Mittwoch, 10. August 2016

Relaxed&Stiefmom
Nicht aufgeben

Heute hat Susanne Petermann in ihrem Stiefmutterblog einen Text ihrer Freundin Sabi veröffentlicht. "Ich bin gescheitert" - das ist Sabis Aussage. Sie beschreibt, wie sie sich selbst verleugnet und aufgegeben hat. Wie sie, weil sie ihr authentisches Ich verbergen musste, den, der ihr authentisches Ich hätte lieben sollen, abzulehnen begann. Wie sie letztlich nach elf Jahren Patchworkfamilie aufgeben musste. Ihr Beziehungsende kommt einer fristlosen Kündigung gleich. Sie erhielt einen Brief ihres Mannes mit der Bitte auszuziehen.

Schattendasein: Die Beziehung steht im Patchwork oft an letzter Stelle...das darf sie nicht!


Wie schafft man es aber zu bleiben? Wie hält man es aus, nicht (immer) authentisch zu sein?
Darf man sein wahres Ich verleugnen? Hier ein paar Situationen und Sätze, an die ich spontan beim Lesen von Sabis Bericht denken musste, die uns und vor allem mir geholfen haben.

"Sie (die Bonuskinder) können ja nichts für die Situation"....
Das war ein stehendes Mantra. Es tat gut, sie nicht zu Schuldigen zu machen. Zu Verursachern. Aber irgendwann musste ich damit aufhören mir das zu sagen. Nein, Scheidungskinder können nichts für die Situation. Aber spätestens wenn sie in anderen Situationen Vernunft, Rücksicht, Empathie und Verantwortung zeigen, darf man das für sich auch einfordern. Es ist gut ein Mantra zu haben - aber manchmal muss man sich von einem Mantra auch lösen. Eine Trennungssituation ist nämlich irgendwann einfach vorbei. Dann gibt es neue Umstände. Neue Situationen. Und an die passt man sich an. Irgendwann ist alles mal vorbei. Selbst nach dem Tod geht das Leben weiter.

"Ich möchte, dass sie hier auch ein Zuhause haben"...
Ja, das ist ein richtiger und wichtiger Ansatz. Aber ein Zuhause haben heißt nicht nur, dass man einen Raum ohne Reibung und ohne Ecken und Kanten anbietet. Das wäre dann ein Wellnesstempel, und darin lebt man nicht, darin macht man Urlaub. Wenn die Kinder in keiner emotionalen Notlage sind, brauchen sie vom Leben keinen Urlaub. Sondern Räume, in denen sie ihre Grenzen spüren. Sich selbst spüren. Menschen, von denen sie sich unterscheiden, an denen sie sich aber auch orientieren können. Ich habe am Anfang viel Energie in das Konzept "Wellnessoase" gesteckt. Klar, wenn man die Kinder nur an Wochenenden bekommt - was soll man am Wochenende anderes machen, als eine schöne Zeit haben? Aber irgendwann sind die Kinder öfter da. Übernimmt man mehr Verantwortung. Beginnt man die Dinge zu tun, die Vater oder Mutter auch tun würden. Spätestens dann beginnen die Reibungen. Die muss man aushalten. Das geht nur, wenn man zu sich und seinen Entscheidungen steht. Ein richtiges Zuhause ist, wo alle ihren Raum haben  - nicht nur die Kinder!

"Meine Kinder sind das Allerwichtigste"...
Natürlich hat mein Mann das auch gesagt. Und er empfindet es auch heute so. Inzwischen inkludiert dieser Satz auch unsere gemeinsame Tochter. Ich werde auch ihretwegen kritisiert, wenn er findet, dass ich zu streng bin oder zu ungeduldig. Ja, seine Kinder sind ihm heilig. Aber muss man sie dann auch wie Paschas behandeln? Muss man ihnen fortwährend huldigen? Muss man alles tun, was sie wollen? Muss man all ihre Launen mitmachen? Nein. Denn man bleibt ja auch Vorbild und Erzieher. Wie habe ich meinem Mann geholfen, als er vor der Wahl stand seinen Kindern alles durchgehen zu lassen, oder Grenzen zu setzen? Ich musste ihn immer wieder davon überzeugen, dass er ein guter Vater ist. Auch wenn er kein positives Feedback von seinen Kindern bekommt. Klar - "Papa du Arschloch!" - das ist ziemlich unmissverständlich. Kein so schmeichelndes Feedback. ABER es heißt auch mehr. Es heißt "Papa, ich reibe mich an deinen Entscheidungen" und "Papa, ich bin wütend auf dich" oder auch "Papa, ich fühle anders als du". Ist das abzulehnen? Ist das nicht Feedback, das zu einer guten Beziehung gehört? Wenn euer Mann diese Art Rückmeldungen seiner Kinder nicht erträgt, würde ich schnell das Weite suchen. Der ist aus Zucker und schmilzt im Regen!
Arschloch ist wirklich nur ein Wort. Man kann es durch obige und andere Sätze ersetzen.
Es bedeutet nicht "Du Arschloch", es bedeutet "Hej, wir müssen jetzt an unserer Beziehung arbeiten, mir stinkts!". Mein Mann hat die Arschloch-Feedback-Variante geschluckt, sich viele Nächte von mir volllullen lassen ("Du bist ein guuuuuter Vater...ein feeeiiiner Vater....so ein feeeiiiiner Vater..." ;-)) und hat AUCH von mir viel Rückenstärkung und Rückendeckung erhalten. Das ist keine Einbahnstraße!

