Freitag, 13. Oktober 2017

Coming Out
Wie tolerant bist du wirklich?

Anders als ...


'Coming Out' - es ist eines der Themen unserer modernen Zeit. Coming Out bedeutet sich zu seiner sexuellen Orientierung, seiner Sexualität und - mitunter - zu seiner Identität zu bekennen. Während Homosexualität noch in den 90er Jahren das gesellschaftliche Eklat-Thema in diesem Zusammenhang war, ist es heute zunehmend die Bekanntgabe 'Ich bin trans' - also die Bekenntnis eine Geschlechtsidentität zu haben, die nicht zur angeborenen, augenscheinlichen passt.
Grade in Metropolen und/oder Hauptstädten wie Berlin wird gern eine beinahe selbstverständliche Offenheit mit diesem Thema gelebt. Nicht, dass alle älteren Semester mit dieser Haltung mitgehen, aber eine grundsätzliche Offenheit, ja fast Neugier, strömt inzwischen unter den jüngeren Generationen. Wer keine homosexuellen Freunde hat, lebt hinterm Mond. Wer keine Trans oder Quers kennt, ist noch nicht aus seiner Eierschale geschlüpft. Mit dem Brustton der Überzeugung sagen die Kids heute "Schwul - na und? Entspann dich, ist doch egal."
Auch Großstadteltern zeigen sich heute toleranter, als frühere Generationen. Wenn 'er' lieber Haarspangen und Zöpfe trägt, langes Haar haben möchte und am liebsten "Schminken" spielt, dann ist das eben so. Besonders selbstbewusste Väter tragen dann auch mal aus Solidarität einen Rock.
Wir sind ganz schön cool, oder?

So sieht Toleranz aus




Tränen bei Seite - mein erster Gedanke ist:
"Tolle Eltern!"
"Das würde ich auch so machen!"
"Das kann ich schaffen!"

Wir denken, weil wir ja ach so sehr aufgeschlossen sind, dass wir sexuelle Neigungen unserer Kinder und unserer Mitmenschen tolerieren wollen und können. Dass wir das auch müssen. Als Gesellschaft.
Aber...

"Mama ..."
"Warum weinst du?"
"Weil ich...weil ich Angst habe, dass du mich nicht mehr liebst."
"Willst du mir etwas sagen?"
"...ja...ich weiß nur nicht, wie...."
"Schatz, du weißt, du kannst mir alles sagen. Ich werde dich immer lieben."
"...ich weiß nicht...ich habe Angst, dass keiner mich mehr liebt, wenn..."
"Nein, was redest du da? Ich liebe dich, dein Vater liebt dich...wir werden dich immer lieben."
"Ich glaube...ich stehe vielleicht auf..."
"...Männer? Willst du mir sagen, dass du schwul bist?"
"...nein....eher jünger...eher...Kinder..."


Wie gehst du damit um? 

