Samstag, 9. Januar 2016

Mama Gedanken
Was machen wir mit unseren Töchtern?

Barbie isst auch keinen Zucker. Sie lebt von Luft und Liebe.


"Puh bist du schwer geworden" - ein Satz, der meine Tochter seit geraumer Zeit begleitet. Sie ist groß, sie ist stark, sie hat einen sehr athletischen Körper - aber dick ist sie nicht. Deshalb ist sie auch nicht schwer, sondern groß. "Du bist groß geworden" müsste es demnach fairer Weise heißen, denn im Vergleich zu ihren Alterskameraden ist sie locker einen Kopf oder mehr größer als diese. Aber das sagt keiner. Erwachsene, von denen sie gewohnt war getragen zu werden, sagen "Du bist schwer" oder "Du bist zu schwer" und tragen sie nicht oder nur kurz. Ich gebe zu, dass sie auch für mich schwer ist. Ich trage sie trotzdem. Wenn ich sie dann schnaubend absetze, nachdem ich sie z.B. von der Kita bis zur Haustür auf dem Rücken getragen habe (sie ist 5, alle 5-Jährigen werden mal Galopp-getragen), sage ich: "Boah, das war anstrengend." Dann schaut sie zu mir auf und fragt: "Weil ich schwer bin, Mama?" Ich weiß was sie denkt, also schüttel ich den Kopf. "Nein, weil du so groß bist. Das ist ja, als wenn man ein Schulkind trägt." Darüber ist meine Tochter dann stolz. Groß und stark sein, das sind Attribute, die sie gern auf sich bezieht. Dann bin ich froh, dass es mir manchmal gelingt nachzudenken, bevor ich etwas sage.

Es gibt andere Gelegenheiten, da ist das Thema Aussehen & Ernährung für meine Tochter relevant. Etwa, wenn sie sich voll fühlt. Nach dem Essen. Sie sagt dann "Mama, ich habe so einen dicken Bauch". Ich korrigiere sie dann sanft: "Voll, Mäuschen. Dein Bauch ist voll vom Essen." Ich korrigiere sie, weil ich nicht will, dass sich der andere Satz in ihrem Kopf verfestigt. Es gab eine Zeit, da war sie unglücklich, weil die Kinder in der Kita sich über sie lustig machten. Gut, maßgeblich zwei - drei Mädchen. Ich vermute, die Mutter des einen Mädchens hat die Einladung zum töchterlichen Geburtstag veranlasst - als ich mein Kind dort abholte, kam es mir entgegen gesprungen und wollte sofort nach Hause. Sie fand es nicht schön. Und "Die Anderen haben mich dickes Schweinchen genannt". Damit war das Thema offiziell im Raum. Ich habe erst einmal festgestellt, dass das gemein und dumm ist. So etwas sagt man nicht. Dann - Schweigen und Kuscheln. Tränchen im Bett wegwischen. "Du bist schön, meine Süße. Ein schöner Mensch. Du siehst aus, wie ich mir Ronja Räubertochter vorstelle." Das tröstet natürlich, weil Ronja cool ist. Und weil sie stark sein muss, im Mattiswald.
Im Berliner Dschungel muss man aber auch stark sein. Vor allem im Prenzlauer Berg. Hier falle ich als große, athletische Frau ebenso auf, wie mein Kind. Der Durchschnitt ist klein und zierlich. Oder groß und mager. Aber auf jedenfall nicht kräftig. Nicht stark. Vitalität ist hier eine Frage des BMI unter 20. Meine Tochter und ich liegen darüber.
Meine Tochter möchte gern schön sein. Anmutig, wie eine Prinzessin. Anders als ich damals, hat sie Disneyheldinnen und Romanvorlagen, an denen sie sich orientieren kann: Mulan, Ronja, Pocahontas, Madita - alles dunklehaarige, wilde, starke Mädchen/Frauen. Neuerdings gibt es noch Tiana aus Küss den Frosch, aber meine Tochter empfindet sich nicht als farbig. Höchstens im Sommer ;-)