"Das nervt"...
Oh ja. Es nervt, wenn sich die Bonuskinder nicht so verhalten, wie man es möchte. Ach was..."möchte". Wie man es mag. Wie man es richtig findet. Wie man es nach kantscher Manier für alle Menschheit bevorzugt! Nerven ist ein Euphemismus für das, was wirklich in einem passiert, wenn die Bonuskinder auf der Klaviatur unseres Nervengeflechts Eishockey spielen. Die Frage ist: Schlucken oder Kotzen? Die Antwort = Reden!
Reden reden reden. Manches kann man nicht ändern. Das muss man akzeptieren. Aber dann muss man es sagen dürfen. Dann muss es raus dürfen. Und wem sagt man das? Dem Vater! Warum nicht den Kindern? Wenn es etwas ist, das sich nicht (mehr) ändern lässt, warum einen sinnlosen Konflikt mit ihnen darüber losbrechen? Oder wenn man vielleicht in Wirklichkeit nur kleinlich und kleinkariert ist, wieso darüber einen Konflikt ausbrechen lassen? Wenn ich nur schlucken würde, würde ich platzen. Ich bin streng, ich bin manchmal kleinkariert, ich bin spitzfindig und ich bin "altmodischst", wie mein Mann liebevoll meint. Ja - im Bezug auf Familie, Ehe und Kinder kann ich auch locker in die 80er Jahre rein. Wo Frauen emanzipiert sind und die Eltern noch die Hosen anhaben. Wo unser Wort Gesetz ist in Ewigkeit - Amen. Ja, da passe ich durchaus hin. Aber ich bin auch modern und aufgeschlossen und unkonventionell und ideenreich - und deshalb findet mein absolut unstrenger, großzügiger, nachsichtiger, beide Augen zudrückender und ständig vor Strenge zurückschreckender Mann mich aushaltbar. Und sogar gut ;-) Aber NUR weil wir reden. Weil er aushält, was ich zu sagen habe, auch wenn es ihn manchmal verletzt. Weil er mir dankt, dass ich kein Drama draus mache, wenn mich etwas "nervt". Sondern es ihm einfach frei heraus sage. Und es dann gut sein lasse. Das muss man üben, das ging nicht von heut auf morgen. Zuerst hat er mit erhobenem Zeigefinger gegen gehalten und ist richtig laut geworden. Recht hatte ich in 90% der Fälle am Ende trotzdem. Also hat er den Finger eingesteckt und mir zugehört. Ich musste dafür akzeptieren, dass er nicht loszieht und die Welt (oder seine Kinder) ändert, nur weil mir was nicht passt. Aber dass er mir zuhört, mich ernst nimmt und mir sogar manchmal zumindest in Worten Recht gibt: Das hat mir gut getan.
"Das nervt"...man muss es sagen, ums zu ertragen!

Am Ende zählt, dass wir alle lernen einander zu akzeptieren.
Die Kinder können schon was dafür, wie sie sind. Sie entscheiden ja auch ganz viel selbst. Aber das gilt auch für uns! Egal wie nett und freundlich und engagiert wir uns selbst vorkommen, es muss trotzdem nicht zu einem Sympathiesturm führen. Kann sein, dass man uns trotzdem tollerieren muss, oder sogar akzeptieren - selbst, wenn wir uns mit Geschenkverband präsentieren! Und ja - unseren Mann und seine Rolle, seinen Wunsch von den Kindern geliebt zu werden und seine Einstellung "Meine Kinder sind heilig" müssen wir auch zu einem gewissen Grad akzeptieren. Ebenso wie die Spannungen, die sehr unterschiedliche Erziehungsstrategien mit sich bringen.
Akzeptanz - das geht nur, wenn wir zu uns selbst stehen und auch zu den anderen!

Stimmts ;-)