Dienstag, 14. März 2017

7-12 Jährige: Warum das die wichtigste Zeit im Leben deines Kindes ist

Es sieht nicht nur so aus: Der Sprung ging wirklich daneben


In meinem Artikel über Schulernüchterung habe ich begonnen, das 'System' anzuzweifeln. 
Meiner Erstklässler-Tochter ging es nicht gut mit all den auf sie einprasselnden Erwartungen und Forderungen. Natürlich habe ich mich als Mutter gefragt, ob ich versäumt habe, sie auf das "richtige Leben" vorzubereiten. Hätte ich auch mehr fordern sollen? Sie mehr im schulischen Sinne disziplinieren? Hätte ich mit ihr Vorschulunterricht machen sollen, weil ich doch wusste, dass in ihrer speziellen Kita kein solcher Unterricht stattfand?

Nach 6 Monaten Schule, vielen Fragen und Sorgen, bin ich endlich zu dieser Erkenntnis gekommen:
Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen!
Und auch das System Schule hat sich nichts zu schulden kommen lassen....

Nein, WEDER ich NOCH die Schule sind das Problem, sondern unser aller Umgang mit Kindern in diesem Alter. Meine Tochter wird Ende dieser Woche 7 Jahre alt: Es wird Zeit, dass ich eine Bresche für Kinder in ihrem Alter schlage. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Kinder zwischen 7 und 12 Jahren vergessen werden. Sie existieren gar nicht mit ihren Bedürfnissen und Eigenheiten, sie sind uns nur mit Eigenarten und Unannehmlichkeiten bewusst.

Dieser Artikel möchte Eltern und mit Kindern Arbeitende gleichermaßen dazu bewegen, den Schutzraum "Kindheit" über das 6. Lebensjahr hinaus, ja über die Schulanfangsphase hinaus, aufrecht zu erhalten.
Warum? Weil wir Gefahr laufen in genau diesem Alter unsere Kinder zu verkorksen!
Kannste überall lesen: Auffälligkeiten im Erwachsenenalter, bis hin zu Suizid, psychische Leiden wie Angststörungen usw., werden in der Regel vor allem mit Rückschlüssen auf Erlebnisse in diesem wichtigen Alter, nämlich die Zeit nach Mamas Rockzipfel und vor der Pubertät, erklärt.

Fangen wir also "hinten" an:
Die Generation Y & andere Phänomene der neuen Jugend

"Auszubildende sind überhaupt nicht mehr zu gebrauchen"
"Azubi-Albtraum: Jugendliche und junge Erwachsene, die nichts mit ihren Körpern anzufangen wissen, zwei linke Hände haben, keine noch so einfachen Probleme lösen können, nur mit großer Unlust Aufgaben erledigen..."
"Steigende Rate von Studiumsabbrechern"
"Immer mehr Studenten mit Burnout"
"Depressionen, Stresssymptome, Angststörungen nehmen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu"
"Alkoholkonsum unter Jugendlichen steigt, Einstiegstalter sinkt, immer mehr Mädchen trinken auch"
"Was soll ich machen? Wie kann ich glücklich werden? Wer bin ich? - Fragen der Gen Y"
"Beziehungs - und Bindungsunfähigkeit: Warum immer mehr Menschen feste Beziehungen meiden"
"Adrenalin-Kick, Erlebnisreisen, Extremsport: Der Boom des Erlebnistourismus"
"Sinkende Geburtenrate: Anteil an kinderlosen Erwachsenen steigt"

usw.

Wir sprechen hier über das Alter von 16 bis 35. Das Alter, das eigentlich "die beste Zeit unseres Lebens" sein soll. Jung, dynamisch, frei. Voller Chancen, voller Träume, voller Kraft und Ausdauer. Ohne Angst im Nacken. Geborene Revoluzzer, Querdenker, Links im Herz, Gerechtigkeit im Kopf, fit und flexibel. Der Inbegriff von J U N G.

Aber merkwürdig: Man kennt immer mehr von diesen irgendwie alt oder sinnentleert wirkenden jungen Leuten.
"Die sind ja älter als wir", höre ich meine Mutter (60) und ihre Freundinnen lästern, die in ihren jungen Jahren mein Elternalbtraum gewesen wäre (Hallo, Mama ;-)). Ich schließe mich innerlich nicht selten an. Ich kann das nicht so sehr an deren Lebensentwürfen festmachen, wie an den Gedanken und Sorgen, die die jungen Leute mit mir, meinen Freunden oder in sozialen Medien teilen. Die haben lauter Probleme.
Mein Gott, wovor die alles Angst haben! Was denen alles Sorgen bereitet: Lebt eigentlich einer von denen, oder schützen sie zu leben vor, weil sie "Angst haben, sonst was zu verpassen"?
Und diese grassierende Angst vor Verantwortung - woher kommt das bloß? Kann denn keiner mehr ein Problem wuppen? Hej, wir haben Fukushima, Bankenkrise, Immobilienpleiten, George W Bush, Obama uvm überlebt: Da werdet ihr ja wohl ein paar schlaflose Nächte, ein paar anstrengende Berufsjahre, ein bisschen Pech in der Liebe usw. verkraften? Oder?

