Mittwoch, 13. Januar 2016

Mama Gedanken
"Ich Opfer" - Über Mobbing


Milhouse von "The Simpsons" - ein Vorbildopfer

Über dieses Thema wollte ich schon lange schreiben. Mobbing in der Schulzeit - vermutlich betrifft das fast jeden. Ich bin kein "fertiger" Experte, aber weil ich ein Praktikum in meiner eigenen Pubertät absolviert habe (Praktikum, weil ich die meiste Zeit versucht habe, dieser zu entfliehen) und in diesem beide Seiten eingenommen habe (Opfer und Täter), kann ich mitreden. Durch die beiden Großen kam das Thema auch aktuell wieder auf, und auch meine kleine Tochter erlebt erstes Mobbing.
Hier teile ich mit euch also meine Erfahrungen - und was ich anders machen würde oder gern anders gemacht hätte.

Meine Opferrolle & was ich opferte

Als (kleines) Kind war ich super beliebt. Meine gesamte Kindheit hindurch. Jungs und Mädchen mochten mich gleichermaßen, ich habe mich akzeptiert und angenommen gefühlt. 
Dann kam die Schule und mit ihr die Probleme. In der Grundschule wurde sich über meine Hautfarbe lustig gemacht. Ich glaube, das Schlimmste war damals, dass sich überhaupt jemand über mich lustig machte. Das war in dieser Form ganz neu: nämlich regelmäßig, über einen langen Zeitraum und ohne Rücksicht auf meine zunehmend verletzten Reaktionen. Mein erstes Mobbing also.

Zuerst waren das nur zwei Brüder - ich glaube Zwillinge - aus der Nachbarklasse. Aber bald wurden es mehr. Ich war unglücklich, weinte, erzählte es meinen Eltern. Die setzten sich für mich ein. Eine kleine "Sitzung" wurde veranstaltet, meine Klassenlehrerin erklärte meinen Mitschülern und mir, wie sie mich behandeln sollen - dass wir alle gleich sind. Danach war meiner Erinnerung nach Ruhe. Ich glaubte schnell, dass die beiden Brüder offenbar dumm waren - denn ihnen fiel nichts Neues ein, um mich zu ärgern. Vermutlich reagierten sie sich danach an Mädchen mit Brille ab. Damals stufte ich die Erfahrung als "Ausnahme" ein. Sie schadete mir nicht.

In der  Pubertät änderte sich das. Ausnahmen wurden zur Regel. Ihr denkt jetzt vielleicht "Oh nein, Ausländergejammer". Aber nein - es ging um banale Dinge UND ums Aussehen. Die Vielfalt, einander emotional zu verletzen nahm zu. Und ich wurde leider zum Teil des Systems.

Aber von vorn: Ich war Spätzünder. Das heißt, die anderen Kids waren entwicklungstechnisch in Mach3 an mir vorbeigerast. Während einige Jungs und Mädchen schon erste Grabbeljagten durch die Klassenzimmer veranstalteten, spielte ich noch mit Barbies und las Hanni und Nanni. Nagellack und Makeup wurden ausprobiert, da fand ich noch Faschingsschminke toll.

Im Prinzip wuchs ich einfach nur, aber ich reifte kaum. So war ich bald größer als die meisten Mädchen, aber ich blieb eines, während sie von Mädchen zu Mädel mutierten. Ich weiß noch, wie ich von Freundschaft zu Freundschaft stolperte, keine war mehr von Dauer, immer trat man in irgendwelche Fettnäpfchen, weil alles plötzlich ein strenges Geheimnis war und es herrschte ein unglaublicher Stress zwischen einzelnen Mädchengruppen. Bei den Jungs war es auch nicht besser: Ständig wurde aufeinander rumgekloppt, meistens aus Spaß, manchmal im Ernst, und Mädchen wurden systematisch ausgeschlossen, es sei denn, sie waren begehrt oder willig oder wie ein Junge.
Ich probierte schon allein auf Grund meines Aussehens bald Kategorie C. Mit 184cm und einem stolzen Gewicht von 87kg überragte ich nicht nur an Körpergröße die meisten meiner Mitschüler. Und das mit 15!
Ich wurde Bongolippe geschimpft. Im Bus wurde anonym (oder einfach nur feige) von hinten an meinen Zöpfen gezogen (meine Mutter flocht mir regelmäßig Zöpfe, um den Fro zu bändigen), einmal wurde mein Ranzen und der eines noch schlimmeren Mobbingopfers geöffnet, und meine Bücher und ihre Brotdose wurden entnommen. Während meine Bücher quer durch den Bus flogen, schmierten sie ihr das alte Schulbrot ins Haar. Die Angriffe kamen immer von hinten, wir sahen nie, wer es war. Sie weinte, ich kochte vor Wut. Ein Dauerzustand.

