Sonntag, 10. Januar 2016

PhiloJune
Komma klar!


Kürzlich versetzte mich meine beste Freundin. Ich hatte sie und ihre Familie zum Essen eingeladen. Es wäre ein Generationentreff gewesen. Großmutter, Mutter, meine Freundin, ihre Tochter - und ihre Schwester. Sie kam nicht. Vielleicht lag es an ihrer Schwester. Denn die hat Chorea Huntington. Ihr Vater ist vor vielen Jahren an derselben Krankheit gestorben. Wer schonmal von dieser Krankheit gehört hat, weiß, dass sie unheilbar ist und unvermeidlich im Tod endet. Außerdem ist sie genetisch vererbbar. 50 -50. Meine Freundin hat also Glück. Ihre Schwester hat Pech. Wir sind alle Anfang 30. Für meine Freundin und mich sind Psychologie, unsere Kinder, unsere Männer, unsere Karrieren wichtige Gesprächsthemen. Und natürlich führen wir hitzige Debatten über Kriminalität, auch die von Migranten ausgehende.
Ihre Schwester hat andere Themen. Überleben. In jeglicher Form. Für sie ist das soziale Überleben wichtig, denn Chorea Huntington beeinträchtigt ihr Sozialverhalten. Sie hat Schwierigkeiten damit Emotionen richtig zu deuten und entsprechend richtig darauf zu reagieren. Da die Krankheit bereits deutlich Schwierigkeiten macht, kann sie sich manchmal nicht mehr auf ihren Beinen halten. Sie hat einen leichten Torkelgang. Viele, die sie sehen, denken, sie hätte schon früh morgens einen im Kahn. Merkel. Asylpolitik. Migranten. Integration. Für sie sind diese Themen so relevant, wie für uns Chinesische Popkultur. Wie Deutschland in 10 Jahren aussieht? Oder in 5?
Ich weiß, wie Deutschland für meine Freundin aussieht in ein paar Jahren. Traurig.

In diesen Zeiten, in denen Ängste - diffus und real, unsere Gesellschaft jeden Tag aufpeitschen, in denen unsere Zukunft ungewiss scheint, sollten wir nicht vergessen, wie gut wir es haben. Eine ungewisse Zukunft: Ist das nicht was Tolles? Unsere Zukunft ist ungewiss. Das heißt, die Würfel sind noch nicht gefallen. Alles ist möglich. Wir können Pläne schmieden. Vorsorge treffen. Aktiv werden. Wir können etwas tun, in der Hoffnung und dem vielleicht idealistischen Glauben, am Ende könne alles gut werden. Gut - so wie wir wollen.

Die Schwester meiner Freundin kennt ihre Zukunft schon. Und sie weiß auch, dass sie näher rückt. Deutschland in 10 Jahren? Seid froh, dass unsere Zukunft ungewiss ist. Unsere Zukunft hat nämlich etwas, das alle zu vergessen scheinen: Potential.

Seid dankbar dafür. Einfach mal dankbar. Das Leben kann scheiß kurz sein. Freut euch, wenn ihr Zeit dafür habt.

Ich hoffe heute, dass meine Freundin irgendwann die große Überwindung schafft und mit ihrer Familie - auch ihrer Schwester - zu uns zu Besuch kommt. Zum Essen.

What the world needs now....