Donnerstag, 19. Oktober 2017

#MeToo# - ER auch

Kollegen, Freunde, Familie...Wer hat wohl wen schonmal wo angefasst...?

Harvey Weinstein.
Damit endet meine Einleitung. Inzwischen weiß jeder, wer Harvey Weinstein ist und worum es mir geht. Hier vorsichtshalber ein Link für die, die hinterm Mond keine aktuellen News empfangen: Kultur der Komplizenschaft. Und Ende. Um Harvey geht es hier nämlich nicht. Auch nicht um die mehrere Millionen Teilnehmer große Onlinebewegung #MeToo#, in der Opfer von männlichem sexuellem Machtmissbrauch aufzeigen, wie groß das Problem ist. Ich kann mich da anschließen. Ich habe zu viel erlebt, sagen wir es so. Ich möchte nicht, dass meine Töchter erleben müssen, was ich erlebt habe. Gewalt, Hilflosigkeit, Flucht, panische Gegenwehr (ich werde nie meine Metallabsätze vergessen: Lebensretter!), Ausgeliefertsein - und eine endlose Reihe furchtbarer Kommentare und Sprüche bis in die 'höchsten' Kreise, Galaveranstaltungen der jungen Wirtschaft und Bälle der sogenannten Reichen und Schönen inklusive. Frau gewöhnt sich im Laufe ihres Lebens daran. Die Männer, die mir weh tun wollten, weh taten oder sich selbst erniedrigt haben, indem sie sexuelle Anspielungen gemacht oder konkret sexuelle Sachen gesagt haben, hatten natürlich immer Komplizen. Zuerst sei deren alkoholisierter Zustand als Mittäter in über 90% der Fälle genannt. Nicht zu verachten die Dunkelheit. Und mein allein zu Fuß unterwegs sein. Erwähnenswert ist auch die aus Männersicht sich wohl ergeben habende günstige Gelegenheit. Ich möchte auch die soziale Komplizenschaft nicht unerwähnt lassen: Da gab es die Gruppe, den Freund, die zwei Freunde...und das häufig alles begleitende Gelächter und Gegrine, weil sexuelle Belästigung ja auch sehr lustig sein kann. Vor allem, wenn das Opfer vor lauter Überrumpelung dumpf dreinschaut - erwartet ja auch keine im Rahmen einer Wirtschaftskammerveranstaltung. Ist schon lustig, im Kreise der Anzugträger. Aber: Hier geht es nicht um mich. Nicht um meine Erfahrungen. Davon liest man ja nun überall im #MeToo#- Schlund, der sich da auftut und ein weiteres Stück des guten männlichen Images verschlingt.

Sexueller Missbrauch

Ich will auch keine Bresche FÜR Männer schlagen, denn in meinen Beispielen sind AUCH Männer die Täter. Aber eben nicht nur. Und - und darum geht es jetzt - Männer sind auch mal die Opfer.
Als neugierige Menschin habe ich in meinen Beziehungen und bei meinen engsten Freunden durchaus mal nachgefragt..."Und du so?"
Das erste Mal als ich erfuhr, dass auch Männer Opfer sein können, war ich vielleicht 18 Jahre alt. Ich hatte meinen Freund gefragt, ob er 'sowas' schonmal erlebt habe. Konnte ich mir mit Sicherheit kaum vorstellen, er war über 2 Meter groß. Sowas passierte ihm doch nicht - oder?
Doch!
Es war ein paar Jahre davor. Ich weiß nicht mehr die genauen Umstände, ist zulange her. Aber die Essenz seiner mit Unbehagen erzählten Story weiß ich genau.
Er, besoffen nach einer Party mit Kumpels am Strand eingepennt.
Er, besoffen, noch schlafend, merkt, dass jemand an seinem Schritt rumfummelt.
Er, besoffen, wird wach und sieht einen Schatten über sich. Kennt er nicht. Mann.
Er, will sich wehren, die Hand des Fremden ist schon zu weit.
Die anderen werden wach.
Der Fremde haut ab.
Wem hat er das erzählt? Niemandem. Macht mann nämlich nicht.

