Freitag, 1. April 2016

Relaxed & Stiefmom
Urschreitherapie und brutale Gewalt:Konfliktlösung für Stiefmütter

Auch eine Art Konfliktbewältigung

Der Anfang ist geschafft

Das erste Jahr für mich als Stiefmutter war, wie ihr im ersten Teil dieser Reihe gelesen habt, ein wahrer Sturm. Alle waren furchtbar emotionalisiert, jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt, Konflikte schossen aus dem Boden, wie Schneeglöckchen! Heute, bald 9 Jahre nachdem ich plötzlich mit 20 Jahren Stiefmutter wurde, wirken die Probleme der Vergangenheit wie aus einem schlechten Film, den man irgendwann mal geguckt hat. Der Nebel des Vergessens und die vielen guten Zeiten schichten sich gütig über dem Müll der ersten Jahre: Irgendwann wird da mit Sicherheit ein ganz hübscher Hügel mit Aussicht und Grün drauf - der Schutt darunter wird niemanden mehr interessieren.
Dass ich das so empfinden kann, hat viel mit Glück zu tun. Aber auch mit Arbeit, Disziplin, Opferbereitschaft, Vertrauen und dem unbedingten Willen das Ding irgendwie zu schaukeln.

Hier lest ihr, wie wir mit Konflikten umgegangen sind. Mal aus der Not geboren, mal nach reichlicher Überlegung. Ich bin so fair und verrate auch gleich immer, ob unsere Lösungen was gebracht haben ;-)

Das Tal der Vorwürfe, des Misstrauens & der Lügen


"Die will mir die Kinder wegnehmen" "Die hat den Kindern pornographische Bilder gezeigt"
"Die erzählt Drogen sind gut" "Die ist eine Erbschleicherin" "Die ist nur hinter Geld her"
"Die ist ein junges, dummes Huhn" "Die kann nicht mitreden, die hat ja keine Kinder, die ist ja selbst noch ein Kind" "Die hat schlechten Einfluss auf den Kindsvater, wenn sie dabei ist, sollte der Umgang mit den Kindern verboten werden" "Die schadet den Kindern" "Die macht die Kinder krank"
"Die setzt den Kindern Flausen in den Kopf" "Die lügt"

Das sind nur einige der vielen, vielen Beleidigungen, Vorwürfe und Lügen, denen ich jahrelang ausgesetzt war. Weil die Pistole am Kopf es "denen" nur leicht gemacht hätte, habe ich andere Wege gefunden, klarzukommen ;-)

Auf emotionaler Ebene:
Muss man versuchen, über den Dingen zu stehen. Ich habe es wirklich lange lange versucht, aber ich war nicht stark genug. Ich wusste, wenn ich diesem Unsinn erlaube, meine Gefühle zu beherrschen, mache ich Fehler. Die habe ich auch gemacht. Irgendwann ist mir die emotionale Hutschnur geplatzt und das bedauere ich bis heute zutiefst. Nicht, weil ich gern die beste Freundin der Exfrau meines Mannes wäre. Sondern weil ich damit leider a) einige Klischees und Lügen unfreiwillig bestätigt habe und b) mir niemand meine generell stets guten Absichten abkaufen wollte. Alles wurde unter dem Licht meiner Fehltritte beleuchtet, all das Gute wurde einfach ausgeblendet.
Also: Stark bleiben! NICHT zurückschießen! NICHT auf dieses Niveau sinken! Es ist definitiv eine Idiotenfalle. Von Idiotie aufgebaut, stolpert man bei Unachtsamkeit über den Strick und bricht sich das Genick.
Ich wollte immer stolz, fair, aufrichtig und vor allem höflich und respektvoll sein. Das habe ich irgendwann aber einfach nicht mehr geschafft.
Tut euch selbst den Gefallen und bleibt tapfer! Ihr MÜSST nicht darauf eingehen. Ihr MÜSST nicht zurückschießen. Ihr MÜSST nichts persönlich richtig stellen.

