Montag, 13. März 2017

Narzissmus-Falle: Kinder vor narzisstisch gestörten Großeltern schützen


Diva in the box 



Thomas Mann schrieb die Buddenbrooks, und darin beschrieb er nicht nur den Verfall einer bürgerlichen Familie, sondern seine Familie. Es ist eines der hochgelobtesten Bücher - auch in unserer Familie. Das vorweg genommen.....
Beschreiben wir mal ganz hypothetisch den Fall eines narzisstisch gestörten Großelternteils und wie man - rein theoretisch - sein Kind (das Enkelkind) vor ihm schützen kann.

Angenommen also, man liebt und heiratet einen Mann, der Kind eines Elternteils mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist. Da gibt es viel zu lernen und zu begreifen. Vor allem über das neue Schwiegereltern-teil.
Narzissten sind vor allem große Egozentriker: Alles dreht sich um sie, auch wenn sie Kinder haben. Auch wenn ihre Kinder Kinder haben. Die Partner an der Seite ihres Kindes sind zudem absolut letzt-rangig, es sei denn, sie sind "gut zu gebrauchen", um die egozentrisch-narzisstischen Bedürfnisse zu erfüllen.

Diese Eltern:

  • haben immer Recht
  • wissen immer, was das Beste für jeden ist
  • stellen utopische Ansprüche an Erfolg, Leistung, Reichtum, Attraktivität, Popularität usw
  • teilen die Welt in Gewinner und Verlierer ein
  • stellen immer unverhältnismäßige und unverhältnismäßig viele Forderungen
  • sind stets unzufrieden
  • vergleichen und kritisieren 
  • wollen alles kontrollieren
  • können andere, insbesondere die eigenen Kinder, nicht als eigenständige Individuen sehen
  • bestehen stets auf bevorzugte Behandlung
  • haben kein großes Einfühlungsvermögen
  • machen häufig herabwürdigende, kritische und abwertende Bemerkungen
  • denken stets in Form von Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht usw.
  • suchen stets Aufmerksamkeit
  • kennen und respektieren keine persönlichen Grenzen
  • haben ein Gefühl von Großartigkeit und empfinden sich im Vergleich zu anderen als besser
  • sind lobsüchtig und lobheischend
  • sind neidisch
  • sind geringschätzig
  • sind arrogant
  • benutzen einen als Verlängerung des Selbst, sonnen sich im Erfolg des Kindes oder schämen sich über Niederlagen 
  • können Verantwortung nicht übernehmen, weisen Verantwortung stets anderen zu
  • nutzen das eigene Kind aus
  • intolerant gegenüber den kindlichen Werten und Bedürfnissen
  • "brauchen" und "nutzen" Menschen für eigene Zwecke
Das ohnehin schwierige Verhältnis zu dem Familien-Narziss wird doppelt belastet, wenn tatsächlich Nachwuchs ins Haus steht. Diese Enkel gehören - ebenso wie der eigene, erwachsene Nachwuchs - dem Narziss. Insbesondere dann, wenn er nicht missgebildet, schwierig oder sonst "schwer zu verkaufen ist", und noch mehr, wenn er "besonders" ist, und zwar im positiven Sinne: Gerade wenn der Nachwuchs besonders süß, besonders hübsch, besonders begabt, besonders lieb ist, beansprucht der Narziss dies Kind und all seine besonderen und bewundernswerten Gaben für sich. 
Dies kann bei mehrköpfigem Nachwuchs zu weiteren Spannungen führen, denn nicht alle Enkel gelingen "gleich gut" in den Augen des Narziss, und so wird gern ein Enkelkind massiv bevorzugt, während das andere entweder links liegen gelassen, oder viel bekrittelt und ermahnt wird, damit es wenigstens die Chance hat, sich an das "bessere" Enkelkind anzupassen.
Um Anpassung geht es ohnehin: Anpassung an die eigenen Vorstellungen, eigenen Bedürfnisse, eigenen Wünsche.

Ein wunderhübsches, musikalisches, charmantes, vor Witz sprühendes, kluges Kind, das sich leicht an die Hand (Leine) nehmen lässt und sich dem Wunsch und Willen des Narziss arglos fügt, ist ein TRAUM. Nein, nicht nur Traum, es ist vermutlich Reinkarnation des Narziss, was dieser dann gern erzählt, nicht nur dem (noch) glücklichen Enkelkind, sondern unter vorgehaltener Hand auch allen anderen, denen der Narziss begegnet. Sehet ein Gott ist geboren, genau wie ich einer bin! Staunt und zeigt mir eure Bewunderung!

Sollten andere Enkel existieren, so werden diese nachrangig behandelt. Um guten Willen zu zeigen und nach außen hin stets zu bestätigen, dass man ein fairer und guter Großeltern-teil ist, werden Haufen an Geschenken in gleicher Menge besorgt, nur das echte soziale Miteinander, das wahre Interesse, der Kern aller Gedanken, der Inhalt allen Redens ist und bleibt das Lieblingsenkelkind. 

Diesen Lieblingsenkel gilt es genauso vor der überwältigenden Euphorie und bis zur Unsinnigkeit anmaßenden Erwartungshaltung des Narziss zu schützen, wie die anderen Enkel vor dem bewussten Desinteresse (oder dem nur sehr vagen Interesse), der Kritik, dem ständigen Bemängeln, der Herabwürdigung und Ausgrenzung.
Der Narziss regiert mit kaltem Herzen und strenger Willkür: Auch das vergötterte Enkelkind wird allzu bald erfahren, dass es diese Art der Vergötterung nur zu einem Preis gibt, und dieser lautet "Selbstverkauf". Nur, wenn die Reinkarnation auch wirklich dem Anspruch dieser unsinnigen Betrachtung standhält, sich in keinster Weise vom goldenen Pfad der Bewunderung entfernt, bleibt er unter der fortwährenden Begünstigung, unter der immer strahlenden Sonne. Doch wehe, das Lieblingsenkelkind zeigt plötzlich Unwillen, oder noch schlimmer: Einen eigenen Willen. Wehe, es lässt sich nicht mehr so leicht lenken und formen, oder noch schlimmer: Entwickelt andere Züge, als gewollt, wird etwa "wie jemand anderes"....dann folgen Bestrafung, Liebesentzug, ein Bombardement aus Forderungen und Manipulationsversuche ohne Ende, um das verlorene Kind wieder auf den richtigen Pfad zurückzuführen.

