Dienstag, 2. Februar 2016

PhiloJune
Zukunftssorgen? Na dann: Back to the roots!

Da werden Kindheitserinnerungen wach....DDR in Berlin


Wenn ich die Großen rede höre - kommt ja nicht so häufig vor - muss ich oft schmunzeln. Wobei das gar nicht fair ist, denn eigentlich müsste ich Mitleid haben. Aber auch das: passé. Alles ist irgendwann passé. Also schmunzel ich schon jetzt, vorwegnehmend sozusagen, weil ich weiß, dass wir alle - auch die Großen - mal schmunzeln werden. Über jetzt. Über heute. Über die Sorgen, die sie sich gemacht haben ihre Zukunft betreffend.
Wie heißt es so schön? Prognosen sind schwer zu machen, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Da ist viel Wahres dran. Als ich zur Schule ging (nein, nicht anno dazumal, sondern ca 1996), mussten wir Klimadiagramme rechnen. So wie die Kids heute. Allerdings hielt man uns mit dem Klimawandel zur erneuten, "kleinen" Eiszeit beschäftigt. Wir mussten berechnen, welche Teile Europas von einer Gletscherschicht bedeckt werden könnten. Wir mussten uns mit einer drohenden Völkerwanderung aus Russland auseinandersetzen. Wir sollten uns schonmal "warm anziehen". Das war mein Klimaszenario. Original!
Außerdem gab es da Bundeskanzler Schröder. Und Deutschland war der "kranke Mann Europas". Unsere Wirtschaftsleistung war grauenhaft. Schon damals wurden wir gewarnt vor der wachsenden Überalterung der Gesellschaft. Dass auf uns schlechte Zeiten zukämen. Arbeitsplatzmangel. Keine Ausbildungsplätze für Jugendliche. Jugendarbeitslosigkeit. Ein Horror. Wisst ihr, was Klassenkameraden zu ihrem 18. geschenkt bekamen? Riester Rente. Ungelogen. So war man damals drauf. Das ist 12 Jahre her. Inzwischen weiß keiner mehr, was für ein Klima uns erwartet, sicher ist nur, dass es eine Katastrophe wird und wir mittendrin stecken im Katastrophenszenario. Wie soll es weitergehen mit uns? Zuerst hatten wir zu wenig Einwohner, nun sind wir rasch zu viele, zuerst war die Bevölkerung überaltet, nun haben wir zu viele junge Männer und Frauen (aus anderen Ländern, okay), zuerst gab es keine Ausbildungsplätze, jetzt gibt es keine Fachkräfte, aber alle sind in einer Ausbildung (hej, vielleicht wachsen die FKs ja grad nach?!), früher früher früher....
Wer jetzt denkt "Ganz früher war alles besser", dem muss ich als Schwarze mit jüdisch - indianischem Hintergrund eindeutig widersprechen. Ich bin ziemlich froh heute hier zu leben.


Früher....