Eine weitere (aber nicht die zweite) Story, erzählte mir ein Freund, der ein wahrer Womanizer ist. Ständig wechselnde Frauen und so. Ich, ungläubig: "Wie - DU?! Ernsthaft?!"
Schlimm: auf Grund der Tatsache, dass ich wusste, wie wichtig ihm Sex war und wie viel er mit wie vielen (ungefähr) gehabt hatte, kam mir gar nicht in den Sinn, dass er so etwas wie eine Grenze haben könnte. Dass auch er verletzlich wäre.
Seine Story ging so.
Er, bekannt für sein 'nachtaktives Hobby', zu Hause, eine Bekannte kommt vorbei. Er will nicht mit ihr, sie aber mit ihm. "Nein" - sagt er. So, wie wir Frauen so oft ungehört Nein sagen. Sie hört es wohl auch nicht. Sie macht weiter. Vielleicht betrunken, aber vor allem zielstrebig. Fasst ihm in den Schritt. Wenig überzeugende Argumente hat sie, um ihn doch rumzukriegen, klingt selbst fast wie ein Mann: "Ich weiß, dass du das magst"- "Ich weiß, dass du das willst". Er ist körperlich leicht ansprechbar, sein Körper besiegt seine Psyche. Geist ist unwillig, Fleisch ist schwach - macht eben nicht mit. Nicht, wie er will. Sie deutet es als Zeichen. "Nein!" - Wegdrehen, Weggehen, Wegschieben - aber immer vorsichtig, weil er keinen Eklat will. Den fürchtet er.
Sie hat gefunden, was er nicht verbergen kann.
Zieht an ihm, als könne sie ihn so dirigieren.
"Hattet ihr...?"
"Ja..." gab er zu.
Es klang fast traurig. So klingt es, wenn man tut, was man nicht wollte. Nachher 'wusste sie', dass sie Recht gehabt hatte. Er hatte Sex mit ihr, es ging, also wollte er es wohl auch. Hatte sich nur geziert. Mein Freund ist ein attraktiver Mann. "Vielleicht eine Art Trophäe?" wollte ich wissen.
Er zuckte die Schultern. Ihm egal. Er schwieg lange.

Diese Geschichte hat mich lang beschäftigt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Warum?
Weil ich wusste, dass ich dasselbe gedacht hätte, wie diese Frau. Damals. Als ich noch unaufgeklärt war. Irgendwie - auf Grund meiner eigenen Erfahrungen - war in mir so eine Idee gekeimt, dass Männer doch alle das Gleiche wollen. Sex 'aufgedrückt' bekommen - das stört die doch nicht! Ja, das hatte ich wirklich geglaubt. Erst Recht bei so einem Womanizer. Gefühlt sagt der doch zu allem Ja, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Wieso sagt er dann Nein? Ich gebe zu, ich glaubte ihm, aber ich habe es lang nicht verstanden. Ich habe nicht kapiert, nicht bis tief in mich hinein, dass er dieselben Gefühle haben könnte, wie ich. Wir wir Frauen. Hat er aber. Nicht nur dieselben Gefühle:
Er hat dieselben Erfahrungen wie wir Frauen.