Warum ist heute "alles so schwer"? 
Wenn man sich "die Altvorderen" anhört, war damals auch nicht alles leichter. Wenn ich das Selbstmitleid der Scheidungskinder anhöre, schüttele ich innerlich nicht selten den Kopf: Haben alles, jammern aber auf höchstem Niveau, denken, sie wären irgendwie Opfer der Umstände. Hallo? In den allermeisten Familien gibt es familiäre Brüche, oder Arbeitslosigkeit und damit einhergehend negative Veränderungen, Alkoholismus, Missbrauch, Arbeit und Leben am Armutslimit trotz Vollzeitbeschäftigung, Schlüsselkindheit, Plattenbau, Vernachlässigung am Nachmittag, Ausgrenzung wegen irgendwas, Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz, Halbgeschwister, Zweitehen, gestorbene oder weggezogene Elternteile usw usf. Aber das war für die Mehrheit kein Grund, nicht erwachsen zu werden und das Leben am Schopf (oder an den Hörnern) zu packen.

Also nochmal: Warum ist heute alles so schwer?
Die Antwort - meiner Meinung nach: Wir nehmen den Kindern die Kindheit (zu früh) weg.

Es ist nicht zwangsläufig der Fernseher, der Computer, der Geigenkurs, der Fußballverein, die SCHULE oder irgendeine andere Form von Alltagsbeschäftigung, die unseren Kindern das Leben als Erwachsene schwer machen (und als Kinder, nicht vergessen!). Es ist eben das, was sie NICHT tun, das fehlt.

Beispiele:
Ich versuche seit Wochen meine Tochter mit ihren Kitafreunden und Schulfreunden zu verabreden. Bei ganz vielen klappt das nicht, schon gar nicht spontan. Die anderen Kinder haben einfach so viel zu tun. Und wenn sie mal nichts zu tun haben, sollen sie sich "ausruhen". Also wie ein Erwachsener, der nach einem langen Arbeitstag mal eine Auszeit ohne Input braucht.
Ich bin inzwischen zu der Überzeugung gekommen (und liege in unserem Fall goldrichtig), dass mein Kind allein, zu Hause, unter unserer elterlichen Anwesenheit und regelmäßigen Bevormundung NICHT ausruhen kann. Mein Kind kann hier mit mir allein zu Hause NICHT entspannen. Mein Kind braucht dazu andere Kinder. Und - ganz wichtig - KEINE Regeln. Keine Bevormundung. Kein
"Nicht so laut, nicht so wild, bitte nicht hier, bitte nicht das, bitte nicht dorthin".
Mein Kind braucht Zeit für Freiheit.
Freiheit darf man als Eltern nicht mit "Frei von allem", sondern MUSS man als vor allem "Frei von Erwachsenen" verstehen.
Mir ist erst kürzlich klar geworden, dass ich nicht normal bin, weil ich immer mal wieder 2 oder 3 Freunde meiner Tochter zu uns einlade. Mich stört der Lärm nicht: Ich weiß und genieße, dass mein Kind glücklich ist. Es folgen Beweisfotos, die zeigen: Hier steppt der Bär und das ist akzeptiert (solange danach ohne Murren gemeinsam aufgeräumt wird).


Andere Mütter fragten dann ungläubig 
"Echt? Das tust du dir an?" oder lassen mich wissen, dass sie mich dafür bewundern. Das schmeichelte mir, aber ich habe es ehrlich auch überhaupt nicht gerafft. Was ist daran besonders? Jetzt ist mir das langsam klarer, und ich finde die Erkenntnis irgendwie ernüchternd: Den meisten sind mehr als zwei Kinder zu viel. Das klingt jetzt banal, aber für mich war das eine echte Erkenntnis. Was heißt das aber für unsere Kinder, die immer nur in kontrolliertem Rahmen, zu kontrollierten Zeiten, unter erwachsener Aufsicht, "Kind sein" dürfen?
Das heißt, dass sie eben nicht gänzlich Kind sein dürfen, sondern stets und zu jeder Zeit nur die beschnittene, unterdrückte Version ihrer Selbst.


