Freitag, 23. Dezember 2016

Ist ja alles ein großer Zoo! - der letzte Gedanke

Gedanken vom Kleintiergehege (Familie) bis zum Großstadt-Zoo

In jeder Familie steppt der Bär oder tippt der Affe


Mein Mann und ich sind Labradore. Diese Hunde, die zweifelsohne Genussmensch sein könnten, weil sie alles so sehr genießen: Liebe, Aufmerksamkeit, Essen...das sind wir. Wir sind unglaublich bemüht darum, uns diese Beweise von Zuneigung und Wohltat zu erarbeiten. Wir geben, geben, geben und freuen uns, wenn uns Gutes widerfährt. "Das haben wir uns ja auch verdient", denken wir dann und sind glücklich. Wir sind gut, wir wollen es nicht sein, wir sind es. Labradore eben. With a will to please.
Dann bekommt man Kinder und merkt, dass der Wurf komischer Weise nicht aus Labradoren besteht. Nicht mal aus Hunden. Unsere Jüngste zum Beispiel muss eindeutig von einer Katze abstammen. Einem Katzendrachenfisch oder so. Sie gibt nur, wenn sie ausdrücklich möchte. Geben ist definitiv nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Nicht einmal eine große Stärke. Aber sie passt auf. Höllisch! Ob alles fair ist. Ob alles richtig ist. Ob wir alles richtig machen. Ob Regeln eingehalten werden. Auch soziale. Sie selbst ist mit sich mäßig streng, sie hat ein selektives Bewusstsein für Regeleinhaltungen und Regelbrüche. Kommt halt auf die Regel und auf die Person an. Sie muss zu niemandem lieb sein und kann den ganzen Tag mit sich allein auskommen. Sie ist verschmust, sie kann lieb sein (bringt einem eine tote Ratte oder legt einem einen Spatz in die Manteltasche...) und sie nimmt große Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Eltern: Insbesondere, wenn es egoistische sind, so wie "Ich bin müde" oder "Jetzt nicht". Da ist sie sehr rücksichtsvoll, aber mich beschleicht der Verdacht, dass sie dort so großzügig ist, weil sie dieselben Egoismen für sich in Anspruch nimmt.
Insbesondere wenn es aus dem Labradorverständnis heraus darum geht, etwas Gutes zu tun, hat sie keine Lust zu partizipieren. Garfield liegt grad rum. Oder isst grad. Oder liest grad. Oder malt grad. Kurz: Garfield ist beschäftigt, danke der Nachfrage. Geschenke basteln? Gern - für sich selbst immer. Briefe schreiben? Nein, das kannst du besser, Mama. Dem Weihnachtsmann schreiben? Keine Lust. Aber dann kommt er nicht und Mama und Papa haben nur Bücher für dich. "Mama, ich sammle Bücher. Das reicht doch!"
Ich liebe Katzen, aber ich habe eine Katzenhaarallergie. Labradore liebe Katzen auch, ihnen wird nur ständig die Nase von ihnen eingedroschen. Irgendwie unangenehme Parallelen.
Auch der Mittlere ist nicht der Labrador, der wir sind. Gut, ich habe auch wenig Anteil an ihm...dennoch: Wie konnte der Hundeblick seines Vaters so spurlos an ihm vorbei gehen? Unser Mittlerer ist eindeutig ein Dachs. Irgendwo da draußen hat er einen Bau. Mehr muss ich wohl nicht sagen...einen Dachsbau eben. Mit wem er dort lebt? Mit seiner Dächsin - so sie nicht stört. Der Dachs ist ein merkwürdiges Tier. Fast wie ein Fabelwesen, man sieht ihn ja kaum. Man kennt ihn aus Büchern, seinen Farbvetter den Waschbär erlebt man da öfter. Gibt es den Dachs überhaupt? Ja - auch in dieser Familie. Er hinterlässt eben Spuren. An seinem Fressplatz. An seinem Schlafplatz.  Und nach dem Fellwechsel. Das wars dann auch schon. Für eine Unterhaltung muss man ihn aufhalten. Er verweilt dann kurz - aus Höflichkeit - aber ein Dachs ist nicht der familiengesellige Typ, und deshalb sind 5 Minuten Kommunikation schon Zeichen größter Höflichkeit. Höflichkeit, nicht Zuneigung. Unser Dachs ist ein schönes Tier, aber schwer zu greifen. Man muss sich stets vergewissern, dass es ihn gibt, sonst wüsste man es nur aus Fotoalben. Wie beim echten Tier.