Bis zu meinem 14. Lebensjahr habe ich mich oft geprügelt. Da war eine unbändige Wut in mir, und insbesondere die blöden Jungs liebten es, mich aus der Reserve zu locken. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich wie ein Stier von den Matadores solange gereizt wurde, bis ich auf dem Schulhof ausrastete. Manchmal weinte ich aber auch nur. Leise. Ich habe nie geschluchzt. Wenn mein Turnbeutel von Junge zu Junge flog, da weinte ich. Aber manchmal, da schlug ich. Ich glaube, als ich das erste Mal so richtig verknallt war, änderte sich das. Da war mir mein "wie ein Junge" sein peinlich.
Ich begann meinen Körper zu verhüllen und versuchte, cool zu sein. Ich überhörte das krachende Stampfgeräusch, dass die Jungs immer dann machten, wenn ich an ihnen vorbeiging. Der Spitzname Bonzilla (eine Mischung aus meinem Kindheitsspitznamen "Bonnie" & Godzilla) war so verletzend, den habe ich mir bis heute gemerkt. Und dass ich auch nie einen einzigen Liebesbrief oder "Willst-du-mit-mir-gehen?-Ja-Nein-Vielleicht" - Zettel bekam schlug definitiv auch Wunden. Ich fühlte mich hässlich, klobig. Ich wollte auch klein sein. Auch blond und blauäugig. Auch süß. So wie die Mädchen, die immer umworben wurden.
Ich fiel auf diverse Gemeinheiten niederträchtiger Mädchen herein, die es genossen meine Naivität und Unsicherheit im Umgang mit ihnen und den Jungen vorzuführen. Und ich ließ es zu, dass die It-Girls mich als Lakeien benutzten, nur als Buchträger und Geldspender konnte ich überhaupt bei Ihnen ´abhängen´.

War ich ein besserer Mensch, als sie?
Nein.
Hatte ich die Gelegenheit nach unten zu treten, nutzte ich sie. Das war äußerst selten, denn in der Hackordnung lag ich ja quasi schon am Boden und eigentlich wollte ich mich mit der handvoll anderer Opfer solidarisieren. Aber ich landete manchmal gute Witze und Humor galt was bei den Jungs - womit hätte ich auch sonst punkten sollen? Also wurde ich schlimmer, als die anderen: Ich wurde unehrlich. Während ich im einen Moment noch aufmunternd und freundschaftlich mit meinen Leidensgenossen umsprang, verdrehte ich die Augen und kniff mir gekünstelt die Nase zu, wenn ein Junge, den ich mochte, vorbeiging. Natürlich so, dass ich glaubte, meine Mitleidenden sähen mich nicht. Armselig, aber wahr.
Lästerten die It-Girls über andere, machte ich mit - nur um mich später zu den anderen zu gesellen, denn wirklich Zeit mit mir verbringen wollte ja keine. Traurig.
Doch den niedrigsten Punkt der Armseligkeit erreichte ich, als ich mit ungefähr 14 begann auf Menschen herumzuhacken, auf denen man einfach nicht rumhackt. Auf denen nicht einmal die fiesen Typen herumhacken. Ich machte mich über einen Behinderten lustig! Er war in unserer Klasse und eigentlich nicht geistig behindert - obwohl seine Eltern ihm mit der merkwürdigen Spok-Mecke keinen Gefallen taten - sondern körperlich. Ihr könnt euch vorstellen, wie das sein muss: Teenager ohne Schließmuskel zu sein? Mit Windeln im Unterricht sitzen und nicht aufhalten zu können...wenns kommt, dann kommts?

Ich weiß nicht genau, was ich gesagt habe...aber ich erinnere mich, wie ich im Sportunterricht jedes Mal, wenn wir im Turnen über die Böcke sprangen bei diesem Jungen sowas wie "Arschbombe" oder "Stinkbombe" rief. Es war demütigend - mehr für mich, als für ihn. Ich glaube, er hasste mich - und er hat total Recht damit gehabt. Wenn ich ihn heute träfe, würde ich mich sofort bei ihm entschuldigen.

> Falls du das liest, Daniel...ich war so sehr versessen darauf wahrgenommen zu werden, dass ich dabei nach jedem Strohhalm griff. Sorry - und ich hoffe, der medizinische Fortschritt hat auch bei dir Wunder bewirkt!!! <

