Freitag, 15. Januar 2016

Mama Gedanken
Über das "Schauspiel" Mobbing

Kurzinterview über Mobbing bei Elternwissen.TV



Nachdem ich in "Ich Opfer - Über Mobbing" einen Ausschnitt aus persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema preisgegeben habe, möchte ich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen und quasi laut denken. Die letzten zwei Tage habe ich schonmal leise geübt und meine Denkaussetzer immer wieder mit Lesestoff überbrückt. Meine Ergebnisse teile ich gern mit euch und bin sehr gespannt auf euer Feedback!

Ich nehme kurz vorweg, dass Mobbing aus Rache, verletzter Eitelkeit oder Wut hier nicht zählt. Diese Art der fortdauernden Schmähung und Beleidigung, bis hin zu gewalttätigen Übergriffen, ist irrelevant, da das Motiv eindeutig ist. "Du hast mir das Herz gebrochen, jetzt werde ich dich dafür büßen lassen" - ja, sowas gibts.
Aber was ist mit scheinbar unschuldigen Opfern? Was ist mit Kindern, die für ihre Opferrolle nichts können? Die niemanden provoziert haben, niemandem das Herz gebrochen haben, niemanden beleidigt haben? Warum werden sie zu Opfern? Was fordert die Täter heraus?

Schule als kleine Lebensbühne des Mobbings

Was ist der Unterschied zwischen einem Dorf und einer Großstadt? 
Die gigantische kulturelle Vielfalt in der Stadt verglichen mit dem Dorf! 
Was ist der Unterschied zwischen einem Dorf und einer Schule?
Die gigantische kulturelle Vielfalt im Dorf verglichen mit der Schule!
Wie viel Platz ist in der Schule für "das ist anders"?
Wie viel Platz ist in der Stadt, ja in der Welt für "das ist anders"? 
Richtig! Und damit fängt alles an.

Verglichen mit einem Dorf ist die Schule eine kleine Gemeinde. In dieser kleinen Gemeinde gibt es Vereine. Clubs. Und Mitgliedschaften. Keine davon ist kostenlos, oh nein. Jeder muss seinen Beitrag leisten. Weil von ca. 12 Schuljahren im Schnitt 8 unter erschwerten Bedingungen stattfinden - nämlich während der Vor-/Pubertät - leidet der Zusammenhalt der ganzen Gemeinde enorm unter den emotionalen und geistigen Einbrüchen ihrer Mitglieder. Und somit leiden auch die einzelnen Gruppen darin.

Die erste wichtige Frage eines jeden Schülers ist: Wo will ich dazugehören?
Je jünger der Schüler, desto einfacher die Antwort: Zu allen. Ja, man möchte im Prinzip von allen gemocht werden und Anerkennung erfahren.
Je älter die Schüler werden, desto schwieriger wird es: Dann hat man Lieblinge, Vorbilder, Ideale. Aber man hat auch mitgebrachte Werte, Prinzipien und Interessen. Und natürlich ganz eigene Gefühle und Vorstellungen von Moral, oder Gerechtigkeit. Auch Humor und Loyalität legt jeder ganz individuell aus. Mancher noch individueller, als andere.
Wie ist das also: Wenn man gern zu den It-Girls gehören will, aber leider ihre Gefühle, ihren Humor und ihre Interessen nicht teilt? Wie ist das, wenn man eine bestimmte Person beeindrucken will, die offensichtlich nicht die gleiche Einstellung zu Moral und Gerechtigkeit hat? Wem ordnet man sich unter, wem vertraut man, wem schenkt man sein Herz, wem setzt man klare Grenzen?
Und wie wirkt das insgesamt?

Nehmen wir mich als Analysegrundlage, wo ich mich ja eh schon "nackig" gemacht habe.
Ich war supersportlich. Ein Leistungssportler. Aber ich war auch ein Mädchen. Und ich wollte das auch sein, ein beliebtes. Ein umschwärtmes. Jetzt musste ich entscheiden: Wenn ich hübsch sein wollte und beliebt, musste ich darin Zeit investieren. Und ich musste eben "so sein", wie ein Mädchen. Verletzlicher. Feinfühliger. Empfindsamer. Ich war aber kampflustig. Ich habe mir nie Sorgen um abgebrochene Fingernägel beim Sport gemacht. Mein Körper war groß und schwer - ich sah eh nicht aus, wie das, was mit 14 heiß begehrt ist: Also nahm ich meinen Körper an, wie eine Maschine. Maschine & Mädchen? Kampflustig & verletzlich? Sport oder Shoppen? Verdammt!
Das geht nicht.