Ich habe zwei Dinge gelernt, die mich massiv desillusioniert haben:
Erwachsene benehmen sich nicht erwachsen! Gestresste Erwachsene benehmen sich wie Kleinstkinder. Sie schreien, kratzen, drohen, beleidigen, schmeißen mit Gegenständen, schlagen und benehmen sich komplett unlogisch - und dennoch ist das alles keine Erlaubnis, selbst aus der Haut zu fahren.
Ich habe - typisch für mich - ein Schmähgedicht veröffentlicht. Ehrlicher Weise habe ich nicht gewusst, dass die Exfrau meines Mannes es lesen würde. Ich hatte nämlich vor ihr das persönlich zu schicken (so weit war ich schon auf Kindergartenniveau mitgesunken), aber mein Mann hatte mir davon abgeraten. Also habe ich es auf meiner damaligen MySpace Seite veröffentlicht - schon in derselben Nacht war die Kacke am Dampfen. Dieses Gedicht wurde fortan überall und jederzeit gezückt, um mir jedes Mitspracherecht abzusprechen. Es wurde damit gedroht, es würde gegen mich benützt werden. Ich hätte bis heute keine Angst es noch einmal zu veröffentlichen. Mit einer weiteren, ordentlichen Entschuldigung drunter. Aber alles entschuldigen, alles Gute davor und alles Gute danach war mit diesem einen Gedicht für die Katz. Es war so, als hätte die Exfrau endlich etwas gegen mich in der Hand. So hat sie es auch behandelt und benutzt.
Was für ein Frust. Meine Fehler vom Anfang haben viele Verhandlungen und Klärungen unmöglich gemacht. Immer kreischte es gleich "Nicht wenn June dabei ist!"
Verdammt, kann ich euch sagen.
Lektion gelernt: NIEMALS seine Contenance verlieren, NIEMALS eine Blöße geben, NIEMALS negative Gefühle verbalisieren! Frei nach dem Motto: Wenn du nichts Gutes zu sagen hast, lass es!
Oma hatte Recht, ihr Leute.

Das zweite was ich gelernt habe: Es gibt KEINE Gerechtigkeit! Warum? Weil sich wirklich niemand, aber auch niemand für dich interessiert. Alles Negative waren nur Instrumente, damit sich die "Geschädigten" besser fühlen konnten, oder damit sie etwas an mir auszusetzen hatten - und zuletzt waren es einfach Missverständnisse, weil zB Bikinifotos auf meinem privaten PC ohne meine Erlaubnis und ohne mein Wissen angeschaut wurden und für Pornographie gehalten wurden. Heute besitzen alle jungen Mädchen mit IPhone oder Tablet solche Fotos, um ein Vielfaches aufreizender, als die harmlosen Bilder aus meiner Zeit. Oder die Sache mit den Drogen: Das war einfach nur gelogen, um mich schlecht aussehen zu lassen. In Wirklichkeit hatte ich mal wieder einen kleinen Aufreger und hatte eine Standpauke über die Schlechtigkeit von Drogen gehalten, ich bin ja sogar gegen Alkoholkonsum vor 60! Das wurde einfach verkehrt erzählt und sich vermutlich am Ärger, den diese Lüge verursacht hat, erfreut. Darum ging es letztlich: Hauptsache June hat Ärger. Hauptsache June sieht schlecht aus! Wenn dich alle hassen und keiner dein Freund ist: Warte nicht auf Gerechtigkeit. Versuch auch nicht, irgendwas grade zu biegen, wenn es nicht absolut notwendig ist.
Das habe ich irgendwann gelernt, je absurder die Vorwürfe und Lügen wurden, desto eher.
Ich habe irgendwann die Schultern gezuckt. Na und? Lass sie doch. Eines meiner Lieblingslieder aus der Zeit war von den Ärzten. "Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu, die meisten Leute haben ja nichts besseres zu tun...usw." Ich habe irgendwann aufgehört mir Mühe zu geben mich zu rechtfertigen, oder zu erklären, wie der Pups von dem Pups zu differenzieren sei, oder zum x-tausendsten-Mal zu versichern, dass ich die Kinder betreffend nur die besten Absichten habe.
Einfach Schulterzucken. Einfach drüber stehen. Wenns nicht deine besten Freunde sind: Kann dir ihre Meinung egal sein!


Therapie Marke Eigenbau


Was tut man, wenn man vor Wut platzt?
Wenn man das Gefühl hat, niemand versteht einen?

Wenn man verzweifelt, weil einem jede gute Geste als fiese Matente ausgelegt wird?
Wenn man die Hand zum Helfen ausstreckt und sie in blutigen Fetzen vom Handgelenk hängend zurückbekommt?