Sie lebt in einer Welt, in der Zucker verteufelt wird. In der Bio das Non-Plus-Ultra ist. Und vegan nicht nur Lifestyle, sondern Gesinnung. Ich finde die Welt da draußen übergriffig, ebenso wie viele Eltern, die wegen ihres Lifestyles mir Vorschriften machen, wie ich mein Leben leben soll. So gibt es zig Regeln, wie mein Kind sich ernähren soll, wenn es dort und dort ist, wegen der anderen anwesenden Kinder. Genauso gibt es Mütter, die ihre Töchter nicht zu mir lassen, wenn ich Videoabende oder Parties veranstalte. Zu laut, zu viel ungesundes Essen, zu spät, zu viele Reize und Eindrücke ... unsere Töchter müssen ihre Freundschaft innerhalb der Kitaräume pflegen.

Ich finde es schlimm, wenn ich manche Mütter hier über ihre Töchter reden höre. Da laufen diese kleinen, zierlichen Wurschteln um einen herum und die Mütter beobachten sie dabei, kritisch und sorgenvoll. "Sie ist schon wieder so kräftig geworden. Guck mal der Bauch. Guck mal, die hat richtig Frauenhüften." ALLE diese Kinder sind schlanker als mein Kind, eben dünn. Zierlich. KEINES unserer Kinder ist dick, oder hat Frauenhüften. Und selbst wenn sie mal kurz speckiger sind - meistens braucht der Körper grad ein Extradepot, und wenns zum Wachsen gedacht ist. So über die Kinder zu reden, finde ich schlimm. Die unausgesprochenen Gedanken sind vermutlich noch schlimmer. Noch unfreundlicher. Noch unfairer. Und alarmierender - denn, wie es im Prenzlauer Berg üblich ist - sie führen dazu, dass diese Mütter/Eltern das erkannte "Problem" mit ihren Töchtern besprechen.

Und am Ende belastet das wieder mein Kind. Mein Kind darf ab und zu Süßigkeiten. Na und, ich esse ja auch welche und bin nicht übergewichtig oder krank. Gleiches Recht für alle. Sie soll ja lernen, vernünftig damit zu sein - und nicht gierig, wenn sie mal Gelegenheit hat welche zu essen. Und so ist meine Tochter wählerisch geworden. Vieles mag sie gar nicht erst probieren, eine Menge Süßigkeiten oder Gebäck lässt sie links liegen. Schmeckt nicht so, wie gewünscht und erwartet. Also isst sie es nicht. Find ich gut. Dennoch muss sie sich anhören, dass sie dick wird. Weil sie Zucker isst.
Das klingt dann so: "Du darfst gar keinen Schokoriegel essen, der macht dich dick". Die sagen das so oberlehrerhaft, dass meine Tochter monatelang verunsichert war und mich in die Schranken wies.
"Mama, das darf ich doch jetzt gar nicht, sonst werd ich dick."
Ich habe dann immer nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass Dicksein nichts mit einem Stück Kuchen oder einem Stück Schokolade zu tun hat. Am überzeugendsten ist natürlich, wenn ich mich hinstelle und frage: "Bin ich dick?" - "Nein" - "Und esse ich gern Schokolade?" - "Ja" - "Viel?" - "Ja" - "Na also, Schokolade macht nicht dick". Es stimmt, ich esse fast jeden Tag Schokolade. Das ist für mich dasselbe, wie für andere ein Glas Wein oder eine Zigarette. Ein Suchtstoff, dem ich gern erliege. Meistens ein Ü-Ei oder ein Schokoriegel oder ein Brot mit Nutella. Irgendwas Schokoladiges halt. Meine Tochter sieht das und es ist normal. Und gut.

