Freitag, 13. Januar 2017

MamaGedanken
Äh..kann man das noch umtauschen? Schulfragen

Verwahranstalt Schule?

Zweifel

Meine Kleine ist nun da angekommen, wo ich sie ursprünglich freiwillig hingeschickt habe. In der Schule. Stolz und mit einer großen Portion mulmiger Gefühle hat sie diesen Schritt gemacht. Mutiger und stärker, als ich damals. Oder als ihr Papa. Unsere Elternherzen platzten vor Stolz und vor allem vor Freude. Endlich Schule, ja! Endlich nicht mehr boring Kita, schluss mit Sandkasten und Schaukeln, jetzt fängt die Auseinandersetzung mit Hirn und Herz an!
Jetzt - nur 4 Monate und 2 Wochen später habe ich Zweifel. 
Vielleicht ist die Schule doch nicht so ein toller Ort.

Wer bist du und was hast du mit meiner Tochter gemacht?


Unsere Jüngste ist toll! Das kann ich so behaupten, ich kenn sie ja. Du nicht! Sie ist witzig, clever, vernünftig, selbstständig, stark, loyal, lieb, aufmerksam, freundlich, immer gut gelaunt und hat einen ganz eigenen Charakter, nicht 0-8-15 und schon gar nicht 'typisch' irgendwas. Sie gibt Rätsel auf, ohne besonders rätselhaft zu sein, sie ist einfach ein bisschen anders. Auf eine schöne, angenehme Weise, weshalb sie bei Eltern gern gesehener Gast und bei Kindern jeden Alters beliebt ist.
Zumindest traf diese Beschreibung auf mein Kind VOR der Einschulung zu.
Nach kürzester Zeit in der Schule mutierte sie zu einem kleinen Ekelpaket.
Übellaunig, missmutig, zänkisch, maulig, jammerig, unzufrieden mit sich und der Welt, meckerig, voller Schimpf und Kritik, undankbar und pessimistisch - dieses Kind bekomme ich unter der Woche regelmäßig aus der Schule nach Hause geschickt. Gut, ich habe zwar meine Tricks ihrem Vollzeitjobber-Karrieretief-Blues entgegenzuwirken, aber ich MUSS das auch - sonst geht´s ihr nicht gut. In den Weihnachtsferien kam die angenehme Überraschung: Unser personifiziertes Ekel wurde wieder, wer sie einst war. Nach einem Tag Ferieneingewöhnung war die Haftfläche für Unmut auf die Größe eines Popels geschrumpft und all der Pessimismus wie weggeblasen. Es waren traumhaft schöne Ferien, ohne dass wir auch nur einen Tag im Urlaub gewesen wären.
Kaum in der Schule zurück, beginnt sich der Frust wieder in jede Pore meines Sonnenscheins einzuarbeiten. Es ist, als hätte man ein sonnengelbes Gemälde gemalt und jemandem erlaubt mit Schwarz ein paar Schatten reinzumalen. Kein Wunder, dass das Strahlen weg ist. 

Ist das die Schule, oder ist das mein Kind?