Als Kind probiert man gefährliche oder riskante Dinge aus. Man hat gehört "Das ist verboten" oder "Das ist gefährlich", man weiß aber einfach nicht WARUM, wenn man es nicht selbst ausprobiert hat. 
Ich war so frei meiner Tochter und ihrer Freundin (klar, ich habe vorher die Eltern um Erlaubnis gebeten) zu erlauben, für 30 Minuten alleine auf den Spielplatz auf der anderen Straßenseite zu gehen. Ich finde das normal, ich bin früher alleine durch unser Dorf gewandert und habe auf dem Spielplatz allein gespielt, wartend, dass ein anderes Kind auch kommt. Manchmal kam eins, meistens nicht. Oder nur in Begleitung von Eltern, so dass wir nicht gemeinsam gespielt haben. Die hatten ja Eltern zum "Spielen". Meiner Tochter will ich also erlauben, was ich für normal halte - obwohl wir mitten in Berlin leben. Die anderen Eltern überwinden sich dazu - oder auch nicht, weil sie Angst haben. Meine Tochter wäre an diesem Tag mit ziemlicher Sicherheit im Krankenhaus gelandet, wenn der Vater des anderen Mädchens nicht in fensternähe gesessen und den Tumult gehört hätte, der um den brechenden Ast unter meiner Tochter entstanden war. Er stürmte heraus und rettete meine Tochter, die seit sie ein Baby ist, klettern kann und das sehr sehr gut macht. Nie hätte ich mir Sorgen um sie gemacht, dass ihr ausgerechnet beim Klettern etwas passiert. 
Was wollte aber meine Tochter? Grenzen ausprobieren. Was Verbotenes, was Gefährliches tun.
Sie wollte mal gucken, ob auch ein dünner Ast sie trägt. Wie weit sie auf diesem eigentlich gehen kann. Sie wäre fast aus ca. 2 Metern Höhe auf einen fiesen, dünnen Metallzaun gekracht. Knochenbrüche inbegriffen. Garantiert. Man was hätte ich mich geärgert, erschreckt, gegrämt! Natürlich, das hätte mir in den Knochen, ja im Herzen gesessen: Aber die Wunden wären verheilt und mein Kind hätte nach anfänglicher Angst das Klettern wieder begonnen. Weil ich es ihr wieder erlaubt hätte. Weil für mich Stürze, Brüche, schlimme Verletzungen irgendwie zur Kindheit dazu gehört haben. Ich war das Schürfwunden-und Beulenmonster von Hannover! Genau, wie all meine Freunde um mich herum auch. Heute fällt ein Kind, das Verletzungen hat, richtig auf. Wenn man ein grün-blaues Gesichtchen, einen gebrochenen Arm, furchtbare Schürfwunden an den Beinen sieht, dann beschleicht einen immer das Gefühl von "Da hat jemand nicht aufgepasst" und wir verurteilen, was wir sehen. 

Denkt irgendeiner auch nur einmal
  • Da hat jemand aber Spaß gehabt! 
  • Da hat jemand aber ein wildes Abenteuer bestanden! 
  • Da hat aber jemand Grenzen ausgereizt und was dazugelernt!

Nein - wir verurteilen was wir sehen. Wir hoffen, dass unser Kind NIE so aussehen wird. Uns zieht sich das Herz angstvoll zusammen ... gut, mir nicht so sehr, wie vielen anderen. Aber ich denke, DAS ist der Fehler. Das ist, was wir unseren Kindern vorenthalten. Jetzt bitte nicht meckern "Aha, du schlägst also vor, dass wir unsere Kinder Gefahren aussetzen sollen". Das ist Quatsch.
Nein, aber ich denke, wir sollten an unsere eigene Kindheit zurückdenken und uns erinnern, welche Freiheiten wir genossen haben (wenn wir das Glück hatten). Wir sind alleine unterwegs gewesen, ohne die Angst unserer Eltern im Nacken. Wir durften auf Bäume und Gerüste klettern, ohne das angstgepeitschte Schreien unserer Eltern in den Ohren. Wir haben uns gekloppt, ohne von den Erwachsenen als Mensch verurteilt zu werden. Wir haben Mutproben bestanden und Wunden davon getragen, Geheimnisse vor Eltern gehabt, wir sind Risiken eingegangen, haben furchtbare Ängste durchlitten (vor Rotbart, dem gruseligen Mann, der vor unserer Kita auf und ab strich und vor dem wir mit pochendem Herzen weggelaufen sind, wenn wir freies Spiel im anliegenden Park hatten...ob er nun da war, oder nicht....): Wir haben GELEBT. Wir haben Dinge überwunden, Grenzen, Zwänge, Sorgen, Ängste. Wenn wir uns verletzt haben, waren nicht immer gleich Erwachsene zur Stelle. Sondern unsere Freunde. Oder niemand. Wir mussten knifflige Situationen selbst lösen und waren oft genug auf uns allein gestellt. Wir haben gelernt, einander zu vertrauen und auf eine Gruppe aus Gleichaltrigen zu bauen. Wir hatten Cliquen, Banden, Gruppen. Wir haben uns eine Welt jenseits der Augen und Ohren von Erwachsenen aufgebaut - darin galten unsere Regeln, darin wurden die Gesetze der Erwachsenenwelt erprobt und ausgereizt.