1. InsiderWitze
Jeder im Stress braucht Insiderwitze, Die sind böse, die sind unfreundlich. Deshalb sollten sie Insider sein. Aber wenn Feuerwehrmänner und Ersthelfer über Mettwurstbroten lachen und Scherze darüber machen, dass die Mettwurst aussieht, wie das Gehirn, das sie letztens von der A2 aufsammeln mussten, dann versteht man vielleicht, weshalb Humor wichtig ist. Galgenhumor eben.
Wir haben unseren eigenen  "Your Ex"  - Humor entwickelt. Nicht fein, aber heilsam. Muss man dann auch irgendwann wieder ablegen, wenn man reif dafür ist.

2. Urschreitherapie
Das erste Mal laut und unbeherrscht Brüllen ist gar nicht so leicht. Mein Mann war am Verzweifeln, raufte sich die Haare, verstand nicht, warum alles ein Krieg sein musste. Er wusste weder ein noch aus und wirklich ändern konnten wir an dem Verhalten "von Gegenüber" ja nichts. Ändern kann man immer nur sich!!! GANZ WICHTIGE LEKTION. Also schlug ich vor: Schrei doch! Mein Mann guckte mich an, als sei ich bekloppt. Wie schreien? Es hatte schon sowas Komisches sich das vorzustellen, dass wir schnell zwischen Lachen und Schreien entscheiden mussten. Wir blieben aber dabei, ich zählte bis drei und dann brüllten wir aus Leibeskräften! Ich weiß nicht, ob AAAAA oder ÖÖÖÖÖÖÖ oder SCHAAAAALKEEEEE - keine Ahnung. Irgendwas. Und es hat irre gut getan. So gut, dass mein Mann seine Kinder auch zum Urschreien anhielt. Da fuhren wir gemeinsam Fahrrad durch den Wald, es hatte mal wieder Kloppe und Streit gegeben und die Luft war zum Schneiden dick. Also raste mein Mann plötzlich vor und brüllte dabei wie ein Besessener, ich hinterher und schrie "Macht mit, macht mit" und dann fuhren die vier beklopptesten Patchworker ever brüllend und johlend durch den Berliner Wald, bis wir erschöpft und zufrieden waren. Danach waren Wut und Kummer wie weggeblasen. Es funktioniert! Vor allem mit Kindern.

3. Pure Gewalt
Gewalt hat viele Gesichter. Wenn man in einem verzwickten Hasskonflikt steckt, dann will man schon mal mit Heugabeln aufeinander losgehen, sieht man ja in Sachsen & Co. Wie oft wurde mir der Tod gewünscht, von allen Damen der Familie?! Ich war nicht ganz so drastisch, ich wollte auch gar nicht mit den Weibern kämpfen, hätte ich ja eh gewonnen ;-) Ich hatte eher Fantasien davon, mich mit dem neuen Lebensgefährten der Exfrau zu duellieren, so von Mann zu Mann ;-) Der war großartig darin , Öl ins Feuer zu gießen und hätte den Fight verdient, fand ich. Ich hatte aufgeregte Tagträume von Martial Arts Kämpfen vor der Haustür und war ganz hibbelig, wenn ich ihn darin mal wieder besiegt hatte. Aber Tagträume sind nicht so befriedigend, wie "the real thing" und dafür gibt es zahlreiche Lösungen. Holzhacken ist großartig. Keine Ahnung, wen man da in seiner Phantasie für den Winter kleinmacht und aufschichtet, aber es tut gut. Ich habe mal eine halbe Stunde lang einen großen Umzugskarton klitzeklein gerissen. Wortlos. Einfach nur Mini-Schnipsel um Mini-Schnipsel aus dem Karton gerissen. Als ich fertig war, ging es mir gut und der Karton hatte für seine Sünden gebüßt. Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe. Aber ich war vielleicht einfach im Zerkleinerungsflow, und darin ging es mir richtig gut. Danach war ich energiegeladen und konnte wieder normale Dinge normal anpacken. Also ja: Nicht am Menschen auslassen, sondern am Sperrmüll, am Papiermüll, am Winterholz oder oder. Wut muss nicht immer in ein sinnvolles Projekt fließen - das kann sonst ganz schnell richtig scheiße aussehen. Wer will schon in einem wutgebauten, schiefem Gartenpavillon grimmig verkohlte Bratwürstchen herunterwolfen?! Eben. Papier tuts auch.