Ich lebe in Berlin. Das Thema Pädophilie ist mir hier NICHT fremd. Wer seine Augen offen hält, dem fallen ab und an diese Leute (ja, alles Männer) auf, die sich einfach merkwürdig um Kinder herum verhalten.
Und ja - ich musste auch schon vor sexuell übergriffigem Verhalten schützen, bzw. einschreiten.
Das war krass! Sich da einmischen, einem Mann zu sagen "Ich hab das gesehen, du hast das Kind da im Schritt angefasst", nicht wissen, was als nächstes tun...Ich habe mir so einen Kinderstuhl aus der früheren Kinderbuchecke geschnappt, mich vor diesen Mann gesetzt und maschinengewehrartig auf ihn eingeredet. "Das geht nicht! Das darfst du nicht! Du hast ein Problem, du musst das kontrollieren. Du musst in Behandlung!" Sowas habe ich gesagt. Es purzelte wahllos aus mir heraus - okay, nicht ganz. Ich habe ihn nicht beschimpft. Ich habe ihn nicht beleidigt. Das hatte einen Grund: Ich hatte mich mit dem Thema Pädophilie eine Weile lang beschäftigt. Aus Angst, als ich selber Mutter wurde. Ist so meine Umgangsform: Kenne den Feind. Dadurch habe ich viel gelernt darüber, wie das sein muss. Ein gewisses Gefühl von "Die armen Typen" ist in mir aufgekeimt. Der Ekel und die Ablehnung und die Schutzhaltung ist aber gleichermaßen stark geblieben. Ich habe drei Kinder. Als sie klein waren/jetzt wo eins klein ist, habe ich permanent das Gefühl, jedem die Augen ausschießen zu müssen, der komisch guckt. Den Mann habe ich angezeigt. Dussmanns hat ihn angezeigt. Ich bin zum Infoschalter gegangen. Der Typ ist abgehauen, aber wir haben Videoaufzeichnungen gehabt, er war eindeutig darauf zu erkennen. Dussmanns hat versprochen sich darum zu kümmern. Wie gesagt: Ich weiß, es folgte eine Anzeige. Und sein Foto war eine Weile lang an den Kassen - Hausverbot!
Pädophile trifft man hier in Berlin dort, wo es für sie am meisten Sinn macht: Auf Spielplätzen. 
Weil ich das weiß, habe ich höllisch auf die Spielumgebung meiner Tochter geachtet. Angst halt.
Auf dem Spielplatz habe ich durchaus auch mal Männer, die wie herrenlose Hunde wirkten, gefragt "Und...welches ist ihres?" Klassiker: Die meisten sind aufgestanden und gegangen, oder haben rumgestottert. Ertappt. Nur einer hatte eine Story parat, er warte hier auf seine Tochter, blöde Scheidung, er dürfe sie nicht sooft sehen, wie er wolle...habe ich akzeptiert. Misstrauisch bin ich trotzdem geblieben. 
Wäre ich in der Lage gewesen mein Psychologiestudium erfolgreich abzuschließen, hätte ich meine Bachelorarbeit gern über Pädophilie geschrieben. Nicht, weil mich das Thema fasziniert. Sondern weil ich denke, von diesen Männern geht, bleiben sie unerkannt und unbehandelt, eine Gefahr aus.
Sie sind die Abnehmer in der schrecklichen Kinderpornobranche.
Sie sind die, die unsere Kinder heimlich fotografieren (erlebt! Horror!!!).
Sie sind die, die unseren Kindern unmoralische und unehrliche Angebote machen (erlebt!). 
Sie sind die, die zum Täter werden.
Nicht alle, aber genug.
ABER - sie sind Söhne. Sie waren irgendwann einmal ein Kind. Ein fußballspielender Junge vielleicht, ein kleiner, brillentragender Bastler, ein Sammler, ein Dinofan, ein Bücherwurm. Eben ein ganz normales Kind - das irgendwann zu alt ist, um seinesgleichen zu lieben: Und es dennoch tut.
Ich hätte meine Bachelorarbeit gern geschrieben, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir als Gesellschaft tatsächlich auch dieses schwierige, mich immer wieder aufwühlende Thema, anpacken müssen. Mit aller dazugehörigen Offenheit. So, wie bei den Homosexuellen.
Es müsste einen Film geben, wie Philadelphia. Wo ein Pädophiler stirbt, vielleicht Suizid begeht. Ein netter Kerl, der keiner Fliege was zu Leide tun würde oder kann - aber vor lauter Verzweiflung über das "Böse" in ihm, keinen Ausweg sieht, als den Tod. Viele junge Männer bringen sich um. Weltweit. Wer weiß, wie viele von ihnen 'Neigungen' haben, die für sie den familiären und gesellschaftlichen Tod bedeuten - oder zu bedeuten scheinen?
Ja - ein Pädophiler kann auch anders zum Täter werden: Gegen sich selbst gerichtet.
Wir müssen, um einen Dialog beginnen, die Tür öffnen. Nicht zu der Möglichkeit die pädophile Neigung zu tolerieren, sondern vor allem den pädophilen Menschen. 

NEIN zu Sex mit Kindern!
Aber JA zu jedem Leben.
Wir waren alle mal Kinder.
Viele von uns haben Kinder.
Wie können wir einander helfen, ein lebenswertes Leben zu führen - ohne Hass, ohne Dunkelheit, ohne Einsamkeit, ohne Ausgrenzung?
NUR durch Dialog. Durch Lernen. Durch Verständnis. Durch den gleichen Lernprozess, den wir für und mit der LGBTQ - Szene durchgemacht haben und immer noch durchmachen.

Ein Schlusswort:
Ich bin denke ich schon froh, dass ich keinen Pädophilen kenne. Da bin ich ehrlich. Die Angst bleibt einfach. Ich wüsste gar nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Alles in mir würde schreien: Weg mit dir! Fort! Lass meine Familie in Ruhe!
Aber: Wenn sich mir jemand in größter Verzweiflung, so wie oben in dem Coming Out- Video, anvertrauen würde. Wenn er mir sagen würde "Ich glaube, ich stehe auf Kinder" - dann würde ich zuhören! Das weiß ich. Und ich würde ihm helfen wollen. Und ich hoffe, es geht einigen von euch nach diesem Bericht genauso.

Und SO kann man helfen: 

Kein Täter werden










Foto von: https://www.pexels.com/photo/food-colorful-sweet-bear-54633/