Freitag, 8. April 2016

PhiloJune
Ich muss alles alleine machen! Wenn Eltern nicht miterziehen wollen


Ein Fall für Zwei: Wie sehr unterschiedliche Eltern Erziehungsarbeit leisten


Floskeln, die die Erde zittern lassen (könnten)


Wir kündigen sie an....
"Oh oh, wenn das Mama sieht!"
"Warte nur, bis Papa nach Hause kommt, dann setzt es was!"

Wir fordern sie auf, in den Ring zu steigen...
"Jetzt sag doch auch mal was dazu!"
"Willst du da gar nichts machen?"

Doch am Ende: Sind wir allein. Auf uns gestellt. Ausgesetzt in den endlosen Weiten der Erziehungswüste, mit nur einem Schluck Wasser zum Überleben.

Denn der Angekündigte erscheint nicht auf der Bühne, verpasst seinen Auftritt, bleibt hinter dem Vorhang versteckt. Diese Rolle, verteidigt er sich, hat er sich nicht ausgesucht!

Wenn dein Partner Arbeitsverweigerer ist


Es heißt allgemein nicht etwa diffus Elternarbeit, sondern Erziehungsarbeit. Eben Arbeit, nicht Müßiggang. So, wie es meistens Arbeitstag und nicht Feiertag lautet. Arbeit macht frei, glauben die einen. Freiheit macht frei, finden die anderen. Fakt ist: Ohne Arbeit geht eins nicht = Erziehung. Weil dem so ist, kocht die Luft, wenn man als Eltern feststellen muss, dass der andere nicht so recht mitarbeiten will. Kinder groß zu ziehen ist ein Projekt, bei dem es fair und richtig ist, wenn man am Ende eine 2 dafür bekommt. Zurecht haben da viele Eltern Angst, dass das Projekt scheitert, wenn die ganze Arbeit nur von einem gemacht wird. 6, sitzen geblieben, von der Schule geflogen, arbeitslos, drogenabhängig, tot: Das ist das Szenario, das zu vermeiden Motivation vieler fleißiger Eltern ist.
Ausgenommen der Arbeitsverweigerer.
Er hat auch ein Szenario, das ihn motiviert. Es heißt: "Du machst das schon". Er (oder sie, aber ich bleibe einfach beim "allgemeinen Er") wähnt seinen Nachwuchs in Sicherheit, denn es gibt ja noch den anderen. Für ihn ist es nicht nur normal, sondern am besten so, wenn er nach Hause kommt und einfach nur seine Ruhe haben will. Am Abendbrottisch hört er sich die schaurigen Begebenheiten aus dem Alltag seiner Kinder aus der Perspektive eines sehr unzufriedenen Partners an und wird subtil oder deutlich aufgefordert, nachdem die Tathergänge ausführlich geschildert wurden, Polizei zu spielen. Also Festnahme, Zimmerarrest, Einzelhaft. Oder - amerikanische Polizei - Einberufung eines Geschworenen Gerichts, Vorbereitung einer Verhandlung, Prozessierung, Freispruch oder Festsetzung des Strafmaßes (z.B. Computerverbot), Quittung über Prozesskosten folgt. Doch leider sitzt da nicht die Polizei, sondern der Herr bzw. die Frau Beamte. Und Beamte haben von einem zu viel und von einem zu wenig: Zeit versus Entscheidungsfreude. Die Sache mit der Zeit nervt ungemein. Wer Zeit hat, will alles genau wissen. Das hilft bei der Entscheidungsfindung. Also wird nochmal genau nachgehakt.
"Also was ist nochmal passiert?" Dann hört sich der Familienverwaltungsbeamte die ganze Geschichte noch einmal an. Harte Fälle fragen dann, wenn sie alles ein zweites Mal gehört haben, sogar: "Und was war jetzt so schlimm daran?" Wer nicht ganz so sehr auf Ärger mit seinem Partner aus ist, aber dennoch gern alle Entscheidungsbefugnisse abgeben möchte, fragt - genervt, wie alle Beamten - lustlos: "Und was soll ich jetzt bitte machen?" Das ist der Punkt, andem die Angeklagten allerspätestens wissen, dass sie aus dem Schneider sind. Aufstehen und Abhauen sind legitime Mittel, um sich dem drohenden Rechtsspruch auf kurz oder lang zu entziehen, denn nun steht jemand anderes im Visier des Kopfgeldjägers: Der Beamte.

