Montag, 14. März 2016

Mama Gedanken
"Ich hol dich da raus!"
Wenn dein Kind deine Hilfe braucht

Ich bin hier! Töchterchen & Ich





Abwesenheitsnotiz

Fotos sind wunderbare Zeugnisse. Sie dokumentieren wichtige Abschnitte in unserem Leben. Das digitale Zeitalter hat uns mit dem Glück beschenkt, alles festhalten zu können, ohne bei jedem Foto mitzählen zu müssen ("Nur noch 10 Bilder, dann ist der Film voll"). Weil das so ist, halten wir unfreiwillig oft auch anderes, als Glück fest. Zum Beispiel unser eigenes Versagen. So wie meine Fotos aus einem Familienurlaub vor ein paar Jahren. Sie sind eine Abwesenheitsnotiz im Glück. Eine Randbemerkung mitten im "Alles war so schön". 
Die versteckten Tränen, die geschwollene, rötliche Nase, das ständige Gesenkthalten des Blickes und die tief in die Stirn gezogene Schirmmütze - mir ist erst beim nachträglichen Betrachten der Fotos aufgefallen, dass eines unserer Kinder auf vielen Fotos so aussieht, als kämpfte es täglich gegen die Tränen. Die Gründe dafür kannten wir wohl, abends war auch Zeit zum Reden - aber, dass die Last auf der Seele meines Kindes sich nicht einen einzigen Tag im schönsten Urlaub abschütteln ließ: Das fiel mir erst später auf! Dass es zwischen jedem Abend einen ganzen Tag auszuhalten gab, an dem mein Kind seine Schultern straffen und mitmachen musste: Das ist mir, bei aller sonstigen Aufmerksamkeit und Sorge, irgendwie entgegangen. Ich war in jedem Moment dabei, habe 1000 Fotos gemacht, habe mich rührend um meine Schar gekümmert - und doch, war ich nicht immer ganz da

Darum soll es heute gehen - über das wirklich anwesend sein. "Ich bin hier!" - das vielleicht Wichtigste, was wir unseren Kindern in kritischen Momenten sagen können.

Kein Kind will böse sein

Dieser Satz hat vor vielen Jahren bei mir Klick gemacht. Habt ihr schon Mal in jemandes Schoß gelegen, euch angelehnt, und einfach nur aus tiefstem Herzen geschluchzt? Konntet ihr vielleicht auch mal einfach nicht in Worte fassen, was euch so wütend macht? Oder so verletzt? Schonmal vor lauter Wut etwas Dummes gemacht? Eine Autotür zerkratzt, eine Hassmail verfasst, oder wüste Beleidigungen geschrien? Ich hasse dich zu dem Menschen gesagt, den ihr liebt? Das alles macht uns nicht zu einem Fall für den Psychotherapeuten - sondern zu Menschen. Dasselbe gilt für unsere Kinder. Noch viel mehr sogar, als für uns. Was müssen sie alles ertragen, was alles noch lernen, ehe sie in der Lage sind, nur alle paar Jahre mal etwas wirklich Dummes zu tun? Etwas wirklich Verletzendes zu sagen? Kein Kind will böse sein. Kein Kind ist böse! Es hat vielleicht noch keine große Empathie, es versteht vielleicht noch nicht, wie wichtig dieses letzte Foto von Uroma wirklich war, es begreift vielleicht nicht, dass ein großer Bruder nicht so hauen darf, wie der kleine es tut: Es ist nicht böse, es tut nur etwas, das wir als böse bewerten.