Mein Uropa aus Amerika war schwarz, blue-black würde man dort sagen. Ein lieber Kerl, habe ich mir erzählen lassen. Er war der einzige Lottogewinner unserer Familie (oder man verheimlicht mir etwas), und konnte sich von dem Gewinn freikaufen. Und ein Stück Land erwerben. Die Frau, die er heiratete, hatte indianische Wurzeln. Und vielen Urkunden zu Folge steckt da auch irgendwo ein Ire drin. Würde erklären, weshalb der Ire in mir Feuerwasser liebt (kein schnödes Bier, das schmeckt mir nach organischem Abfall), der Indianer in mir aber keinen Schluck Feuerwasser trinken kann, ohne in einen Vollsuffi zu mutieren (sofort!). Ich bekomme von einem drittel Fläschchen Prosecco Schweißausbrüche, Herzrasen und mir wird irre schwindelig - Indianer nix vertragen Feuerwasser von weißen Mann ;-)
Ja, früher, da hatte man viele Kinder. Meine Uroma hatte 9 lebendige. Also überlebende. Wie viele sie während der Schwangerschaft verlor, weiß ich nicht. Aber ich wette, da waren ein paar dabei. Das ist nämlich normal gewesen damals. Ja, Kindersterben: Früher war alles besser. Da brauchte man nicht abtreiben, wenn man ungewollt schwanger war, da hat man eh dauernd Kinder verloren...stimmts? Ach ja: Uneheliche Kinder waren übrigens eine Katastrophe, früher. Man wurde ausgeschlossen und gesellschaftlich geächtet. Das Leben war hart, weil es auch so etwas wie Wellfare im heutigen Sinne nicht wirklich gab. Und dann bring mal deine unehelichen Kinder durch, wenn keiner was mit dir zu tun haben will. Frauenrechte - haben wir da schon drüber gesprochen? Die Rechte einer schwarz - indianisch - stämmigen Frau, oder die Rechte ihrer Töchter? Ja ja...früher war alles besser. Und das war ja nur der amerikanische Teil. Was war hier los? Mit meinem jüdischen Opa, der unehelich geboren in ein Waisenheim gegeben wurde, weil sein Vater ihn nicht anerkannte. Der dann aufgenommen wurde in einer deutschen Familie. Sich deutsch fühlte, lange Zeit. Und dann kam Hitler, den seine spätere Frau - meine Oma - anhimmelte. Klar, vielleicht auch als Rebellion gegen ihre langweiligen, bodenständigen SPD - Eltern. Hitler war frisch und neu und anders. Machtvoll. Sie hat sich trotzdem in den jüdischen Soldaten verliebt. Wie konnte er das dritte Reich überleben? Wie war das, als er in Arbeitslagern gearbeitet hat - auf welcher Seite stand er? Und als ihr erstes Kind, ihr einziger Sohn, im Autounfall starb - wer war Schuld? Beide Eltern? Der Fahrer. Die Mutter? Das Auto? Die Straße? Die Entscheidung, jetzt dorthin zu fahren und nicht hier zu bleiben? Und meine Eltern: Sowjet kommts noch! Als meine Mutter meinen Vater heiraten wollte, hatten sie auch einige Hürden zu nehmen. Ob sie wisse, dass ihre Kinder schwarz werden könnten?
Warum er seine Rasse mit einer Weißen verrät? Wie sie schwarze Kinder großziehen wolle, wo sie doch weiß ist? Und überhaupt: Was will diese Westlerin von einem US-Soldaten? Ist sie vielleicht doch ein roter Spion? Getrennt wurde sie mehrmals zu ihren Absichten befragt: Von ganz oben. Vom Militär. Früher war eben alles leichter. Und mein Mann? Kindheit in der DDR, wie sie im Buche steht. Stasiakten über den Bruder, Strafmaßnahmen gegen die Mutter, Staatsflucht vom Onkel - und die vielleicht große Liebe am Hafen verabschieden, weil man einfach nicht raus darf aus der DDR. Toll, oder?
Und Drogen? Freie Liebe? Abgespaced sein? Autounfälle? Mord und Totschlag? Ja - das gabs. Schon immer. Trampen mit 14, nächtelang von zu Hause wegbleiben, sich mit Drogen und Alkohol wegschießen: We´ve been there as humans. We´ve done that. Aber wisst ihr was? We´ve come this far!

Heute...


Nach ernsten Eltern-Jugendlicher-Gesprächen, nach besorgten Debatten bis tief in die Nacht, wie mit diesem oder jenem Thema umgegangen werden soll, nach Kitadebatten über die Konsumgesellschaft heute und die Gefährdung durch Nicht-Bio-Essen (*schnarch*), die Sorge um die richtige Schulwahl ebenso wie um das vielleicht doch nicht richtige Studiumsfach....nachdem ich mir mit so Vielen über so Vieles den Mund fusselig geredet habe, komme ich manchmal einfach runter.

Been there, done that. A thousand times. I will survive. Und noch viel wichtiger: THEY will survive. Am Ende ist irgendwie alles doch nicht so schlimm...vor allem, wenn ich an früher denke!