Donnerstag, 19. Oktober 2017

#MeToo# - ER auch

Kollegen, Freunde, Familie...Wer hat wohl wen schonmal wo angefasst...?

Harvey Weinstein.
Damit endet meine Einleitung. Inzwischen weiß jeder, wer Harvey Weinstein ist und worum es mir geht. Hier vorsichtshalber ein Link für die, die hinterm Mond keine aktuellen News empfangen: Kultur der Komplizenschaft. Und Ende. Um Harvey geht es hier nämlich nicht. Hier geht es auch nicht um mich. Nicht um meine Erfahrungen. Hier geht es um UNS.

Sexueller Missbrauch

Das erste Mal als ich erfuhr, dass auch Männer Opfer sein können, war ich vielleicht 18 Jahre alt. Ich hatte meinen Freund gefragt, ob er 'sowas' schonmal erlebt habe. Konnte ich mir kaum vorstellen, er war über 2 Meter groß. Sowas passierte ihm doch nicht - oder? Doch!
Die Essenz seiner mit Unbehagen erzählten Story klingt so:
Er, besoffen nach einer Party mit Kumpels am Strand eingepennt.
Er, besoffen, noch schlafend, merkt, dass jemand an seinem Schritt rumfummelt.
Er, besoffen, wird wach und sieht einen Schatten über sich. Kennt er nicht. Mann.
Er, will sich wehren, die Hand des Fremden ist schon zu weit.
Die anderen werden wach.
Der Fremde haut ab.


Wem hat er das erzählt? Niemandem. Macht mann nämlich nicht.


Eine andere Story erzählte mir ein Freund, der ein wahrer Womanizer ist. Ständig wechselnde Frauen und so. Ich, ungläubig: "Wie - DU?! Ernsthaft?!"
Schlimm: auf Grund der Tatsache, dass ich wusste, wie er drauf war, kam mir gar nicht in den Sinn, dass er so etwas wie eine Grenze haben könnte. Dass auch er verletzlich wäre. Seine Story ging so.
Er, bekannt für sein 'nachtaktives Hobby', zu Hause, eine Bekannte kommt vorbei. Er will nicht mit ihr, sie aber mit ihm. "Nein" - sagt er. So, wie wir Frauen so oft ungehört Nein sagen. Sie hört es wohl auch nicht. Sie macht weiter. Vielleicht betrunken, aber vor allem zielstrebig. Fasst ihm in den Schritt. Wenig überzeugende Argumente hat sie, um ihn doch rumzukriegen, klingt selbst fast wie ein Mann: "Ich weiß, dass du das magst"- "Ich weiß, dass du das willst". Er ist körperlich leicht ansprechbar, sein Körper besiegt seine Psyche. Geist ist unwillig, Fleisch ist schwach - macht eben nicht mit. Nicht, wie er will. Sie deutet es als Zeichen. "Nein!" - Wegdrehen, Weggehen, Wegschieben - aber immer vorsichtig, weil er keinen Eklat will. Den fürchtet er.
Sie hat gefunden, was er nicht verbergen kann.
Zieht an ihm, als könne sie ihn so dirigieren.
"Hattet ihr...?"
"Ja..." gab er zu.
Es klang fast traurig. 


So klingt es, wenn man tut, was man nicht will. 


Nachher 'wusste sie', dass sie Recht gehabt hatte. Er hatte Sex mit ihr, also hatte er das ja wohl von Anfang an gewollt. Hatte sich nur geziert. Mein Freund ist ein attraktiver Mann. "Vielleicht eine Art Trophäe?" wollte ich wissen. Er zuckte die Schultern. Ihm egal. Er schwieg lange.
Diese Geschichte hat mich lang beschäftigt. Ich habe damals einfach nicht so richtig kapiert, dass er dieselben Gefühle haben könnte, wie ich. Wie wir! Hatte er aber. Nicht nur dieselben Gefühle: Er hat dieselben Erfahrungen wie wir Frauen gemacht. Schlimm!

