Dienstag, 10. Oktober 2017

Die Amis erklärt - Was haben die mit ihren Waffen?



Lädst du noch oder schießt du schon?


Amerika hat momentan viel auf seiner To-Do-List: angefangen beim chaosstiftenden Joker im Weißen Haus (Batman: wo bist du?), über eine Reihe von verheerenden Naturkatastrophen, bis zu dem an Kraft gewinnenden Rechtsruck, der die Nation spaltet. Amerika ist wie ein Trump Hotel, das grade durch eine Inventur muss, während draußen schon die Geländer von den maroden Balkonen krachen. Ein Punkt brennt aber schon seit Jahrzehnten auf der U.S.-To Do-Liste, und egal wie viele neue Punkte oben dazukommen, dieser eine Punkt schafft es leider immer wieder in die Schlagzeilen, und damit in die Top 10.
Sandy Hook – ein Amoklauf in einer Grundschule, 20 Kinder und 8 Erwachsene sterben hier
Pulse Bar – ein Amoklauf in einer Schwulenbar, 49 Erwachsene sterben hier
Las Vegas Strip – der schlimmste Amoklauf seit Schwarze nicht mehr in Bäumen hängen: 59 Erwachsene sterben hier, über 500 wurden zum Teil schwer verletzt


Rattattattata Ratta Rattattattata – Die Hymne der NRA


Es ist der schlimmste Amoklauf der amerikanischen Geschichte: Ein weißer, millionenschwerer Frührentner erschießt in nur wenigen Minuten fast 60 feiernde Menschen auf dem Las Vegas Strip und verletzt über 500 weitere teilweise schwer. Die Nation ist erschüttert, aber auch verwirrt: Was ist das für ein Mann, den man in überhaupt kein sonst übliches Feindbild pressen kann? Nichts weiß man über ihn, außer, dass er eigentlich normal war. Normal ist in Amerika eben auch, wenn man ein eigenes Waffenarsenal besitzt. Normal ist, wenn man mit einem Arsenal an Waffen reist. Normal ist auch, dass der Täter dieses Amoks weiß ist. Und während Nachrichtensprecher sich sogar in ihrer Wirrnis verhaspeln und öffentlich sagen, dass sie einfach nichts Schlechtes an diesem Mann finden können, werden die Rufe nach verschärften Waffengesetzen wieder laut.
Aber die Schreie der Gegenstimmen sind lauter.

„Hollywood ist schuld“, weiß die NRA, um den Verwirrten eine Rettungsleine zuzuwerfen. Ein sonst völlig normaler Mann MUSS eben zu viele Hollywoodfilme konsumiert haben. Die haben ihn verkorkst! Obwohl Hollywood fast die Hälfte seines Umsatzes im Ausland macht, wo – komischer Weise – Amokläufe in amerikanischem Ausmaße üblicher Weise nicht auf der To-Do-Liste stehen.
„Es könnte sein, dass er ein Atheist war“, unken die Christlichkeit heuchelnden Nächsten (Trump-Wähler).  Immer wieder wird Gott herangezogen, wenn man erklären will, weshalb frei verkäufliche Waffen töten…äh Menschen (ja Menschen!) töten: Entweder war der falsche Gott schuld, der fanatische Glaube an Gott oder die Abwesenheit von Gott.
Die Erklärungsversuche sind ungefähr so überzeugend, wie „Schatz, ich wollte nicht mit ihr schlafen…“.

Hier auf Englisch wie Amerika versucht den Täter zu "verdauen":

             

Guns ‚N Roses – Der Amerikaner, das Gewehr und die Romantik


Um zu verstehen, warum ein Teil der Amis so an seinen Waffen hängt, wie ein Kettenraucher am nächsten Zug, müssen wir uns etwas Einzigartiges anschauen: The 2nd Amendment.
Als die von Patrioten viel zitierten Gründungsväter 1789 ihre „Bill of rights“ quer durch die bürgerkriegsgebeutelte USA schickten, legten sie den Grundstein für etwas, das inzwischen genauso alt ist, wie alles andere, was 200 Jahre her ist. Die ‚Bill of rights‘ sind klinisch tot, werden aber künstlich am Leben erhalten.
Ernsthaft: Alle paar Jahre ändern sich – sogar in Amerika! – die Schulbücher als Reaktion auf die Veränderungen in unserer Umwelt und Gesellschaft. Die gehen sogar mit verrückten Trends wie Kreationismus mit und löschen die Evolutionstheorie aus. Die Schulbücher werden geändert, aber nicht die Gesetze, auf die man sich beruft. Die werden nicht angefasst, die sind heilig! Sagt übrigens auch viel darüber aus, wie die Amis zu 'Weiter'-Bildung stehen….
In diesem momentan wieder bis zur Verfeindung verteidigtem ‚2nd Amendment‘ steht unter anderem drin, dass der Amerikaner ein Recht darauf hat sich zu bewaffnen. Damals war das auch eine Art Empfehlung, weil jederzeit mit Umstürzen durch durchgeknallte Monarchen, Anarchen oder Diktatoren gerechnet worden ist. Vor DENEN sollte man sich zu jederzeit schützen, sie notfalls sogar stürzen (…hinrichten…) dürfen. Das war sozusagen heilige Pflicht.