Unsere Älteste wiederum ist auch kein Labrador, auch wenn man das zuerst denken mag, denn sie ist ein positiver Mensch. Aber sie hat keinen Befriedigungsdrive in sich, sie re-agiert statt zu agieren. Ihre Freundlichkeit ist nicht pro-aktiv, sondern re-aktiv. Wir haben sie früher oft als unseren Familienaffen empfunden, es gab ständig Zirkus und tolle Shows und mit Sicherheit auch eine Menge zum Aufräumen, wie das so ist, wenn man mit Affen lebt. Sie ist lustig by nature und galt als die Unterhaltungskünstlerin, die für jeden Tag ein neues Programm parat hatte. Natürlich bekommen dieses Programm jetzt vorrangig ihre vielen Freunde zu sehen - während wir nur die zu Weihnachten angefertigten Penis - und Busenplätzchen unverblümt präsentiert bekommen. Natürlich sind die nicht für uns - das Lachen wird an anderer Stelle als Lohn der Hände Arbeit kassiert.
Als Labradorpaar fragt man sich manchmal, wie man es mit einer Katze, einem Dachs und einem Affen aushält. Ja wie alle es schaffen, sich als Familie zu empfinden. Hier ist niemand, wie der andere und auf Grund unserer unterschiedlichen Natur stoßen jedermanns Eigenheiten gern unangenehm beim anderen auf.
Was man in so einer zoologischen Konstellation auf jedenfall als Leittiere versuchen kann ist, von den anderen zu lernen. Und die berühmte "andere Seite" der Medaille zu sehen.
Unsere katzenhafte Diva zum Beispiel ist sehr beliebt in der Schule. Sie müht sich ab, wo sie es als wichtig empfindet, auch sozial, ansonsten lebt sie - anders als wir - energetisch auf Sparflamme. Sie ist selbstbewusst und stark und um Welten determinierter zu bekommen, was sie will, als ihre Eltern. Unser Dachs ist unahängig und frei, ein Mensch, der andere nicht braucht, um seinen Weg zu gehen. Er geht zwar nicht mit der Energie eines einsamen Falken durch die Welt, sondern hält gut mit seinen Ressourcen Haus, aber er beklagt sich auch nie. Wirklich nie. Seine Lebensumstände sind so, wie er will. Er lässt zu, akzeptiert und existiert, wo Raum für ihn ist. Ein anspruchsloser und zufriedener Dachs, der nur seine Grundbedürfnisse befriedigt wissen muss, dann ist er die Ruhe in Person. Und unsere Affendame lehrt uns viel darüber, fünfe grade sein zu lassen. Dann ist es halt nicht so ordentlich, Hauptsache, es ist gemütlich. Dann ist das halt ein bisschen abgekohlt, na und, man kann die Mitte noch essen. Da haben wir halt gestritten, na und, morgen ist ein neuer Tag.
Wenn wir schafften, alle so voneinander zu lernen, dann sollte insbesondere unseren Kindern der Gang durch die Welt wie ein Spaziergang vorkommen.
Denn was wir aus Familie und Tierwelt lernen, ist, jedem seinen Lebensraum zu lassen, um in Frieden miteinander zu existieren. Und das ist gar nicht die schlechteste Message, die man einen Tag vor Weihnachten verbreiten kann.

In diesem Sinne:
Frieden und Freude an Mensch und Tier da draußen, auf dass wir 2017 als Menschen verschiedener (Gefühls-und Benimm-) Kulturen genauso gut auf engem Raum leben können, wie die Tiere im Zoo!





P.S.
Foto as usual aus meinem Lieblingsfundort www.gratisography.com by Ryan McGuire