zum Höhepunkt zu kommen, oder schönen Sex zu haben. Beide sind zwei völlig unterschiedliche "Fachgebiete", und die Herren der Schöpfung verwenden viele Jahre ihres Lebens auf die Erforschung von Fachgebiet 1.

Was wir nicht tun sollten, ist unsere Kinder blauäugig in die sexuelle Welt zu entlassen.
Das Internet spinnt, in Pornos sehen wir oft Schauspieler, über Sex kann man Krankheiten übertragen und Babies abtreiben ist keine Ehrensache, unter der Entscheidung leidet man sehr! (Nie gemacht, aber passiv erfahren). Frauen brauchen mehr Zeit, Männer eher viel zu wenig. Beides kann man mit Geduld in die richtigen Bahnen lenken. Sex kann 1 Minute (im Schnitt 3,5.....wie traurig ist das denn?) oder 1 Stunde dauern. Sex ist mehr als "Rein-Raus", Sex hat ganz viel mit Intimität, mit Körperstudien, mit Hingabe zu tun. Und am Ende: Ganz viel mit Liebe.
Ich finde, man kann ruhig sagen: Sex mit Liebe ist schöner, als Sex ohne Liebe.
Selbst, wenn man das nicht so empfindet, gibt man seinen Kindern bestimmt nichts Falsches mit auf den Weg. Weil ich es grundsätzlich besser fände, wenn mein Kind innerhalb einer Beziehung seine ersten Geh (Steh...) versuche macht. Spießig? Ein bisschen vielleicht. Aber da bin ich besorgte Mama und bestehe auf MEIN Recht zu wünschen, mein Kind würde seinen ersten Sex in einem sicheren Environment erleben.


Bevor ich es vergesse, weshalb ihr dringend VOR der sexuellen Erwachung eures Kindes mit ihm über Sex reden solltet:


Und hier ein Aspekt, anhand des katastrophalen Umgangs mit Sexualität in China argumentiert, warum Aufklärung generell wichtig ist. Allein die Zahl der Abtreibungen in China sind so schwindelerregend hoch, dass man es kaum fassen kann:

 http://www.n-tv.de/mediathek/sendungen/auslandsreport/Chinas-mangelnde-Aufklaerung-hat-schwerwiegende-Folgen-article16573181.html

Im Großen und Ganzen kann man es wie Jims Vater in der obigen Szene machen und sich und alle Beteiligten blamieren, oder aber es schon früh einträufeln...das Thema, dessentwegen wir alle hier sind ;-)




Mittwoch, 6. Januar 2016

Späte Rache
Wenn du mal kurz was brauchst...



Ich hasse es, dich um alles nicht nur zwei Mal, sondern mindestens ein Dutzend Mal zu bitten. Wenn ich zu dir komme, um zu gucken, wie weit dein "Mir-Entgegenkommen" fortgeschritten ist und dich dann schlafend (nachmittags!) in deinem Zimmer vorfinde, möchte ich am liebsten dein Sofabett so zusammenklappen, dass du Teil des Sitzpolsters wirst. Auf die Worte "Kannst du bitte mal..." folgt so oft ein derartiger Phlegmatismus, dass ich geneigt bin anzunehmen, dass ich es mit Forrest Gump zu tun habe. Kommt halt alles ein bisschen später. Oder nie. Vielleicht investierst du ja auch eines Tages in einen Mann der Äpfel verkauft...aber frag mich nicht, ob ich dir dabei helfe. Ich schlafe dann vielleicht grad: Das ist, wie ich Dank dir weiß, viel wichtiger und dabei möchte ich nicht gestört werden!

[Wer lachen kann, hat noch Reserven ;-)]

Dienstag, 5. Januar 2016

Mama Gedanken
Geschieden? Über die Liebe ...



Das finde ich immer besonders schwierig. Liebe in Zeiten des Krieges - so könnte man das nennen, was Kinder geschiedener Eltern gelernt haben. Selbst, wenn die Scheidung versöhnlich und freundschaftlich war: Sie ist und bleibt für viele erschütternd. Für die beteiligten Erwachsenen ebenso, wie für die Kinder. Woran glauben wir, wenn wir an Liebe denken? Und was sagen wir unseren Kindern, wenn wir einmal geliebt, aber unser Gelübde "auf immer und ewig" gebrochen haben?
Wie machen wir ihnen Mut?


1. Liebe ist das schönste Gefühl auf der Welt

Man darf davor keine Angst haben, nur weil Liebe so viele Gesichter hat. Liebe sollte man in großen Dosen einnehmen, wenn sie da ist. Da gibts nichts zu sparen, da gibts nichts zu portionieren. Wer Liebe zu langsam angeht, verpasst sie am Ende noch - oder lernt sie nie zu genießen. Was für eine Tragödie. Liebe will immer, muss immer GANZ genommen werden. Auch wenn man Herzrasen, Schweißausbrüche, völlig bekloptte Einfälle, Stotterkoller, Verzweiflung, Angst, Neid, Eifersucht, Wut, Schmetterlinge im Bauch und Schwerelosigkeit empfindet - das gehört alles zum Programm. Das ist okay! LIEBE mein Kind, sonst hast du nicht gelebt.