4. Sport
Sport hat uns gerettet, viele Male! Fahrradfahren bis die Beine schmerzen, Gewichte heben, auf dem Laufband imaginären Scheidungsanwälten davonlaufen, im Hallenbad vor eingebildeten, bissigen Angehörigen davonschwimmen: Danach hat man einfach keine Energie für Bullshit und fühlt sich erneuert. Ich kann es nur empfehlen. Und wenn es ein langer Spaziergang ist.

5. Aussprache
Keine Angst vor Psychologen und dem Jugendamt. Ich finde: Wer sich scheiden lässt, sollte drüber reden. Und auf jedenfall sofort zum Jugendamt gehen und sich schonmal vorstellen. Sich einen persönlichen Berater suchen, der für einen da ist, wenns doch mal brenzlig wird. Beim Jugendamt arbeiten auch nur Menschen, gute und mindergute. Leider ist dort die Quote menschlichen Versagens scheinbar recht hoch. Insbesondere wenn Männerfeinde einem gegenübersitzen. Aber dann sucht man eben weiter. Man muss nicht zu den immergleichen Idioten gehen, man hat das Recht darauf solange zu suchen, bis beide Seiten zufrieden sind. Sogar mein Mann und seine Exfrau haben nach fast 4 Jahren so eine Mediationsstelle gefunden, die ich an dieser Stelle auch gut weiterempfehlen kann.
Hier der Link zum einzigen Verein, der wirklich gute Konzepte und überzeugende Arbeit geleistet hat: http://www.zif-online.de/ Leider nur in Berlin, klar. Aber Berlin ist ja eine Scheidungshochburg. Wer ebenfalls gute Adressen kennt, darf und soll sie bitte bitte unten in den Kommentaren einfügen, am besten vorher noch den Ort angeben, also "Düsseldorf; Beratung XY".

6. Ist es wirklich so wichtig?
Die Frage, die bei uns ein Mantra geworden ist. "Ist es wirklich so wichtig?" Manchmal kämpft man um Umstände, die in 2 oder 5 Jahren eh vorbei sind. Manchmal kämpft man um Vereinbarungen, die sich bald ändern, weil jemand umzieht, oder die Kinder eigenständiger werden oder einer krank oder arbeitslos wird usw. Lohnt sich der Kampf überhaupt? Muss man alles zurecht rücken, muss man immer Recht behalten? Nein, muss man nicht!
Wenn man sich bewusst macht, dass man eigentlich auch verzichten kann, dass einem etwas eigentlich nicht so wichtig ist, passieren zwei wunderbare Dinge:
Erstens entspannt man automatisch. Als wenn ein Knoten platzt. Plötzlich hat man ein Thema weniger, um das man sich sorgen muss.
Zweitens entspannt nicht selten die andere Seite auch. Es ist leider allzuoft ein Kräftemessen, ähnlich wie beim Tauziehen. Wenn der eine loslässt: Wieso sollte der andere noch ziehen? Es ist wichtig, sich diese Frage immer dann zu stellen, wenn einem der Puls bis zum Hals schlägt. Das gilt auch für die Kinder.

