Mittwoch, 20. April 2016

PhiloJune
Skinny Talk

Eureka! Endlich zurück aus dem Krankenhaus! Was für eine Odyssee, was für eine ur-lange Zeit! Endlich wieder daheim bei meinen Lieben, endlich wieder vor meiner geliebten Tastatur, bereit, die Welt aus den Angeln zu tippen!
Und schon bereit, meinen ersten Blogartikel nach dem Krankenhausaufenthalt zu verfassen.

Skinny & die ganze Welt spielt verrückt


4. Tag im Krankenhaus.
Fast modelreif: Noch ein paar Infusionen mehr, und ich kann auf den Laufsteg!

Ich weiß, dass es kein böser Wille ist. Deshalb nehme ich es niemandem übel. Aber es sind alles Zeichen unserer Zeit und ich finde sie ein wenig verrückt. Irgendwie sind unsere Punkte auf der "besonders erstrebenswert" Punkteliste massiv verrutscht, die Ideale, die wir haben, sind dementsprechend verzerrt. Eben deshalb....

Im Krankenhaus wurde ich auf eine strenge Diät gesetzt. Erde, Gras und Kräutertee. Oder auch mal mineralische Pfützen, Gras und Kräutertee. Das kommt davon, wenn man in einer antroposophischen Klinik liegt. Überschlagen waren das eine Woche lang täglich weniger als 1500 Kalorien. Ich bin mindestens eine ganze 500-Kalorien-Portion mehr pro Tag gewohnt. Für mich hieß das demnach nicht nur strenge Diät, sondern HUNGERN.
Ich habe so sehr unter meinem Hunger gelitten, dass ich ernsthaft von Essen geträumt habe. Oft waren meine ersten Gedanken am Morgen "Oooo jetzt einen saftigen Burger". Überhaupt habe ich ständig von Fastfood geträumt, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass weder Schokolade noch Kuchen mich aus meiner Misere gerettet hätten. Ich wollte was mit Geschmack! Salz, Fett, IRGENDWAS, biiittee!
In dieser Woche habe ich 5 Kilo abgenommen. Aus meinem schlanken Ich wurde ein dünnes Ich.

Du siehst (aber eigentlich) toll aus


Blass, mit leicht dunklen Ringen unter den Augen, etwas fahler Haut und mit einem kraftlosen Lächeln begrüßte ich in den letzten zwei Tagen Freunde und Bekannte wieder. Alle schenkten mir lieber Weise ihr Mitleid, sie hatten auch fast alle über diverse Medien den Kontakt zu mir gehalten. Und eine Vielzahl ließ mich wissen, dass ich "eigentlich" toll aussehe. Jetzt sähe ich aus, wie ein richtiges Model! Karrierereif, sozusagen.
Heute früh brachte mein Mann die Lütte zur Kita und wurde von einem Vater dort in ein Gespräch verwickelt. Er erkundigte sich nach meinem Wohlergehen und fragte dann irgendwann: "Hat sie abgenommen?" Klar hatte ich, mein Mann beschrieb, wie dünn ich geworden war. "Dann sag ihr aber nicht, dass sie jetzt aussieht wie ein Model." Warum....weils ja nicht von Dauer ist, wahrscheinlich.

Gott sei Dank fand mein Mann schon vor meiner Magerkur, dass ich aussehe, wie ein Model.
Bei Hosengröße 38 und 1,80m Körpergröße habe ich mich absolut als schlank und gut aussehend empfunden. Wieso sollte ich Angst haben, so auszusehen, wie mein altes Ich?

Frauenideale

Ich weiß, dass das nicht böse gemeint ist. "Du siehst aus, wie ein Model" ist ein ernstzunehmendes Kompliment. Ich nehme das gern an, denn momentan stimmt es auch. Ich war fast einen Monat lang ernsthaft krank und konnte immer weniger und weniger essen: Jetzt sehe ich aus, wie ein Model.
Wieder wird mir bewusst, was für ein Wahnsinn dieser Schlankheitswahn ist. Fast alle Mütter in der Kita meiner Tochter sind nicht schlank, sondern dünn. Ich weiß nicht, ob es allen viel Arbeit und Disziplin abringt - aber einigen sehe ich an, dass sie ruhig mehr Essen vertragen könnten. Sie sehen nämlich so aus, wie ich jetzt. Und ich musste dafür einen Monat lang leiden.
Dass Männer diese feenzarten, nur ein Abglanz-ihrer-selbst-Frauen verehren, ist mir zwar kein Rätsel: Aber ich bevorzuge naturgemäß lieber die Sorte Mann, die gern jemanden mit Energie, Kraft, Elan und Bewegungslust an ihrer Seite haben. Jemanden zum Bäume ausreißen. Jemanden, der stark ist. Jemanden, der Inbegriff einer Powerfrau ist. Es ist ein ziemlich hochgestecktes Ideal, das ich da verfolge, aber der Weg dorthin macht mir mehr Spaß, als der Weg zum Ideal der blütenzarten Modelvariante.

Mein pre-skinny Ich könnte sich rückwirkend beleidigt fühlen. Aber tut es nicht. Ich fand mich vorher schön. Meine irre dürren Arme und meine eingefallenen, hohlen Wangen erschrecken mich. Ich sehe müde, erschöpft und ausgepumpt aus. Und das stimmt ja auch: Ich bin ein Spiegel der Tatsachen!
Ich wäre gern Spiegel anderer Tatsachen.

Was wirklich zählt

Liebe Frauen, Freundinnen, Verwandtinnen, Mütter, Töchter und Mädchen da draußen: In einer Welt, in der einer seit einem Monat ernsthaft erkrankten, verhungerten, saft- und kraftlosen Frau derart ernstzunehmende Komplimente wie "Du siehst aus wie ein Model. Karrierereif!" gemacht werden, läuft etwas schief! Es gibt von Natur aus dünne Frauen, sie haben das Glück die gesichtslosen Kleiderstangen der Modemogule zu werden, manche von ihnen schaffen es sogar in die Welt des Gegenübers und werden Plakatmodels. Jede Frau, die NICHT von Natur aus derart dünn ist, sollte ein Ideal anstreben, das ihr und ihren Möglichkeiten entspricht!

Wenn ich eine Frau oder ein Mädchen sehe, zählen für mich Faktoren, wie:
Sieht sie zufrieden aus?
Strahlt sie innere Ruhe aus?
Wirkt sie selbstbewusst?
Wirkt sie freundlich?
Wirkt sie wie jemand, der viel und gern lacht?
Sieht sie gesund aus?
Wirkt sie fit und vital?
Hat sie Esprit?
Wenn ich diese Fragen beim ersten Blick-Check mit Ja beantworten kann, dann habe ich eine Frau entdeckt, die mich neugierig gemacht hat. Neugierig darauf, wie sie es schafft, all das auszustrahlen. Eine Frau, die Eleganz und Kraft in sich vereint und beides mit einer Prise Charme und einem Hauch Geheimnis verströmt, ist für mich eine Frau zum in-die-Knie-gehen. Ihre Geheimnisse will ich lüften!
Ihre Lebensweise interessiert mich!

Eine Frau, die ganz so aussieht, als wäre ihr "Wie-ein-Model-aussehen" alles, was sie ausmacht, hat keine spannenden Geheimnisse. Hat kein Leben, das mich brennend interessiert. Die hat höchstens hunger - und davon hab ich genug.