Samstag, 16. Januar 2016

PhiloJune
Wie Sexualisierung Sexualität ruinieren kann




Angenommen du bist ein normaler Mensch (nach Weststandard). Wirst geboren, hast zwei Eltern, beide sind irgendwie immer anwesend, durchläufst die Kita ohne seelische Schrammen, die erste Schulzeit ohne seelische Schrammen und landest in der Pubertät. Pubertät - das ist bei normalen Menschen auch und insbesondere die Zeit des sexuellen Erwachens. Man muss nichts wachkitzeln oder wecken: Das kommt ganz von alleine. Und mit diesem ziemlich unvorhersagbaren Hereinbrechen sexueller Gefühle wächst die Neugier.

Gespräche über Sex, die man mit "Als deine Mutter und ich..." begonnen hat und die mit "Iiiiii - ihr hattet Sex?!" jäh abgebrochen wurden, gehören schon eine Weile unschuldigen, vergangenen Tagen an. Will man diese jetzt führen, wird es sehr peinlich - entweder für die Eltern "Äh, ich habe schon seit einem Jahr Sex?!" oder für die Kids "Ich habe dir mal diese Broschüre über Safer Sex und eine Packung Kondome gekauft...du weißt doch, wie man Kondome benutzt?" - nein, in der Zeit des sexuellen Erwachens gehört Sex zu einem Experimentierfeld, um das sich Mythen und Sagen ranken und das den Kids allein bestimmt sein sollte.

Leider leider gibt es das Internet - und in ihm Antworten auf viele ungestellte Fragen.
Wie ein Gangbang aussieht lernt man da. Oder Verführung von Minderjährigen (hoffentlich nur rein optisch). Wie Oralverkehr geht. Wie Mangas mit Halbmann - Halbfrau- Körpern Sex hätten, wären sie echt (obwohl: So haben solche Mangas dann wohl Sex). Und auch "Tierdokus" gibt es zu sehen. Da kann man so viel machen, wie man will (sollte man aber trotzdem): Der beste Schutz zu Hause kann nicht verhindern, dass andere Kids andere Eltern haben. Und mit ihren Handys machen und sehen können, was sie wollen.

Und dann beginnt der Holzweg, auf dem sich einige befinden. Der Holzweg, der Jugendliche dazu verleitet, allein Sex zu haben. Allein - vorm PC. Oder vorm Handy. Sie sind derartig fasziniert und extatisiert und sexualisiert von all den gewollten und ungewollten Bild - und Tonangeboten im Internet, dass die echte Sexualität einfach an ihnen vorbeirauscht. Da draußen sind echte Menschen, mit echten Gefühlen - aber die frühe und stundenlange Sexualisierung durch pornographisches Material macht die Kids zu ihren eigenen Pornodarstellern. Sie haben Darstellersex. Sie sind traurige Akteure einer surrealen Sexwelt, die nichts, aber auch gar nichts, mit dem zu tun hat, was sie erleben werden oder erleben könnten, wenn sie in die echte Welt hinausgingen und dort Erfahrungen sammeln würden. Sexualität hat nämlich etwas mit Bindung zu tun. Ich meine das nicht altmodisch, man muss dafür keine Beziehung haben oder gleich heiraten. Aber schon allein der Akt der Partnerwahl, das Kommunizieren über Blicke, Körpersprache und Worte, das Erfahren und Erspüren der Wünsche des anderen und der eigenen Wünsche: Das alles hat eben mit "Bindung" zu tun. Mit Zwischenmenschlichkeit.