7. Muss ich das wirklich?
Stichwort Kinder. Das ist die Frage, mit der man seinen Stiefkindern und sich selbst fair begegnen kann. "Muss ich das wirklich?". Natürlich haben am Anfang Viele gedacht, ich "spiele" Mutter. Ich habe mich aber nur so um die Kinder gekümmert, wie ich selbst es kannte. Die Leute vergessen immer, dass man selbst vielleicht keiner Kinder hat, aber auf jedenfall mal eins war. Und gute sowie schlechte Erinnerungen aus der Kindheit mitbringt, die das Handeln formen. Ob wir nun plötzlich ein Bündel neugeborenes Leben in Händen halten, oder ob einem ein kleiner Junge vertrauensvoll die Hand gibt und man weiß "Jetzt ist es ernst", ist völlig egal: Danach agiert man seinen eigenen Erinnerungen und Erwartungen gemäß. Die Eltern, die meinen "Die kann das nicht, die hat ja keine Kinder", argumentieren so: "Die darf nicht operieren, die hat ja nicht Chirurgie studiert." Sie vergessen dabei, dass sie auch kein Erziehungsstudium absolviert haben, sie haben einfach nur Kinder bekommen, von ihnen gelernt und sich auf diese Menschen eingelassen. Nichts anderes tun Stiefeltern. Da es keinen Elternführerschein und kein Elterndiplom gibt (schade eigentlich), ist das Argument hinfällig - und darf auch ignoriert werden. Nur ob man "das muss" ist die Frage. Ich wusste zum Beispiel, dass die Exfrau meines Mannes mich sofort in Fahrdienste für die Kinder involviert hätte, hätte ich damals einen Führerschein gehabt. Also habe ich den boykottiert. Ich wollte nicht schlecht behandelt UND Fahrsklave werden. Ich tat für die Kinder das, was ich für richtig hielt. Ich musste nicht tun, was sie für richtig hielt, auch wenn sie der Meinung war, ich müsse Dinge tun, die ihr gefallen. Einigen musste ich mich, wie in jeder Partnerschaft, nur mit meinem Mann. Nehmen wir heute: Muss ich für die Kinder alles machen? Nein, muss ich nicht. Sie haben zwei Eltern, ich bin hier nur der Sidekick. Und wenn sie nicht nach meiner Pfeife tanzen wollen, muss ich auch nicht nach ihrer tanzen, so einfach ist das. Ich habe das Privileg, sie nicht wie eine Mutter zu lieben, sondern wie ein Coach oder Lehrer. "Du bist nicht meine Mutter!" - nehmt euch diesen Satz nicht so zu Herzen, er ist ein Freibrief! Sehr richtig, wir sind NICHT die Mutter (oder der Vater). Wir sind nicht für die Fehler, die Dummheiten, die Eigenarten und auch nicht den Lebensstandard der Kinder verantwortlich. Wir sind einfach nur Sidekicks, manche wohlwollend, so wie ich, die gern zugucken und helfen, wenn wir gefordert sind. Wir legen keinen Wert darauf, die Pflichten und Rechte der Eltern anzunehmen, es sei denn, uns wird explizit die Vormundschaft angeboten und auch da sollte man gut drüber nachdenken.
"Muss ich mich eigentlich hierüber aufregen, oder ist das dein Job?"
"Muss ich mir diesen Schuh anziehen, oder gehört der eigentlich in ihre Garderobe?"
"Muss ich mir das Gefallen lassen, oder kann der/die mich vielleicht wie einen normalen Erwachsenen behandeln?"
Egal wie viel die Eltern sich gefallen lassen und egal wie sehr sie als Eltern in der Pflicht sind und müssen: Wir müssen nicht. Unterschätzt das nicht, wenn ihr das nächste Mal als "Du kannst nicht mitreden" - Mensch auf die Ersatzbank verwiesen werdet. Da ist es manchmal verdammt gemütlich.