Stimmt doch: Eine Frau, von der jeder weiß, dass sie sexuell sehr aktiv ist, wird gern als Schlampe oder Hure bezeichnet. Wer kennt Samantha Jones aus 'Sex & the City'? Geeenau....so, wenn so eine Frau von einem Mann bedrängt wird, mit dem sie nicht will, was wird er wohl sagen?
"Du willst es doch auch" - "Ich weiß doch, dass du darauf stehst" etc. Und wir? Wären wir nicht ihre Freundin, sondern nur vielleicht Arbeitskollegin, wie würden wir reagieren, wenn sie erzählte "Zuerst war der Abend ganz nett, wir waren auf einer Party, haben getrunken, aber mir war nicht danach, ich wollte nicht, aber er hat mich solange belagert...dann hat er mich ins Schlafzimmer gedrängt...er hat mich vergewaltigt"...wie viel Mitleid würden wir empfinden? Würden wir ihr abkaufen, dass sie das wirklich alles nicht gewollt hat? Was, wenn sie schon tags darauf gut gelaunt wieder zur Arbeit käme? 'Alles Show, habs doch gewusst' würden die Lästerzungen hissen. Dass Opfer sexueller Gewalt überspielen oder gar verschweigen, was ihnen passiert ist, vergessen wir dabei. Würden wir dauernd mit einer "Ich bin vor drei Wochen vergewaltigt worden" - Miene rumlaufen wollen? So, dass wir dauernd darauf angesprochen werden? Nein - ich glaube, die meisten von uns würden das nicht tun.


Sexuelle Belästigung

Kommen wir zum Thema sexueller Belästigung. Wo fängt die bei uns an? Bei mir: sexuell anzügliche Sprüche, wie 'Geile Freundin, macht die auch 'n Dreier?!' oder 'O..schöne Lippen...' plus ein Blick, der mich komplett entkleidet (gegen meinen Willen, kack Fahrkartenkontrolleur!) und das übliche 'Titten&Arsch'-Gebrülle geistbeschränkter Nachtschwärmer und Bauarbeiter. Sowas eben.
Physisch sieht sexuelle Belästigung zum Beispiel so aus: Wenn mir jemand an meine sekundären, und erst recht primären, Geschlechtsorgane fasst - dann fühle ich mich körperlich sexuell belästigt. Mein Hintern fühlt das gar nicht mehr, aber es passiert hin und wieder. Mein Busen fühlt das sehr wohl und ich finde es unverschämt, wie oft es passiert, wenn wir mit Freunden oder Bekannten feiern, essen, ausgehen...ernsthaft: Ich sage jetzt mal, dass man Jacken so nicht reichen muss! Geschweige denn abnehmen! Hashtag KOTZ. Ich weiß, dass das nicht zufällig ist, auch wenn ihr euch alle Mühe gebt, es zufällig wirken zu lassen. Ende Hashtag KOTZ.
Kennen Männer das auch? Das brauche ich nichtmal fragen. Das sehe ich. Oft genug.
Frauen, die besoffen an Männern hängen, die nicht ihre sind und nicht ihre sein wollen. Frauen, die besoffen ihre Hände am männlichen Busen genauso unsittlich oft haben, und manchmal peinlich intensiv, wie umgekehrt Männer. Frauen, die Männern ständig so auf die Oberschenkel klopfen, dass die Hand auffällig nah am Schritt ist. Die Knie drücken und streicheln, wie es seinerzeit nur Gottschalk konnte. Frauen, die auf Po´s klapsen, die verheiratet sind. Frauen, die sich an Schultern ankuscheln, mit dem ganzen Mann kuscheln, obwohl sie selbst vergeben sind. Oder er.
Betrunken, angeschickert oder nüchtern und mit dem Plan, auf sich aufmerksam zu machen: Frauen beherrschen die Kunst, Männer das Handwerk der sexuellen Belästigung. Bei Frauen ist es oft subtiler, je betrunkener aber auch umso offensiver und peinlicher, bei Männern ist es oft plump und fast vorhersehbar, vor allem, wenn es immer die gleiche Art von dem immer gleichen Typ ist (Harvey Weinstein).
Sexuelle Belästigung kommt nicht nur im unpersönlichen 1-zu-1 statt, sondern vor allem und insbesondere im intimen Rahmen, auf Feiern von Freunden oder Firmen, Zuhause bei Geburtstagen, auf Familienfesten...überall, wo sich Mann und Frau begegnen und Sehnsüchte und Alkohol zusammenfließen. Das Feld der sexuellen Belästigung besetzen beide Geschlechter auf ihre Art gleichermaßen unangenehm-'gut'.

