Sonntag, 14. Februar 2016

KindErkenntnis
Forschung am Manne mit Birke & Anne

Okay okay, meine Tochter heißt nicht Anne, aber der Rest stimmt!
Meine Tochter ist so eines dieser erfindungsreichen Kinder, das keine Warum-Fragen stellt, einfach, weil es schon alles weiß, was es wissen will. Man kann ihre Wissensgewinnungsprozesse, die das Fragenstellen obsolet machen, regelmäßig beobachten. Etwa vor einigen Wochen, als wir in Wien bei neuen Freunden zu Besuch waren. Dort säuberte die zweitjüngste Dame unserer illustren Runde mit einem Zahnstocher ihre Zähne. Seitdem macht unsere Tochter das auch, sie fragt nicht Warum, sie hat sofort den essentiellen Nutzen verstanden. Mit einem Handspiegel und einem Tuch zum "Abwischen" ahmt sie nun regelmäßig dies Schauspiel nach. Als Kind dieser Eltern weiß sie jedoch, dass jedes Ding aber mindestens zwei praktische Nutzen haben muss (Sofa und Bett, Tablet und Tablett, große Tasse und Müslischale, Hund und Freund usw). Und so entdeckte sie heute die vielfältigen Einsatzbereiche eines Zahnstochers. Etwa Fingernägel sauber machen. Wahlweise auch Fußnägel oder Bauchnabel. Nachdem sie unter ihren Nägeln genüsslich rumgeprokelt hatte, bot sie ihrem Vater lieber Weise an, ihn ebenso zu säubern. Weil der gedankenverloren und verschnupft hinter dem Bildschirm saß, bot er ihr seinen Körper ohne weitere Überlegung als experimentelle Spielwiese an. Ich beobachtete das amüsiert. Meine Tochter suchte nach Öffnungen, Falten, Löchern und Abgründen, in denen sie nach irgendetwas fischen konnte. Wohlgemerkt: Mit demselben Zahnstocher, den sie bereits ausgiebig an sich selbst ausprobiert hatte! Sie fand zu kurze Fingernägel, dafür aber Zähne, widerwillig hinter nach unten gezogenen Lippen preisgegeben. Sie kratzte dort ein wenig herum, es schien nicht so ergiebig, wie erhofft. Sie lies es jedenfalls. Dann wanderte sie zum Ohr meines Mannes. "Da gibt es auch was drin, Papa!" Vaddern erweckte sofort zum Leben, als er den inzwischen mit Sicherheit teillebendigen Zahnstocher am Ohr fühlte und machte darauf aufmerksam, dass Ohrprokelei mit einem Zahnstocher unangenehm und gefährlich sei. "Dann dein Auge, Papa!" Unsere Tochter stürzte sich bestgelaunt auf die nasschimmernden Gesichtsweichteile, die mein Mann geistesgegenwärtig sofort schloss, ehe er nett aber bestimmt darauf hinwies, dass seine Augen auch ungern von mikrobiotopbesiedelten Zahnstochern durchlöchert würden. Das mit dem Mikrobiodings war natürlich nur eine Randbemerkung meiner inneren Off-Stimme, da ich noch immer sensationslüstern beobachtete, wohin der kleine Miniaturpflock wohl noch stechen würde. Unsere Tochter, weder ungnädig noch ratlos, schlug alternativ vor, dann den Bart meines Mann zu harken. Tolle Idee! So zog sie vorsichtig feine Furchen vornehmlich auf der linken Gesichtshälfte meines Mannes, da diese umständehalber leichter zu erreichen war - doch auch das langweilte sie, der Erfolg blieb aus und Vaddern, in seine Arbeit versunken, machte keine Anstalten irgendwie auf ihre Bemühungen zu reagieren. So kam unser Kind hoffnungsfroh zu mir herübergerutscht. "Mama, zeig mal deine Füße", wurde ich aufgefordert, während sie schon die trockenen Ziegel zur Hand und prüfend unter die Lupe nahm. "Kein Schmutz", stellte sie nüchtern und entmutigt fest. Kein Haftgrund, dachte ich, und zog vorsichtig meine afrikanischen Wüstentreter aus ihrem festen Griff. "Soll ich dir was sauber machen, Mama? Vielleicht deine Fingernägel?" Sie rückte näher und betrachtete meine Nägel. "Nein, die sind ja ganz weiß", nun klang sie doch enttäuscht. "Hast du Pickel?" fragte sie hoffnungsvoll und musterte mich ernst. "Musst du nicht ins Bett?", fiel mir da rettender Weise ein, denn ja - die habe ich grade, und ich wusste nicht, wie ich klebrigen Fingern, dem lebendigen Miniaturpfahl und ihrem unbändigen Wunsch mich zu verunstalten anders entkommen konnte. Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, waren mein Mann und ich in Sicherheit. Der Forscherzwerg in unserer Mitte hatte das Weite gesucht, man hörte nur noch ferne Gespräche, vermutlich eine Lagebesprechung mit ihren zivilen Gefangenen, den Spielzeugfiguren in ihrem Zimmer. Ich überlegte, ob ich meinem Mann sage, was er wohlmöglich alles in Gesicht und Ohr hatte und woran er fast erblindet wäre. Aber dann wollte ich doch nur drüber schreiben.