Nun könnte man ja meinen, dass das alles an unserem Kind liegt. Und damit an uns Eltern, ist ja unser Produkt Marke Eigenbau. Aber was hätten wir tun sollen, besser machen sollen?
Unser Kind kann sich seine Zeit perfekt ohne moderne Medien einteilen.
Es kann den ganzen Tag beschäftigt sein und Aufräumen, einem Gefallen tun oder in Bücher schauen und Malen gehören zu diesen Beschäftigungen dazu. Es hat gelernt, seine Stärken einzuschätzen und einzusetzen und wird von uns nicht sinnlos mit "toll gemacht" gelobt, sondern konstruktiv mit "ich sehe du hast dir viel Mühe gegeben, der XY ist viel besser, als der letzte". Ich habe sie Konsequenzen lernen lassen, auch wenn mir das böse Blicke und Kritik von Erziehern eingebracht hat.
"Ihr Kind hatte heute keine Gummistiefel an, es war nass bis auf die Knochen".
Ich wusste das schon am Morgen, als mein Kind sich weigerte, Gummistiefel anzuziehen.
Ich habe erklärt, was passiert, wenn es keine Stiefel anziehen mag und weshalb die anderen Schuhe (Stoffsneaker) nicht für einen regnerischen Tag im Wald geeignet sind.
Am Nachmittag hatte sie die Quittung bekommen, genau was ich prophezeit hatte.
Die Erzieherinnen schütteln darüber den Kopf "Sowas können die noch nicht entscheiden" - deren Kinder vielleicht nicht, aber meins schon. Ich habe NIE wieder über irgendein Paar Schuhe diskutieren müssen.
Lasse ich sie am Kopf frieren? Ja - einmal, das reicht in der Regel. Meine Tochter ist 6 Jahre alt und sagt beim Rausgehen "Ich will jetzt keine Mütze anziehen, mir ist so warm. Kannst du mir eine einpacken, für später?" Keine Ahnung, was genau ich mir vorwerfen lassen kann - aber nicht, dass mein Kind bei uns nichts gelernt hat und deshalb ungeeignet für die Schule wäre.
Ihre Lehrerin ließ uns wissen, dass sie sehr fleißig sei - unsere Tochter. Sehr brav. Sehr still. Sehr angepasst. Dass sie unglücklich ist, merkt sie nicht. Na ja, doch, das tägliche seit Wochen anhaltende Einnässen, das ist schon irgendwann aufgefallen. Und es klappt auch nur mit regelmäßiger Ermahnung durch die Erzieherin, das Trockenbleiben. Aber so unwohl...scheint sich Töchterchen nicht zu fühlen. Wird sie gefragt "Na, wie gefällt dir die Schule" - sagt sie "Gut" und haut schnell ab.
Aber wir wissen, dass der Eisberg unter der Wasseroberfläche grade einen hässlichen Riss in die tragende Wand unseres Babybootes zieht. "Die Schule ist kein freundlicher Ort, Mama".

Leistungsdruck, der ewige Vergleich, Neid und So klein mit Hut


"Ihre Tochter kann noch nicht im Zahlenraum bis 20 rechnen".
"Ihre Tochter kann nicht gut zählen, etwa in 2er Schritten oder über 30 hinaus".

Das erfahren wir nach 5 Wochen Schule. Es ist unser erstes Elterngespräch und es ist immernoch die erste Klasse. Unsere Tochter konnte 5 Wochen vorher überhaupt nicht rechnen und wir fanden toll, dass sie es schaffte, locker bis 29 zu zählen. Sie konnte auch noch nicht schreiben, außer ein paar Buchstaben und ihrem Namen. Und lesen?

"Ihre Tochter braucht mehr Übung. Sie macht viele Fehler beim Lesen."

Deshalb ist unsere Tochter auch schon in Förderprogrammen drin. Da wird nicht lang gefackelt. Sie und alle anderen haben schon gecheckt, dass unsere Tochter nicht gut genug ist und ohne Förderung nicht mithalten können wird. Mein Mann und ich staunen. Zählen in 2er Schritten nach 5 Wochen? Hä? Rechnen im Zahlenraum bis 20 - wir waren bis eben noch glücklich, dass sie mit ihren Fingern schon Zahlen bis 10 addieren kann. Was?

Die Quittung kommt natürlich in Form von Frust.
"Alle sind besser als ich."
"Ich bin schlecht."
"Die Jungs machen sich lustig über mich, weil ich nicht so gut im Kopfrechnen bin."
"Ich mache immer alles falsch."
"Keiner braucht mich."
"X, Y und Z sind viel weiter als ich. Die haben schon neue Hefte bekommen. Ich kann nichts.
Ich bin immernoch in meinem alten Heft."

Irgendwie hatte ich mir das Feedback aus der ersten Klasse anders vorgestellt. Nach 5 Wochen hätte ich erwartet zu hören, dass oder wie unsere Tochter sich eingewöhnt, wie die Klassenkonstellation ist, welche Kinder gut zusammenarbeiten können, wo die Stärken unserer Tochter zu liegen scheinen und wo sie aktiv zum Mitmachen bewegt wird und sich schon präsentieren kann. Aber ich bin ja keine Lehrerin - vermutlich sind diese Mitarbeitergespräche Wunschträume aus dem Parkbereich von Disneyland. Unsere Tochter möchte jedenfalls nicht mehr in die Schule gehen. Sie ist hartnäckig, das war sie schon immer, weshalb sie mich das seit Wochen jeden morgen wissen lässt. Da sie auch pflichtbewusst ist, geht sie trotzdem ohne Theater - aber mit diesem langen, traurigen "Ich wünschte, ich wäre woanders" - Blick. Hat sie sich je auf die Schule gefreut? Bis jetzt noch kein einziges Mal. Kann ja noch kommen. Kann...

