Donnerstag, 21. Januar 2016

Mein Trivial Pursuit
Affront oder Realität: Wir schaffen das

"Wir schaffen das!" - das ist Merkels Appell an Deutschland und an Europa in der derzeitigen Migrationskrise, der sich der ganze Kontinent ausgesetzt sieht. "Wir schaffen das", sagt unsere Kanzlerin eindringlich, und dabei schwingen zum ersten Mal ihre Christlichkeit und ihre Emotionalität mit. Doch in Krisenzeiten sorgen sich die Menschen nicht um gute Vorsätze, hohe Moral oder Nächstenliebe: Sondern um ihre Haut. Um ihr Leben. Um ihre Zukunft. Wie kann man diese Krise schaffen, wenn wir nicht Härte und klare Grenzen zeigen? "Wir schaffen das!" - ein Affront, oder doch Realität?

Ich denke da....

an die hunderttausenden jungen Männer, die einen Krieg erlebt haben. Die jahrelang Schreie, Elend, Armut, Blutvergießen und Furcht kennengelernt haben. Entweder aus den Nachrichten über ihre Nachbarstadt, aus dem entfernten Bekanntenkreis, oder ganz nah: In der eigenen Stadt, der eigenen Familie oder gar am eigenen Leib. Hunderttausende junge Männer, die traumatisiert und verstört, unter Umständen verroht und mit einem zerstörten moralischen Kompass in die ziviliserte Gesellschaft drängen. Hunderttausende, die grade mal geschafft haben, erwachsen zu werden, die noch grün hinter den Ohren und dennoch vernarbt und geschunden im Inneren sind. Die sollen wir aufnehmen?
Wie die USA damals, nach Vietnam? Die posttraumatischen Belastungsreaktionen der jungen Männer, teilweise Jungs, die aus einer politisch aufgepeitschten Region (den USA) in einen Vernichtungskrieg entsandt wurden, wo sie Männer, Frauen und Kinder töteten, bis ihnen klar gemacht wurde, dass sie einen falschen, einen schlechten Krieg führen, bis sie von Erlösern zu Tätern gemacht wurden, bis ihnen ihr Idealismus als falsche Schlange ausgelegt und wie ein Strick um den Hals gelegt wurde, die posttraumatischen Belastungsreaktionen dieser Männer hat Amerika vor eine Jahrhundertaufgabe gestellt.
Männer, die Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet, Unschuldige im Minenfeld Spießrutenläufe haben laufen lassen, Männer, die die zersprengten Körper ihrer Freunde und Kameraden in Händen hielten: Diese Männer sollten Teil der Zivilisation werden. Sie kamen in Scharen von Hunderttausenden zurück, mehr als eine halbe Million Männer, die alles verloren hatten - am Ende sogar ihr Ansehen in dem Land, das sie erst in die Hölle Vietnams entsandt hatte.
Es waren schwere Zeiten. Es waren harte Jahre. Die US Regierung hat lange gebraucht, um die Soldaten in Frieden Ruhen zu lassen. Die Gesellschaft noch länger. Sie anzunehmen, sie zu integrieren und ihnen eine Perspektive geben, nachdem das Blut Unschuldiger und ihrer Freunde an ihren Händen klebten: Das war eine unglaubliche Aufgabe. Aber sie musste bewältigt werden! Sie musste, denn es waren amerikanische Männer, Väter, Brüder, Söhne. Und: Amerika hat es geschafft!
Ich sage nicht, dass alles perfekt in Amerika ist - ich sage nur: Vietnam ist heute nicht mehr die Krise, die sie Ende der 60ger Jahre war. Amerika ist nicht mehr das Land, das es 1960 war. Es ist besser. Es ist gewachsen.
"Wir schaffen das" - ja: Eine Gesellschaft muss das schaffen können. Es geht nicht anders. Sie muss!

