Samstag, 23. April 2016

Relaxed & Stiefmom
Trennungsfamilien
Sollten Neu & Alt an einem Strang ziehen, oder ist das moderner Quatsch?

Die moderne Patchworkfamilie: Für wen eigentlich modern?

Es ist nichts Neues, wenn Erwachsene aus Liebe zu einem anderen Erwachsenen dessen Kinder als die eigenen (mit)annehmen. Das war nicht nur in Kriegszeiten so, wenn Männer gefallen waren und Frauen mit ihren Kindern allein zurückblieben. Das ist beim Thema ungewollte Schwangerschaft so, wenn der Vater vielleicht gar kein Interesse daran hat, Kinder zu haben. Das ist beim Thema Kuckuckskind so. Und da Trennungen nun wirklich nicht erst heute erfunden wurden, ist es auch bei ihnen so. Es ist eine falsche Behauptung, die gern aufgestellt wird, dass Patchworkfamilien ein Novum sind. Neu ist eher die Art und Weise, wie Patchwork in unserer Gesellschaft gelebt und verstanden wird. Für uns neu ist: Alle kümmern sich ums Kind, die Ex und die Neue ziehen möglichst an einem Strang, der Ex verträgt sich mit dem Neuen, besondere Feiertage und Geburtstage werden zusammen gefeiert, die Stiefeltern spielen plötzlich eine zentrale Rolle. Diesem Ideal versuchen Viele zu entsprechen, in Medien wie Familienmagazinen werden erfolgreiche Beispiele zelebriert.

Andere Normen, andere Sitten

Jada Pinkett Smith mit ihren 2 eigenen Kindern und Will Smiths Exfrau plus Sohn aus erster Ehe: Sie sind gute Vorbilder!
Foto von ihrer öffentlichen Facebookseite HIER

Tatsächlich gibt es Kulturen, in denen genau das seit langen Zeiten Gang und Gebe ist. Das heißt nicht(!), dass diese Kulturen den Dreh raus haben und Experten sind, denen man alles abschauen darf. Wenn es schon in der normalen Kernfamilie Fehden und Parteikämpfe gibt, wird es diese zwangsläufig auch in Patchworkfamilien geben.
Aber den Erwachsenen dieser Kulturen wird eines in Sachen Trennung ganz deutlich gemacht:
Es geht hier nicht um dich!  

Eine Kernaussage, die ich fortwährend den gestressten Eltern in Trennung sagen möchte, wenn sie - um ihren Stress zu mindern - alles daran setzen, ihre Kinder vom Stressor fernzuhalten. Egal wie stressig das eigene Leben nach Trennung wegen ihm oder ihr ist: Es geht nicht um dich! Es geht nicht um ihn! Es geht um die Kinder - und sie haben ein Recht auf ihre Familie.

Hab ich das aus Büchern? Zum Teil. Und Black Hollywood hat auch etwas damit zu tun. Aber vor allem basiert mein Wissen auf Überlieferungen und eigenen Erfahrungen. In meiner Familie nämlich, und in vielen anderen black-american Familien, wird das so gemacht. Die Erwachsenen haben nicht einmal die Wahl. Sie können sich nicht einfach aus dem System verabschieden und sagen "Ich habe jetzt eine neue Familie, ich will mit meiner Ex nichts zu tun haben". Dann kommen die Ältesten zusammen und setzen einen unter Druck. Sie sagen dann Dinge, wie "Die Kinder haben sich diese Situation nicht ausgesucht" oder "Die Kinder sind alle miteinander verwandt, ihr dürft sie nicht trennen". Dass ich einen Mann mit zwei Kindern aus erster Ehe liebe und mit ihm eine Familie gründen wollte, war überhaupt nichts Besonderes. Ich werde darauf hingewiesen, keinen Unterschied zwischen meinen und seinen Kindern zu machen. "Das muss ihnen doch weh tun, sie haben doch alle den gleichen Vater". Ich werde ermahnt, sie alle "meine Kinder" zu nennen, wenn ich von ihnen rede, denn " Du hast dich ja auch für sie entschieden, nicht nur für ihn". Wenn wir meine Familie besuchen, fragen sie "Wann bringst du mal alle Kinder mit?" Wer sich in meiner Familie trennt, von dem wird erwartet das Opfer zu bringen sich dem Willen der Familie zu beugen. Familie ist ein großes Ganzes, wie eine Patchworkdecke. "Jeder einzelne gehört dazu, jeder bringt seine Geschichte mit". Glaubt ihr, das wäre nur in meiner Familie so? Nun, wenn man Filme sieht, die schwarze Familienkultur (also nicht die Brady Family) portraitieren, dann ist dieses Modell seit Jahrzehnten ein klassisches Thema schwarzer Filmkultur. Es überzieht den amerikanischen Kontinent, es ist kein verrückter Flitz eines einzigen Familienzweigs, dem ich zufällig entstamme.