Wirklich da sein

Miteinander Reden ist Silber. Miteinander Schweigen ist Gold. Manchmal. Für die, die selbst keine Worte haben. Ein furchtbarer Wutanfall etwa, der in eine verzweifelte Prügelei ausbricht, ist mit einem beherzten Griff ins Gerangel, einem klaren "Stopp!" und einer Umarmung gepaart mit einem geflüsterten "Ich bin hier!" der Zauber, der die Streithähne versöhnt. Das ist mehr, als Spiegeln kann. Spiegeln, was aufgeklärte Eltern gern anwenden und in unturbulenten Situationen gut funktionieren kann ("Du hast also keine Lust zur Schule zu gehen?", "Du bist also traurig, weil deine Freundinnen dich versetzt haben?", "Du hast also Angst vor der Zeit mit dem neuen Baby?") - kann in anderen Situationen vollkommen sinnlos sein. Denn unter Umständen muss das Kind nicht wissen, wie es sich fühlt. Sondern wissen, dass jemand mitfühlt. Jemand wie wir: Seine Eltern. Ich gebe euch ein drastisches Beispiel.

Ich will nicht sterben

Schaut euch dieses Youtube-Video an. Die Eltern haben es mit Sicherheit hochgeladen, weil sie süß finden, wie sehr ihre kleine Tochter ihr kleines Brüderchen liebt. So sehr, dass sie bei dem Gedanken, er könne älter werden, in verzweifeltes Weinen ausbricht. Doch geht es hier wirklich um das Brüderchen?


Alle kleinen Kinder gehen durch diese Phase. Irgendwann entdecken sie tief in sich drin die Angst vor dem Tod. Sie erkennen, dass Menschen geboren werden. Dass sie selbst einmal ein Baby waren und es nicht mehr sind. Sie sind groß. Sie begreifen, dass sie noch größer werden. Wie Mama und Papa. Und eines Tages? Sind sie alt. Wie Oma und Opa. Und dann: Tot. So herzerwärmend der Moment oben für die Eltern war, dies war ein Moment, der ungefilmt gehört hätte. Kamera bei Seite, Töchterchen auf den Schoß nehmen, beruhigen. "Ich bin hier! Es ist alles gut. Ich bin hier für dich." 

Fokus

Ich mache den Youtube-Eltern keinen Vorwurf. Manchmal sieht man durch die Linse nicht, was man mit dem Herzen sehen würde. Manchmal liegt der Fokus auf einem ganz anderen Gefühl, wie übermächtiges Glück. Oder auf einem anderen Geschwisterkind.  Eltern sind nicht perfekt, das müssen sie auch nicht sein. Aber wenn unser Kind verzweifelt ist, sei es aus Wut, oder Furcht, dann müssen wir lernen, da zu sein. Ein Kind mag theatralisch auftreten, vielleicht fühlt es sich aber auch nur besonders hilflos oder ausgegrenzt. Ein Kind mag schnell die Beherrschung verlieren und um sich schlagen, aber vielleicht fühlt es sich nur besonders unverstanden und zurückgesetzt. Was auch immer euer Kind für ein Verhalten an den Tag legt: fokussiert auf das Wesentliche! Was hat es wirklich? Will es das jetzt tun, um euch zu provozieren? Oder um eure ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen? Und wessen? Die vom Vater oder von der Mutter? Wen provoziert es denn am meisten/am liebsten? Schreit es jetzt, weil es nur seinen Willen durchsetzen will, oder schreit es, weil es das Gefühl hat, dass nie auf seine Bedürfnisse Rücksicht genommen wird? Darf es viele Dinge nicht, die es gern mal probieren, besitzen oder machen würde? Oder geht es wirklich genau jetzt um diese eine Sache? Fokus, liebe Eltern. Fokus aufs Wesentliche - auch wenn wir müde, genervt, erschöpft und ausgebrannt sind. Oder vor Glück und Liebe überfließen, weil unser Baby da ist. Fokus!