Der Amerikaner wird nicht mit vielen Gedanken zur Lage der Welt großgezogen. Erstmal wird er dazu erzogen, sich Gedanken um Amerika zu machen. Während es dabei in den Schulen auch um die „Bill of Rights“ geht, wird gerne versäumt zu erörtern, auf welcher Basis die eigentlich geschaffen wurde. Der historische Kontext wird im amerikanischen Unterricht zu oft zu einem süßen Heroenbrei verkocht, bis die Kinder glauben, man hätte damals mit den Indianern zu Thanksgiving wirklich Friedenspfeife geraucht, die Sklaverei hätte mit George Washington wirklich geendet, die Nationalhymne ginge auf die Zeiten von Christoph Columbus zurück, der selbst ein ehrenhafter und edler Mann gewesen sei. In diesen Cocktail wird noch eine Miniprise Schuldgefühl (Sklaverei) und eine große Prise Rachelust (11. September) gemischt, und fertig ist der völlig sinnentleerte, kontextlose und fehlgeleitete Nationalgeist auf einem Trip durchs Erwachsenenleben, in dem es viel zu oft um Schuld und Sühne, und viel zu selten um Empathie und Nachsicht geht.
So wächst der von Kindesbeinen an gegen nationale Zweifel geimpfte Amerikaner in der Illusion auf, dass alles, was mit der amerikanischen Geschichte zu tun hat, vor allem mit Stolz, mit dem Kampf um das Richtige, mit dem Sieg des Guten über das Böse, zusammenhängt. Sein ganzes Sein wird auf den Grundfesten dieser Überzeugungen aufgebaut. Und weil zu diesen Überzeugungen per Gesetz der Besitz von Waffen und die Verteidigung der Freiheit schlichtweg dazugehören, haben die Amis Probleme ohne Ende.

Ich fürchte dich – drum schieße ich


Um sich gegen die eventuelle Übernahme von Monarchen oder Diktatoren zu wappnen, dürfen alle Amis zur Waffe greifen. Und zwar herzhaft. Auf sogenannten Gun-Shows gehen die weg wie warme Semmel am Sonntagmorgen. Inzwischen ist aus der Bewaffnung aus Angst vor einer feindlichen Übernahme das Recht „mich, meine Familie und meinen Besitz zu beschützen“ geworden. Es geht also nicht mehr so richtig ums Land, sondern um „da, wo ich bin“. Und überall wo ich bin, trage ich meine Waffe. Sicherheitshalber. Und weil wir heute keine Angst mehr vor invadierenden Monarchen haben und keiner checkt, was einen Diktator eigentlich von einem General oder Footballcoach unterscheidet, bewaffnen sich die Amis vor allem, um sich vor „den anderen“ zu schützen.
Dieses „ich schütze mich und meine Familie vor den anderen“ ist zu so einem gefährlichen, hohlen Mantra geworden, dass schon als bedrohlich empfunden wird, wer nicht in die Nachbarschaft ‚gehört‘. Da wird die Polizei gerufen, weil Latinos oder Schwarze – im gruseligsten Falle sogar in Gruppen – in der Gegend rumlaufen. Weil man sie noch nie gesehen hat, geht man grundsätzlich davon aus, dass sie eine Bedrohung darstellen. Mit ihrer Schusswaffe am Anschlag stehen sie am Telefon neben der Eingangstür und warten…“Wehe du setzt auch nur einen Fuß auf mein Grundstück…dann schieße ich dich über den Haufen“.  Wer schießt, hat seiner puren Angst vor dem Fremden Munition gegeben. Wer schießt hat seine Furcht vor dem schwer einzuschätzenden, mystisch bedrohlichem Raum gegeben. Eine Furcht, die sogar bis in die Reihen der Polizei hineindiffundiert. Die Polizisten haben solche Angst, dass sie vor Nervosität den Abzug drücken, ehe sie überhaupt die Situation verstanden haben. So sind fast 50% der von Polizisten getöteten Menschen solche, die eine psychische Störung hatten und in Deutschland in Behandlung gekommen wären.
Aus Angst schießen: so eine Mentalität gibt es hier nicht. Uns wird weder Stolz eingetrichtert, noch Furcht. Uns wird weder Fremdenangst noch die Idee, das wir eine Lösung für alle Probleme hätten, eingeimpft. Wir glauben nicht daran, dass ‚die Wahrheit‘ in der Bibel steht. Wir glauben nicht an eine zweihundert Jahre alte Verfassung. Wir ändern unsere Schulbücher genauso wie unsere Gesetze, und das fast sooft wie unsere Wintergarderobe.  Und: Wir halten nichts von Waffen. Waffen gehören in die Hände von Profis, Profikiller ausgenommen. Wir überlassen das Schießen den Polizisten und dem Schützenverein. Und in der Regel schießen letztere. Ja – nicht einmal unsere Polizei nutzt Schusswaffen. Vorbildlich bei den Auseinandersetzungen auf dem G20-Gipfel dieses Jahr unter Beweis gestellt. Ein Krieg tobt auf der Straße und es bricht keine Massenschießerei aus: It´s possible. It´s unamerican.
Die wenigen Deutschen, die unter einer Dunstglocke der Fremdenangst aufwachsen, werden hierzulande das, was sie überall sind: latente oder manifeste Rassisten. In Amerika heißen dieselben Leute ‚Patrioten‘ oder ‚Alt-Rights‘ (die sich besonders gern auf die Bill of Rights berufen…Kontext Leute, Konteeeeext!).

