Donnerstag, 3. November 2016

Relaxed & Gut!
Kinder verstehen

Patentrezepte für Kinder gibt es nicht?
Doch. Die gibt es.


GU Lieblingsrezepte für Kinder


Ich weiß, viele Eltern denken bei einfachen Regeln für den Umgang mit Kindern an eine Ableitung der 10 Gebote, so a la "Du sollst nicht lügen", "Du sollst nicht stehlen", "Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Spielzeug", "Du sollst keine Eltern neben den deinen vergöttern" und so weiter.
Aber es gibt noch andere Rezepte. Viele.

Vor allem ein Geheimrezept ist irgendwo auf dem Weg der "Kinder wieder Kind sein lassen" - Pädagogik verloren gegangen. Es wurde sträflich ignoriert. Ja, vielleicht nehmen die meisten Pädagogen sogar an, dass es nicht stimmt. Ich sage doch...nämlich

Kinder sind auch nur kleine (unfertige) Erwachsene


Ja, dein Kind könnte mit viel Training mit Sicherheit auch deinen Haushalt schmeißen und dir PRADA Taschen nähen. Aber diese Art von Erwachsenentum meine ich nicht. Ich meine die Einstellung zu Dingen. Zu ihren Bedürfnissen.

Etwa bei Themen, wie

Allein schlafen



Welcher Erwachsene möchte gern allein schlafen? Doch nur Eltern, die seid Wochen von ihrem Partner vollgeschnarcht und von den vielen kindlichen Armen und Beinen im Bett gestört werden! Alle anderen Menschen wollen kuscheln. Wollen Nähe. Sie liegen eng aneinander gesnuggelt, wie ein Waldorfpädagogik-Besteckset, als fleischgewordene Schöpflöffel. Ein Kind soll aber möglichst allein schlafen und das möglichst früh.
Ich meine: Alle Eltern müssen wissen, wie sie das Thema am besten handhaben wollen, aber als Denkanstoß gilt letztlich, dass Kinder im Bett ähnliche Bedürfnisse nach Nähe und Wärme haben, wie wir.

Essen


Ihr seid zu Besuch bei einer mongolischen Familie. Es gibt euch zu Ehren klassische mongolische Küche. Die Gastgeber haben sich mega viel Mühe gegeben. Euch ist trotzdem schlecht. Der Geruch im Flur war schon eine Zumutung, aber das was da in Schüsseln dampfend vor euch steht und so überhaupt nicht verlocken mag, sieht aus wie aus einem Albtraum. Einem geruchsintensiven Albtraum. Ist es unhöflich nicht essen zu wollen? Darf man nach dem ersten runtergewürgten Bissen Kotzen?
Zurück ins Elternhaus. Es gibt Brokkoli. Und Grünkohl. Und Blumenkohl. Warum? Weil alle drei so herrlich in einer kräftigen Suppe schmecken. Dein Kind kommt aus der Kita und stirbt schon im Hausflur tausend Tode. "Iiiii was stinkt hier so?" begrüßt es den erschöpften Koch und kneift sich die Nase zu. Am Esstisch ist schonmal schlechte Laune. Das Kind verbirgt nicht, was es denkt. Es hat hundert Mal die Zunge herausgestreckt und lang und ausgedehnt "Bähhh" gemacht. Wie auch der mongolische Gastgeber, redet ihr eurem Kinde gut zu. "Das schmeckt ganz toll". "Das macht gesund". "Das ist ein altes Rezept von deiner Omi." "Das habe ich als Kind immer gegessen". Sehr überzeugend. Das Kind verweigert die Nahrungsaufnahme. Oder kotzt nach dem ersten Bissen.
Nachvollziehbar? Ja oder Nein?

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Mein Kind hat in diesem Punkt schon diverse Male mit Unhöflichkeit geglänzt. Aber es kann nichts dafür. Anders als wir, kann es noch nicht (immer) planerisch vorausdenken und entsprechend handeln. Nehmen wir Lieblingsschokolade. Meine! Die verstecke ich, wenn ich sie nicht mit den Kindern teilen möchte. Ist das unhöflich? Nein. Unhöflich wäre es, die Schokolade vor ihnen zu essen und dann nichts abzugeben. Meine Tochter hat noch ALLE ihre Süßigkeiten aus der diesjährigen Schultüte. Sie hat nichts gegessen, denn sie will das alles aufheben. Es hat irgendwie einen gewissen Stellenwert für sie. Sogar die drei Spielfiguren, die wir ihr geschenkt haben, sind noch bzw. wieder in der Schultüte und wandern nach dem Spielen auch dorthin zurück. Meine Mutter war nun letztens hier und meine Tochter hatte grade vorher ihre Schultüte geleert, um sich mal wieder alles anzuschauen. Dort lagen sie also: All die Süßigkeiten, die sie nicht essen, sondern besitzen und aufheben wollte.
Meine Mutter kam und fragte ganz freundlich, ob sie eine Süßigkeit abhaben könne. "Nein!" Ohne Pardon. Das war mega unhöflich. Aber nur, weil sie die Süßigkeiten nicht vor meiner Mutter versteckt hatte. Weil sie eben offen da lagen. Weil sie nicht planerisch vorgegangen ist - wie viele andere Kinder auch nicht - und nicht an den Worst-Case gedacht hat, dass jemand kommen könnte und etwas von ihrem Schatz abhaben will.
Ist das nun unhöflich? Oder hat sie einfach nur nicht gelernt, das was sie NICHT teilen möchte dementsprechend zu verbergen? (wie den guten Wein für "besondere" Anlässe, nicht für jeden x-beliebigen Besuch)