Wir haben keine Waage zu Hause. Das finde ich gut, denn inzwischen wissen die 4 und 5 Jährigen ja, wie viel sie wiegen. Meine Tochter weiß das nicht und ich werde es ihr nicht eintrichtern. Sie sagte mal, sie wöge 100. 100 - sie wusste nicht, 100-was. Einfach nur 100. Und sie lachte, weil sie nicht weiß, wie viel 100 ist. Ein paar ihrer Freundinnen wissen aufs Kilo genau, wie viel sie wiegen. Sie wissen auch schon, wenn sie nach einer Erkältung abgenommen haben. Und dass sie nicht so viel Süßes essen dürfen, weil sie sonst dick werden.

"Puh - bist du schwer geworden"....ich kann diesen Satz nicht ausstehen. Und all die anderen Sätze, die meine Tochter zu hören bekommt, mag ich auch nicht. Ich war mal essgestört. Ich will nicht, dass meine Tochter auf der Waage steht und sich vortäuschen lässt, jedes dort abgebildete Kilo hätte etwas mit ihrem Schönsein/Aussehen zu tun. Was ist mit Muskeln? Was ist mit Körperbau? Was ist mit Busen, Po und Hüften? Zählt das alles nichts?

Ich bin froh, dass wir keinen Fernseher haben. Wenn ich bei anderen zu Besuch bin und die Werbung sehe, kriege ich eine Krise. Grade letztens habe ich einen Spot gesehen, da ging eine total dürre Frau auf die Waage und hüpfte jubelnd herum, als diese 54 kg zeigte. 54!
Die Werbung verriet aber nicht, ob die Frau 150cm oder 170cm groß ist. So wie sie aussah, war sie zu groß für so wenig Gewicht. Aber - hej - sie jubelte. Endlich zu dünn. Endlich Idealgewicht.
Ich bin froh, dass meine Tochter diese Werbung und andere nicht sieht.

Mein Bruder liebt eine Frau, die aussieht, wie Sophia Loren. DAS ist mal ne Frau...ich finde sie umwerfend schön (Sophia und seine Freundin)! Ich bin normal schlank. Das mag ich. Früher wollte ich dünn sein. Als meine Mutter mein dünnstes Ich (63 kg bei 180) "Vögelchen" nannte, war ich im 7. Himmel. Scheiß auf die Ohnmachts - und Schwindelanfälle. Scheiß auf die Kraftlosigkeit und das riesige Schlafbedürfnis. Ich war ja dünn. Was wollte ich mehr?
Jetzt bin ich "schwer" - viel schwerer, als die meisten Frauen. Aber, wie meine Tochter, bin ich ja auch groß. Das zählt was.

Schlussendlich bin ich natürlich nicht jeden Tag glücklich mit meinem Aussehen. Und auch das erlebt meine Tochter, leider. Wenn ich über mein Haar schimpfe (den ständig zu bändigen Wuschelbusch da oben) oder momentan über meine Haut, die ja seit Sommer 2015 ohne Pille meine Dauerbaustelle ist (wird aber iiiiimmer besser). Aber oft fühle und finde ich mich schön. Mein Kind sowieso. Ich habe sie in den letzten Jahren nie angeschaut und gefunden, dass sie zu dick ist. Oder Frauenhüften hat. Mal ist sie speckiger, wie alle Kinder. Meistens wächst sie kurz darauf wieder. Mal ist sie einfach nur fest und muskulös. Wie eine Turnerin. Ich finde sie schön. Irre schön!
Das sage ich ihr.

Und wenn sie mal wieder von "draußen" fertig gemacht wird, hoffe ich, dass ich sie mit mir als Frauenvorbild überzeugen kann - davon, dass die da draußen sich irren. Dass wir beide, sie und ich, hier drinnen, schön und gut und genau richtig sind.

Ich hoffe, ihr schafft das auch.


P.S.
Beweisaufnahme...ich, 16...schwere Zeiten ;-)