Clash of the Titans



"Du fragst ernsthaft, was du jetzt machen sollst? Die Kinder haben sich heute den ganzen Tag gekloppt, sie haben Geschirr kaputt gemacht, Julian hat Bastians Legowelt mit Absicht zerstört und beide haben eine Mahnung vom Klassenlehrer wegen Störens und Widerworte bekommen! Fällt dir da gar nichts zu ein?!"
Verbeamtete Väter neigen in solchen Momenten dazu, beschwichtigend daran zu erinnern:
"So sind Jungs nunmal."
Verbeamtete Mütter verallgemeinern ihre Beschwichtigung mit einem Schlüsselsatz, ihrem persönlichen Leitmotiv:
"Es sind doch noch Kinder."
Das sind dann die Sätze, wo der Kopf des jeweils anderen Elternteils klingelt, wie eine Teekanne, wenn das Wasser kocht. Vorsicht: Verbrennungsgefahr!
Während im Kinderzimmer friedlich Räuber und Gendarme gespielt oder wieder gemeinsam gemalt wird, steigen zwei Giganten in den Ring, in dem seit es das Rollenmodell Vater-Mutter-Kind gibt, jedes Jahr literweise Blut und Tränen vergossen werden.
Der Schlagabtausch beginnt meistens mit einer lauten, funkensprühenden Predigt über die negative Arbeitshaltung, ja die schiere Leistungsverweigerung des verbeamteten Elternteils. Übliche Beamte, nachdem die Rauchschwaden aus dem Kriegsgraben verzogen sind, verfolgen die Taktik der Verunsicherung und gehen weder auf ihre Verantwortung, noch auf ihre Arbeitseinstellung, noch auf den eigentlichen Grund des Konflikts, nämlich die Vergehen der Fast-Häftlinge in Zellblock B, ein. Nein, übliche Beamte arbeiten mit ihren innerlich abgehefteten Karteikarten, auf denen sie Sprüche gesammelt haben, die sie zur Verunsicherung und Verwirrung des Gegners nacheinander herunterbeten können.
"Du übertreibst mal wieder maßlos".
"Du hörst dich an, wie deine Mutter."
"Du bist, wie dein Vater."
"Das kann man jetzt auch nicht mehr ändern."
"Das ist doch kein Weltuntergang."
Und zuletzt, als krönender Abschluss:
"Dann mach DU doch, wie du es gesagt hast! Wozu brauchst du mich dafür?"
Wenn dem anderen es dann noch immer möglich ist, weiterzudiskutieren, macht dieser meistens dem erziehungsmüden Beamten den Strafprozess, den der Nachwuchs eigentlich verdient hätte. Das heißt Schuldspruch, interne Festlegung der Strafdauer, Verkündung des Urteilsspruchs, Abgang. Der verbeamtete Elternteil, nun wieder in Ruhe gelassen, isst sein Abendbrot zu Ende. Trinkt sein Feierabendbier. Oder verbündet sich mit den Kindern. Sie sind es ja nicht, die ihm den Schlamassel mit dem Familientyrann eingebrockt haben!

Raus aus dem Ring, Rein in die Arbeitsteilung

Der einzige Weg, um diesem Brandherd in Ehe-und Familienleben zu löschen, ist: Die Begebenheiten akzeptieren, wie sie sind.
Der eine ist also ein guter Cop. Hat eine Spürnase für Ärger. Ist halb Detektiv- halb Drogenspürhund. Hat ein klares Familiengesetzbuch, nach dem er handelt. Sorgt für Recht und Ordnung. Wäre gern öfter Freund, ist aber ein guter Helfer.
Der andere ist ein guter Philosoph. Alle Beamte sind gute Philosophen. Er lässt sich Zeit mit den Dingen. Er fühlt den Druck nicht, er gibt auch keinen weiter. Sein Glas ist halb voll, er weiß, er ist unkündbar. Verbeamtet auf Lebenszeit: Zeit, die hat er. Ruhe, bloß kein Stress, lass uns Friedenspfeife rauchen. Recht und Ordnung sind genehm, aber sie einzufordern, unbequem. Er hilft und richtet, wenn er der festen Überzeugung ist, dass es gar nicht anders geht. Demnach selten (denn es gibt ja den Cop)
Die Kinder indes können tatsächlich von beiden Welten profitieren. Statt, dass Cop und Philosoph sich bekriegen, sollten sie Hand in Hand arbeiten. Der Cop darf alle drei Staatsgewalten im Rollenspiel einnehmen, also als Cop, als Anwalt und als Richter. Der Philosoph überlässt ihm das Feld, akzeptiert aber, wenn er als Philosoph gefordert ist. "Kau ihnen ein Ohr ab", "Mach sie mürbe", "Rede mit ihnen"....ein kluger Cop weiß, wovon der Philosoph zu viel hat, davon haben die Kinder zu wenig (je älter, je weniger): Zeit. Und so ist eine faire Strafe, wenn der Philosoph den Kindern Zeit stiehlt. Ihnen alles über Recht und Ordnung erzählt. Ihnen alles erklärt. Hat er das Gefühl, nicht verstanden worden zu sein, erklärt er es auch gern ein zweites Mal. Der Cop wacht über die Stunden, die der Bewährungshelfer mit der Ganovenbande verbringt und stellt ihn als leicht schläfrigen Wachposten ab, damit er redend und wachend ein Auge auf die Fortschritte der Gefangenen im Arbeitslager hat (Müll rausbringen, Küche aufräumen, Schulsachen ordnen etc.).

Das Ende vom Lied


Am Ende werden die Kinder, je älter desto eher, einen kurzen Prozess wünschen. Unter Umständen beteiligen sie sich sogar an der Findung eines fairen Strafmaßes. Und geben sich Mühe, weniger auffällig zu sein. Wenn sie dem Cop alles beichten und um mildernde Umstände flehen, dann nur, um der Laberei des Philosophen-Bewährungshelfers zu entgehen.
Alle Eltern haben eine besondere Macht. Und wenn es die ist, ihren Familienmitgliedern durch Langsamkeit und langstieligem Sinnieren den letzten Nerv zu rauben.

So kann wieder Frieden an den heimischen Abendbrottisch kehren.
Und der 3-Gewalten-Cop und der Beamten-Philosoph lernen sich und ihre ungleichen Fähigkeiten endlich zu schätzen.