Es geht weiter: Loyalität ist ein hohes Gut in einer Gruppe. "Zu wem stehst du?" Ich hatte nie Bock auf diese Art Loyalität. Verdammt - das funktioniert aber nicht so einfach. Man kann sich nicht mit den "Losern" gut verstehen und gleichzeitig mit den "Siegern". Und wenn, dann muss man den Spagat gut hinbekommen, das habe ich aber nicht geschafft, weil ich ja selbst drohte (und es auch immer wieder tat) in das Losertum abzurutschen. Also war ich mal gut Freund mit ihnen, mal peinlich berührt von den "Losern". War natürlich damit selbst der Oberloser, denn: Hätte ich einfach treuen Herzens gesagt "Wir drei sind jetzt Freunde und dann kann uns der Rest egal sein", wäre ich vielleicht glücklicher gewesen. Hätte ich vielleicht richtig gute, tolle Freunde gehabt. Dauerhaft.

Dann: Typisch pubertäres Verhalten. Was, wenn man das einfach nicht mitmachen will? Wenn man weder Lust hat mit den Mädchen bei jedem Treffen, wirklich jedes Mal, stundenlang, über die immer gleichen Typen oder die immer gleiche Tussi oder das immer gleiche Problem zu reden? Immer und immer wieder? Oder wenn man keine Lust hat, zu rauchen, wenn man Alkohol nicht probieren will, wenn man nicht vom 10er springen und auch nicht in das abgesperrte Fabriksgelände mitgehen möchte: Wie sehr gehört man dann eigentlich überhaupt dazu? Verletzt man damit nicht alle Regeln des Zusammenhalts? Einer für alle, alle für einen? So war ich: Ich wollte auf Parties, aber ich blieb komplett nüchtern. Wenn am nächsten Montag alle von ihren Abstürzen berichteten und sich blamierten, lachte ich nicht nur mit, ich lachte über sie - und das wussten sie, denn ich hatte es live und nüchtern erlebt. Nicht wenige geben mir heute noch, als Erwachsene!, zu verstehen, dass sie mit mir nicht gut ausgehen können, weil sie ja eigentlich trinken wollen, wenn ich aber nichts trinke, dann würden sie sich unwohl fühlen, usw usf. Tja - da will man Spaß haben und macht den ganzen Spaß gar nicht mit. Das ist ja, wie den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlen und sich trotzdem immer am Buffet bedienen. Geht also auch nicht gut.

Und was, wenn man sich doch überwindet? Wenn man entgegen allem (seiner Werte, seiner Gefühle, seiner Prioritäten...) mitmacht? Einen Joint raucht? Gemein zu jemandem ist, den man eigentlich mag? Alkohol zu einer Party mit Minderjährigen bringt, obwohl man das nicht tut? Gut, dann macht man einen Schritt auf die Gruppe zu - aber man geht vielleicht viele Schritte von sich selbst weg. Von seiner Mitte. Auch scheiße. 

Dann gibt es natürlich Menschen, die entsprechen einfach nicht dem angesagten Schönheitsideal. Oder sie sind nicht schlagfertig, oder nicht lustig. Langweilig zu sein ist glaube ich eine todsünde unter Schulkids...selbst ein ehemaliger Lehrer aus unseren Kursen machte sich damals mal über einen unserer langweiligen Mitschüler lustig. Das Problem dieser Kids ist, dass sie auch keine Nische finden. Keine Gruppe. So viele ruhige (also langweilige) Schüler gibts nicht in einer Klasse. Oder Behinderte. Oder chronisch Kranke. Oder zu kurz geratene, oder zu lang geratene. Oder stark verpickelte oder stark müffelnde oder stark behaarte oder stark verhungerte oder start überfütterte...meistens steht man irgendwie allein da.