Was ich in meiner Familie gelernt habe -
Was ich versuche zu leben


Obwohl es immer schwierig ist, meine Kulturvorstellungen und meine Erfahrungen in ´das deutsche Modell´ zu integrieren, habe ich mir immer Mühe gegeben. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass ich diesbezüglich eine fremde Sprache spreche. Bei der Exfrau meines Mannes sind meine Vorschläge und Wünsche sprichwörtlich in Chinesisch angekommen. Sie konnte damit nichts anfangen und hat - gemäß ihrer Kultur - mit Abschottung und Ausgrenzung gearbeitet. Bis ich begriffen hatte, dass ich die Wahl habe, sie für den Rest unseres Lebens mit meinen kulturellen Idealvorstellungen zu nerven oder ihrer Kultur Respekt zu erweisen und sie in Frieden zu lassen - auch wenn meine Kultur mir sagt, dass es ein falscher Weg ist - habe ich Jahre gebraucht. Es war mein stillschweigendes Weihnachtsgeschenk an sie, nachdem es wieder einmal Streit gegeben hatte, dass ich sie endlich ´in Ruhe lasse´.  Ich gab auf, nett zu ihr zu sein, ihr Gefallen zu tun (Sie: "Kannst du Fotos von den Kindern machen? Aber ohne diesen amerikanischen Firlefanz, einfach ganz normale Fotos."), meinen Mann zu bewegen, was er alles für sie tun könnte und wo wir uns auf sein Drängen hin treffen und absprechen sollten...ich hörte auf, ihre geheime Freundin und Fürsprecherin im Hintergrund zu sein. Ich hörte auf, von gemeinsamen Unternehmungen oder - noch utopischer - Frieden zu träumen.

Meine Idealvorstellungen, die Gedanken beinhalteten, wie die unteren, waren ihr einfach fremd.

  • "Lass uns das gemeinsam machen"
  • "Lasst uns uns doch alle treffen und gemeinsam hinsetzen und reden" 
  • "Du kannst auch mich anrufen, wenn was mit den Kindern ist" 
  • "Wenn du Fragen hast, bin ich auch da" 
  • "Wir könnten Weihnachten und Ostern doch zusammen feiern"
  • "Wir könnten die Geburtstage der Kinder alle gemeinsam feiern" 
  • "Wenn du mal krank bist, spring ich auch gern ein, du musst mich nur fragen"
Habt ihr schonmal geröstete Heuschrecken gegessen? Oder gebratenen Hundedarm? Habt ihr schonmal aus dem Kopf eines kleinen Äffchens Eis gegessen? Nein? Warum nicht? Ist euch das zuwider? Schüttelt es euch da? Findet ihr das unnatürlich? Kommt es euch hoch?