8. Richtig Argumentieren
Ich habe ein ziemlich gutes rhetorisches Mittel entwickelt, das uns nachdem wir fast 2 Jahre lang nur dummen Streit hatten, endlich mal ab und zu vorwärts gebracht hat.
  • RECHT GEBEN
  • RELATIVIEREN
  • RICHTIG STELLEN
Die drei R, so haben wir die Strategie genannt. Funktioniert übrigens in vielen Streits, ich wende sie immernoch an. Die Idee ist: Wenn es wirklich um eine ernste Sache geht, will man dann nicht konstruktiv und positiv arbeiten? Oder will man immer nur zetern und kämpfen und sich sinnlos mit Gift bespeien lassen? Eben: Nein, will man nicht.
Wenn ein Vorwurf ("Du machst es dir ja leicht mit den Kindern!")
Eine Beleidigung ("Du bist faul und geizig")
oder Erpressungen kommen ("Ich kann mir das nicht leisten, wenn du nicht bezahlst, muss ich den Kindern leider sagen, dass sie xy nicht machen können"), dann kann man aus der Haut fahren, oder
RECHT GEBEN.
"Du machst es dir ja leicht mit den Kindern" - "Ja stimmt schon, ich habe es meistens leicht mit den Kindern."
"Du bist faul und geizig" - "Ja, ich könnte mit Sicherheit mehr arbeiten, dann wäre auch mehr Geld da."
"Wenn du nicht bezahlst, dann..." - "Ja, das sehe ich ein. Dann können die Kinder das nicht, wenn ich nicht alles bezahle."
So zu argumentieren, nimmt viel Wind aus den Segeln. Sie haben ja Recht.
Dann kommen vielleicht weitere Argumente oder auch Stille. Man muss überlegen, gibt man weiter Recht, oder kann man schon Stufe 2 einleiten, das RELATIVIEREN.
"Aber ich sehe die Kinder ja nur an den Wochenenden. Würde es dir nicht viel leichter machen, wenn ich die Kinder auch mal unter der Woche sehe?"
"Aber wenn ich noch mehr arbeite, habe ich noch weniger Zeit für die Kinder. Das fände ich schade."
"Aber vielleicht muss ich ja nicht immer alles alleine bezahlen."
Natürlich kann daraus wieder Aufwind für Streitrunde 2 aufkommen, aber wenn man immer wieder ins Recht geben verfällt, macht das Streiten einfach keinen Spaß. Dann kommt zuletzt das RICHTIG STELLEN.
"Wenn du mir die Kinder zu anderen Zeiten gibst, kann ich dich entlasten. Ansonsten habe ich es tatsächlich leichter mit ihnen. Und es bleibt auch dabei."
"Da ich die Kinder möglichst viel sehen möchte, werde ich nicht noch mehr arbeiten. Dann musst du mich als faul und geizig sehen, ich will vor allem Zeit haben."
"Dann werde ich mal beim Jugendamt fragen, wie man sich besser auf größere Zahlungen vorbereiten kann und welche Maßnahmen wir ergreifen können, damit nicht alle Kosten auf mir sitzen bleiben. Dieses Mal bezahle ich alles."
Das waren jetzt Beispiele, um euch eine Idee davon zu geben, was ich meine. Probiert es einfach nach eigenem Bauchgefühl aus. Vor allem der "Recht Geben" - Punkt ist unglaublich entwaffnend. In einem Konflikt, der vom Kräftemessen geprägt ist, dem anderen spontan und ohne Kraftaufwand rechtgeben, ist ziemlich überraschend. Bei so manchem Streit glätten sich dann gleich die Nackenhaare. Und MANCHMAL stellt man fest, dass der andere sogar Recht hat! Wenn man so sehr aufs Gewinnen fokussiert ist, merkt man nämlich unter Umständen nicht, dass man faktisch auf der Verliererseite steht.

9. Die Kinder ernst nehmen
Egal was sie sagen, egal was sie tun: Behaltet immer im Kopf, dass sie für die Gesamtsituation nichts können. Sie sind den Entscheidungen der Erwachsenen dauernd ausgeliefert, alles wird über ihren Kopf hinweg bestimmt, sie werden stets mit vollendeten Tatsachen überrascht. Dass macht auch so manche "Komm wir diskutieren jeden Pups aus" Erziehung nicht wieder wett, dann die wirklich wichtigen Dinge werden dennoch einfach entschieden. Schlimm muss das sein, wenn es dabei um die Zeit mit den geliebten Eltern, um Eigentumsverhältnisse, um Privatsphäre usw geht. Ein Kind das überhaupt nicht mehr frei entscheiden kann, wird bockig werden. Man muss ein Nein tatsächlich mal akzeptieren, auch wenn es aus dem schokoverklebten Mund eines trotzigen 5-jährigen kommt. Das heißt aber nicht, dass man alles durchgehen lassen muss. Sondern, dass man Räume haben sollte, in denen das Nein möglich ist. Bei uns war es ganz klar das "uns sehen". Töchterchen wollte ihren Papa nicht so oft sehen, Sohnemann dafür sehr oft und viel länger als vereinbart. Von unserer Warte aus haben wir den Kindern stets kommuniziert: Ihr seid immer willkommen, wenn IHR kommen wollt. Natürlich haben wir nachgehakt, wenn Verabredungen plötzlich gecancelled wurden. Aber die Entscheidung wurde ohne Murren akzeptiert. Mein Mann hat höllisch gelitten, als seine Tochter ihn nicht sehen wollte. "Na gut, dann ein anderes Mal." Natürlich war er enttäuscht, natürlich war er verletzt, natürlich zählte er die Stunden und Tage im Herzen zusammen, die er sein heißgeliebtes Mädchen nicht gesehen hatte: Aber er akzeptierte ihr nein. Das war ihr Raum für Neins. Kinder müssen mal launisch sein dürfen, im Rahmen. Es ist okay in sein Zimmer zu gehen, um dort allein zu sein. Es ist nicht okay, fluchend und Türen schlagend ins Zimmer zu gehen. Es ist okay seine Verzweiflung rauszurufen, "Ihr seid alle bescheuert" oder dergleichen, es ist nicht okay, sich später nicht dafür zu entschuldigen. Es ist okay, mal was für sich allein haben zu wollen, es ist nicht okay, es dem anderen wegzunehmen. Es ist okay, schlechte Laune zu haben, es ist nicht okay, andere aus schlechter Laune heraus zu quälen. Denkt über die Räume nach, die ihr euren Stiefkindern (und eigenen Kindern) geben wollt. Nehmt sie ernst. Lasst sie atmen. Lasst sie zu Wort kommen. Lasst sie ihre Launen haben. Die Frage ist nicht unbedingt immer "Was" erlaubt ist, sondern wie es erlaubt ist.

