Donnerstag, 7. April 2016

Relaxed&Stiefmom
Das zerlumpte Scheidungskind

Sie tragen Löcher aus reinem Pragmatismus!



Weil darum gebeten wurde, heute ein kleiner Einschub zum Thema "Warum kommt mein Kind in Fetzen?"

Es ist ein Phänomen, von dem ich überall lese, und das wir auch selbst erlebt haben. Das Wochenende mit den Kindern aus erster Ehe steht an, alles ist hübsch und aufgeräumt und wartet auf die Begrüßung: Und es kommen Kinder, die aussehen, als hätten sie eine Woche Inhaftierung in Guantanamo hinter sich!
Mich hat es insgeheim jahrelang geprickt zu verstehen, warum wir die Kinder so bekamen. War das ein Zeichen im Sinne von "Ihr zahlt mir so wenig Geld, dass ich die Kinder nicht einmal richtig anziehen kann?" Oder war das Vernachlässigung, derer wir jedes 2. Wochenende Zeuge wurden? Was wollte man uns damit sagen?

Zu schön für euch


Die Antwort bekam ich von meiner besten Freundin, die, die auf der anderen Seite der Macht steht (sie Singlemutter, er mit "der Neuen" in Patchwork verflochten). Irgendwann kam ich mal auf das Thema zu sprechen und - oh Wunder - meine Freundin hatte absolutes Verständnis.
"Ich kaufe doch nicht schöne Klamotten, damit mein Kind bei denen immer toll aussieht? Außerdem ziehe ihr immer die alten Sachen an, weil mir dann egal ist, wenn mal was liegen bleibt oder so."
So einfach ist das also.

Erstens geht es um Missgunst. Dieses Kind "gehört" nicht den Anderen, "gehört" nicht in die andere Familie. "Gehört" eben der Mutter. Und die Mutter erhebt Anspruch darauf, dass ihr Kind bei ihr aussieht, wie aus dem Ei-gepellt. Was die anderen machen, ist deren Sache.
Zweitens geht es um Pragmatismus: Als Mutter ärgert man sich nämlich, wenn man sein Kind in den guten Klamotten ins Wochenende schickt und erst zwei Wochen später eben jene zurückbekommt. Oder erst nach 100 Mal nachfragen. Und statt der eigenen schönen Sachen, trägt das Kind dann vielleicht Klamotten, die Mama nie gekauft hätte.

Ich war völlig baff. Die Antwort liegt auf der Hand, ich hätte selbst darauf kommen können. Mir wurde damals vielerseits auch dazu geraten, die Kinder nicht mit "meinen" guten Sachen nach Hause zu lassen. Und so wie es mich störte, die Kinder in zu kleinen, zu kurzen oder kaputten Sachen zu sehen, störte es sie, die Kinder in "geschmacklosen" Sachen von der ollen Neuen zu sehen.
Und es gibt sogar einen dritten, plausiblen Grund:

Fremdes Nest



Jeder kennt das: Wenn ein Jungtier aus dem Nest gefallen ist oder verloren wirkt, soll man es nicht anfassen. "Sonst erkennt die Mutter es nicht mehr am Geruch". Nun, wir erkennen unsere Kinder Gott Lob neben dem Geruch noch an ihrem Lärm, insofern kann uns die Natur da nicht so schnell ausboten. ABER wenn unsere Kinder ihre Zeit in feindlichen Lagern verbringen und dann auch noch überall dieser Geruch an ihnen haftet...dieses fiese Parfüm des Erzfeindes, diese schreckliche Backluft, die verräterisch nach ungesunder Verwöhnung riecht und dieses ätzende Waschmittel und der schreckliche Weichspüler, die schiere Dieselwolken auf das Kind legen und es zu einem "Fremden" machen - das mag selbst für die Toleranteste unter uns schwer zu verdauen sein!
Wie ich darauf komme? Weil ich sie ja auch an den Kindern gerochen habe. Ich habe ihr Waschmittel zufällig im Supermarkt entdeckt, als jemand Duftproben anbot. Ich habe ihr Parfüm gerochen, wenn ich unterwegs war. Ihr Shampoo. Einfach sie - die Mutter meiner geliebten Bonuskinder. Nur - mich hat das nicht gestört. Aber sie war ja auch nicht sinnbildlich in mein Leben eingebrochen. Nein: Das war wohl ich.

Wer sich nun noch wundert, weshalb er Kinder überreicht bekommt, die nach einer Menge Wasch - und Flickarbeit aussehen, der versteht die banalen Grundprinzipien des Tierreichs ebenso wenig, wie blanken Pragmatismus. Allen anderen, denen jetzt ein Licht aufgegangen ist, sei gesagt: Nun dürft ihr entspannen! Die Kinder sind mit großer Wahrscheinlichkeit keine Opfer von Vernachlässigung und ihr Anblick kein Paycheck-Wink-mit-dem-Zaunpfahl.

Also: Umarmen, Look akzeptieren, abends ordentlich wienern und bürsten und morgens in 'eure' Klamotten stecken. Fertig!


Foto wie immer von Ryan McGuire