Ich packe meinen Koffer und nehme mit...


Das ist mein Gefühl. Ich bin enttäuscht. Viele Kleinigkeiten, von der Art wie Informationen an uns Eltern getragen werden, über den Mangel an Motivation, über das Konzept Schelte und Förderung bis hin zu meinem kleinen Unglücksraben, der sich einen besseren Ort zum Verweilen wünscht, mobilisieren in mir den Fluchtmotor. Abhauen! Nicht in den Urlaub, wie alle anderen - sondern aus dem System. Wie manche.
Ich habe zwei große Bonuskinder. Meinen Sohn kenne ich seit er 7 ist. Unsere Jüngste wird jetzt 7. Der Kreis schließt sich. Ich habe somit bald alles erlebt. Von der 1. Klasse (unsere Lütte) bis zum Studiumseintritt (unsere Große) habe ich alles erlebt. Hat mich in all dieser Zeit irgendetwas begeistert oder überzeugt? Nein. Gar nichts. Habe ich das Gefühl, dass meine Bonuskinder von der katholischen Montessori-Schule (bis zur 6. Klasse) irgendetwas mitgenommen haben? Nein. Sind sie irgendwie auf das Leben nach der Schule vorbereitet worden? Nein - beklagt momentan zurecht unsere Große. Und waren das gute und glückliche Jahre, unverzichtbar? Werden sie oder wir Eltern zurückblicken und denken "Gut, dass L. diese Erfahrung gemacht hat?" Nein. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass Zeit vertan und vergeudet wurde. Jetzt erlebe ich mit meinem Schulkind, dass nicht nur Zeit vergeudet wird..sondern, dass Lust und Freude flöten gehen.
Das Leben ist kein Ponyhof höre ich schon als Einwand rufen.
Ne, aber auch keine Haftanstalt.
Ich lebe in Berlin - keine Ahnung, wie es auf eurem Planeten aussieht, aber auf meinem Planeten Berlin ist mehr drin. Viel mehr. Ponyhof? Nein, das nicht, aber Seaworld. Oder ne Bar. Ne gute Bar. Berlin ist die Stadt der Selbstverwirklichung. Ich bin geimpft mit dem Gefühl frei nach Pippi Langstrumpf meine Welt so zu machen, wie sie mir gefällt. Und ditte jefällt mir nisch!
Ich glaube, ich muss umdenken. Meinem Gefühl folgen. Und das sagt mir, dass mein Kind falsch erzogen wurde. Falsch für eine 0-8-15-Schule, mit einem völlig unzeitgemäßen Leistungsanspruch. Ich werde die Koffer meines Kindes packen, ganz heimlich...und mich nach einer Schule mit mehr Platz für Individualität und Freiheit, mit mehr Empathie und mehr positiver Pädagogik umschauen.
Die Ex meines Mannes sagte mal, ihre Kinder hätten in der Schule schon genug Stress und sollten danach "Einfach nur Spaß haben". Ich verstehe sie jetzt richtig gut. Früher habe ich auch im Sinne der Leistungsgesellschaft gedacht - aber ich LEBE das ja schon seit Ewigkeiten gar nicht mehr. Wir leben anders...und ganz ehrlich: Wenn engagierte Eltern ihren Kindern was mitgeben können - dann sollte das eine gute Schule auch.


Was mich noch inspiriert?

Hier sind die Quellen:

Abi ohne Schule: So gehts
http://www.5reicherts.com/2015/01/wie-ich-zum-abitur-kam-ohne-in-die-schule-zu-gehen/

Zu viert reisen und lernen
http://www.family4travel.de/was-ist-family4travel/

Schulbefreiung für Lebenslektionen
http://www.weltreise-mit-kind.de/special_frameset.htm

Weit weit weg...
http://www.kidsaway.de/reiseplanung/vorueberlegungen/langzeitreise-mit-kind-schulfreistellung-fuer-die-weltreise-geht-das/


Foto wie immer von Ryan McGuire auf gratisography.com