2. Liebe sollte man teilen: Auch wenns alle nervt

Liebe ist ein Gefühl, das raus in die Welt will. Es will geteilt und besprochen und in den Himmel gehoben werden. Heimlich ist kacke. Heimlich tut weh. Heimlich verursacht überall Schäden. Zeig Liebe, oder erzähl von ihr, lass sie raus. Auch wenn du einen bereits besetzten Menschen liebst: Teile es ihm mit. Wenn du Anstand hast, teile es ihm mit der nötigen Distanz mit ("Du bist der großartigste Mensch, den ich kenne!") Erzähle es deinen Freunden, deinen Eltern, deinen Kindern - und auch wenn es weh tut: Der Person, die du lieben solltest aber grade nicht liebst. Liebe braucht Wahrheit, um zu funktionieren. Ich weiß das, denn ich habe hässliche Wahrheiten zur Liebe auf den Tisch gebracht. Klar, das kostet mega viel Kraft und Überwindung - aber es hat sich gelohnt. Liebe ist nämlich, wie das Leben - und die, die sein soll, findet im Lichte der Wahrheit immer einen Weg.

3. Liebe mit deinem vollen Herzen, lebe mit deinem vollen Verstand

Wer Angst vor Liebe hat, lässt den Kopf zu sehr regieren. Der sollte keine Angst haben, sondern zwei grundlegende Regeln verinnerlichen: Ändere, was du ändern kannst, akzeptiere, was man nicht ändern kann. Wer nach diesem Prinzip lebt, der kann seinem Herz die Sporen geben! Hüa!!! Lenken muss das Ganze der Kopf, aber die Liebe muss dem Herzen gehören. Das Leben drumherum, das ist Kopfsache. Also zerbrich dir nicht den Kopf über Liebe, sondern um das Leben.

4. Sei der Liebe treu

Das ist knifflig - ist man neuer Liebe treu, oder alter Liebe? Frei nach dem Motto Alter vor Schönheit, bleibe lieber ´dem Alter´ treu. Das heißt nicht, dass man sich ein Leben lang binden muss - manchmal klappt das einfach nicht. Das liegt dann am Leben, und darunter leidet die Liebe. Aber der alten Liebe treu bleiben, heißt, sich selbst treu sein. Es heißt, im Angesicht des Neuen um das alte Kämpfen, so, wie man es vorher vielleicht nie gemacht hat. Die Energie, die man für den Kampf um die neue Liebe hat, die gebührt in Wirklichkeit der alten. Wenn dieser Kampf am Ende zu nichts führt, und man ihn in aller Wahrheit und in allem Respekt gekämpft hat, dann geht Loslassen. Aufrichtig, ohne Scham, ohne Reue. Nur wer ehrlich war und alles versucht hat, ist eine neue Liebe wert und darf eine alte Liebe verlassen.


5. Lüg die Liebe nicht an

Liebe verträgt eine ganze Menge. Deine Schwächen. Deine Macken. Deine beknackten Freunde. Deine schrecklichen Eltern. Deine peinlichen Geschwister. Aber sie verträgt zwei Dinge nicht, davon ist eine: Die Lüge. Vertrauen ist das einzige, was die Liebe beschützt. In einer Welt, wo Vertrauen billig ist und wir es schwer haben, auf Menschen oder Umstände zu bauen, braucht Liebe Vertrauen. Mehr denn je! Vertrauen ist die Firewall der Liebe - es verhindert, dass die Welt einfällt und die Beziehung kaputt macht. Liebe zwischen zwei eigenständigen Individuen sollte nur von diesen beiden aufgelöst werden können. Mit einer Lüge, einem Verrat - reißen sie Löcher in die Firewall. Vertrauen wiederaufbauen ist schwierig - manchen gelingt das nie.

6. Liebe braucht Nächstenliebe

Vertrauen ist wichtig, Nächstenliebe ist wichtiger. Liebe braucht ein starkes Echo - und ein liebenswertes Gegenüber. Ist sie schwach oder findet kein liebenswertes Gegenüber, wird aus offener Liebe eine heimliche und verdeckte Liebe. Einen schlechten Menschen kann man nur schwer lieben , ebenso wie jemanden, der einem seine Liebe nicht zeigen kann oder gar keine empfindet - wohin mit all den Gefühlen, die weder erwidert, noch von den anderen gespiegelt oder akzeptiert werden?