Was hat das mit Waffen zu tun?


Wenn man einem (der vielen) unreflektierten Patrioten das aus der Verfassung hervorgehende Recht auf Bewaffnung beschneiden will, beschneidet man damit seine Potenz und befeuert seine Angst, sich anders nicht gegen ‚die Anderen‘ wehren zu können.
Der Verlust seiner Waffe würde den Gebrauch seines Präfrontalkortex zwingend nach sich ziehen, wenn er in der Welt ohne freien Waffenbesitz überleben will. Das bedeutet, dass er den Nerv aufbringen muss sich in ‚anderes‘ hineinzuversetzen, denn nur was man versteht kann man auch einschätzen, und was man einschätzen kann, muss man nicht mehr – so sehr – fürchten. 
Das verlangt viel von einem, dem seine ganze Schullaufbahn gesagt worden ist, er sei etwas Besonderes, bis er erwachsen ist und merkt, dass das nicht stimmt. Und um die Illusion aufrecht zu halten, hält sich dieser jemand dann an der zweifelhaften Romantik vergangener Tage fest, verbindet sich innerlich mit dem Urgroßvater, der für sein Land (und sein Recht auf Sklaven….) gekämpft hat, und streichelt dabei seine Waffe, die ihn wie eine in Blei gegossene Zeitmaschine direkt in die gute, alte, einfache Zeit, in eine ‚schwarz-weiße‘ Welt zurückversetzt.
Ohne sein Recht auf die Waffe: Was hat er dann noch?
Worauf und wie weit soll er sich noch reduzieren lassen?
Wie viel Beschneidung kann ein Mann vertragen, ohne sich komplett impotent zu fühlen?
Der Rassist in Deutschland weiß, dass er keine Sonderrechte auf Instrumente hat, die ihm ein Gefühl von Größe, Einfluss und Wichtigkeit geben. Der Rassist, also Patriot, in Amerika, hat das Gefühl, nicht nur ein Recht, sondern Privilegien zu besitzen. Privilegien, die selbst den einfachsten Mann zu einem anerkannten Nationalhelden machen. Dazu muss er nichts leisten, außer nach amerikanischem Gesetz erwachsen werden. Wer würde sich die nehmen lassen?
Genau auf dieser Klaviatur aus fatal zusammengepanschten Gefühlen wie Nationalstolz, Angst und Wehmut, spielt die NRA. Die NRA sagt dem Patrioten, der in Deutschland einfach nur ein Rassist wäre, dass er OHNE Waffen nackt wäre.

Urknalltheorie



Und genau deshalb wird das Thema Waffen und Waffennarrheit in den USA noch lange diskutiert werden. Erst, wenn sich der Patriot von Schusswaffen bedroht fühlt, könnte sich etwas ändern.      Wer muss sich also bewaffnen?
Wenn er wirklich der Rassist ist, für den ich ihn halte, wenn ihn wirklich so viel Fremdenangst plagt, dann ist die Antwort leicht: Die anderen!
Wenn die anderen nämlich plötzlich alle bis an die Zähne bewaffnet rumlaufen, bekommt der Rassist es mit rationaler Angst zu tun. Rationalität ist ja der Saatkeim aller Gesetzgebungen, und Logik führt sogar den schlichtesten Waffennarr zur einzig möglichen Conclusio:
Selbst wenn er sein eigenes Recht auf Waffenbesitz gern ausübt – DIE dürfen das nicht!
Also muss das Recht (seins!) auf Waffenbesitz strenger kontrolliert, überwacht und reglementiert werden – damit das bei denen nicht aus dem Ruder läuft!
Hoffen wir, dass die Amerikaner, um aus der Urzeit in die Steinzeit zu gelangen, keinen Urknall benötigen, sprich: keine bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen einer beliebigen Zahl von „anderen“ mit einer beliebigen Zahl von „nicht anderen.
Hoffen wir, dass irgendwann auch ohne Praxis die Theorie die Runde macht, ja, dass das Gros der 2nd Amendment Verfechter statt ihrer Waffe ihre Kinder liebevoll streicheln, weil ihnen bewusst geworden ist, in was für einer Welt diese leben, wo narzisstisch gestörte Rentnermillionäre sie beim unschuldigen Feiern auf einem Country Music Festival erschießen könnten.