Sexuelle Belästigung
Kommen wir zum Thema sexueller Belästigung. Wo fängt die an? Und: Kennen Männer sie auch? Das brauche ich nichtmal fragen. Das sehe ich. Oft genug. Frauen, die besoffen an liierten oder offensichtlich uninteressierten Männern hängen. Frauen, die besoffen und manchmal peinlich intensiv Männern so auf die Oberschenkel klopfen, dass die Hand auffällig nah am Schritt ist. Frauen, die Knie drücken und streicheln, wie es seinerzeit nur Gottschalk konnte. Frauen, die auf die Po´s ihrer Kollegen oder Freunde klapsen. Frauen, die die körperliche Grenze zwischen intim und vertraut tuschieren. Betrunken, angeschickert oder nüchtern, mit und ohne Plan, auf sich aufmerksam zu machen: Frauen beherrschen die Kunst der sexuellen Belästigung auch, Männer das Handwerk. 
Sexuelle Belästigung kommt nicht nur im unpersönlichen 1-zu-1 statt, sondern vor allem und insbesondere im intimen Rahmen, auf Feiern von Freunden oder Firmen, Zuhause bei Geburtstagen, auf Familienfesten...überall, wo sich Mann und Frau begegnen und Sehnsüchte und Alkohol zusammenfließen. Das Feld der sexuellen Belästigung besetzen beide Geschlechter auf ihre Art gleichermaßen unangenehm-'gut'.

Was tun?

Ich gebe zu, dass ich noch nie gesagt habe "Äh komm, wir gehen dann mal kurz frische Luft schnappen". Ich habe bei Zudringlichkeiten gelacht, oder weggeguckt. So wie die anderen. Ich habe auch noch nie geschimpft: "Ey, Hände weg aus dem Schritt meines Mannes!" - obwohl ich das gesehen habe. Vielleicht, weil ich dachte: "Der kriegt das schon alleine hin". Ich habe keine Sekunde lang im Sinne von #MeToo# gedacht. Den 'Rette mich' - Blick des ein oder anderen Freundes habe ich entweder feixend ignoriert, um dem Schauspiel weiter zuzuschauen (ich weiß....schäm...), oder aber ich habe mich großzügig dazu bereit erklärt die Situation mal aufzulösen. Mit einem breiten Grinsen. Ein Theater habe ich nie gemacht. 
Ich habe erlebt, dass sich eine Bekannte - dabei immer besoffen - an meinen Vater rangemacht hat. Vor uns allen. Unter den Augen aller. Auch vor meiner Mutter. Mein Vater ist bei ihren Grabbelattacken stets zur Salzsäule erstarrt. Meine Mutter hat sich AUFGEREGT! Später, nachher. Unter vier Augen. Allein. Aber gemacht hat keiner was. Igitt, wenn ich mir vorstelle, dass mir dasselbe mit einem männlichen, sabbernden Grabbelknutscher passiert wäre....uäh...eklig (Harvey Weinstein!). Warum hat denn niemand von uns in dem Moment was gemacht? Ach ja: Geburtstagsfeier, Silvester - es war doch grad so schön. Es war doch grad so nett. Das macht man doch nicht kaputt. Und sowieso: 'Das macht die doch immer'. Schlimm, wie wir zu diesem Verhalten regelrecht durch unsere Art ermutigen. Wenn keiner was macht, ists ja auch nicht so schlimm - mäßig. Es ist, wie mit vielen anderen Themen auch, schwierig das richtige Maß zu finden:
Ist es politisch korrekt Stillschweigen zu bewahren, oder ist es korrekt, einzuschreiten, wenn sich offensichtlich daneben benommen wird?

Fazit ist:

Wir müssen aufpassen!


Dass wir Freunden und Verwandten nicht erlauben, Täter zu werden.
Dass wir nicht zulassen, wenn andere zu Opfern werden.







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