Dienstag, 19. Januar 2016

Mama Gedanken
Ich will das Reden wieder zurück!


Es gibt Tage, wie diese...und es gibt Jahre, wie diese. Gut, 2016 ist jung. Aber es fängt so an, wie 2015 angefangen, weitergemacht und aufgehört hat. Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiep! - das war eine sehr drastische Immitation der kommunikativen Leere, die sich in unserem Hause auftut, wenn es um unsere Großen geht. Meine Mutter ruft an und fragt mich: "Na, wieder Full House bei euch?" - denn der Lärm, der hier herrscht, wird meistens von Besuchern (& uns) fabriziert. Wir labern und lärmen eben gern. Wir sind Sesselphilosophen und Spaßdiskutanten, bei uns wird jedes Thema durch den Kakao gezogen, jedes "Aber" als Herausforderung verstanden und angenommen und jede, aber auch jede Geschichte, wird bei uns ernst genommen und durchgesprochen. Wir wissen deshalb viel von unseren Freunden, und unsere Freunde wissen vermutlich sogar ein bisschen zu viel von uns. Aber wir sind halt offen. Wozu hat man ein Herz, ein Hirn und eine Zunge, wenn man nichts davon zeigen und nutzen darf? Na also.
Wenn ich an die Pubertät und Jugend denke - und mich an meine zurückerinnere - dann stelle ich mir Konflikte vor, auch mal Ausraster, Stellungskriege - aber auch stundenlanges Besserwissen und Heißdiskutieren am Esstisch oder im Sessel, belehrende Weltverbesserungsmonologe von den Youngsters, vielleicht auch mal kritische Reflexionen über unser Leben.
Wir haben stattdessen: Stille.
Eine so schreckliche Stille, dass mein Mann - der liebste Vaddern auf der ganzen Welt - an seinen Vaterqualitäten zweifelt. Dabei muss er das nicht - sie werden ja gar nicht eingefordert. Von ihm zu verlangen, sich wie eine Mama zu verhalten, wäre ja auch merkwürdig und strange - diese Kinder haben genügend Mutter und Großmütter, und eigentlich auch mich, um mit ihrer mütterlichen Fellpflege rundum zufrieden zu sein. Vaddern ist der klassische "Ich richte euch auf", "Ich helfe euch, eure Probleme zu bewältigen", "Ich lösche die Kacke, die am dampfen ist", "Ich regel das schon irgendwie" - Papa. Einer, der viel weiß und viel erklären kann und viele Sorgen wegdiskutieren könnte. Einer, der unglaublicher Weise schafft seinen Kindern einen riesigen Vertrauenskredit einzuräumen, von dem sie fleißig große Batzen abheben können, ohne dass in ihm irgendwas wankt und wackelt. Eigentlich....denn uneigentlich wollen die so einen Papa wohl nicht. Eher noch eine Mama. Noch jemanden, der sich viele viele Sorgen macht. Noch jemanden, der viel Angst um die beiden hat. Noch jemanden, der ihr Händchen hält und ihre Seele streichelt und sie wie ein Kind behandelt. Dass er, dass wir, uns einen erwachsenen Umgang hier zu Hause wünschen, dass scheint irgendwie als Affront anzukommen. Wenn wir Eigenverantwortung sehen wollen, hauen sie ab. Wenn wir Vorschläge machen, wie sie ihre Probleme selbst lösen können, holen sie sich von woanders anderen Rat. Auf jedenfall befolgen sie nie nicht unseren. Wenn wir ihnen ihre Sorgen ausreden wollen, stellen sie uns in eine "Ihr habt ja gut reden, euch gehts ja auch gut" - Ecke und winken ab. Die wollen irgendwie jemanden haben, der sorgenvoll ist. Der auch viele Sorgen und Ängste hat. Jemanden, der ihre Sorgen nicht zerstreut, und der sie nicht mit ständigem Optimismus und Machbarkeitsglauben in den Wahnsinn treibt.
Tja - und deshalb redet hier keiner mehr. Während wir mit unseren Freunden bis zum Anschlag reden und uns kaum voneinander lösen können, während sich am Wochenende Freunde die Türklinke in die Hand geben oder wir von einer Einladung zur nächsten radeln - herrscht innerhalb der Kernfamilie doch ein ganz trauriges, stilles "Mit dir red ich nicht". Ich bin ganz traurig, dass man so prokeln und popeln muss, um überhaupt irgendwas in Erfahrung zu bringen. SO habe ich mir dieses Jugend - und Erwachsenending nicht vorgestellt. Das Handy ist Schuld, könnte man anfügen. Das ist ja tatsächlich immer an - und so manche begonnene Unterhaltung wird jäh unterbrochen, weil plötzlich aufgestanden und in ein anderes Zimmer gegangen wird, um dort ungestört zu schreiben - oder weil plötzlich nur noch auf den Bildschirm gestarrt wird. Dann bekommt man keine Antwort mehr. Und steht resigniert auf, um irgendetwas Langweiliges weiterzumachen. Auf jedenfall langweiliger, als zu reden.

Reden - das war immer unsere starke Seite. Unser verbindendes Element. Laber by nature.
Ich will das wieder zurück! Ich will dir zuhören, wenn du erzählst, und ich will, dass du dich in den Ring schmeißt. Mit mir, mit uns, mit Vaddern. Es kann doch nicht sein, dass die wichtigsten Menschen in unserem Leben die einzigen sind, die uns nichts zu sagen haben?
Oder ist das so?
Soll das so?
Muss das so?

"Seit wann interessierst du dich dafür, was mir wichtig ist, Papa" war letztens eine merkwürdige und völlig unerwartet kommende Attacke. Aha - ein Konflikt?! Aber nein. Einfach in den Raum gesagt. Da konnte man nicht mal einen kleinen Haken anbringen, glitschig wie´n Stück Seife. Keine Chance. Da bekommt man Vorwürfe - die man natürlich mega unberechtigt findet, wer ist denn hier ein echter Mann und Vaddern?! (eben keine Mama) - und will reden, doch nicht einmal ein Vorwurf führt zu irgendwas.

Während wir beide und unsere Jüngste (oh nein, wird die auch mal so...? Bitte nicht!) vor Energie und Laberrei platzen, sackt das Jungvolk ton- und wortlos um uns herum. Ich fühle mich um zwei Köpfe betrogen, hier hängen immer nur zwei Hautsäcke in Klamotten rum....wo seid ihr nur hin?

Nochmal: Ich will das Reden wieder zurück!
Schnell!

Verflixte Kackpubertät - und blöde Handys - und blödes Nichtweichundheiteiteimuttersein...
Verfluuuuuuuucht!






....ja.....