7. Scheiden tut weh....

am meisten aber, wenn man die Scheidung nicht versteht. Das passiert, wenn die Liebe ohne Wahrheit aufgegeben wurde. Wenn monate - oder jahrelang verschwiegen wurde, was los ist. Zum Leben gehören Wut, Frustration, Neid, Langeweile und sogar mal Neuverlieben dazu. Auch zu verlieren und dass sich Träume nicht erfüllen, gehören zum Leben dazu. Sie alle müssen nichts mit Liebe zu tun haben, können diese aber beeinflussen, weil das Leben den Menschen verändert. Seine Gefühle zu sich selbst und auch zu anderen. Es gibt Eltern, denen werden ihre Kinder zu viel - obwohl sie sie lieben. Während man einem Kind schlecht erklären kann, warum man es verlassen möchte, kann man einem Erwachsenen das meistens gut erklären. Und nur aus der schmerzlichen Wahrheit kann ein Prozess entstehen, ein Weg - vielleicht zur alten Liebe zurück. Vielleicht von ihr weg.


8. Gibt es wahre Liebe? 

Die Frage aller Fragen: Gibt es wahre Liebe? Sie zu beantworten ist leicht, wenn man wahre Liebe definiert als aufrichtig. Oder echt. Authentisch. Oder auch tief und innig. Diese Art ´wahre´ Liebe ist so allgegenwärtig, dass sich die Frage nach ihr beim bloßen Hinschauen eigentlich erübrigt. Liebe existiert! Und jeder, der sie gefunden hat, darf sich glücklich schätzen. Bei wahrer Liebe geht es nicht um Äußerlichkeiten wie jung und alt, attraktiv und unattraktiv, pragmatisch und verträumt. Es passt alles zusammen. Wahre Liebe wird von essentiellen Gemeinsamkeiten geformt. Diese kann man von außen meist nicht sehen, etwa optimistisch sein, oder Konflikte am liebsten durch Reden lösen, oder schnell Verzeihen können, oder sehr tolerant sein usw. Diese Gemeinsamkeiten geben einem das Gefühl, wie füreinander gemacht zu sein, sie nehmen Reibung aus dem Alltag und sorgen für innere Balance.

Aber - gibt es die EINE wahre Liebe?

Das ist eine ganz andere Frage. Ich weiß, dass ich auch mit meiner ersten großen Liebe hätte glücklich werden können. Es hätte nur viel mehr Arbeit, viel mehr Streit und viel mehr Jahre gedauert. Aber es hätte klappen können. Und mein Mann hat zwei Mal geheiratet, davon kein Mal aus Pragmatismus ;-) Folglich gilt zumindest für uns: Nein - eine wahre Liebe gibt es in unserem Leben nicht.
Aber wenn man nicht nach Wahrhaftigkeit, sondern nach Einmaligkeit fragt - dann wächst der Seltenheitswert. Ob man im Leben diese eine besondere, einzigartige, unvergleichbare Liebe findet: Das steht in den Sternen. Sie ist es, der wir in "Wie ein einziger Tag" nachsehnen, sie ist es, die Schlagzeilen macht, wenn ein altes Pärchen Seite an Seite seelig dem Leben entschläft, vielleicht sogar liebevoll umschlungen. Diese Liebe, die nur ein einziger Mensch in uns hervorrufen kann: Diese findet leider nicht jeder im Leben. Ich würde es für meine Kinder bedauern, wenn sie sie nie fänden. So wie mir meine Freunde und Freundinnen leid tun, die sie noch nicht gefunden haben - und vielleicht nie finden werden. Eine einzigartige Liebe finden: Das wäre dann aber wirklich ein ganz besonderes Glück!

Schlussendlich zählt aber vor allem, unseren Kindern für Liebe Mut zu machen! Ohne Mut geht es nicht. Ich kann davon ein Lied singen...seid ihr mal mit einem fast 20 Jahre älteren Ossi mit zwei Kindern aus erster Ehe zusammen ;-)

Wer selbst aufrichtig, wahrhaftig und innig liebt, ist ein gutes Vorbild. Klar ist es irgendwie romantisch und am schönsten, wenn die eigenen Eltern sich gegenseitig so liebten. Aber auch zukünftigen Partnern seine Liebe zeigen ist wichtig. Und vor allem heilsam!  Kinder müssen "Liebe" nicht lernen. Denn die hat man in sich. Aber ZU LIEBEN lernt man.
Von den Eltern. Von liebevollen Paaren, die wir bewundern. Von einem tollen Partner.
Neben all den schönen Worten, die man für und um die Liebe machen kann, zählt für Kinder - auch Scheidungskinder - vor allem eins: Dass man ihnen den Glauben an die eigene Liebenswürdigkeit nicht nimmt, und dass sie Liebe erleben!