Ungefähr so ging es der Exfrau meines Mannes. Der Ex in meinem Leben ;-) Meine Anbahnungen, meine Bemühungen, meine Nettigkeiten waren für sie unnatürlich. Aus ihrem kulturellen Kontext heraus, konnte sie sie nur als "giftig, ungesund, gefährlich" einordnen. Denn in der deutschen Kultur ist die Form von Patchwork, die ich von Kindheit an kenne, noch neu. Hier machte bis vor kurzem jeder seins. Die Next-Partners haben sich aus den Kinderangelegenheiten herauszuhalten, obwohl sie Haus und Leben mit ihnen teilen. Wo ich überall von meinem Mann einbezogen werde, weiß ich, dass sie uns "neue Partner" aus den Kinderangelegenheiten heraushält. Man hat zwar alles andere beizusteuern, muss die Kinder aushalten und tollerieren, aber ein Wörtchen mitreden? Nein. Das ist ein Raum, der einzig und allein ihr und meinem Mann (wenigstens das wieder) vorbehalten ist. Unbefugten ist der Zutritt verboten.
Aus meiner kulturellen Sicht empfinde ich diese Einstellung als kurzsichtig. Unklug. Ich finde, dass sie vielleicht das Leben mit den Kindern im ganz kleinen Familienkern erleichtern kann, aber doch das ganze Familiengefüge um so anstrengender macht. Wer sich ein Leben teilt, sollte auch wirklich Anteil an diesem Leben haben. Wer sich Kinder teilt, sollte auch wirklich Anteil an den Kindern haben. Das geht dann am besten, wenn alle an einem Strang ziehen. Im offenen Dialog. Wo man sich kennenlernt, die Möglichkeit hat, einander einzuschätzen. Die Möglichkeit hat, zu lernen - voneinander.

The good times

Ich habe also meine kulturellen Vorstellungen von Patchwork begraben, nach vielen Jahren. Hin und wieder bitte ich meinen Mann "Mach doch mal den Vorschlag", oder "Triff dich doch mal mit ihr, diskutiert das doch persönlich aus"...das ist eben meine Natur, da komme ich nicht raus. Ich will ja auch meinem Mann helfen. Aber ich melde mich bei ihr nicht mehr. Ich schicke ihr keine Fotos, mache keine Vorschläge, versuche nichts zu erklären oder zu rechtfertigen. Interessanter Weise haben sich dennoch drei Wunder getan, und zwar im letzten Jahr. Vielleicht auch deshalb, weil ich vor ihren kulturellen Erwartungen endlich den gebührenden Respekt gezeigt habe. Vielleicht konnte sie deshalb endlich auch einen Schritt auf meine Kultur zu machen.

Wir haben
  • das Abitur ´unserer´ großen Tochter gemeinsam gefeiert
  • den Geburtstag ´unseres´ großen Sohnes
  • und den Geburtstag ´unserer´ großen Tochter
Und, obwohl ich im Leben nicht gewusst hätte, worüber wir reden sollen und ob es ihr, nachdem sie mir an die 1000 Stopp-Schilder gezeigt hatte, überhaupt Recht wäre, wenn ich sie anspreche: Wir wechselten zum ersten Mal seit Jahren ein paar harmlose Worte. Am Geburtstag ihres/unseres Sohnes. Da schenkte sie mir ein Paar Markenschuhe für meine/unsere Tochter, die Jüngste im Bunde. "Unsere haben die nie getragen, sie sind fast wie neu". Ich habe ihr von Herzen gedankt, mehr als sie sich vorstellen kann. Es war ein kulturelles Zugeständnis. Ein ganz kleines. 
Das sind die Tage, die einem Hoffnung machen - und die Augen öffnen. Vor allem dafür, wie einfach alles sein könnte, wären unsere Kulturen gleich und basierten auf Einander-Helfen und Einander-Geben. 

Jada & Sheree = Next & Ex
Schöne neue Welt...
Foto von ihrem öfftl. FB Profil HIER

Fazit

Sollten Neu & Alt an einem Strang ziehen? Meine Meinung: Ja - unbedingt! Es geht ja nicht um uns Erwachsene: Es geht um die Kinder! Darum, ihnen eine Familie zu sein, egal wie groß und egal wie zerstreut. Es geht darum ihnen zu zeigen, dass eine Trennungsfamilie nicht bedeutet, dass sie entweder rechts oder links von der Straße spielen müssen. Sondern, dass ihnen weiterhin das ganze Dorf gehört. Denn: Braucht es nicht auch ein Dorf, um ein Kind großzuziehen?