Verweigerung


Das große Meer an Verweigerungshaltungen unserer Kinder. Sie wollen nicht mitmachen. Sie wollen nicht mithelfen. Sie wollen sich nicht an Vereinbarungen halten. Ätzend. Woher kommt diese Renitenz? Warum können sie nicht unserem Vorbild folgen? Wir räumen doch auch alles von allen auf. Wir helfen doch auch anderen. Wir halten uns doch auch an Vereinbarungen. Warum fällt ihnen das so schwer?
Manchmal ist der Schlüssel zu dieser vermeintlichen Verweigerunshaltung in Wirklichkeit ein super komplexer Gedankengang. Nehmen wir z.B. meine Tochter, 6 Jahre, erste Klasse, 6. Schulwoche. Die Kinder haben Projektwoche. Zum ersten Mal. Ich erfahre das erst am Mittwoch. Da ist die halbe Woche rum. Den Eltern wurde nichts mitgeteilt, schon gar nicht von meiner Tochter. Thema der Projektwoche sind "Igel". Ich denke also mein Kind hats verpeilt. Aber nein: Sie verweigert sich. Sie will gar nichts von Zuhause mitbringen, obwohl sie das sollen. Das kommuniziert sie aber nicht. Sie wirkt nach außen hin so, als wolle sie nicht mitarbeiten. Warum will sie nichts mitbringen (Bilder, Bücher, Figuren etc.)? Das erfahre ich nach einer einigermaßen langen Diskussion. Erstens befürchtete sie, dass sie ihre Sachen nicht mehr zurückbekommt. "Und das sind meine". Zweitens war sie der Ansicht, dass ein Buch voller Tierbilder zu viel ist - egal, ob auf einer Seite Igel zu sehen sind, oder nicht. "Das sind zu viele Tiere, das wollte meine Lehrerin nicht." Aber auch, wenn man die Igel-Buchseite in der Schule kopieren könnte, will sie es nicht mitnehmen. "Vielleicht hat ein Kind Marmeladenhände und macht es schmutzig." Auf Grund all dieser Überlegungen ist mein Kind zu der Überzeugung gekommen: Ich nehme nichts mit. Ist das Verweigerung? Oder würden wir genauso denken? Würden wir das, was uns wichtig und lieb und teuer ist, irgendwo hingeben, wo wir befürchten, es könnte kaputt gehen, verloren gehen oder schmutzig gemacht werden?
Noch ein Beispiel erklärt, wie Verweigerung bei Jugendlichen aussehen kann. Nämlich bei mir. Ich habe früher viel Tagebuch geschrieben. Darin geht es (ich war zarte 14 Jahre alt), auch um Auseinandersetzungen mit meinen Eltern. Thema Taschengeld. Ich will eine Erhöhung. Vor allem wegen des Essens. Ich brauche mehr Geld, damit ich mir nachmittags nach der Schule ab und an etwas dazu kaufen kann. Meine Eltern lassen sich überzeugen, aber nur, wenn ich verspreche das extra Geld auch nur für Essen auszugeben. Ich verspreche es nicht. Und habe riesigen Ärger. "Du willst dich vor Verantwortung drücken", "Das ist typisch, es geht dir gar nicht ums Essen", "Du willst wieder nicht deinen Teil der Vereinbarungen tragen". Stimmte gar nicht. In meinem Tagebuch steht wortwörtlich:
"Sie verstehen mich einfach nicht. Was ist, wenn ich mal Geld übrig habe? So 5€? Und im nächsten Monat wieder? Darf ich das dann sparen und für was anderes als Essen ausgeben? Oder muss ich das immer für Essen ausgeben? Was ist, wenn ich mal 2€ übrig habe und mir dann doch ein Heft kaufe. Dann habe ich ja mein Versprochen gebrochen." Mega kompliziert - aber mitnichten verantwortungslos. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, korrekt zu sein und habe schon so viele Eventualitäten durchgespielt, dass ich das Versprechen meine Taschengelderhöhung NUR für Essen auszugeben, einfach nicht halten konnte. Habe ich mich da verweigert? Wollte ich mich absichtlich nicht an Vereinbarungen halten? Nein, im Gegenteil. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass ich sie nicht halten kann und wusste nicht, wie mit Ausnahmefällen umzugehen ist.
Renitente Jugend? Unmotivierte Schulkinder? Vermutlich nicht in dem Ausmaß, wie wir annehmen.
In Wirklichkeit spielen sie, wie Erwachsene auch, Szenarien durch und müssen für sich selbst entscheiden, ob sie wirklich alle Konsequenzen tragen können und wollen!

Nachdenken = Nachsicht


Was ich mit diesen Beispielen anregen wollte, ist vor allem euer NACHdenken. Wenn ihr euch über das Verhalten eurer Kinder ärgert - oder fremder Kinder - vielleicht denkt ihr dann über die Beweggründe nach. Oder fragt einfach ganz ehrlich und ohne Vorwurf "Warum hast du das gemacht?" Ich wette, ihr werdet staunen, wie oft eure Kinder plausible - nämlich fast erwachsene - Erklärungen für ihr Verhalten haben. Letzten Endes macht das Verhalten der Kinder meistens Sinn: Aus ihrer Sicht!

Wenn man seine Erziehung daran ausrichtet, dass dem Kind ein gewisser Spielraum in puncto Selbstbehauptung - OHNE Tyrannei - eingeräumt werden kann, ist mit Sicherheit auf beiden Seiten viel gewonnen! Einfach probieren!


Hier der Beleg dafür, dass Kinder auch nur wie (unfertige) Erwachsene sind...