Jedenfalls damals...damals, als ich im Dreck der Armseligkeit badete, pfiff mich mein Sportlehrer plötzlich zu sich. Ich vergötterte diesen Mann. Er respektierte und achtete mich: ich war das sportlichste Mädchen der Klasse. Vielleicht sogar der Schule. Und immer engagiert und voll dabei. Ich war keine Zicke. Aber das, was ich da abzog...
"Bonnie, was machst du da?" wollte er wissen. Es war eine der peinlichsten Fragen meines ganzen Lebens. Ich hätte instant-losheulen können. Ich riss mich aber zusammen.
"Ich weiß nicht" - ich glaube, so antworten sie alle mit 14.
"Das hast du doch nicht nötig, ich hätte mehr von dir erwartet". Dieser Satz hat sich eingebrannt. Ich schwöre, irgendwo auf meiner Seele ist ein Tattoo, da steht der, weiß auf Schwarz...auf diesem schwarzen Kapitel aus meinem Leben eingebrannt. Die wenigen Worte, die er an mich richtete, veränderten mich für immer.
Ich blieb fortan "draußen", ich gab auf, dazugehören zu wollen. Nie wieder wollte ich so tief sinken. Ich begann trotzig zu werden. Das ging am leichtesten, in dem ich einfach alle anderen für dumm und/oder zickig hielt. Und mich natürlich, also meinen Kopf, für besonders. Meinen Körper nahm ich als Maschine an, da er mir keinerlei andere Vorteile als beim Sport brachte.
Ich begann mich als "die Außenseiterin" zu definieren. Als die, die halt anders ist.
Jahre später im Abitur, nachdem ich die Schule gewechselt hatte (im Prinzip aus genannten Gründen: Ich fühlte mich dort nicht wohl), wurde ich von meinem Jahrgang in einer Umfrage folgendermaßen gevotet (jeweils 1. Platz):

Durchgeknallt
Rebellisch
Fremdwortfetischist

Wohlgemerkt: Wir haben beim Voting nicht gegendert - ich habe also auch meine männlichen Kollegen ausgestochen. Interessant ist, dass ich immerhin mit Platz 3 für "Model" und "berühmt" gevotet wurde. Hätte mir das einer gesagt, als ich noch 14 war, hätte ich mich totgelacht. Vielleicht wirklich.

Traurige Wahrheit ist: An meinem Selbstbewusstsein musste ich noch VIELE Jahre weiterarbeiten.
Obwohl meine Mitschüler mich anscheinend gut fanden (ich war auch unter den Humorvollsten und Stimmungskanonen), hübsch und klug und sogar meinten, ich könne mal berühmt werden, war ich tief in mir drin immernoch ein gebrochenes Seelchen. Ich freute mich, aber mein Selbstbewusstsein war ein Modellbau, der darauf wartete, endlich Wirklichkeit zu werden.

Ein Beweis dafür liefert die erste Seite in meinem Abijahrbuch. Ich glaube, das ist der damals mit 18 Jahren fast armseligste Akt im Bezug auf mein ganzes Leben. Obwohl ich den Beweis in Händen hielt, dass ich sowas nicht nötig habe, fälschte ich Einträge. Alle sammelten damals Unterschriften und letzte Worte bei ihren Lehrern und Mitschülern. Ich weiß nicht, ob ich das irgendwie verpennt habe oder ob mir das zu affig war...aber weil ich nur einen einzigen Gruß drin hatte, fingierte ich die restlichen 5. Ich habe heute noch Mitleid mit meinem damaligen Ich.



DAS macht ständiges Mobbing (u.U.) aus euch. Man zweifelt an sich - egal wie viel Bestätigung man dafür erhält, all das Negative und all die negativen Gedanken als nichtig abzutun. Man ist dünnhäutig und wenig widerstandsfähig. Man fühlt sich dauerhaft ungeliebt und kann überhaupt nicht glauben, wenn man dann doch mal geliebt wird. Warum? Aus welchen Gründen? Das will man immer wieder hören. Das muss man immer wieder hören. Weil man es einfach nicht versteht. Mobbing macht einen krank. Es zermürbt einen. Es verändert einen. Man tut Dinge, die man nie tun würde. Am Ende nimmt man sich vielleicht das Leben.

An alle Eltern da draußen: Wenn ihr wisst, dass euer Kind mobbt - macht es wie mein Sportlehrer! Sagt ihm, dass ihr besseres von ihm erwartet. Ein starker, selbstbewusster Mensch hat nicht nötig, andere herabzusetzen. "Eine Spinne totduschen, wenn du in der Wanne sitzt" - das machen nur Loser.

An alle Eltern da draußen, deren Kinder gemobbt werden: Zeigt ihnen meine Geschichte. Den armseligen Beweis da oben, dass ich mich selber grüßen lasse. Ja, sogar Liebesgrüße von Lukas stehen dort, die er mir nie ausgerichtet hätte, weil nur ich so empfunden habe - für ihn. "(Ja, Lukas, ich war sooo verliebt in dich, du zu kurz geratener Hund, du ;-)) So armselig benahm ich mich, so klein fühlte ich mich. So ungeliebt. Es bleibt nicht für immer so!
Ich musste meinen Weg, meine Nische finden. Und ihr seht ja: Mit einem Schulwechsel und meiner neuen "Selbstinszenierung" reifte ich in nur 4 Jahren zu einer beliebten Mitschülerin heran. Nur, dass ich das erst im Nachhinein begriffen habe. Jahre später.

JETZT mit 30, liebe ich mein Leben. Und noch viel wichtiger: Ich liebe mich. Und ich werde geliebt. Weil ich liebenswert bin. Und weil die Vollpfosten damals Unrecht hatten. ALLE! Außer Daniel...stimmt...Daniel hatte Recht.

In diesem Sinne: Gebt Mobbing keine Chance - weder, euch zu einem schlechteren Menschen zu machen, noch, euch als schlechterer Mensch zu fühlen!