Sonntag, 21. Februar 2016

MamaGedanken
Jetzt sind wir nur noch June & Roy

Sie werden viel zu schnell erwachsen...

Wenn etwas nicht durch unsere Wände weht, dann ist es der Pathos der 68er. Wir sind keine Revoluzzer, sehen nicht überall den Feind, sind auch sonst nicht sonderlich streitlustig und ziemlich konservativ, weil wir behalten wollen, was wir haben. Wir finden insbesondere schnöde Begriffe wie Mama und Papa schön, denn als solche gibt es uns nur einmal in diesem Leben und auch nur für einen kleinen Kreis von Menschen.

Anfang vom Ende

Unsere jüngste Tochter hat im letzten Jahr allerdings die Unsitte begonnen, ihren Papa Roy zu nennen. Zuerst waren es nur kleine Ausrutscher, doch irgendwann verselbstständigte sich das Ganze und wurde zu einer ernstzunehmenden Sache. Ich ahnte damals nicht, dass die Luft in meiner Mamasphäre auch für mich dünn werden würde und gab meinem Mann banale Elternsprüche zum Trost, wie "Das ist nur eine Phase", die Panik meines Mannes vollkommen ignorierend.
Irgendwann letzte Woche schlug jedoch völlig unvermittelt mein letztes Stündchen, die Mamazone wurde ausgeläutet, von einem Tag auf den anderen wurde ich ge-June-t. Das Schlimme daran, gejunet zu werden, ist dass June nicht einmal mein richtiger Name ist. Das wäre so, als würde euer Kind euch nur noch bei eurem Kosenamen nennen, Holgi oder Sabbi oder Dete oder so.
June, das ist ja nur zweite Wahl und abgesehen davon ist das ein Irgendwer. June, das kann doch jede sein! Für meine Tochter und mich habe ich mir ein schlichtes, bescheidenes Mama gewünscht. Ich glaube nicht, dass das zu viel verlangt ist. Aber dann geschieht es und ausgerechnet mir:
Ich werde gejunet.
Mitten im Gespräch nennt sie mich plötzlich bei meinem zweiten Vornamen, und das klingt so schrecklich, dass ich regelrecht zusammenzucke.
Warum fängt ausgerechnet mein Kind damit an? Alle anderen Eltern dürfen Mama und Papa heißen, wir nicht. Wir werden ganz hart und kalt bei unserem Vornamen gerufen. Kein schönes "Maaaamaaa" mehr, wenn mein Kind mich beim Klotür-vor-Fremden-Absichern braucht. Nein. Ein ausgelutschtes, von tausend anderen gebrauchtes, secondhand "Juuuuuune" hallt durch die Räume. Ich will das nicht. Ich will keine Gebrauchtnamenmutter sein. Kein Vorgesetzter, keine Freundin, nicht Roy, niemand nennt mich Mama: Das war ein Wort, das nur mein Kind zu mir gesagt hat und es war schön, diesen Titel tragen und hören zu dürfen. Aber June ?
Ich fühle mich wie nach einem Downgrade. Ich bin nicht mehr Mama 10, sondern Mutter XP, oder schlimmer, Mutti 98. Ich hoffte inständig, sie würde vergehen, diese Bloßstellung, doch sie erreichte heute ihren absoluten Tiefpunkt, als der schon seit über einem Jahr bevornamste Roy und ich gleichzeitig herunter-an-geredet wurden:
"June, Roy, können wir jetzt gehen?"

Innere Tränen

Ein Satz, der zwei Menschen gleichzeitig brutal ins Herz stach. Mein Mann und ich schenkten uns gequälte Blicke. Alles Reden hilft nichts, auch kein Bitten, kein Flehen. Sie will uns nicht Mama und Papa nennen - sie legt offen Zeugnis darüber ab, dass wir dieser Titel nicht würdig sind. Wir wurden unehrenhaft entlassen, die stolzen Elternabzeichen wurden uns von den Schultern gerissen, wir sind unfreiwillig in die autonome Elternbewegung der 68er geraten - wir sind Revoluzzer wider Willen!
Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Wo ich zu wenig Mama und zu sehr June gewesen bin. Wie ich 68er Wunschdenken unfreiwillig in die Realität umsetzen konnte. Wieso verlernt mein Kind mich als eine Mama zu lieben, und liebt mich nur noch als eine June?
Es weint in mir. Mamaaa....uuuu....when the wind blows....

Bittere Erkenntnis

Es regnet, als wir aus dem Haus gehen, und die Tropfen hageln uns heute schier in die von Verzweiflung zerfurchten Gesichter. Es ist bittere Gewissheit: Wenn wir mit unserer Tochter aus dem Hause gehen, sind wir fortan nur noch June und Roy. Irgendwie haben wir Schande über unsere Elterntitel gebracht. Ich schaue mit schweren Herzen in die wolkenverhangene Regendecke und fühle, sie steht symbolisch für den Curtain Call unserer romantisierten Elternexistenz.

Beim Fahrradfahren meint meine Tochter später: "June, ich will morgen zum Arzt gehen".
Ich frage sie arglos (und zutiefst verletzt): "Warum das denn?"
Sie: "Ich will endlich meine Spritze kriegen, damit ich keine schlimme Krankheit von den bösen Bakterien kriege." Sie meint die Impfung, welche schon eine Weile aussteht und lange Diskussionsthema in unserem Hause war. Mein Kind und Spritzen? Bis heute undenkbar. Plötzlich jedoch besteht sie darauf: Woher nur diese ganzen Gesinnungswandel?

Während der Regen auf unsere Köpfe trommelt, dämmert mir etwas und ich erstarre innerlich vor Angst: Sie plant ihren Auszug! Es kann nicht anders sein!
Sagte sie nicht letztens, sie wolle den 24 Jährigen Freund meiner Stieftochter heiraten, würde ihn lieben? Freut sie sich nicht verdächtig doll auf ihre Einschulung im September? Betont sie nicht auffallend oft, dass sie kein Kind mehr sei, sondern ein Schulkind? Verliert sie nicht ungewöhnlich früh ihre Milchzähne? Und gestern: Freute sie sich da nicht unangemessen früh auf eigene Kinder, wenn sie einmal groß sei?
Ich summiere - innerlich betäubt von den auf mich einprasselnden Erkenntnissen - im stillen Computer-Mutti 98 Stil die vorhandenen Indizien zu einem glasklaren Fall zusammen: Mein Kind bereitet seinen Ausbruch vor! Es ist im Zeitraffer erwachsen geworden. Es hat irgendwie geschafft, die Kinderjahre abzuhängen. Und wir haben nichts gemerkt! Das Schlimmste: Keine Mama, kein Papa, kann sie von ihrem Plan abbringen!

Während wir wortlos durch das unfreundliche Berliner Februarwetter radeln, realisiere ich, dass ich keine Macht über mein Kind habe. Und ich küsse es sacht auf den Hinterkopf: Ein leiser Abschied.
In die Schultüte werde ich ihre Hausschlüssel stecken müssen. Und ein schriftliches Verbot vor 16 zu heiraten oder auszuziehen.

Bekomme ich so mein Kind zurück? Mit Sicherheit nicht. Aber ich gewinne kostbare Zeit. Zeit, in der unsere Tochter vielleicht merkt, dass Zuhause doch nicht alles June & Roy ist. Dass hier auch eine heile Mama & Papa - Welt ist. Es ist einen Versuch wert....





P.S. Foto von Ryan McGuire, gratisography