Ich erzähle euch das, weil ich weiß, wovon ich rede.
Ich war mindestens so naiv, wie mein damaliger Freund, als ich und er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihn waren und wir dabei zufällig auf eine Anzeige von einer Pornodrehbude aufmerksam wurden. Die boten einen Ausbildungsplatz für Filmbearbeitung an. Ich fand das witzig und kam mir sehr emanzipiert und selbstbewusst vor, meinem Freund das zu erlauben. Es war ein Riesenreinfall - und hat definitiv zum Ende unserer Beziehung beigetragen. Er hat noch emotional ungeschützter, als die Kids vorm PC, ein Bombardement mit Sextainment erlebt. Jeden Tag nackte Frauen und Männer. Jeden Tag dieselben Szenen schneiden und vertonen, vor - und zurückspulen, bis jede Sekunde passt. Jeden Tag beim Dreh helfen, in den Drehpausen Drinks anbieten, künstliche Körperflüssigkeiten anrühren, Öl und Gleitmittel reichen. Jeden Tag sich selbst erniedrigende Frauen und komplett hirnlose Männer bei der Arbeit sehen (ich war 3-4 Mal in dem Laden und habe ihn auf Arbeit besucht, dann hatte ich darauf keinen Bock mehr, aus vielen Gründen!) und das Gefühl nicht loswerden, dass das gar kein Sex ist, den man da sieht, sondern eine traurige Halbwahrheit davon. Da war keine Erotik in der Luft. Die Männer hätten von Maschinen ersetzt werden können, die Frauen waren wie Vieh. Es war irgendwie deprimierend und - obwohl ich das nicht erwartet hatte - oft sehr sehr eklig. Und mein Freund? Sagen wir so: Eine normale Sexualität ist schwer umsetzbar, wenn man nur noch "Fertigsex" im Kopf hat. Wenn man süchtig nach Coca Cola wird, schmeckt einem ein frischer Kräutertee einfach nicht mehr. Coca Cola macht krank, ein Kräutertee kann heilsam sein: Die Metapher ist in diesem Zusammenhang wahrer, als ihr euch vorstellen könnt!

Und während unsere Kids den traurigen Halbwahrheitensex im Internet konsumieren und auf dem Holzweg der einsamen, voll durchautomatisierten, ereignislosen, vorhersagbaren, komplett atmosphärefreien und - ich wiederhole es gern - einsamen! Sexualiät dahinstolpern, vergraben sie tief in sich drin die junge, aufkeimende Sexualität, die voller Aufregung und Freude, voller Steigerungsmöglichkeiten und Zwischenmenschlichkeit auf ein Gegenüber wartet. Sexualisierung ruiniert Sexualität. Hoch sexualisiert, kann normale Sexualität unter Umständen nicht einmal mehr ausreichend stimulieren. Es geistern Bilder durch den Kopf, die einem den Fokus auf den Moment rauben. Wo bist du, wenn du Sex hast? Bist du voll anwesend? Gehst du im Moment auf? Siehst du, spürst du, weißt du, mit wem du da zusammen bist? Bedeutet es dir etwas, dass dieser Mensch für dich da ist, dir Vertrauen und Hingabe schenkt? Merkst du das?
Während die Palmwedler ihren durchchoreographierten, unechten, Halbwahrheitssex in ihrer Einsamkeit herunterlaiern und dabei unrealistische Erwartungen und Bilder in ihren Köpfen und ihren Herzen auftürmen, wie Mädchen im Bezug auf Schönheit mit ihren nahezu surrealistischen Modemagazinen und dem Dauerabo auf GNTM, verpassen sie das Wahre.
Die ganze, vollkommene Schönheit von Sex mit jemandem. Nicht irgendjemandem, sondern jemandem. Kein Oxytocin, das einen sich geliebt und gemocht fühlen lässt, keine Umarmung, kein Kuss, der einem Zuneigung und Wärme schenkt, keine Gesten die Zueinandergehören und einander achten und schätzen bedeuten: nada. Necesse. Niente. Nichts! Unterm Summenstrich der Sexualisierung steht eine große, fette, kahle NULL.
Und das Traurige daran? Dass es Männer gibt, die all diese schönen und besonderen Momente hatten, die freiwillig den Holzweg der Einsamkeit und stupiden Autochoreographie einschlagen und dabei ihre sexuelle Energie dem echten menschlichen Wesen in ihrem Leben entziehen. Statt sich auf das, was sie haben, voll und ganz einzulassen - distanzieren sie sich, um mit sich allein zu sein. Was für ein trauriger Sex ist das? Kein ganzer, kein echter. Ein Laiendarstellersex. Sie sind sich nicht einmal bewusst, wie traurig das ist, so eine Null als Erfüllung ihres Sexlebens zu empfinden. Eben "besser als das Echte".
Wer sich aber auf das Echte nicht mehr einlässt, oder gar nicht erst beginnt darauf einzulassen - der wird von der Sexualisierung zu nichte machen, was das Tüpfelchen auf dem i einer jeden, normalen zwischenmenschlichen Beziehung ist: Die Sexualität!

Ehem.....
Amen ;-)