Nachdem ich nun so viel über Konfliktbewältigung geschrieben habe, freue ich mich in Erinnerung an früher, wie wenig Konflikte wir heute noch haben. Ein Konflikt ist "Wie viel über uns darf June öffentlich preisgeben" - das Schreiben über sich und seine Erfahrungen ist ja eine Glaubensfrage. Ich glaube, dass die Kinder selbst so viel Wichtiges und Aufschlussreiches zu erzählen hätten, dass sie ganz vielen anderen Scheidungskindern mit ihrer Erfahrung helfen könnten. Wer weiß, welche Schmerzen sie lindern, welchen Trost sie spenden könnten? Was mich und die Exfrau meines Mannes angeht, so bin ich überzeugt, dass wir voneinander im Guten wie im Schlechten einigermaßen wissen, was wir voneinander zu halten haben und worauf wir beieinander vertrauen können. Sie hat mich mit vielem unterwältigt, aber es gab auch Situationen, in denen sie mich ehrlich überwältigt hat. Aktionen die so cool waren, dass ich sie anerkennend meinen Freunden erzähle (euch nicht, weil das bestimmt Ärger gäbe ;-)). Für mich bedeutet Geschichtenerzählen und dabei authentisch sein, dass man auf Augenhöhe kommuniziert. Auch mit sich selbst. Ich versuche, die wichtigen Dinge zu sagen, wie sie sind - und ich hoffe, dass einige von euch davon profitieren.

Im nächsten Teil "Relaxed & Stiefmom" geht es dann ums Eingemachte. Ich hatte es weiter oben schon erwähnt. Wie wird man sich als Paar einig, wie bringt man einen Scheidungsvater dazu, seine Rollen richtig wahrzunehmen und nicht alles, aber auch wirklich alles, den Scheidungskindern oder der Exfrau unterzuordnen? Ich habe viele explosive Geschichten in Susanne Petermanns Stiefmutterblog dazu gelesen und bin manchmal recht fassungslos, was sich Stiefmütter so alles von ihrem Mann gefallen lassen. Ich verstehe aber auch oft den Mann, eine Vielzahl der Argumente, die sie vorbringen, kenne ich auch noch von früher. Etwa "Ich habe Angst, dass sie mich dann nicht mehr lieben!", oder "Was soll ich denn machen, sie macht alles kaputt, was ich aufbaue?" oder "Sie lässt mich immer schlecht vor den Kindern aussehen, was soll ich da tun?"
Die Väter plagt ein schlechtes Gewissen, weil sie fühlen, dass sie viel mehr da sein möchten und wollen, aber der Weg der Scheidung ist nunmal einer mit zeitlich engen Grenzen. Ob man geht oder gegangen wurde: Die Zeit mit den Kindern wird heilig. Und wehe sie läuft dann nicht so, wie man es sich wünscht. Oder wehe die Kinder sagen ab. Oder wehe die neue Partnerin mäkelt an den unerzogenen Kindern nur herum und macht einem das kurze Vergnügen, sie zu sehen, madig.
All diese Gefühle kenne ich. Und deshalb schreibe ich nächstes Mal darüber - und wie vor allem mein Mann seinen Seelenfrieden mit der Trennung von seinen Kindern gemacht hat.

Ich freue mich wie immer auf Anregungen, Fragen und noch mehr tolle private Nachrichten!
Eure June


P.S. Das schöne Foto der Fresslust stammt von Ryan McGuire, gratisography.com