Was tun?

Eine gute Frage. Ich gebe zu, dass ich noch nie einer ziemlich zudringlichen Freundin gesagt habe "Äh komm, wir gehen dann mal kurz frische Luft schnappen". Ich habe auch noch nie geschimpft: "Ey, Hände weg aus dem Schritt meines Mannes!" - obwohl ich das gesehen habe. Vielleicht, weil ich dachte: "Der kriegt das schon hin?" Vielleicht - und viel wahrscheinlicher - weil es mir selbst unangenehm gewesen wäre. 'Was macht die für ein Theater?' - 'Da war doch nix': Freundschaft adé....
Meinem Mann ging es schon oft genauso. Etwa, als einer seiner besten Freunde (nicht mehr) mich mal zum Abschied fest auf die Lippen küsste, in Abwesenheit meines Mannes. Dieser Freund war als Grabbler bekannt. Ich war irgendwie irritiert, redete mir aber ein: Daneben gegangener Abschiedskuss. Mein Mann war alarmiert, irritiert, frustriert...aber vor allem ängstlich. Er hatte Angst bei einer 'banalen Sache' überzureagieren. Wir haben lange drüber geredet und entschieden, es nicht anzusprechen. Es ist auch nie mehr passiert. An das Getätschel meines Hinterns hatte ich mich eh schon gewöhnt, denn 'Das macht er ja bei jeder'. Merkwürdig, wie wir uns das schön geredet haben. Wie wir verharmlost haben, was jeder so intensiv als falsch und unangenehm empfindet.
Ich habe erlebt, dass sich eine Bekannte - dabei immer besoffen - an meinen Vater rangemacht hat. Vor uns allen. Unter den Augen aller. Auch meiner Mutter. Meine Mutter hat sich AUFGEREGT! Später, nachher. Unter vier Augen. Bei mir. Mit Sicherheit bei Freunden. Aber gemacht hat keiner was. Igitt, wenn ich mir vorstelle, dass mir dasselbe mit einem männlichen, sabbernden Grabbelknutscher passiert wäre....uäh...eklig (Harvey Weinstein!). Warum hat denn niemand von uns in dem Moment was gemacht? Ach ja: Geburtstagsfeier, Silvester - es war doch grad so schön. Es war doch grad so nett. Das macht man doch nicht kaputt. Und sowieso: 'Das macht die doch immer'.
Es ist, wie mit allen anderen Themen auch: Ist es politisch korrekt Stillschweigen zu bewahren, oder ist es korrekt, einzuschreiten, wenn sich daneben benommen wird?
Bei Fremden würde ich sagen: Erstmal Situation abwarten, Eskalation kann blöd laufen.
Bei Freunden keimt in mir das Gefühl: Ich sag jetzt was!
Vielleicht, indem ich diesen Artikel vornweg schicke. Wenn gaaanz Viele diesen Artikel lesen, können wir über so etwas reden, ohne gleich Freundschaften aufzukündigen. Vielleicht ist es dann okay, wenn ich das nächste Mal einer Freundin sage: 'Hui, ich glaub der letzte Drink hat aber gewältig enthemmt...du hattest grad die ganze Zeit deine Hand fast in seinem Schritt...'. Vielleicht dankt sie mir dann, weil sie nicht merkt, wie weit sie gegangen ist.
Und weil sie gelesen hat, dass ich es nicht böse meine. Sondern, weil ich glaube, dass wir besser aufeinander aufpassen müssen. Wir müssen aufpassen:
Dass wir Freunden und Verwandten nicht erlauben, Täter zu werden.
Dass wir nicht zulassen, wenn andere zu Opfern werden.







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