Wahrnehmung schulen

Toni Morrison, eine afro-amerikanische Schriftstellerin, die mancher vielleicht für ihre gleichnamigen Bücher und Filme "Die Farbe Lila" oder "Menschenkind" kennt, sagte einmal in einem für mich erschütternden Video etwas über ihre Mutter, das mich für mein Leben geprägt hat. Sie erzählte - der alte Schmerz darüber floss ohne eine einzige Träne bei jedem Wort aus ihren Augen - wie es war, ihre eigene Mutter zu erleben, die als Nanny für eine weiße Familie arbeitete. Jeden Tag würde Tonis Mutter daheim mit strahlenden Augen von den lieben, süßen Kindern der anderen Familie schwärmen. Wie höflich und hübsch sie seien. Wie brav. Besuchte Toni ihre Mutter bei dieser Familie, beobachtete sie nicht selten, wie diese die Kinder mit einem warmen, liebevollen Blick bedachte. Wenn sie aber Toni sah, etwa von der Schule kommend, schenkte ihre Mutter ihr nie einen warmen Blick. Sie sah nie glücklich aus, ihre Tochter zu sehen. "Can you imagine that?" fragte Toni den Interviewer, und ihre Augen sprachen dabei Bände. "Coming home and not knowing, if your mother was even happy to see you?" Könnt ihr euch das vorstellen? Nach Hause zu kommen, nach einem Tag in der manchmal unfreundlichen Welt da draußen, wo es schlechte Noten, Hänseleien und Ausgrenzung zu ertragen gilt? Und zu Hause wird man nicht Willkommen geheißen? Da heißt es dann, so geschehen bei Toni Morrison: Wie siehst du denn wieder aus? Was ist mit deinen Haaren passiert? Warum ist dein Kleid schmutzig? Was hast du wieder angestellt? Geh und mach dich schnell sauber. Und pass auf, dass du mir nicht alles schmutzig machst, du starrst ja vor Dreck! Kein Kind würde verstehen, dass eine Mutter auf diese Art versucht, es zu beschützen. Es zu schulen. Dass eine Mutter vielleicht große Erwartungen und Hoffnungen für das Kind hat und deshalb mit Strenge und Härte dafür sorgt, dass es diesen Ansprüchen stets genügt. In einer harten, anstrengenden Welt ist manchmal wenig Raum für Liebe und Wärme. Funktionieren, ein reibungsloses und glatt laufendes Leben hinbekommen: Das ist manchmal der Motor, der Eltern bewegt. Wenn unsere Kinder frustriert, unglücklich oder unbändig sind - liegt es vielleicht daran, dass wir sie nicht wahrnehmen. In ihrem Bedürfnis ankommen zu dürfen. Sie selbst sein zu dürfen. Teil der Familie sein zu dürfen, als der fünfjährige Junge oder der sechszehnjährige Jugendliche, der sie nun einmal sind. Mit allen Macken. Mit allen Kanten. Mit allen Launen. Sie wollen angenommen sein. Als Eltern müssen wir dafür Sorge tragen, unsere Kinder nicht nur zu verstehen (so oft es geht), sondern auch einverstanden mit ihnen zu sein. Mit ihren Gefühlen. So, wie wir es waren, als sie in Windeln steckten und um 2 Uhr morgens brüllenden Hunger hatten. Wir haben ihr Bedürfnis verstanden - und waren einverstanden. Haben akzeptiert, dass man um 2 Uhr morgens schrecklichen Hunger haben kann. Was ist mit "größeren" Gefühlen? Neid? Missgunst? Angst? Frust? Eifersucht? Wie einverstanden sind wir mit diesen Gefühlen? Und wie gut nehmen wir sie wahr?

Tröstliches

Zum Schluss etwas Tröstliches: Auch wenn wir nicht immer schaffen, aufmerksam zu sein, sind wir nicht automatisch schlechte Eltern. Unsere Kinder lernen, so wie wir, mit ihren Gefühlen klarzukommen. Auch allein.  Manchmal ist das eben so, und das ist manchmal auch okay. Am Ende haben sie vielleicht sowohl in den einsamen Momenten, als auch in den Momenten, wo wir ganz bei ihnen waren, geschafft, ihre Gefühle zu verarbeiten und hinter sich zu lassen. Am Ende haben die Urlaubsfotos mit den versteckten Tränen und der roten Nase kaum noch Bedeutung. Am Ende bleibt, wenn wir insgesamt unsere Sache gut machen, wie schön der Urlaub war. Und das ist eine schöne Metapher fürs ganze (Eltern-)Leben!