Als Eltern muss man tatsächlich seine Kinder vor den narzisstischen Großeltern schützen. 
Der Fall vom Thron ist ebenso schmerzhaft, wie den Thron zwar zu sehen und die Vorzüge des Gekröntseins zu kennen, ihn aber nie besteigen zu dürfen. 

Hier einige sich aus der Praxis bereits als hilfreich erwiesen habene Strategien, um den Nachwuchs zu wappnen, zu stärken und zu schützen:

  • Auch, wenn es einem hart erscheint und befremdlich ist: Egozentrische Großeltern, sprich "der Narziss", brauchen Spielregeln. Und an diese müssen sie regelmäßig erinnert werden. Als Eltern muss man klar und deutlich sagen, welches Verhalten gestattet ist, und welches nicht. 
  • Wenn es zu einem Konflikt gekommen ist, sollte man dem Kind und dem "Narziss" mitteilen, dass darüber stets und zeitnah zu informieren ist. 
  • Dem eigenen Kind und seinen Aussagen Glauben und Vertrauen schenken, ist wichtig, damit es sich nicht von dem, was der Narziss anders sieht, in seiner eigenen Wahrnehmung verunsichern lässt
  • Jede Art von Herabwürdigung ("Das sollte XY längst können, alle anderen können das auch", "Das kann XY doch gar nicht, dazu ist XY zu ....", "XY sieht aus, wie ein/e...."), Beschuldigung und Kritik muss im Keim erstickt und sofort blockiert werden.
    Das Kind aus dem Raum schicken ("Hol mal schnell XY"), den Narziss einfach unterbrechen, das Kind häufig und besonders in Anwesenheit des Narziss loben, das Thema wechseln und bei besonders hartem Fehlverhalten den Besuch beenden sind legitime Mittel, um die Seele des Nachwuchses zu schützen.
  • Sich Entschuldigen tut man für etwas, das man falsch gemacht hat. Man entschuldigt sich nicht für alles, nur, um es anderen Recht zu machen: Das muss (jedes) Kind lernen.
  • Nein heißt Nein. Auch, wenn es grade bei Kleinkindern auf Grund ihrer eingeschränkten Reife oft zu einem Nein-Überschuss führen kann, ist es wichtig und richtig dem Kind beizubringen, Grenzen zu setzen und sich für diese gesetzten Grenzen stark zu machen.
    "Ich will das nicht hören"
    "Ich will das nicht sehen"
    "Ich will das nicht tun"
    "Ich will das nicht sagen"
    sind wichtige, starke Sätze, die ein Kind sagen können sollte, um sich gegen Manipulation und Grenzüberschreitungen des Narziss zur Wehr zu setzen. 
  • Erwachsene klären das unter Erwachsenen: Diese goldene Regel sollte jedes Kind verinnerlichen und als Freibrief aus unangenehmen Situationen mit dem Narziss (und anderen Erwachsenen) nutzen dürfen. Wenn ein Konflikt entstanden ist, den zu lösen das Kind nicht im Stande ist (und das gilt bei Konflikten mit dem Narziss mit Sicherheit zu 90%), dann soll die Verantwortung auf die Erwachsenen übertragen werden.
  • Ehrlich währt am längsten. Diese basale Grundregel bedeutet:
    Der Narziss und Du habt keine Geheimnisse vor niemandem!
    Der Narziss darf dir nichts sagen und nichts antun, was andere auch nicht dürfen: Sag uns alles!
    Der Narziss hat dir Dinge gesagt, die dich verstören, traurig oder wütend machen? Rede darüber!
  • Und - im Notfall - "Time Out für den Narziss". Wenn der Narziss für große Konflikte oder gar Verletzungen gesorgt hat, ist es legitim dem Nachwuchs eine Kontakt-Pause zuzugestehen. Diese wird von den Erwachsenen genutzt, den Konflikt möglichst beizulegen. 
  • Zuletzt: Weniger ist mehr. Je häufiger Kontakt besteht und je länger dieser Kontakt anhält, desto größer die Gefahr für Verletzungen, Grenzüberschreitungen, Respektlosigkeit. Lieber Kontakt in kleinen, liebevollen (und kontrollierten) Dosen, als häufiger, lang anhaltender und unkontrollierter Kontakt. Denn so fällt es dem Kind immer schwerer, sich aus der Manipulation und der Willkür des Narziss frei zu machen.
Ich hoffe, dieser Artikel hilft EUCH als Eltern, eure Kinder vor narzisstischen Großeltern-teilen zu schützen. Eine Kontaktsperre sollte immer das letzte Mittel sein, wenn alles andere versagt hat. Aber grundsätzlich sollte jeder Kontakt nur in Form einer "Versuchsanordnung" stattfinden. Wenn der "Versuch" scheitert, muss an den Rahmenparametern erst gearbeitet werden, ehe ein neuer "Versuch" stattfinden kann.

Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, kann mich gern anschreiben.
Ich habe zufällig viel Erfahrung auf diesem Gebiet....

P.S. Foto wie immer von RyanMcGuire by gratisography.com