Das ist der Unterschied. Wenn wir es aus der Schule rausschaffen, dann ist da plötzlich die Welt. Da gibt es so viele große und kleine, dicke und dünne, schöne und nicht so schöne, smarte und schlichte, risikofreudige und sicherheitsliebende Menschen - da braucht man sich nicht mehr einsam und isoliert zu fühlen. Die muss man nur suchen - und wird sie vermutlich finden. 

Sobald man aber wieder in Kreise, wie Büros oder Bürogemeinschaften, eintritt - beginnt unter Umständen der alberne Mobbingcirkel von neuem. Ja, auch Erwachsene mobben sich! Und wie. Mobbing ist keine Frage der Reife, sondern der Positionierung. Sobald Gruppenbildung für uns Menschen relevant wird, wird die Frage relevant: Zu wem stehst du? Bist du Veganer? Willst du Karriere machen und wirst irgendwann unser Vorgesetzter, oder bleibst du einer von uns? Willst du hier nur blau machen oder dich wirklich engagieren? Hast du Interesse an uns, oder verdienst du hier nur deine Brötchen aber dein Leben spielt woanders? usw.

Was kann man da also tun? Und Obacht - das gilt für Schulkinder/kids wie Erwachsene!

1. Darüber reden 
Nur ein benanntes Problem kann auch bewältigt werden

2. Das Ausmaß/ Die Ernsthaftigkeit feststellen
Kann das Opfer unter Umständen allein mit der Situation fertig werden?
Wie sehr leidet das Opfer? Ist es total isoliert oder betrifft das negative Verhalten nur Einzelne?
Können aufmunternde Gespräche helfen, muss die Schule eingreifen oder benötigt das Kind schon professionelle Unterstützung durch eine psychologisch geschulte Person?

3. Am Ball bleiben
Immer wieder einschätzen (gemeinsam), wie die Lage sich verändert hat. Auch Erkundigungen von außen einholen (Lehrer, andere Eltern, Freunde fragen, ob sich die Situation verbessert hat). 

4. Realitätscheck
Ja - den hätte ich immer wieder gut gebrauchen können, damals. Mein Gott, was habe ich mich damals gequält. Und habe nie wahrgenommen, wer wirklich zu mir steht. Wer mich wirklich mag. Ich hatte es einfach nicht drauf, Teil einer Gruppe zu sein - ich war immer Teil von jemandem. Meine Realität bestand so sehr aus der einen Wahrnehmung, den Fokus auf die, die mich nicht mochten oder die mich ausschlossen, dass ich keinen Schwerpunkt dort setzen konnte, wo ich willkommen und gern gesehen war. Merkwürdig...dafür habe ich keine Erklärung, aber vielleicht hilft es, sich dessen bewusst zu werden. Ich glaube, wir haben alle mal diese "das Gras ist auf der anderen Seite grüner" - Momente. Aber - Gras bleibt Gras. Die Frage ist, was du draus machst!

Für weitere Infos habe ich diese Seiten im Web gefunden:

Beratung4Kids


Sehr interessant: Wahre Geschichten & ihre Lösung in Mobbingleaks


Ich hoffe, das hat euch tatsächlich ein wenig die Augen geöffnet. Mir schon, weil ich immer nur die Anderen im Fokus hatte. Die, die mich betteln und all mein Geld für sie ausgeben ließen. Die, die mir das Gefühl gaben, nichts wert zu sein. 

Die letzten 2 Tage habe ich begriffen, dass die Schule auch nur ein Dorf ist. Ein verdammt kleines. Und dass ich darin meine Rolle gespielt habe - und deshalb auch zu eben dieser Rolle beigetragen habe. Mit meinen Entscheidungen, welche Spiele und Regeln ich akzeptiere und welche ich ablehne, mit meiner eingeschränkten Wahrnehmung wer meine Freunde waren und mit meinem Wunsch, Teil von Gruppen zu sein, die weder meine Werte, Ansichten, Interessen oder Gefühle teilten, war ich Teil meines eigenen Problems.

Vielleicht gilt das nicht nur für mich als ehemaliges Mobbingopfer. Nachdenkenswert ists auf jedenfall.