So, wie eine um ihre Männer betrogene Frauengesellschaft 1945 ein Land in Schutt und Asche aufräumen und wiederaufbauen musste. Gute und schlechte Männer, junge und alte, sie sind gestorben, vernichtet, getötet worden. Oder sie gehörten zu einem System, dass die schlimmsten Greuel unseres jungen historischen Gedächtnisses systematisiert und ermöglicht hat. Sie waren Anführer oder Mörder, Soldaten oder Söldner. Wer sollte diese Männer lieben? Wer sollte ihnen ein Zuhause geben? Einen Schoss, um dort Liebe zu erfahren und eine Zukunft aufzubauen? Wer wollte Bett und Haus und Hof teilen mit Mördern, oder Feiglingen, oder beidem? Ein Strom von Flüchtlingen, nämlich Vertriebenen aus Deutschland, reist zurück. Sie haben unter Umständen Jahrzehnte außerhalb ihrer nun zerbombten Heimat verbracht. Alles ist knapp, von allem ist zu wenig, als zu viel da. Aber es gab da niemanden, der uns so helfen wollte, wie wir es gebraucht hätten. Deutschland in Glanz und Gloria? Das mussten wir machen. Das mussten wir schaffen. Und:
Wir haben es geschafft! Wir haben 5 Millionen Männer im Krieg verloren, wir haben 2 Millionen Zivilisten verloren - und an uns haftete die Schuld den Genozid an einer ganzen Kultur, an einem ganzen Volk verantworten zu müssen. Wir mussten das schaffen, wir mussten da durch. Und wir mussten da raus. Es waren harte Jahre, sie waren unbequem und unehrlich. Individualität war Luxus, was zählte war ein Volk zu sein, Zusammenzufinden und Zusammenzugehören in Zeiten der Not.
"Wir schaffen das" - ja: Unsere Gesellschaft hat größere Krisen überwunden, gemeistert und aus ihnen gelernt. Wir sind nicht nur wieder eine Gesellschaft, die in Glanz und Gloria viele andere Nationen in den Schatten stellt: Wir sind auch eine Gesellschaft, die die Verantwortung für einen Genozid übernimmt - dieses Mal in umgekehrter Sachlage. Dieses Mal helfen wir, ihn zu verhindern!
Schaffen wir das? JA! Wir müssen. Wir können. Wir sollten.

Die Auflösung der DDR, Weltwirtschafts - und Bankenkrisen, geplatzte Immobilienblasen, Flutkatastrophen: Wir haben schon Bedrohliches erlebt. Wir haben unsere Krisen angenommen. Wir haben unsere Krisen akzeptiert. Wir haben unsere Krisen bewältigt.

Deutschland, wie jedes andere starke Land, ist kein Kind von Unschuld. Es ist - schon gar nicht - ein Kind! Wir sind ein erwachsener Staat. Wir sind groß. Wir sind eine Macht. Wir haben uns etwas erarbeitet. Wir haben eine neue Moral und ein neues Gewissen. Wir sind die Gutmenschen! Wir sind nicht Hitlers Nachfolger, wir sind nicht sein Erbe. Wir sind keine Opfer, uns haben weder der 2. Weltkrieg, noch die Bürgerrevolten der 60/70ger Jahre, noch Weltwirtschafts- und Bankenkrisen, noch geplatzte Immobilienträume oder Naturkatastrophen, noch irgendeine rechte oder linke Gewalt, noch die Einwanderung von Migranten oder Kriegsflüchtlingen der letzten 60 Jahre! noch die vielen Zahlungen ans Ausland in Milliardenhöhe, um dort Buße zu tun oder in Krisen zu helfen: Uns hat NICHTS das Rückgrat gebrochen, wir sind an NICHTS kaputt gegangen, uns hat NICHTS in die Knie gezwungen -

und ihr wollt mir sagen, wir schaffen das nicht?!
"Wir schaffen das" - ist die eine große Wahrheit, die wie eine Prophezeiung über unserem Land liegt. Es ist die eine große Gewissheit, die wir haben. Wir wissen nicht, wie, wir wissen nicht, wann. Wir wissen nur "Wir schaffen das!" Und angesichts all dessen, das wir bewältigt und geschafft haben, sollten wir diesen Satz mit Stolz und Mut sagen. Und nicht in Zweifel ziehen.

Wir schaffen das. Weil wir Europäer sind. Weil wir erwachsen sind. Weil wir Deutschland sind!