Ich behaupte DAS fehlt unseren Kindern. Diese unkontrollierte Freiheit. Das Leben als Feldmaus, nicht als Laborratte. Die ständige Beobachtung, die ständige Bewertung all ihres Handelns, die macht unsere Kinder so fragil.
Ein Erwachsener, der als Kind nicht gelebt hat - der hat entweder Angst vor dem Leben, ist überfordert von dem Leben oder "sucht" das Leben und riskiert dabei Kopf und Kragen.

Zurück zur Schule, und damit nähern wir uns dem Ende dieses Postulats:
Meine Tochter verweigert den Weg zur Schule nicht mehr.
Sie jammert nicht mehr allmorgendlich über die Schule.
Darüber, wie schwer alles ist.
Darüber, wie ungerecht alles ist.
Sie beklagt nicht mehr fortwährend, dass sie "schlecht" ist.
Natürlich: Auch die Schule bemüht sich nun um mein Kind mehr. Das sehe ich und das freut mich. Aber noch viel wichtiger: Ich bemühe mich! Und zwar darin, mein Kind mehr Kind sein zu lassen.
Sie hat einen anstrengend Tag in der Woche: Dienstag, wenn sie Geigenunterricht hat.
Alle anderen Tage dienen einem Zweck: Erholung durch Spiel.
Ich versuche sie sooft wie möglich zu verabreden. Da ihre Schulfreunde oft nicht können, verabrede ich sie auch mit ihren Kitakameraden, die erst dieses Jahr eingeschult werden. So wie heute: Wir treffen uns mit 4 Kindern im nahe gelegenen Park. Es gibt Proviant und ein freundliches "Haut ab, viel Spaß". Die Kinder sollen (und werden) losziehen und sich austoben, wir sitzen an einem vereinbarten Platz (Mama 1 und Mama 2) und unterhalten uns. Kein Auge auf die Kinder.
Kann da was passieren? Klar. Beim letzten Mal ist die Freundin meiner Tochter auch vom Baum gefallen. Das gab Tränen. Aber war ja schnell wieder gut. Das gehört dazu. Irgendwie. Leider...aber auch Gott Lob.
Ich lade bewusst immer mal wieder mehr als 1 Gast zu uns ein. Da passiert mehr in so einer Kindergruppe, da gibt es Gruppenbildung, Ausgrenzung, Anfreundung, das Suchen nach gemeinsamen Aktivitäten, Impulsvermischung...das brauchts, um später im Team klarzukommen. Teamarbeit gibt es jederorts: Besser, man hat schon in der Kindheit gelernt mit Angebern, mit Besserwissern, mit Bestimmern, mit Lügnern, mit Faulen und mit Profilsüchtigen auszukommen.
Das Konzept scheint aufzugehen. Meinem Kind "Ruhe verordnen" tue ich nicht mehr.
Ich lasse sie einfach am Wochenende lange schlafen und Samstag-, als auch Sonntagvormittag verdaddeln, ehe der Tag "losgeht". Und ich sorge dafür, dass sie unter der Woche um spätestens halb acht im Bett liegt.
Seitdem geht es ihr viiiiiel besser. Sie holt sich ihre Energie und ihre Erholung aus dem sozialen Spiel mit Gleichaltrigen. Sie holt sich dort auch ihr notwendiges Selbstbewusstsein ab und erarbeitet sich eine Rolle in der Gruppe, auf die sie stolz sein kann. Dann macht es scheinbar auch nicht mehr so viel aus, in Kopfrechnen schlechter zu sein, als andere. Dafür ist sie als Kletterfix bekannt UND beliebt für ihre tollen Spielideen. Das weiß ich nicht nur aus Intuition und Erfahrung heraus, sondern, weil mir das ihre Erzieherin im Schulhort so sagt. "Ihre Tochter beherrscht ganz oft das Spiel, sie gibt immer wieder neue Impulse. Sie ist bei allen Kindern beliebt" - und das, ohne umschwärmt zu sein. Sie wird einfach gemocht: Vielleicht, weil sie das auslebt und das ist, was die anderen auch gern wären...ein KIND.