Dienstag, 5. September 2017

SCHULE - Loslassen oder Anfassen?

Führen mit festem Druck: Oder einfach nur zugucken


Seit der Einschulung unserer jüngsten Tochter ist ein Jahr vergangen. Die Aufregung der ersten Monate und das Gefühl, mein Kind ganz ganz falsch untergebracht zu haben, sind abgeklungen.
Ähnlich wie bei den Phasen der Trauer sind wir beim Stadium der Akzeptanz angekommen:
Wir akzeptieren, dass die Schule SO nichts für unsere Tochter ist.
Wir akzeptieren, dass wir momentan noch keine Alternative für sie gefunden haben.
Wir akzeptieren, dass wir diese Alternative nicht haben, weil wir unsere Tochter als Schulkind erst noch kennenlernen wollen und müssen - Step by Step.

Schule ist doof. 

"Ich mag die Schule nicht" - stellt meine Tochter nüchtern fest. Wenn andere sie kürzlich fragten "Und, freust du dich schon auf die Schule?" - es waren ja grade Sommerferien - beantwortete sie das erwartungsgemäß mit "Ja" - und gab dann Fersengeld. Bloß keine weiteren Fragen beantworten müssen. Uns sagt sie, was sie denkt. Sie mag die Konkurrenz nicht. Das Tempo ist zu hoch. Die Lehrerin zu streng. Sie kann sich nicht konzentrieren, wenn alles zu schnell geht. Sie hat Angst, Fragen zu stellen. Hilfe abzuholen. Wegen der anderen.
Wenn unsere Tochter von Schule erzählt, klingt das schon jetzt, wie wenn meine Freundinnen von ihrer Arbeit erzählen. Nach Stress pur. 

Cool bleiben. Aber wie cool?


Unsere Reaktion darauf: Entspannt bleiben. Ruhe reinbringen. Dem Kind Freiheiten lassen, zu tun, wonach ihr ist , wenn sie von der Schule kommt. Schwierig nur, dass unsere Tochter eigentlich mehr Hilfe braucht. Mathe ist so ein Kandidat. Daran beißt sie sich schon jetzt die Zähne aus. Eine Kombination aus Prüfungsstress und Talentfreiheit. Wir versuchen es mit Mathespielen. Aber die reichen offensichtlich nicht. Man müsste richtigen Stoff üben - aber dann kommt der Druck zurück. Der, dem wir hier ausweichen wollen. Wir wollen nicht Schule nachmachen, wir spielen höchstens mal Schule. Wir wollen nicht Wissen vermitteln, sondern beim Vertiefen unter die Arme greifen. Tränen über Mathespiele? Nein - that was not the plan.

Loslassen


Eine momentan viel beäugte Möglichkeit ist das Loslassen. Die Schule passt nicht zu uns Eltern, der Unterricht und die Ziele nicht so wirklich zu unseren Ideen und zu unserer Lebenswirklichkeit.
Artikel von Bloggern, die "Aussteiger" sind, also aus dem System ausgestiegen sind, oder von neuen Schulkonzepten, wie dem der NSH Hamburg, über das ein ins System Zurückgekehrter in der letzten brandeins berichtet hat, machen uns Hoffnung. Und Mut. 
Es stellt uns aber auch vor eine Herausforderung: Wie können wir neben Arbeit und Alltag den Raum schaffen, indem unsere Tochter das mitbekommt, was wir uns eigentlich von der Schule erhofft haben? 

Erziehungskompetenzen ausbauen


Wir müssen uns an die eigene Nase fassen.
Unser Kind besucht eine altmodische Schule. Wir sind das Gegenteil von altmodisch. Wir leben so modern, dass es unsere Eltern mitunter befremdet. Wir sind weltfremd, wird uns vorgehalten. Aber nicht hier. Nicht, wo wir uns ein Leben aufgebaut haben. In unserer Wahrnehmung sieht Zukunft so aus, wie unsere Nachbarschaft. Wie unser Kiez. Wie unsere vier Wände. Liberal. Weltoffen. Neugierig. Multikulturell. Wir glauben an selbstfahrende Fahrzeuge, Uber, Airbnb, Share-Communities, Recycling, Shared-Offices...also gesellschaftliche Modelle, die sich von dem, womit wir aufgewachsen sind, unterscheiden.
Jetzt heißt es unserer Tochter nicht nur vorleben, sondern beibringen, wie diese Modelle funktionieren. Erfindungsgeist, Wissensdurst, Bewusstsein schaffen...Kompetenzen, in denen wir 'ausbilden' müssen, um fürs Erste auszugleichen, was ihre Schule nicht bieten kann und wird.
Gott Lob müssen wir das Rad nicht neu erfinden - es gibt viele Kurse in einer Hauptstadt wie Berlin, die alle dasselbe wollen: Unser Geld - und formbare menschliche Geister!

Und dann?


Loslassen, statt Druck ausüben und führen. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Weinend über Matheaufgaben gebeugt. Oder mein Bruder: Nachmittage seiner Kindheit waren dahin, eingesperrt in einem dunklen Zimmer, hoffnungslos überfordert aber auch hochgradig blockiert von all dem Druck, der in der Schule, wie auch Zuhause auf ihm lastete. Mein Bruder ist mein Vorbild. Er hat sich gegen alle Widrigkeiten Freiheit erkämpft. Die Grenzen seines Lebens hat er sich selbst ausgesucht, den Druck, den er jetzt in seiner Arbeit erlebt, hat er selbst gemacht. SELBST...das ist das Ziel. Die Antwort.
Das erste Wort unserer Jüngsten war ein langes, ausgedehntes "Neiin". Nicht laut, nicht schrill. Das ist nicht ihr Stil. Sondern klar, deutlich, nüchtern. Es war ein "-ich meine das ernst" - Nein. Was sie sagt, meint sie. Hat Hand und Fuß. Ist meist sachlich korrekt. Sie weiß, was sie will, und wenn sie kann, lebt sie danach. Druck ist nicht ihr Ding. War es nie. Wir wollen ihr zeigen, wofür sie zur Schule geht. Warum sie das alles macht. Wofür sich das lohnt. Das schafft die Schule nicht - sich attraktiv zu machen für Querdenker und Eigenbrödler. Nur, wer gern mitläuft und sich gern mit anderen misst, ist in dieser altmodischen Form von Schule gut aufgehoben. 

Wir lassen also los...wir werfen den Boomerang. Hoffentlich trifft er uns nicht!